Hermine Mandl Weblog


Abwehrmechanismen: Um sich nicht zu erinnern…

Abwehr: Schutz und Bewältigungsmechanismus unserer Psyche.

Jeder – und zwar: jeder – Mensch besitzt eine „Abwehr“. Sie dient dazu, unlustvolle Gefühle, Affekte, Wahrnehmungen etc. vom Bewusstsein fernzuhalten bzw. diese in Schach zu halten. Es handelt sich dabei um eine Art Gewohnheit, die unbewusst abläuft und uns schützt bzw. uns bei der Bewältigung bestimmter Aufgaben unterstützt. Also ist die Abwehr eine gute Sache. Aber nicht immer.

Krankhafte Abwehr: Vermeidung der Bewusstwerdung um jeden Preis.

Die Abwehr wird dann zum Problem, wenn sie für einen Menschen zur Einschränkung – und damit schädlich – wird. Hier ein Beispiel: Unlustvolle Erregungszustände oder Anspannungen (sog. Affekte) und Gefühle wie Angst, seelischer Schmerz, Schuldgefühle usw. entstehen in uns aufgrund von unverarbeiteten seelischen Konflikten, welche unbewusst gemacht oder gehalten werden sollen. Durch diesen Vorgang kommt es jedoch zu keiner echten Lösung eines Konflikts – es bleibt bei einer Pseudolösung. Das wiederum führt dazu, dass immer intensivere und kompliziertere „Abwehrmaßnahmen“ benötigt werden, um den entsprechenden Konflikt unbewusst zu halten.

Merkmale einer krankhaften Abwehr: Ich-Einschränkung und Überbeanspruchung eines bestimmten Abwehrmechanismus

Eine Abwehr gilt dann als pathologisch, wenn es zu einer Einschränkung der Ich-Funktionen kommt, wobei man unter Ich-Funktionen die Fähigkeit wahrzunehmen, zu unterscheiden, sich zu erinnern, zu denken, sowie die Triebe zu steuern versteht. Zusätzlich ist die freie Selbstentfaltung und –verwirklichung eingeschränkt und es besteht keine Wahlmöglichkeit mehr. So kommt es zu einer Zwangsläufigkeit des Auftretens sowie einer Unfähigkeit, sich an wechselnde Bedingungen anzupassen. Es kommt zu einem unbewussten Abspulen des gleichen Mechanismus und zu einem erheblichen Widerstand gegen die Bewusstmachung des Konflikts.

In Stichworten notiert: Die vier Ebenen von Abwehr nach Mentzos

1. Ebene (unreif):

a) psychotische, wahnbildende Projektion, z.B. Verfolgungswahn:
– eigene, unerwünschte Impulse werden einer anderen Person „zugeschoben“
– das Böse wird nach außen verlegt
– Subjekt-Objekt-Trennung

b) psychotische Verleugnung, z.B. Größenwahn, Liebeswahn…
– Kleinkind schützt bedrohtes Selbstwertgefühl durch Verleugnung

c) Spaltungsvorgänge:
– vermeiden, dass inkompatible Inhalte zusammentreffen; diese bleiben prinzipiell bewusst oder vorbewusst; Verleugnung nach Bedarf. Borderline.

d) Introjektion:
– In-sich-Hineinnehmen, Internalisierung des Objekt;
– wichtig bei Selbstentstehung
– (später) regressiv eingesetzt, um schmerzliche Trennung vom Objekt und/oder Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt zu vermeiden bzw. rückgängig zu machen

2. Ebene (auch unreif, aber nicht mehr so grob und unrealistische Lösungen):

a) nichtpsychotische Projektion:
– häufig
– eigene Gefühle, Impulse, Tendenzen werden unbewusst einem anderen zugeschrieben (z.B. die Juden, die Ausländer…)

b) Identifikation als Abwehr:
– Identifikation mit dem Angreifer
– bei hysterischer (Konversions-)Symptombildung: Trennung oder seelischen Schmerz abwehren durch Übernahme der Symptome (z.B. Husten) des kürzlich verstorbenen Elternteils.

3. Ebene (psychoneurotische Abwehrmechanismen)

a) Intellektualisierung:
– Emotionales in formaler, affektloser Art zu behandeln
– sich v.a. mit kognitiven Aspekten des Lebens beschäftigen und Emotion vermeiden

b) Affektualisierung:
– Überemotionalität
– kognitive Einsicht beeinträchtigen
– Gegenemotionen einsetzen um gefürchtete Emotion abzudrängen

c) Rationalisierung:
– sekundäre Rechtfertigung von Verhaltensweisen durch Scheinmotive

d) Affektisolierung:
– Abtrennung des vorstellungsmäßigen Inhalts, der bewusst bleibt, von dem dazugehörigen Affekt, der verdrängt wird

e) Ungeschehenmachen:
– unerlaubter Impuls wird kurzfristig bewusst und dann durch einen entgegen gesetzten Gedanken oder eine magische Handlung ungeschehen gemacht

