Hermine Mandl Weblog


Märchen: Die goldenen Fäden der Schicksalsfrau

erzählt von Helmut Wittmann

Vor langer, langer Zeit, war’s gestern oder war’s heut, lebte einmal ein armer Bauer. Dieser brachte seine Frau und sich recht kümmerlich durchs Leben. Im Sommer rackerten sich er und seine Frau draußen auf dem Feld ab. Im Winter fällte er im Wald Bäume, entästete und entrindete sie und verarbeitete sie zu Scheitern. Mit seinem Esel transportierte er das Holz in die Stadt und verkaufte es dort.

Eines Tages war der Bauer wieder in der Stadt. In einer stattlichen Villa hatte er Holz abzuliefern. Als er in der Halle auf seinen Lohn wartete, hatte er genügend Zeit, sich dort in aller Ruhe umzuschauen. „Was ist das nur für ein Luxus“, sagte er zu sich selber, „überall liegen kostbare Teppiche herum. Ein Möbelstück ist schöner und prächtiger als das andere. Von der Decke hängt ein Luster, der vor Edelsteinen nur so glitzert und funkelt. Ich könnte mein Lebtag arbeiten, und doch würde ich es nie zu solchem Reichtum bringen. Wie kommt man nur zu solchem Wohlstand?“

Bald darauf holte ihn ein Diener ab und geleitete ihn über eine Marmortreppe hinauf. Droben saß in einer herrlich eingerichteten Kammer auf einem Sofa der Hausherr. In aller Ruhe rauchte er seine Pfeife und nippte hin und wieder an einer Tasse Tee. „Was bekommst du für das Holz?“, fragte der Hausherr. „Das und das“, antwortet ihm der Bauer. Da griff jener in einen Sack mit Dukaten, warf ihm ein paar Münzen hin und meinte: „Reicht das!?“ „Ja“, gab der Bauer zurück, „das reicht!“

Daraufhin zog der Bauer mit dem Diener ab. All die Pracht hatte den Bauern derart verzaubert, daß er schließlich den Diener fragte: „Jetzt sag‘ einmal. Was macht dein Herr, daß er zu einem solchen Vermögen kommt?“ – „Mein Herr“, sagte der Diener, „der macht das ganz einfach. Er sitzt auf seinem Sofa, raucht seine Pfeife, trinkt seinen Tee und wartet darauf, daß ihm seine Schicksalsfrau den goldenen Glücksfaden zuspinnt.“ „Das gefällt mir!“, äußerte der Bauer, „Ja, so will ich es auch machen!“

Und tatsächlich kaufte sich der Bauer für das bißchen Geld, das er von seinem Auftraggeber bekommen hatte, eine Pfeife, etwas Tabak, einen Samowar und ein bißchen guten Tee. Versorgt mit all dem, machte er sich wieder auf den Heimweg.

Zu Hause war seine Frau natürlich schon recht neugierig. „Wie ist es dir gegangen, Mann?“ begrüßte sie ihn, „hast Du das Holz gut verkaufen können?“ „Ja“, hat der Bauer gesagt. „Und?“, hat ihn die Bäurin gefragt, „hast Du für uns etwas zu essen gekauft?“ – „Nein“, hat der Bauer gesagt, „etwas viel besseres! Eine Pfeife, Tabak, einen Samowar und dazu noch Tee!“ „Ja, bist du denn verrückt geworden, Mann!?“, schrie die Frau, „wir haben nichts zu essen. Und du!? Du kaufst eine Pfeife, Tabak, einen Samowar und auch noch Tee dazu! Was ist dir denn da eingefallen?“ „Das verstehst du nicht, Frau“ hat da der Bauer gesagt, „aber ich will es dir erklären: Ich werd‘ mich jetzt in der Stube auf den Otoman setzen, den Samowar einheizen, ein Schlückchen Tee trinken, ein Pfeifchen schmauchen – und dann warte ich darauf, daß mir meine Schicksalsfrau den goldenen Glücksfaden zuspinnt.“ „Du spinnst, mein lieber Mann!“, fuhr ihn da seine Frau an, „mir scheint, die viele Arbeit hat dich um den Verstand gebracht!?“

