Hermine Mandl Weblog


Studie: mit vier Regeln zu einem längeren Leben

Für die Studie „Combined Impact of Health Behaviours and Mortality in Men and Women: The EPIC-Norfolk Prospective Population Study“ verfolgten britische Forscher um die Medizinerin Kay-Tee Khaw von der Universität Cambridge seit 1993 das Schicksal von mehr als 20.000 Probanden im Alter zwischen 45 und 79 Jahren und stellten dabei fest, dass vier einfache (sowie seit langem bekannte und empfohlene) Verhaltensregeln das Leben um durchschnittlich 14 Jahre verlängern können:

  • nicht rauchen,
  • etwas Sport betreiben*,
  • nur mäßig Alkohol trinken**,
  • täglich fünf Portionen Obst und Gemüse essen***.

Die Studie „Combined Impact of Health Behaviours and Mortality in Men and Women: The EPIC-Norfolk Prospective Population Study“ ist im Fachjournal „PLoS Medicine“ erschienen (DOI: 10.1371/journal.pmed.0050012) und laut Autor/innen Teil der größten Untersuchung zu Ernährung und Gesundheit, die jemals unternommen worden sei. Die Untersuchung EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition) erstreckt sich insgesamt über zehn europäische Länder.

Quelle:

Studie: Mit vier Regeln 14 Jahre länger leben„, ORF ON Science vom 8.1.2008.

*    zB. Bürojob, aber in der Freizeit Sport
**   maximal zwei Gläser Wein oder ein halber Liter Bier pro Tag
*** als Portion gilt ein Stück Obst bzw. die Menge, die in eine Hand passt.

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Soziale Netze: Tau oder doch nur seidener Faden?

Netzwerke schrumpfen in Krisenzeiten

Forschungen haben gezeigt, dass die sozialen Netze rissig werden und sogar auseinander reißen, wenn ein Mensch erkrankt. Aber warum? Psychologen suchen nach Erklärungen für dieses Phänomen und vermuten, dass ein Grund dafür sein könnte, dass Personen eines Netzwerkes sich grundsätzlich ähneln. Daher könnte die Erkrankung eines Mitgliedes eine große Bedrohung für den Rest darstellen. – Dies führt dazu, dass die Lebensphilosophie der Gruppe durch die Krankheit infrage gestellt wird; das „unähnlich“ gewordene Mitglied wird also kurzerhand aus dem Netzwerk ausgeschlossen. Andere Erklärungsmodelle für dieses Phänomen sprechen von Berührungsängsten oder sich nicht zuständig fühlen. Beobachtet wurde auch der Rückzug aus Angst vor Ansteckung im Falle mancher Krankheiten.

Größe und Verlässlichkeit eines sozialen Netzwerks beeinflussen den Gesundheitszustand

Die Münchner Soziologin Martina Eller untersuchte die sozialen Beziehungen von rund 1000 Diabetikern und stellte fest: Die Sozialkontakte verringern sich, wenn jemand krank wird und je kleiner das soziale Netz wird, desto schlechter ist der Gesundheitszustand eines Diabetikers. Eller fand weiters heraus, dass man zwar aufgrund des Alters und des Geschlechts keine Vorhersage auf den Gesundheitszustand machen kann, sehr wohl jedoch aufgrund der Größe und Verlässlichkeit des sozialen Netzwerks: Wer ein großes soziales Netz hat, ist vier bzw. acht Jahre später in einem besseren Gesundheitszustand als jene Personen, die von Beginn an ein kleines soziales Netzwerk hatten.

Zahlreiche Studien untermauern die Erkenntnis, dass soziale Isolation das Gesundheitsrisiko steigert: Personen, die sich sozial unterstützt fühlen, leben gesünder, zufriedener und länger; im Gegensatz dazu sind einsame Menschen einem höheren Krankheits- und Sterberisiko ausgesetzt, so die Quintessenz der bisherigen Forschungen.

Die unauffällige Unterstützung als bessere Hilfe

Die Psychologin Beate Dietzen von der Universität Zürich gilt als Expertin für biopsychologische Netzwerkforschung. Sie betont, dass hilfsbedürftige Menschen sich nicht abhängig fühlen möchten und es für sie lediglich wichtig ist, dass jeman da ist und dass ihnen Hilfe nicht aufgedrängt wird. – Ein Zuviel an Unterstützung kann sogar in einer Lose-Lose-Situation münden: Der Helfer fühlt sich überfordert und der Hilfsbedürftige schuldig.

