Hermine Mandl Weblog


Gedicht: Ich Bin Nicht Ich

Ich bin der,
der mich unsichtbar begleitet,
den ich manchmal aufsuche
und manchmal vergesse.
Der gelassen schweigt, wenn ich rede,
der milde verzeiht, wenn ich hasse,
der hingeht, wo ich nicht bin,
der stehen bleiben wird, wenn ich sterbe.

Juan Ramón Jiménez

(Danke, Günther!)



Gedanken über den Tod. – Und das Leben.
August 24, 2010, 12:13 am
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Christoph Schlingensief ist am 21. August 2010 an den Folgen eines Lungenkrebses gestorben. Viel zu früh mit 49 Jahren. Nach zwei Jahren Kampf gegen die Erkrankung. Als ich davon las, tat es mir leid. Ich habe ihn vor einem guten Jahr zufällig in Wien auf einem Ärzt/innenkongress erlebt und er bekam zu recht Standing Ovations für seinen Vortrag: Es war faszinierend, ihm zuzuhören – wie er über die Erfahrungen mit seiner Krebserkrankung sprach – was heißt „sprach“! – es war eine Naturgewalt aus Worten und Emotionen. Eine Lebensbeichte. Ein gewaltiges Plädoyer fürs Leben. Sprudelnd. Getrieben. Hungrig. Aber auch voll Angst vor dem Tod. Voll Zweifel und Verzweiflung. Wut und Unverständnis über das Schicksal. Und der Versuch, es anzunehmen. Der Versuch, dankbar zu sein. Der Wunsch, aus der Not eine Tugend zu machen. Da war der Wille eines Kriegers, der auszog, um die nächste Schlacht zu kämpfen. Aufgepeitscht von Teilsiegen. Und die Haltung eines Spielers, der bereit war, alles auf eine Karte zu setzen. Hoffend für sich und stellvertretend für alle Anwesenden im Raum.

Doch der Tod lässt sich letzten Endes nicht kontrollieren. – So wie Loslassen nicht mit dem Kopf geschieht und man nicht auf Befehl spontan sein kann. Aber möglicherweise sollten wir – die noch am Leben sind – den Tod dennoch als Aufforderung nehmen, sich hinzugeben. Dem Leben. In Demut.



Märchen: Die goldenen Fäden der Schicksalsfrau

erzählt von Helmut Wittmann

Vor langer, langer Zeit, war’s gestern oder war’s heut, lebte einmal ein armer Bauer. Dieser brachte seine Frau und sich recht kümmerlich durchs Leben. Im Sommer rackerten sich er und seine Frau draußen auf dem Feld ab. Im Winter fällte er im Wald Bäume, entästete und entrindete sie und verarbeitete sie zu Scheitern. Mit seinem Esel transportierte er das Holz in die Stadt und verkaufte es dort.

Eines Tages war der Bauer wieder in der Stadt. In einer stattlichen Villa hatte er Holz abzuliefern. Als er in der Halle auf seinen Lohn wartete, hatte er genügend Zeit, sich dort in aller Ruhe umzuschauen. „Was ist das nur für ein Luxus“, sagte er zu sich selber, „überall liegen kostbare Teppiche herum. Ein Möbelstück ist schöner und prächtiger als das andere. Von der Decke hängt ein Luster, der vor Edelsteinen nur so glitzert und funkelt. Ich könnte mein Lebtag arbeiten, und doch würde ich es nie zu solchem Reichtum bringen. Wie kommt man nur zu solchem Wohlstand?“

Bald darauf holte ihn ein Diener ab und geleitete ihn über eine Marmortreppe hinauf. Droben saß in einer herrlich eingerichteten Kammer auf einem Sofa der Hausherr. In aller Ruhe rauchte er seine Pfeife und nippte hin und wieder an einer Tasse Tee. „Was bekommst du für das Holz?“, fragte der Hausherr. „Das und das“, antwortet ihm der Bauer. Da griff jener in einen Sack mit Dukaten, warf ihm ein paar Münzen hin und meinte: „Reicht das!?“ „Ja“, gab der Bauer zurück, „das reicht!“

Daraufhin zog der Bauer mit dem Diener ab. All die Pracht hatte den Bauern derart verzaubert, daß er schließlich den Diener fragte: „Jetzt sag‘ einmal. Was macht dein Herr, daß er zu einem solchen Vermögen kommt?“ – „Mein Herr“, sagte der Diener, „der macht das ganz einfach. Er sitzt auf seinem Sofa, raucht seine Pfeife, trinkt seinen Tee und wartet darauf, daß ihm seine Schicksalsfrau den goldenen Glücksfaden zuspinnt.“ „Das gefällt mir!“, äußerte der Bauer, „Ja, so will ich es auch machen!“

Und tatsächlich kaufte sich der Bauer für das bißchen Geld, das er von seinem Auftraggeber bekommen hatte, eine Pfeife, etwas Tabak, einen Samowar und ein bißchen guten Tee. Versorgt mit all dem, machte er sich wieder auf den Heimweg.