Der Bauer ließ sich aber von seiner Frau nicht beirren. In aller Ruhe setzte er sich in der Stube auf den Otoman, kochte Tee im Samowar und zündete sich zu guter Letzt das Pfeifchen an. Bald darauf trank er genußvoll seinen Tee und zog, daß es eine Freude war. Die Bäuerin schüttelte nur verächtlich den Kopf . „Der arme Mann“, sagte sie zu sich selber, „die viele Arbeit muß ihn ganz und gar um den Verstand gebracht haben.“

Vor dem Haus graste derweil unbeeindruckt von alldem der Esel. Als der Nachbar, ein richtiger Geizhals, des Weges kam und das herrenlose Tier erblickte, raunzte er in seinen Bart hinein: „Den Esel braucht gerade sowieso niemand. Den leihe ich mir aus. Denn, ob er da herumsteht oder für mich die schweren Säcke mit den Torfziegeln schleppt, ist eines.“ So nahm er den Esel mit zu der Torfgrube. Er füllte einen Sack nach dem anderen mit Torf an und packte diese dem Esel auf den Rücken.

Als er mit der Arbeit fast fertig war, stieß er mit dem Spaten plötzlich auf etwas Hartes. Neugierig grub der Mann weiter, bis eine Kiste zum Vorschein kam! Was da wohl drinnen ist? Als er den schweren Eisendeckel öffnete, kam ein prächtiger Goldschatz zum Vorschein. Dem Geizkragen bleib vor lauter Freude – und Habgier – schier das Herz stehen. Geschwind leerte er die Torfsäcke wieder aus und befüllte sie mit dem kostbaren Gut. Obenauf legte er ein wenig Torf, um den Schatz vor den Blicken der Anderen zu verstecken. In der Kiste war aber so viel Gold, daß die mitgebrachten Säcke dafür gar nicht ausreichten. „Was soll ich nur machen? Wenn ich jetzt mit den vollen Säcken nach Hause gehe und sie dort ausleere, könnte inzwischen ein Anderer hierher kommen und den Rest des Schatzes mitnehmen.“ Schließlich hat er vor lauter Habsucht beschlossen, davon so viel wie möglich in seine Taschen zu stopfen. Als er jedoch noch einmal in die Torfgrube kletterte und die Edelsteine sogar noch beim Hemdkragen hineinstopfte, brach plötzlich das Loch in sich zusammen, und die herabstürzende Erde begrub den Mann unter sich.

Oben stand der mit den Säcken schwer beladene Esel. Nach einer Weile machte sich dieser auf den Heimweg. Mit einem dreifachen „Iaahh! Iaahh! Iaahh!“ machte er sich beim Bauern und seiner Frau bemerkbar. „Was ist denn mit dem Esel, Mann?“, hat die Frau gesagt, „Der ist ja noch nicht einmal abgeladen! Geh hinaus und nimm ihm wenigstens die schweren Säcke ab.“ „Nein, nein“, erwiderte der Bauer, „ich bleib da sitzen, trink‘ meinen Tee, rauch‘ meine Pfeife und warte darauf, daß mir meine Schicksalsfrau den goldenen Glücksfaden zuspinnt.“ „Der arme Mann“, sagte die Frau zu sich selber, „Wer weiß, ob er jemals wieder der Alte sein wird. Der ist wohl viel schlimmer dran, als ich gedacht habe.“ So ging sie schließlich selber hinaus und wunderte sich nicht schlecht, was ihr Mann mit den Torfziegeln vor hatte. „Ach,“ hat sie geseufzt, „wer weiß, warum sich mein Mann in seinem Unverstand diese Ziegel hat andrehen lassen?“ Gedankenverloren wollte sie die Säcke ausleeren, als ihr eine Goldmünze entgegenklimperte. Und auf einmal lag der ganze Schatz vor ihr. Die Bäuerin traute ihren Augen nicht. „Geschwind, Mann! Komm heraus, und schau dir an, was wir da haben!“ „Nein, nein“, entgegnete dieser, „ich bleib da sitzen, rauch‘ meine Pfeife, trink‘ meinen Tee und warte darauf, daß mir meine Schicksalsfrau den goldenen Glücksfaden zuspinnt.“ Lange mußte die Bäuerin den Bauern bitten. Schließlich bequemte er sich doch und kam in aller Ruhe heraus. „Jetzt schau dir das an!“, sagte seine Frau zu ihm ganz aufgelöst, „weißt du, woher das kommt? Oder weißt Du, was das ist!?“ „Woher das kommt? Das weiß ich nicht“, hat der Bauer gesagt, „Was das ist, das weiß ich schon: So ist es halt, wenn einem seine Schicksalsfrau den goldenen Glücksfaden zuspinnt.“