Der Glaube an ein soziales Netz setzt positive Kräfte frei

Entscheidend ist laut Psychologen nicht, wie viel einem Menschen tatsächlich geholfen wird, sondern die Überzeugung, im Notfall auf sein Netzwerk bauen zu können. Die Hilfsbereitschaft des Netzes wird jedoch von zwei Gruppen häufig überschätzt: von Menschen mit einem hohen Selbstbewusstsein sowie von Personen, die bisher noch keine Notsituation erleiden mussten.

Hinterfragen erwünscht: Sinngewinn durch Skepsis

Der Psychologe Neil Krause führte mehreren Längsschnittstudien durch und fand dabei heraus, dass ein kritisches Nachfragen von Netzwerkmitgliedern bzw. ein Widersprechen zumindest älteren Menschen dabei hilft, einen tiferen Sinn in ihrem Leben zu erkennen. Damit ein Netzwerk also tatsächlich praktische Lebenshilfe leisten kann, sollte es sich nicht nur aus Ja-Sagern zusammensetzen: Zwar ist gutes Zureden wichtig, ein skeptisches Nachfragen erwies sich jedoch als noch wichtiger.

Soziale Netze schützen vor Stress

Menschen, die sozial unterstützt werden, produzieren einerseits weniger Kortisol im Körper, als Menschen die nicht unterstützt werden, und schütten andererseits vermehrt das Hormon Oxytocin aus. Letzteres führt zu einem hohen Einfühlungsvermögen und einer niedrigen Aggressivität und wird zum Beispiel während einer Schwangerschaft verstärkt produziert. Psychologen fanden heraus: Wer viel Oxytocin im Körper hat und zugleich sozial unterstützt wird, reagiert besonders gelassen auf Stress.

Bei Aidskranken zeigte sich jedoch auch ein negativer Zusammenhang zwischen dem Grad der Unterstützung und dem Gesundheitszustand. Eine mögliche Erklärung dafür: Es kostet viel Kraft, ein Netzwerk zu unterhalten und zu pflegen – Kraft, die Aidskranke nicht haben. Daher kann die Beziehungspflege mitunter auch zur Last werden.

Männer unterstützen instrumentell, Frauen emotional

Forschungen zeigten auch, dass Männer von sozialen Netzwerken stärker profitieren als Frauen. Warum? Männer unterstützen, indem sie Ratschläge geben oder Informationen einholen, Frauen hören zu und bringen ihre Wertschätzung zum Ausdruck. Die Annahme lautet, dass Männer zwar unterstützen wollen, ihre Äußerungen von Frauen jedoch eher als Forderung oder Ermahung wahrgenommen werden. Die Ratschläge der Männer bewirken in der Folge eher, dass Frauen sich unter Druck gesetzt fühlen. Anders bei Frauen: Die Forschungen der Psychologen Larua M. Glynn und Nicholas Christenfeld der University of California ergaben, dass nur die weibliche Unterstützung die Stressreaktionen von Studienteilnehmern verringern konnte. Es ist demnach jeder gut beraten, Frauen in seinem Netzwerk zu haben!

Die Kardinalfrage: Unterstützen, aber wie?

Am meisten scheinen Menschen von einer kritisch-wohlwollenden Begleitung zu profitieren, es kann jedoch kein Rezept gegeben werden, welche Art von Unterstützung positiv wirkt und welche nicht. Alles hängt letztendlich davon ab, was der Hilfsbedürftige wünscht und will.

Oft muss der Helfer gar nichts tun – es reicht, da zu sein: Soziale Unterstützer sind dann besonders erfolgreich, wenn sie fast nichts tun, nur ab und zu unsere Hand berühren und unser Handeln nicht bewerten. Dementsprechend gehören auch Haustiere in unser soziales Netzwerk und können durchaus heilsam wirken.

 

Quelle:

Westerhoff, Nikolas: Geborgenheit oder Einengung: Wie wichtig sind soziale Netze?, Psychologie Heute, Juni 2008, S. 21-25



Werden Kranke arbeitslos oder Arbeitslose krank?

Das deutsche „Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit“ beschäftigte sich 2001 verstärkt mit dem Thema „Arbeitslos – Gesundheit los – chancenlos?“, indem es eine repräsentative Befragung durchführte und die arbeitsamtsärztlichen Gutachten auswertete. Das Ergebnis zeigte, dass Arbeitslose einen deutlicheren Gesundheitszustand im Vergleich zu Beschäftigten aufweisen. Damit im Zusammenhang stellt sich jedoch die Frage: Werden Kranke arbeitslos oder Arbeitslose krank?

