Hermine Mandl Weblog


Märchen: Die goldenen Fäden der Schicksalsfrau

erzählt von Helmut Wittmann

Vor langer, langer Zeit, war’s gestern oder war’s heut, lebte einmal ein armer Bauer. Dieser brachte seine Frau und sich recht kümmerlich durchs Leben. Im Sommer rackerten sich er und seine Frau draußen auf dem Feld ab. Im Winter fällte er im Wald Bäume, entästete und entrindete sie und verarbeitete sie zu Scheitern. Mit seinem Esel transportierte er das Holz in die Stadt und verkaufte es dort.

Eines Tages war der Bauer wieder in der Stadt. In einer stattlichen Villa hatte er Holz abzuliefern. Als er in der Halle auf seinen Lohn wartete, hatte er genügend Zeit, sich dort in aller Ruhe umzuschauen. „Was ist das nur für ein Luxus“, sagte er zu sich selber, „überall liegen kostbare Teppiche herum. Ein Möbelstück ist schöner und prächtiger als das andere. Von der Decke hängt ein Luster, der vor Edelsteinen nur so glitzert und funkelt. Ich könnte mein Lebtag arbeiten, und doch würde ich es nie zu solchem Reichtum bringen. Wie kommt man nur zu solchem Wohlstand?“

Bald darauf holte ihn ein Diener ab und geleitete ihn über eine Marmortreppe hinauf. Droben saß in einer herrlich eingerichteten Kammer auf einem Sofa der Hausherr. In aller Ruhe rauchte er seine Pfeife und nippte hin und wieder an einer Tasse Tee. „Was bekommst du für das Holz?“, fragte der Hausherr. „Das und das“, antwortet ihm der Bauer. Da griff jener in einen Sack mit Dukaten, warf ihm ein paar Münzen hin und meinte: „Reicht das!?“ „Ja“, gab der Bauer zurück, „das reicht!“

Daraufhin zog der Bauer mit dem Diener ab. All die Pracht hatte den Bauern derart verzaubert, daß er schließlich den Diener fragte: „Jetzt sag‘ einmal. Was macht dein Herr, daß er zu einem solchen Vermögen kommt?“ – „Mein Herr“, sagte der Diener, „der macht das ganz einfach. Er sitzt auf seinem Sofa, raucht seine Pfeife, trinkt seinen Tee und wartet darauf, daß ihm seine Schicksalsfrau den goldenen Glücksfaden zuspinnt.“ „Das gefällt mir!“, äußerte der Bauer, „Ja, so will ich es auch machen!“

Und tatsächlich kaufte sich der Bauer für das bißchen Geld, das er von seinem Auftraggeber bekommen hatte, eine Pfeife, etwas Tabak, einen Samowar und ein bißchen guten Tee. Versorgt mit all dem, machte er sich wieder auf den Heimweg.

Zu Hause war seine Frau natürlich schon recht neugierig. „Wie ist es dir gegangen, Mann?“ begrüßte sie ihn, „hast Du das Holz gut verkaufen können?“ „Ja“, hat der Bauer gesagt. „Und?“, hat ihn die Bäurin gefragt, „hast Du für uns etwas zu essen gekauft?“ – „Nein“, hat der Bauer gesagt, „etwas viel besseres! Eine Pfeife, Tabak, einen Samowar und dazu noch Tee!“ „Ja, bist du denn verrückt geworden, Mann!?“, schrie die Frau, „wir haben nichts zu essen. Und du!? Du kaufst eine Pfeife, Tabak, einen Samowar und auch noch Tee dazu! Was ist dir denn da eingefallen?“ „Das verstehst du nicht, Frau“ hat da der Bauer gesagt, „aber ich will es dir erklären: Ich werd‘ mich jetzt in der Stube auf den Otoman setzen, den Samowar einheizen, ein Schlückchen Tee trinken, ein Pfeifchen schmauchen – und dann warte ich darauf, daß mir meine Schicksalsfrau den goldenen Glücksfaden zuspinnt.“ „Du spinnst, mein lieber Mann!“, fuhr ihn da seine Frau an, „mir scheint, die viele Arbeit hat dich um den Verstand gebracht!?“

Der Bauer ließ sich aber von seiner Frau nicht beirren. In aller Ruhe setzte er sich in der Stube auf den Otoman, kochte Tee im Samowar und zündete sich zu guter Letzt das Pfeifchen an. Bald darauf trank er genußvoll seinen Tee und zog, daß es eine Freude war. Die Bäuerin schüttelte nur verächtlich den Kopf . „Der arme Mann“, sagte sie zu sich selber, „die viele Arbeit muß ihn ganz und gar um den Verstand gebracht haben.“

Vor dem Haus graste derweil unbeeindruckt von alldem der Esel. Als der Nachbar, ein richtiger Geizhals, des Weges kam und das herrenlose Tier erblickte, raunzte er in seinen Bart hinein: „Den Esel braucht gerade sowieso niemand. Den leihe ich mir aus. Denn, ob er da herumsteht oder für mich die schweren Säcke mit den Torfziegeln schleppt, ist eines.“ So nahm er den Esel mit zu der Torfgrube. Er füllte einen Sack nach dem anderen mit Torf an und packte diese dem Esel auf den Rücken.