Angeregt wurde diese Erzählung durch die Märchen des Bandes „Vom Schicksal, das sich wendet – Märchen von Freiheit und Glück“, München 1987.

Quelle: Demmer’s Teehaus, 15.11.2009

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Eugen Drewermann: Der Froschkönig – eine tiefenpsychologische Interpretation von Dr. Eugen Drewermann

In seinem Vortrag „Der Froschkönig – eine tiefenpsychologische Interpretation“ für eine Focus-Sendung des ORF Vorarlberg im April 2004 befasste sich der deutsche Theologe, Psychoanalytiker und Schriftsteller Dr. Eugen Drewermann mit der Symbolsprache, die sich im Märchen „Der Froschkönig“ verbirgt.

„Die Symbolsprache der Märchen, Mythen und Träume ist die einzige Fremdsprache, die existenziell wichtig ist“, so der Psychoanalytiker und fügt an, dass diejenigen, die diese Sprache zu verstehen lernen, sich verändern. „Die Märchen möchten, dass wir die Liebe wagen – sie sagen uns, dass die Liebenden in dieser Welt glücklich sein können, vor allem, wenn sie Glück haben.“

Das Märchen: Der Froschkönig

Zu Beginn seines Vortrags liest Eugen Drewermann das Märchen „Der Froschkönig“ der Brüder Grimm vor.

Hier eine kurze Zusammenfassung des Inhalts von „Der Froschkönig“:
Eine Prinzessin, die so schön ist, dass die Sonne selbst sich jedes Mal verwundert, wenn sie auf ihr Gesicht scheint, spielt in der Nähe des Brunnens mit ihrer goldenen Kugel. Die Kugel fällt in den Brunnen, worauf die Prinzessin sehr traurig ist. Ein Frosch verspricht ihr, die Kugel wiederzubringen, wenn die Prinzessin ihm einige Zugeständnisse macht: Er wolle ihr Geselle und Spielkamerad sein, an ihrem Tischlein neben ihr sitzen, aus ihrem Becherlein trinken, in ihrem Bettlein schlafen. Die Prinzessin verspricht es ihm, denkt jedoch nicht daran, dieses Versprechen einzuhalten. Als der Frosch später kommt, um das Versprechen einzufordern, wird der Vater zornig und fordert von seiner Tochter, dass sie hält, was sie dem Frosch versprochen hat. Die Prinzessin gehorcht ihrem Vater, doch als der Frosch zu ihr ins Bett kommt, wirft ihn die Prinzessin voll Ekel an die Wand. Der Froschkönig verwandelt sich in einen Königssohn mit schönen freundlichen Augen und erzählt ihr, dass er von einer bösen Hexe verwünscht worden war und niemand ihn erlösen hätte können als eben die Prinzessin alleine.

Drewermann weist darauf hin, dass der Froschkönig eine aktuelle Beziehungsgeschichte voller Gegensätze und Konflikte darstellt, wobei das Märchen durchaus lösungsorientiert angelegt ist, indem zwei neurotische Menschen eine Wandlung erleben, durch die erst eine reife Beziehung möglich wird.