Zu Hause war seine Frau natürlich schon recht neugierig. „Wie ist es dir gegangen, Mann?“ begrüßte sie ihn, „hast Du das Holz gut verkaufen können?“ „Ja“, hat der Bauer gesagt. „Und?“, hat ihn die Bäurin gefragt, „hast Du für uns etwas zu essen gekauft?“ – „Nein“, hat der Bauer gesagt, „etwas viel besseres! Eine Pfeife, Tabak, einen Samowar und dazu noch Tee!“ „Ja, bist du denn verrückt geworden, Mann!?“, schrie die Frau, „wir haben nichts zu essen. Und du!? Du kaufst eine Pfeife, Tabak, einen Samowar und auch noch Tee dazu! Was ist dir denn da eingefallen?“ „Das verstehst du nicht, Frau“ hat da der Bauer gesagt, „aber ich will es dir erklären: Ich werd‘ mich jetzt in der Stube auf den Otoman setzen, den Samowar einheizen, ein Schlückchen Tee trinken, ein Pfeifchen schmauchen – und dann warte ich darauf, daß mir meine Schicksalsfrau den goldenen Glücksfaden zuspinnt.“ „Du spinnst, mein lieber Mann!“, fuhr ihn da seine Frau an, „mir scheint, die viele Arbeit hat dich um den Verstand gebracht!?“

Der Bauer ließ sich aber von seiner Frau nicht beirren. In aller Ruhe setzte er sich in der Stube auf den Otoman, kochte Tee im Samowar und zündete sich zu guter Letzt das Pfeifchen an. Bald darauf trank er genußvoll seinen Tee und zog, daß es eine Freude war. Die Bäuerin schüttelte nur verächtlich den Kopf . „Der arme Mann“, sagte sie zu sich selber, „die viele Arbeit muß ihn ganz und gar um den Verstand gebracht haben.“

Vor dem Haus graste derweil unbeeindruckt von alldem der Esel. Als der Nachbar, ein richtiger Geizhals, des Weges kam und das herrenlose Tier erblickte, raunzte er in seinen Bart hinein: „Den Esel braucht gerade sowieso niemand. Den leihe ich mir aus. Denn, ob er da herumsteht oder für mich die schweren Säcke mit den Torfziegeln schleppt, ist eines.“ So nahm er den Esel mit zu der Torfgrube. Er füllte einen Sack nach dem anderen mit Torf an und packte diese dem Esel auf den Rücken.

Als er mit der Arbeit fast fertig war, stieß er mit dem Spaten plötzlich auf etwas Hartes. Neugierig grub der Mann weiter, bis eine Kiste zum Vorschein kam! Was da wohl drinnen ist? Als er den schweren Eisendeckel öffnete, kam ein prächtiger Goldschatz zum Vorschein. Dem Geizkragen bleib vor lauter Freude – und Habgier – schier das Herz stehen. Geschwind leerte er die Torfsäcke wieder aus und befüllte sie mit dem kostbaren Gut. Obenauf legte er ein wenig Torf, um den Schatz vor den Blicken der Anderen zu verstecken. In der Kiste war aber so viel Gold, daß die mitgebrachten Säcke dafür gar nicht ausreichten. „Was soll ich nur machen? Wenn ich jetzt mit den vollen Säcken nach Hause gehe und sie dort ausleere, könnte inzwischen ein Anderer hierher kommen und den Rest des Schatzes mitnehmen.“ Schließlich hat er vor lauter Habsucht beschlossen, davon so viel wie möglich in seine Taschen zu stopfen. Als er jedoch noch einmal in die Torfgrube kletterte und die Edelsteine sogar noch beim Hemdkragen hineinstopfte, brach plötzlich das Loch in sich zusammen, und die herabstürzende Erde begrub den Mann unter sich.