f) Reaktionsbildung:
– vgl. Ungeschehenmachen, jedoch dauerhaft und habituelle Abwehr. Daher kommt es zu einer Änderung des Ichs. Es entsteht ein Charakterzug. (z.B. Zwang)

g) Verschiebung:
– Loslösung emotioneller Reaktionen von ihren ursprünglichen Inhalten und die Verknüpfung mit anderen, weniger wichtigen Situationen oder Gegenständen (z.B. Phobie)

h) Verlagerung:
– unerwünschte, unerlaubte Impulse (meist Aggression) wird auf ein anderes als das eigentliche Objekt gerichtet (z.B. Arbeitskollege -> Frau)

i) Wendung gegen das Selbst:
– Variation der Verlagerung: Autoaggression

j) Verdrängung im engeren Sinne
– Amnesie (Erinnerungslücke)
– Skotomisierung („Übersehen“ bestimmter Inhalte)

4. Ebene:

Sublimierung
– Umsetzen verdrängter Triebimpulse in sozial gewertete Tätigkeiten, auf die das Triebziel verschoben wird.

Psycho-sozialen Abwehrmechanismen: außen statt innen.

Es handelt sich dabei nicht ausschließlich um intrapsychische Prozesse. Das Prinzip dahinter ist, unbewusst eine zwischenmenschliche Konstellation herzustellen, welche die intrapsychische Veränderung bestätigt, rechtfertigt und real erscheinen lässt. Dies kann durch die Partnerwahl, durch eine Rollenzuweisung bzw. durch Manipulation, Verführung oder Beeinflussung des Partners in eine bestimmte Richtung erfolgen.

Literatur:

Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 60-65.

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Verarbeitung psychischer Konflikte: Der zwangsneurotische Modus.

Zwang: Keine andere Wahl haben.

Ein Zwang zeigt sich beim Betroffenen in Form von Zwangsideen (oder Vorstellungen), Zwangsimpulsen und Zwangshandlungen. Auch wenn der Betroffene weiß, dass es eine unsinnige Handlung ist, kann er nicht anders, als eben so zu handeln oder zu denken, wie er es in diesem Moment tut. Keine Freiwilligkeit inbegriffen.

Wehrt er sich jedoch und versucht, die sich aufdrängenden Impulse zu bestimmten Handlungen abzuwehren, so führt dies zu einer zunehmenden, ängstlich gefärbten Spannung, die sich so lange steigert, bis sie für den Betroffenen so unerträglich wird, dass er dem Zwang letzten Endes doch nachgeben muss.

Kennzeichen einer Zwangshandlung: Ritualisierung als Symptom oder Charakterzug.

Eine Zwangsneurose kann sich auf zwei Arten zeigen:

Als Symptom: Im Vordergrund stehen dann ständig wiederkehrende, ritualisierte Wiederholungen des gleichen Vorganges. Mit ihrer „Hilfe“ soll die Vermeidung oder Aufhebung von Verschmutzung, Ansteckung, Gefährdung, Unordnung, Bösartigkeit usw. erreicht werden.

Als Charakterzug: Im Vordergrund stehen Charakterzüge wie übertriebene Ordentlichkeit, Sauberkeit, Sparsamkeit, Rigidität, Überkorrektheit u.ä.

Dahinter stehende Konflikte: Weglaufen oder Dableiben; Entsprechen oder Versagen.

Konflikte, die mittels zwangsneurotischem Modus verarbeitet werden, gehen in jene Phase der Kindheit zurück, als das Kind laufen lernte: Einerseits ist es in dieser Phase sehr abhängig von der Mutter und will in ihrer Nähe sein, andererseits will es seine durch das Laufen lernen gewonnene Freiheit auskosten und sich ein Stück weit von der Mutter entfernen. Dennoch sucht es immer wieder die Rückversicherung bei der Mutter: „Wie reagiert meine Mama, wenn ich mich von ihr weg bewege? Darf ich das? Ist sie besorgt? Hat sie Angst um mich? Findet sie es gut?“ Wird die Mutter vom Kind als eine versagende, strenge oder sehr ängstliche Bezugsperson wahrgenommen, so kann sich dies später im Erwachsenenalter in Form einer zwangsneurotischen Konfliktverarbeitung auswirken.

Eine zwangsneurotische Konfliktverarbeitung kann auch auf strenge verinnerlichte Vorstellungen von sich selbst zurück gehen: „Was glaube ich, dass meine Eltern von mir erwarten, wie ich sein soll oder was ich tun soll? Wie will ich selbst sein? Bin ich gut genug? Enttäusche ich meine Eltern?“ Ein Kind erwartet eine Strafe für sein Tun, im Erwachsenen entstehen stattdessen Schuldgefühle: Mit der Zwangshandlung wird letztendlich versucht, diese Schuld zu tilgen.

Literatur: Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 159-165