Hauptprotagonist: Der Froschkönig.

Der Froschkönig setzt sich aus den gegensätzlichen Elementen „König“ und „Frosch“ zusammen. „Er ist König, weil er Frosch ist und Frosch, weil er König ist“, so Drewermann. „Erst als ein Erlöster, ein Zu-sich-selbst-Gefundener kann er seiner geliebten Prinzessin erläutern, dass er durch die Machenschaften einer Hexe verwünscht war.“

Eine Beziehung zwischen Mutter und Kind ist sehr verflochten und geprägt von Ambivalenzgefühlen zwischen äußerster Liebe und starker Abneigung. Aber wie ist es möglich, dass ein junger Mensch von sich selbst denkt, dass er überaus mächtig und gleichzeitig gar nichts sein könnte?

Im Märchen steht der Brunnenschacht symbolisch für den ewigen Mutterschoß. Demnach ist der Froschkönig ein Kind, das niemals von seiner Mutter fortkommen darf.

Drewermann beschreibt die Problematik anhand einer Fallgeschichte eines Patienten, den er im Alter von 17 Jahren kennen lernte:
Dieser junge Mann hatte als 6-jähriger erlebt, wie sein Vater sich von seiner Mutter trennte. Er, der Sohn, kümmerte sich dann um seine depressive, suizidale Mutter. Es lastete eine große Verantwortung auf ihm. Gleichzeitig war es eine Ehre für ihn, der Liebling der Mutter zu sein – er war ihr Sonnenschein, die Mittelpunktachse des Lebens der Mutter – und das umso mehr, nachdem der Vater gegangen war. Der Junge ersetzte den Vater für die Mutter und musste ihn sogar noch übertreffen – er musste aufopfernd, feinfühlig und sensibel sein. Er ist also der König, der Prinzgemahl der Mutter und andererseits furchtbar überfordert mit dieser Situation und kann ihren Erwartungen nicht entsprechen.
Die Mutter verwöhnt den Jungen sehr und fordert ihn hinsichtlich mancher Aufgaben nicht. Was sie sich ersparen kann, wird Weihnachten etc. für den Jungen investiert. Er musste nie lernen, ein Glas abzutrocknen etc. Wenn sie dies später versucht einzufordern, droht er ihr z.B. er werde das Glas einfach fallen lassen.
Aus dieser Situation heraus konnte er auch terroristisch für seine Mutter sein.

Die Kombination lautete materielle Verwöhnung plus psychisch rabiate Überforderung: „Ich bin ein König und fühle mich doch als etwas gänzlich Niedriges.“ Diese Dynamik ergab sich aus Minderwertigkeitsgefühlen in Kombination mit überhöhten Überich-Idealen.

Man könnte empfehlen, dass der Junge sich von seiner Mutter trennt, aber das ist unmöglich für den Jungen.

Die engste Bindung zwischen dem Sohn und der hexenartigen Mutter liegt in den Schuldgefühlen: Der Junge darf niemals seine Mutter verlassen, sonst würde er werden wie sein eigener Vater – würde er seine Mutter verlassen, wäre er für den Tod der Mutter verantwortlich.

Nach zwei Jahren Psychotherapie wird auch der Therapeut ungeduldig – von der Supervisionsgruppe erheischt er folgenden Rat: „Diesem jungen Mann müssen Beine gemacht werden. Er muss den Mut haben, in das Leben zu springen. Er muss eine andere Frau kennen lernen. Er gibt doch genug Frauen. Er muss es nur wagen.“ Der Therapeut, der diesen Rat an seinen Patienten weitergibt, muss bald erkennen, dass der Patient seine Behandlung bald beenden wird.

Es gibt jedoch auch eine andere : Das Märchen „Der Froschkönig“ (er-)findet den einzigen Ausweg zur Lösung.

Hauptprotagonistin: Die Prinzessin.