Oben stand der mit den Säcken schwer beladene Esel. Nach einer Weile machte sich dieser auf den Heimweg. Mit einem dreifachen „Iaahh! Iaahh! Iaahh!“ machte er sich beim Bauern und seiner Frau bemerkbar. „Was ist denn mit dem Esel, Mann?“, hat die Frau gesagt, „Der ist ja noch nicht einmal abgeladen! Geh hinaus und nimm ihm wenigstens die schweren Säcke ab.“ „Nein, nein“, erwiderte der Bauer, „ich bleib da sitzen, trink‘ meinen Tee, rauch‘ meine Pfeife und warte darauf, daß mir meine Schicksalsfrau den goldenen Glücksfaden zuspinnt.“ „Der arme Mann“, sagte die Frau zu sich selber, „Wer weiß, ob er jemals wieder der Alte sein wird. Der ist wohl viel schlimmer dran, als ich gedacht habe.“ So ging sie schließlich selber hinaus und wunderte sich nicht schlecht, was ihr Mann mit den Torfziegeln vor hatte. „Ach,“ hat sie geseufzt, „wer weiß, warum sich mein Mann in seinem Unverstand diese Ziegel hat andrehen lassen?“ Gedankenverloren wollte sie die Säcke ausleeren, als ihr eine Goldmünze entgegenklimperte. Und auf einmal lag der ganze Schatz vor ihr. Die Bäuerin traute ihren Augen nicht. „Geschwind, Mann! Komm heraus, und schau dir an, was wir da haben!“ „Nein, nein“, entgegnete dieser, „ich bleib da sitzen, rauch‘ meine Pfeife, trink‘ meinen Tee und warte darauf, daß mir meine Schicksalsfrau den goldenen Glücksfaden zuspinnt.“ Lange mußte die Bäuerin den Bauern bitten. Schließlich bequemte er sich doch und kam in aller Ruhe heraus. „Jetzt schau dir das an!“, sagte seine Frau zu ihm ganz aufgelöst, „weißt du, woher das kommt? Oder weißt Du, was das ist!?“ „Woher das kommt? Das weiß ich nicht“, hat der Bauer gesagt, „Was das ist, das weiß ich schon: So ist es halt, wenn einem seine Schicksalsfrau den goldenen Glücksfaden zuspinnt.“

Angeregt wurde diese Erzählung durch die Märchen des Bandes „Vom Schicksal, das sich wendet – Märchen von Freiheit und Glück“, München 1987.

Quelle: Demmer’s Teehaus, 15.11.2009



Chaplin: Als ich mich selbst zu lieben begann…

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich verstanden, dass ich immer und bei jeder Gelegenheit,
zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin
und dass alles, was geschieht, richtig ist –
von da an konnte ich ruhig sein.
Heute weiß ich: das nennt man VERTRAUEN.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
konnte ich erkennen, dass emotionaler Schmerz und Leid,
nur Warnungen für mich sind, gegen meine eigene Wahrheit zu leben.
Heute weiß ich: das nennt man AUTHENTISCH SEIN.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört, mich nach einem anderen Leben zu sehnen
und konnte sehen, dass alles um mich herum eine Aufforderung zum wachsen war.
Heute weiß ich: das nennt man REIFE“.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört, mich meiner freien Zeit zu berauben,
und ich habe aufgehört, weiter grandiose Projekte für die Zukunft zu entwerfen.
Heute mache ich nur das, was mir Spaß und Freude macht,
was ich liebe und was mein Herz zum lachen bringt,
auf meine eigene Art und Weise und in meinem Tempo.
Heute weiß ich: das nennt man: EHRLICHKEIT.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich mich von allem befreit, was nicht gesund für mich war,
von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen
und vor allem, was mich immer wieder hinunterzog, weg von mir selbst.
Anfangs nannte ich das“ Gesunden Egoismus“,
aber heute weiß ich, das ist SELBSTLIEBE“.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört, immer Recht haben zu wollen,
so habe ich mich weniger geirrt.
Heute habe ich erkannt: das nennt man DEMUT.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich mich geweigert, weiter in der Vergangenheit zu leben,
und mich um meine Zukunft zu sorgen.
Jetzt lebe ich nur noch in diesem Augenblick, wo ALLES stattfindet.
So lebe ich heute jeden Tag und nenne es BEWUSSTHEIT“.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
da erkannte ich, dass mich mein Denken
armselig und krank machen kann.
Als ich jedoch meine Herzenskräfte anforderte,
bekam der Verstand einen wichtigen Partner.
Diese Verbindung nenne ich heute HERZENSWEISHEIT“.

Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen,
Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen fürchten,
denn sogar die Sterne knallen manchmal aufeinander
und es entstehen neue Welten.
Heute weiß ich: DAS IST DAS LEBEN!

(angeblich von Charlie Chaplin an seinem 70. Geburtstag am 16. April 1959)

Anm. HM: Danke an Günther für diesen schönen Text!