Lang andauernde Arbeitslosigkeit verursacht oder verschlimmert psychische Krankheiten. Bisherige Untersuchungen zeigten vor allem, dass ein Wechsel zwischen Erwerbsstatus und Arbeitslosigkeit häufig zu einer Verschlechterung der psychischen Gesundheit führt; umgekehrt verbessert sich die seelische Befindlichkeit deutlich, wenn Arbeitslose zurück ins Erwerbsleben finden. In neueren Metaanalysen kristallisierte sich nun Folgendes deutlich heraus: Besonders lang andauernde Arbeitslosigkeit kann insbesondere psychische Krankheiten verursachen oder verschlimmern.

Keine Arbeit, dafür jede Menge Stress.
Im Gesundheitsbericht für Deutschland (1998) werden der Arbeitsplatzverlust und die andauernde Arbeitslosigkeit als eigenständige psychosoziale Stressoren erwähnt, die auf verschiedenen Ebenen wirken:

  • Die ökonomische Sicherheit, die soziale Einbindung, das Selbstwertgefühl, die Zeitstrukturierung sowie die externen Anforderungen werden abgeschwächt oder gehen ganz verloren.
  • Durch Alltagsprobleme wie finanzielle Sorgen, Zukunftsunsicherheit und soziale Stigmatisierung sind die Betroffenen zusätzlich belastet.
  • Sozial als unangemessen angesehene Bewältigungsstrategien werden den Betroffenen selbst angelastet.

Psychische Erkrankungen an zweiter Stelle bei Arbeitslosen.
Von über 390.000 Gutachten des Ärztlichen Dienstes der BA über den Gesundheitszustand von Arbeitslosen wurden über 320.000 mit Krankheitsdiagnosen abgeschlossen: Allen voran wurden „Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes“ (40 %) diagnostiziert, gefolgt von „Psychische und Verhaltensstörungen“ (25 %); der Rest verteilt sich breit auf sonstige Krankheitsarten.

Die gefürchteten 3: Arbeitslosigkeit, Armut und Krankheit.
Es zeigte sich, dass die festgestellten Gesundheitsschäden nicht nur die Leistungsfähigkeit der Arbeitslosen beeinträchtigen, sondern damit – verglichen mit den übrigen Arbeitslosen – auch deutlich geringere Wiedereingliederungschancen verbunden sind. Durch den Gesundheitszustand, die Arbeitslosigkeit und die drohende Verarmung sind die Betroffenen mehrfach belastet. Sie geraten häufig in einen Teufelskreis: Arbeitslosigkeit gilt als Hauptrisikofaktor für die Armut und die Armut wiederum wird als größter Risikofaktor für Gesundheit gehandelt. Aus diesem Grund legt der Armuts- und Reichtumsbericht der deutschen Bundesregierung (2001) auch nahe, dem Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Gesundheit mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Genauer nachzulesen unter:

U.a. darin zitierte Literatur:

  • Hollederer, A. (2002): Arbeitslosigkeit und Gesundheit: Ein Überblick über empirische Befunde und die Arbeitslosen- und Krankenkassenstatistik. Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (Hg.). Mitteilungen aus Arbeitsmarkt- und Berufsforschung MittAB 3/2002, 411-428.
  • Murphy G./Athanasou, J. (1999): The effect of unempolyment on mental health. In: Journal of Occupational and Organizational Psychology, 72, 83-99.
  • Paul, K./Moser, K. (2001): Negatives psychisches Befinden als Wirkung und Ursache von Arbeitslosigkeit: Ergebnisse einer Metaanalyse. In: Erwerbslosigkeit. Zempel, J.; Bacher, J.; Moser, K. (Hg.). Leske + Budrich, Opladen, S. 83-110.
  • Statistisches Bundesamt (Hg.) (1998): Gesundheitsbericht für Deutschland. Stuttgart: Verlag Metzler-Poeschel.


Gesundheit: WHO und Co
Dezember 11, 2007, 12:35 pm
Filed under: Gesundheit / Krankheit, Uncategorized | Schlagwörter: , , , , ,

Die wohl bekannteste und am häufigsten zitierte Definition von Gesundheit ist jene der Weltgesundheitsdefinition (WHO) 1946:
„Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“

Viele kluge Geister haben sich bereits mit dem Thema Gesundheit auseinandergesetzt. Einig sind sich ExpertInnen heute, dass Gesundheit prozesshaft ist und Kategorien wie „gesund“ und „krank“ im Grunde wenig aussagen: Jeder Mensch bewegt sich auf einer mehrdimensionalen Skala auf und ab: körperliche, geistige, soziale, psychische … Ebenen stehen nebeneinander und beeinflussen sich gegenseitig.