Wer ist die Königstochter, die den Froschkönig erlösen wird? Sie ist wunderschön, aber ein Kind voll Traurigkeit und Tränen. Die Prinzessin ist vor allem die Tochter ihres Vaters: Der Mann hat drei Töchter, aber die ersteren dienen ausschließlich als Vergleichsmaßstab für Lobpreis und Hochschätzung der dritten Tochter.

Was bedeutet es, wenn ein Mädchen der Liebling / „die Geliebte“ des Vaters ist? Es liegt aller Stolz, alle Hochachtung darin. Für ein Mädchen von 4 Jahren ist der Vater ein König oder Gott. Zwischen 6 und 7 Jahren wird der Lehrer ein Konkurrent für den großartigen Vater. Es wäre ein Entwicklungsfortschritt, wenn die Tochter von ihrem Vater nach und nach ablassen würde, aber das ist im Märchen „Froschkönig“ nicht der Fall.

Das Leben der Königstochter teilt sich in zwei Sphären: die väterliche Kultur und die Natur, welche die mütterliche Sehnsuchtswelt symbolisiert. Das Mädchen pendelt hin und her zwischen diesen zwei Sphären – ein Symbol dafür, dass sie vom Mädchen zur Frau wird. Das Mädchen möchte die ganze Kindheit mitnehmen – symbolisiert durch das Ballspiel: Um den Verzicht der Kindheit zu erleichtern, übt sie selbst die Kindheit wegzugeben und diese in der Folge wieder zurückzubekommen.

Die runde Kugel stellt also die geschlossene Kinderwelt dar, die sie bei sich behalten möchte. Aber die Kugel rollt in den Brunnen, wo der Froschkönig sitzt. Es sind die ersten Schritte, die die Liebenden verbinden könnten, diese sind jedoch sehr angstbesetzt bis fast unmöglich.

Die Botschaft lautet nach Drewermann: „Liebe Königstochter, du darfst deine Kindheit behalten, aber es gibt nur eine Art: Du musst lernen, dich zu verlieren und dich dir wiederzugeben durch die Liebe. Wer seine Kindheit krankhaft verschließt, verliert sie ganz. Er wird niemals erwachsen. Die Liebe kann hier vermitteln.“

Symmetrie der Begegnung zwischen Froschkönig und Prinzessin

Der Königssohn stammt aus einer vaterlosen Familie; er wuchs ganz und gar bei seiner Mutter auf. Die Prinzessin stammt aus einer mutterlosen Familie und wuchs ganz und gar bei ihrem Vater auf (die Mutter findet kaum bis keine Erwähnung in der Geschichte). Die beiden sind sich spiegelbildlich ähnlich, haben einen gleichen Werdegang. Daher sagt der Königssohn auch: „Nur du konntest mich erlösen.“

In der Paartherapie spricht man in diesem Fall von „Kollusion“ – folgendem unbewussten Zusammenspiel: Unbewusst wählt man im Partner den gegengeschlechtlichen Elternteil, um von der Umklammerung des übergroßen Vaters bzw. der übergroßen Mutter erlöst zu werden.

Im Märchen machen sich innige Gefühle der Liebe fest am Partner, indem Empfindungen aus der Kindheit aktualisiert werden – aber es kommt zur Angst vor Enttäuschung. Man liebt im anderen etwas vom Vater / von der Mutter und in der Liebe wiederholt sich alles noch einmal wie aus Kindertagen.

Es gibt jedoch auch Märchen, die anders sind: Dann, wenn der Bräutigam unmögliche, fast tödliche Aufgaben erledigen muss – z.B. einen siebenköpfigen Drachen töten; Dornröschen küssen, jedoch erst nach der Überwindung von unüberwindbaren Dornenhecken… Dahinter steht, dass der Vater jeden Schwiegersohn in spe im Grunde vernichten möchte, denn eigentlich will er seine Tochter gar nicht vermählen.