Als er mit der Arbeit fast fertig war, stieß er mit dem Spaten plötzlich auf etwas Hartes. Neugierig grub der Mann weiter, bis eine Kiste zum Vorschein kam! Was da wohl drinnen ist? Als er den schweren Eisendeckel öffnete, kam ein prächtiger Goldschatz zum Vorschein. Dem Geizkragen bleib vor lauter Freude – und Habgier – schier das Herz stehen. Geschwind leerte er die Torfsäcke wieder aus und befüllte sie mit dem kostbaren Gut. Obenauf legte er ein wenig Torf, um den Schatz vor den Blicken der Anderen zu verstecken. In der Kiste war aber so viel Gold, daß die mitgebrachten Säcke dafür gar nicht ausreichten. „Was soll ich nur machen? Wenn ich jetzt mit den vollen Säcken nach Hause gehe und sie dort ausleere, könnte inzwischen ein Anderer hierher kommen und den Rest des Schatzes mitnehmen.“ Schließlich hat er vor lauter Habsucht beschlossen, davon so viel wie möglich in seine Taschen zu stopfen. Als er jedoch noch einmal in die Torfgrube kletterte und die Edelsteine sogar noch beim Hemdkragen hineinstopfte, brach plötzlich das Loch in sich zusammen, und die herabstürzende Erde begrub den Mann unter sich.

Oben stand der mit den Säcken schwer beladene Esel. Nach einer Weile machte sich dieser auf den Heimweg. Mit einem dreifachen „Iaahh! Iaahh! Iaahh!“ machte er sich beim Bauern und seiner Frau bemerkbar. „Was ist denn mit dem Esel, Mann?“, hat die Frau gesagt, „Der ist ja noch nicht einmal abgeladen! Geh hinaus und nimm ihm wenigstens die schweren Säcke ab.“ „Nein, nein“, erwiderte der Bauer, „ich bleib da sitzen, trink‘ meinen Tee, rauch‘ meine Pfeife und warte darauf, daß mir meine Schicksalsfrau den goldenen Glücksfaden zuspinnt.“ „Der arme Mann“, sagte die Frau zu sich selber, „Wer weiß, ob er jemals wieder der Alte sein wird. Der ist wohl viel schlimmer dran, als ich gedacht habe.“ So ging sie schließlich selber hinaus und wunderte sich nicht schlecht, was ihr Mann mit den Torfziegeln vor hatte. „Ach,“ hat sie geseufzt, „wer weiß, warum sich mein Mann in seinem Unverstand diese Ziegel hat andrehen lassen?“ Gedankenverloren wollte sie die Säcke ausleeren, als ihr eine Goldmünze entgegenklimperte. Und auf einmal lag der ganze Schatz vor ihr. Die Bäuerin traute ihren Augen nicht. „Geschwind, Mann! Komm heraus, und schau dir an, was wir da haben!“ „Nein, nein“, entgegnete dieser, „ich bleib da sitzen, rauch‘ meine Pfeife, trink‘ meinen Tee und warte darauf, daß mir meine Schicksalsfrau den goldenen Glücksfaden zuspinnt.“ Lange mußte die Bäuerin den Bauern bitten. Schließlich bequemte er sich doch und kam in aller Ruhe heraus. „Jetzt schau dir das an!“, sagte seine Frau zu ihm ganz aufgelöst, „weißt du, woher das kommt? Oder weißt Du, was das ist!?“ „Woher das kommt? Das weiß ich nicht“, hat der Bauer gesagt, „Was das ist, das weiß ich schon: So ist es halt, wenn einem seine Schicksalsfrau den goldenen Glücksfaden zuspinnt.“

Angeregt wurde diese Erzählung durch die Märchen des Bandes „Vom Schicksal, das sich wendet – Märchen von Freiheit und Glück“, München 1987.

Quelle: Demmer’s Teehaus, 15.11.2009

Advertisements


Kahneman über das falsche Versprechen eines glücklichen Lebens in Reichtum und Luxus.

„Glück erlebt man in Momenten, in denen man seine Aufmerksamkeit auf etwas Angenehmes richtet. Das gilt ebenso für das Unglück: Viele kleine Missgeschicke pro Woche sorgen dafür, dass man ständig an Missgeschicke denken muss. Man ist unglücklich. Ein einziges, wirklich großes Unglück dagegen hat man nach einer gewissen Zeit mit einiger Sicherheit verwunden“, erklärt der Psychologe und Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. (Anmerkungen: Die Forschungsergebnisse von Sonja Lyobumirsky bzw. auch von Richard Wiseman bestätigen Kahneman.)