An anderer Stelle habe ich schon einmal erwähnt, dass Life-Events wie Krankheiten etc. für manche Menschen zur Ressource werden können: Zwar bewegen sie sich auf der körperlichen Skala hinunter, sie gesunden im Gegenzug jedoch auf der psychischen oder sozialen Ebene…

Anlässlich eines Vortrages, den Univ.-Prof. DDr. Hilarion Petzold vor Jahren in Wien hielt, meinte er, es seien ihm schon „viele Kranke begegnet, die gesünder waren als die sogenannten Gesunden.“ Dieses Zitat regte mich damals zum Nachdenken an; aus heutiger Erfahrung kann ich nur sagen: Stimmt.



Gesundheit: Das verflixte „Eh“.
November 26, 2007, 5:03 pm
Filed under: Arbeit, Gesundheit / Krankheit | Schlagwörter: , , , , , ,

Im Zuge meiner Tätigkeit in der Gesundheitsförderung kamen mir zwei „eh“-Sätze unter, die sich vor allem im Zusammenhang mit Arbeit und Gesundheit immer wieder als problematisch herausstellten:

„Es geht eh noch“ und „Es geht eh schon wieder“.

Auch ohne „eh“ sind es problematische Zustände, denn sie stehen dafür, dass der Mensch „gerade noch“ bzw. „gerade wieder“ in seiner Kraft ist. Aber dieses „eh“ ist das Zünglein an der Waage, welches uns hellhörig machen sollte, denn es steht für eine Unter- oder Übertreibung:

  • Übersetzt heißt „Es geht eh noch“: „Ich kann eigentlich nicht mehr, aber ich mache halt so lange so weiter, bis es wirklich überhaupt nicht mehr geht.“

  • Und hinter dem Satz „Es geht schon wieder“ könnte stehen: „Ich bin noch total erschöpft und bräuchte dringend eine etwas längere Auszeit, aber ich wage es nicht, sie mir zu nehmen, denn ich habe Angst, dass ich dann überhaupt nicht mehr gebraucht werde. Deshalb mache ich jetzt gleich weiter.“

Wenn Sie Ihren persönlichen Zustand mit „eh noch“ oder „eh schon wieder“ beschreiben, dann sollten Sie innehalten und sich Ihre Situation genau anschauen. Überlegen Sie, was Sie tun können, um dieses „eh“ aus Ihrer Befindlichkeit zu bekommen.



So bleiben Frauen „gesund“: Sie halten durch. (Männer auch.)
November 26, 2007, 4:49 pm
Filed under: Gesundheit / Krankheit, Uncategorized | Schlagwörter: , , , ,

In den Alltagstheorien über Eigenschaften von Frauen, mit Gesundheit, Belastungen und Krankheiten umzugehen, zeichnen sich Frauen scheinbar durch eine „Durchhaltestrategie“ aus: Aufgrund ihrer Belastungen durch die Familie und der ständigen Notwendigkeit, für die Kinder, den Mann und im Haushalt präsent zu sein, seien Frauen gezwungen, in alltäglichen und sie belastenden Lebenssituationen durchzuhalten, d.h. nicht krank zu werden, sich ihrem Unwohlsein nicht hinzugeben, nicht aus der Situation auszubrechen. (158f)   

Literatur:

Maschewsky-Schneider, Ulrike, Sonntag, Ute, Klesse, Rosemarie, Brinkmann, Marita, Gesundheitsförderung für Frauen = Frauengesundheit? In: Paulus, Peter (Hg.), Prävention und Gesundheitsförderung. Perspektiven für die psychosoziale Praxis. Köln 1992 : GwG-Verlag, S. 151-162

Diese „Gesundheitsstrategie“ beobachte ich tatsächlich häufig in meinem Umfeld. Aber nicht nur bei Frauen. Die meisten Menschen schaffen es, sich gleichzeitig „zu wichtig“ und „zu unwichtig“ zu nehmen: Zu wichtig, denn sie glauben, ohne sie bricht die Welt zusammen. Zu unwichtig, denn wie selbstverständlich gehen sie über ihre persönlichen Bedürfnisse hinweg. Das finde ich „krank“ und „bedenkenswert“.