Anders beim Froschkönig: Der Vater befiehlt die Vermählung mit dem Froschkönig sogar. Es heißt: „Die Sonne, wenn sie die Schönheit dieses Mädchens sah, geriet in Bewunderung“. Sollte es da dem Vater anders ergangen sein als der Sonne? Wohl kaum. Gefühle, die bis dahin innig waren, müssen über Nacht abgekühlt werden – die Sprache wird streng, moralisch. Dahinter steht mitunter auch, dass der Vater sich auch vor seinen eigenen Gefühlen der Tochter gegenüber schützen will. Es gibt jedoch noch ein anderes Motiv für das Handeln des Köngis: Der Vater hätte den Vertrag der Tochter sicher auch anders lösen können – er war ein König, einflussreich, mächtig – aber offenkundig will er, dass seine Tochter den Froschkönig heiratet. Warum? Der Frosch wird ihn nie gefährden… Nur so konnte die Tochter für ihn Sonnenschein auf Lebenszeit bleiben. Der Vater will seine Tochter also unglücklich verheiraten mit dem Froschkönig. So konnte er später der Seelentröster für seine Tochter werden: als Weiser, als kundiger Beistand der Tochter, als Kenner der Frauen kann er ihr Ratschläge geben.

Und auch die Tochter brauchte auf ihren Vater nicht zu verzichten, wenn sie den Froschkönig wählt, denn der Vater ist der beste aller Männer, kein Mann hält diesem Vergleich stand. Solang sie ihren Vater im Herzen und im Kopf trägt, hat kein anderer Mann eine Chance. Und auch der Königssohn ist ein Schwächling.

Plottwist: Die Schlüsselszene im Froschkönig.

Der Frosch kommt zur Prinzessin ins Bett – Wut, Zorn, Ekel der Prinzessin verdichten sich bis die Prinzessin den Frosch gegen die Wand wirft. Das Wesentliche ist also, dass eine bestimmte Energie sich zum Unerträglichen verdichtet – die sexuelle Energie – und die Tochter klatscht den Froschkönig schließlich an die Wand. In diesem Moment kommt es zu einem Rollenbruch: Die Königstochter hört auf, der Liebling des Vaters zu sein – indem sie ihre Rolle an der Wand zersprengt wird sie zu einer anderen Frau und auch der Froschkönig kann zu einem anderen Mann werden.

Die Prinzessin wollte ihre Kindheit erhalten: sie zeigt eine hysterische Ambivalenz allem Sexuellen gegenüber – ist unschuldig und verführerisch gleichzeitig, nie festgelegt aber ständig verlockend.
Der Froschkönig fügte sich dem, indem er alle Wörter diminutiv miniaturisierte: Becherlein, Tellerlein, dein Gesell (ganz sicher nicht dein Mann – nur dein Spielkamerad… Das sollte heißen: „Ich werde dir als Mann nie etwas tun.“) Dies war die Eintrittstür für den Froschkönig, denn er signalisierte ihr: „Ich akzeptiere voll und ganz deine „Klein-Mädchen-Auffassung“ vom Leben.“ „Beide müssen aufhören, aber beide müssen auch aufhören dürfen, Kinder zu sein“, so Drewermann.

In der Folge erzählt der Froschkönig der Königstochter sein ganzes Leben.

„… und sie lebten glücklich bis an ihr Ende“: Wie es laut Drewermann weitergehen könnte.