Glücksmomente und Lebenszufriedenheit
Laut Kahneman setzt sich Glück zusammen aus der Summe an Glücksgefühlen, die man während eines Tages erlebt und der Einschätzung, ob man insgesamt mit seinem Leben zufrieden ist. So zeigen Forschungen beispielsweise folgenden Unterschied zwischen verheirateten und geschiedenen Frauen: Zwar erleben geschiedene Frauen im Laufe eines Tages häufiger Glücksmomente – d.h. sie sind öfter gut gelaunt, da sie seltener Tätigkeiten nachgehen, die sie unangenehm finden – dennoch bewerten verheiratete Frauen in Umfragen ihre generelle Lebenszufriedenheit höher. Kahneman findet dafür folgende Erklärung: Die Lebenszufriedenheit erhöht sich, wenn man Ziele erreicht, die man sich gesetzt hat, wobei diese Ziele häufig gesellschaftlich definiert sind: Ehe, Kinder erziehen, beruflicher Erfolg, ein steigender Lebensstandard.

WAS und WIE
Neben dem Erreichen von Zielen ist wichtig, wie man seine Zeit verbringt. Laut Kahneman geht es darum, „Zeit möglichst effizient zu nutzen“; er meint damit, dass beides vorhanden ist: Zeit für Dinge, die man gerne um ihrer selbst willen tut (Hobbys ausüben, Zeit mit Freunden verbringen etc.) und Zeit, die man auf das Erreichen von Zielen verwenden. Am besten ist natürlich, wenn beides zusammenfällt.

Der Traum, für immer „reich und glücklich“ zu sein
Zu den am weitesten verbreiteten Illusionen zählt nach Kahnehman jene, zu glauben, man lebte in dauerndem Glück, wenn man reich ist. Er entkräftigt diesen Irrglauben anhand folgenden Beispiels: Zwar beurteilen viele Reiche ihr Leben insgesamt als sehr zufriedenstellend, tatsächlich dominieren jedoch Momente schlechter Stimmung deren Alltag: Sie nehmen mehr Arbeit und weitere Wege in Kauf, verbringen viel Zeit in Autos auf Dienstreisen etc., was in Summe wiederum dazu führt, dass Reiche insgesamt weniger Zeit für Dinge haben, die ihnen persönlich Spaß machen.

Ratschlag zur Steigerung des Glücks
Kahnemann gibt folgenden allgemeinen Ratschlag, wie man sein Glück und seine Zufriedenheit steigern kann: sich mehr Momente verschaffen, in denen man sich auf etwas Schönes konzentriert.
Wer zum Beispiel Zeit mit Menschen verbringt, die er liebt und schätzt, befindet sich in ständiger Konzentration – jeder Moment ist neu, es kommt zu keinem Gewöhnungseffekt.
Bei einem neuen Auto ist das anders: Beim Kauf ist es toll und neu, aber auf diese Tatsache kann man sich nicht über einen längeren Zeitraum konzentrieren; irgendwann ist das Auto nicht mehr neu, man gewöhnt sich daran und denkt am Steuer an etwas anderes, z.B. an die Arbeit oder an den Haushalt.

„Für das Glück gilt dasselbe wie für die vielen, kleinen Missgeschicke, die einen unglücklicher machen als ein großer Schicksalsschlag“, so Kahneman, „man sollte sein Geld nicht für eine große Sache ausgeben, für ein teures Auto, eine Villa, sondern es in viele kleine Dinge investieren, die einen froh machen: Fahr auf Urlaub, verschenke Blumen, feiere Partys! Vielleicht wissen die Leute auch tatsächlich einfach nicht, wie sie mit ihrem Geld umgehen müssten, um glücklicher zu sein.“

Daniel Kahneman, 1934 in Tel Aviv geboren, wuchs in Paris auf, studierte in Jerusalem und an der University of California in Berkeley. Seit 1993 lehrt er in Princeton. Eines seiner größten wissenschaftlichen Verdienste ist es, das Menschenbild der Wirtschaftswissenschaften widerlegt zu haben: den stets rational entscheidenden Homo oeconomicus. (SZ Wissen 12/2006)



Metapher über Armut und Reichtum
Dezember 20, 2007, 10:48 am
Filed under: Anekdoten, Metaphern, Gedichte, mehr., Uncategorized | Schlagwörter: , , , , ,

Eines Tages nahm ein Mann seinen Sohn mit aufs Land, um ihm zu zeigen, wie arme Leute leben. Vater und Sohn verbrachten einen Tag und eine Nacht auf einer Farm einer sehr armen Familie.
Als sie wieder zurückkehrten, fragte der Vater seinen Sohn: „Wie war dieser Ausflug?“
„Sehr interessant!“ antwortete der Sohn.
„Und hast du gesehen, wie arm Menschen sein können?“ 
„Oh ja, Vater, das habe ich gesehen.“ 
„Was hast du also gelernt?“ fragte der Vater.
Und der Sohn antwortete: „Ich habe gesehen, dass wir einen Hund haben und die Leute auf der Farm haben vier. Wir haben einen Swimmingpool, der bis zur Mitte unseres Gartens reicht, und sie haben einen See, der gar nicht mehr aufhört. Wir haben prächtige Lampen in unserem Garten und sie haben die Sterne. Unsere Terrasse reicht bis zum Vorgarten und sie haben den ganzen Horizont.“
Der Vater war sprachlos.
Und der Sohn fügte noch hinzu: „Danke Vater, dass du mir gezeigt hast, wie arm wir sind!“

(Gefunden bei Renate Schmid)