Drewermann liest einen möglichen Dialog vor, den die beiden Jahre später miteinander führen könnten, so sie die Wandlung gemeistert hatten. So könnte die Prinzessin ihrem Mann sagen: „Vergib mir Geliebter die Worte meiner Verachtung. Sie mussten dich kränken und schlimmer: sie sollten dir wehtun. Doch glaub mir, sie galten nicht dir. Ich selber war noch sehr unreif und unerfahren – voller romantischer Ideen mit denen ich mich vor der Wirklichkeit und vor mir selber zu schützen suchte. Wie alle Mädchen voller Sehnsucht und Angst war ich voller Abwehr gegenüber der Liebe, die ich doch suchte. Ich hielt für Stärke, was eine Schwäche war. Ich traute mir selbst nicht – wie hätte ich da wohl einem anderen, einem Manne wohl gar vertrauen sollen? Ich glaubte mich dir überlegen nur aus Angst vor deiner wirklichen Größe. Ich wollte dich erniedrigen und klein machen – nur aus Angst vor deiner Nähe. Der einzige, dem ich vertrauen durfte, war mein Vater: Zu ihm blickte ich auf; in seinen Augen fühlte ich mich selber gemocht und angesehen. Sein Wohlwollen war wie ein warmer Wind, der mich durchs Leben trug. Ich spürte, dass ich von ihm loskommen musste, aber ich hatte auch Angst, ihn loszulassen. Ich sehnte mich nach meiner Mutter, doch eine solche gab es nicht. Wer war ich als Frau? Ich war die Schönste in den Augen meine Vaters; für ihn war ich eine Kostbarkeit, die man der Öffentlichkeit nur unter Panzerglas zeigt. Wie in einem Museum. Und in solch einer Bestimmtheit traf ich dich. Ich sah sofort deine gütigen Augen, deine Stimme tat mir wohl. Du erschienst mir wie ein Gefährte in meiner Einsamkeit. Und du wolltest mein Freund sein auf ewig, das bedrohte mich. Das war mir unheimlich. Da schrillten alle Alarmglocken in dem Hochsicherheitstrakt des Museums das mein Leben war. Du hast in gewissem Sinne ja selber gesehen: Deine Annäherung versetzte mich in Panik. Ich behandelte dich von oben herab, ich nahm dich nicht ernst, weil ich doch spürte, dass es ernst wurde. Heute bin ich dir dankbar für deine zähe Geduld, die ich damals als Nachgelaufe ohne Anstand und Würde missdeutete. Ich wollte dich nicht an mich heranlassen, um mich an dich nicht zu verlieren. Und du verstehst, wie es kam: Ich war meines Vaters Vorzeigepüppchen; ich war gewohnt mich zu drehen und zu wenden wie er es wollte und ich lebte in der ständigen Furcht, nicht schön genug, nicht makellos genug, nicht perfekt genug zu sein. Alle sollten mich mögen – aber du warst nicht alle. Du wolltest mich und du beugtest dich hinunter in meine Angst, tauchtest hinab in meine Traurigkeit; holtest mein eigentliches Wesen aus der Tiefe heraus. Und dafür liebe ich dich, du mein Kleinod, mein Prinz.“

Der so Angeredete müsste wohl seinerseits sagen: „Vergib du mir, meine Geliebte, meine Königin. Wirklich, du erweckst alle Sehnsucht in mir. Und du erfüllst alle Sehnsucht. Wie verstehe ich den Stolz deines Vaters! Du rühmst meine Geduld, Geliebte, aber was hätte ich den anderes schon tun sollen: Ich hatte dich lieb vom ersten Augenblick an – deiner Schönheit wegen und auch deiner Traurigkeit wegen. Sie entsprach meinem eigenen Empfinden so sehr, dass ich glaubte, du wenigstens würdest mich verstehen. Es tat mir gut, dir helfen zu dürfen. Selbstlos war das gar nicht. Auch ich hatte und habe meine Ängste – zum Beispiel, dass eine so schöne, vom Glück verwöhnte Frau wie du mir damals erschienst, mich einfach lächerlich fände. Ich traf dich zum Glück als du selber dicht am Wasser gebaut hattest. Dieser Umstand brachte mich dir nah. Denn wenn ich bei meiner Mutter eines gelernt habe, ist es ein gewisses Einfühlen und Gedankenlesen. Gewiss, deine demonstrierte Verachtung tat mir furchtbar weh. Du erschienst mir so groß in solchen Moment. Wenn du sagst, du seiest das Püppchen deines Vaters, wollt ich dir eine Puppenstube zimmern und doch sah ich, dass es ganz unmöglich war, dich dort hineinzufügen. Ich wollte dich nicht belasten, aber so fühlte ich mich dir gegenüber als lästig, schwierig, schwerfällig, schwermütig – als Frosch eben. Ein Kind aus Brunnentiefe und Tränen. Alle Bewegungen bei mir sind langsam und vorsichtig; nichts geht mir behänd von den Händen. Eine gewisse Leichtigkeit des Lebens wie du sie dir wünschen magst, hab ich nie kennen gelernt. Auch mir ermangelte es an Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Und wie du den Beifall der anderen zu erringen versuchtest durch Gefälligkeit und Gefallen, so ich durch Nützlichkeit. Beide hat uns das Leben offenbar sehr einseitig geprägt. Aber jetzt, Geliebte, brauchst du nichts mehr machen, um meinen Gefallen zu erringen. Du gefällst mir einfach dadurch, dass es dich gibt. Du meine Zauberhafte. Meine Sonne am Morgen. Du und ich, wir brauchen gar nichts mehr zu machen. Und zu vergeben haben wir einander gar nichts mehr – außer uns selbst. Denn ich liebe dich sehr. “

Eugen Drewermann beschließt seine tiefenpsychologische Deutung des Märchens „Der Froschkönig“ mit einem Ausschnitt aus dem Gedicht „Engellieder“ von Rainer Maria Rilke:

Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte in meinen Armen;
er wurde klein, und ich wurde groß:
und plötzlich ward ich das Erbarmen,
und er eine flehende Bitte bloß.

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, –
und er ließ mir das Nah, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
so haben wir beide einander erkannt.

Quelle: ORF Vorarlberg, Focus-Sendung vom 10. April 2004: Dr. Eugen Drewermann: Der Froschkönig – eine tiefenpsychologische Interpretation,

Vortrag anhören!

 

 



Märchen: Die beiden Hunde
Februar 13, 2008, 5:11 pm
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Es war einmal vor vielen Jahren in Indien. Da stand irgendwo mitten in der Einsamkeit ein großer Tempel aus Gold. Seine Innenwände waren mit tausend Spiegeln ausgekleidet, so dass jeder, der in diesen Tempel trat, sich tausendfach wieder sah.

Eines Tages geschah es, dass sich ein Hund darin verirrte. Er freute sich über seine Entdeckung und glaubte nun, ein reicher Hund zu sein, als er das äußere Gold sah und ging in den Tempel der tausend Spiegel hinein. Aber da sah er sich tausend anderen Hunden gegenüber. Er wurde furchtbar wütend, weil die andern ihm zuvorgekommen waren und fing an zu bellen. Jedoch die tausend Hunde bellten gleichermaßen zurück, waren es doch seine Spiegelbilder. Da steigerte sich sein Zorn noch mehr, aber die Wut der anderen Hunde ebenfalls. Erst nach langer Zeit fand der Hund, völlig erschöpft und zerschlagen, wieder den Ausgang. „Wie ist die Welt doch böse“, sagte sich der Hund, „sie besteht aus lauter wütenden Hunden.“

Es vergingen viele Jahre. Da geschah es wieder einmal, dass ein Hund zum Tempel der tausend Spiegel kam. Auch er freute sich über seine Entdeckung. Auch er ging hinein, und auch er sah sich tausend Hunden gegenüber. Aber dieser Hund freute sich, dass er in der Einsamkeit Gesellschaft gefunden hatte und wedelte freundlich mit dem Schwanz. Da wedelten die tausend Hunde zurück, und er freute sich, dass die anderen Hunde sich freuten, und die Freude kein Ende findet. Deshalb ging der Hund immer wieder in den Tempel der tausend Spiegel, um sich mit den andern Hunden zu freuen. „Wie ist die Welt doch schön“, sagte der Hund dann zu sich selbst. „Überall hat es freundliche Hunde, die mit dem Schwanz wedeln!“

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