Hermine Mandl Weblog


Boglarka Hadinger: Wie man eine charakterstarke Persönlichkeit wird

Das Focus-Magazin des ORF Voralberg brachte am 20. Jänner 2007 einen interessanten Vortrag von Dr. Boglarka Hadinger, in welchem die Diplompsychologin und Psychotherapeutin darüber sprach, wie man eine charakterstarke Persönlichkeit wird. Meiner Meinung nach ist dieser Vortrag durchaus „anhörenswert“…

Unten findet ihr meine Notizen, die ich während des Zuhörens gemacht habe – ich finde, es sind durchaus einige inspirierende Fragen für jeden dabei… 

Dr. Boglarka Hadinger: Wie man eine charakterstarke Persönlichkeit wird

Unter „Charakter“ versteht man eine „starke Eigenart“, welche ein Mensch hat. Diese ist ihm angeboren – es bedeutet eine eigene Prägung bzw. ein eigenes Gesicht zu haben. Diese Menschen haben eigene Ziele, eine eigene Sprache, sie können Konflikte unüblich lösen, sind oft nicht konform mit der Meinung anderer – und zwar nicht um zu protestieren, sondern weil sie eine andere Idee, eine andere Lösung, einen anderen Wert verkörpern. Es ist interessant, mit charakterstarken Menschen über das Leben zu sprechen – sie wirken ansteckend. In ihrer Gegenwart fragt man sich: Wie ist mein eigenes Gesicht, mein eigener Ausdruck, meine eigene Sprache?

„Jeder hat die Fähigkeit in sich, eine Eigenart zu haben“, so Dr. Hadinger und fügt an: „Aber sind Sie so mutig, Ihr Eigenes zu leben?“ Viktor Frankl sagte einmal: „Charakter hat man. Eine Persönlichkeit wird man im Laufe des Lebens.“

Charakterblockaden: Blockaden, die uns daran hindern, unsere Eigenart zu leben

  1. Eine Blockade ist, Angst zu haben, dem anderen – so wie man ist – nicht zu entsprechen: So, wie man denkt, so wie man etwas tun möchte, nicht vom anderen gemocht, nicht akzeptiert zu werden. Es können jedoch auch traumatische Erfahrungen sein oder eine Angst, die in der Umgebung geschürt wird, welche ansteckend auf uns wirkt. Wir leben in einer angstmachenden Zeit. Aber unter Angst können wir das ganz Eigene nicht zum Ausdruck bringen. Wir wagen es nicht. Wenn ich mich zeige wie ich bin, werde ich nicht geliebt. So wie ich bin, bin ich nicht in Ordnung. Diese Angst wird durch Erziehung, Kirche, Schule etc. geprägt.
  2. Zeitgeisttendenzen oder Zeitgeistwerte. Wir wollen Werten entsprechen, die „in“ sind. Als Beispiel kann der Erziehungsstil genannt werden, der sich von Generation zu Generation veränderte. Man verlässt dann die eigenen Werte bzw. lässt sie verformen.
  3. Verwöhnung und Überfluss: Die besten Zeiten des Lebens sind oft die, wenn man sich etwas einfallen lassen muss, wenn man für etwas kämpfen muss. Dieses Müssen – Widerstände überwinden zu müssen, um leben zu können und überleben zu ermöglichen – prägt den Charakter. Verwöhnung und Überfluss machen langfristig träge.

Es ist einfacher, mit dem Strom zu springen, konform zu sein. Es braucht Mut, die eigene Meinung zu vertreten.

Was können wir tun, damit ein Mensch sich zu einem charakterstarken Menschen wird?

  • Eine Möglichkeit: Darum zu wissen. Wenn Sie wissen, dass Sie alle Charakteranlagen in sich tragen, dann ist das bereits wichtig. Man sieht die unterschiedlichen Charakteranlagen bereits bei kleinen Kindern.
    Aber manche Charakteranlagen entwickeln sich erst im Laufe des Lebens – mit 20, 30 oder auch später. Wenn wir merken: Ja, das bin ich auch. Jetzt bin ich ich. Sie können sich von Zeit zu Zeit fragen: Welche Menschen, welche Ideen, welche Ziele, welche Problemlösungen, welche Werte, welche Wege faszinieren mich? Beeindrucken mich? Nur Dinge, die uns ähnlich sind, faszinieren uns, beeindrucken uns.
  • Dr. Hadinger schlägt vor, mit sich selbst zu experimentieren, indem wir Aufgaben übernehmen, die anders sind, in fremde Länder reisen, andere Rituale mitmachen etc…. Dort, wo wir eine „Stimmigkeit“ verspüren, dort sind wir zu Hause. „Aber“, so die Psychologin, „man sollte es jedoch zumindest dreimal probieren, denn neue Situationen sind anfangs ungewohnt: Sei es die Kommunikation, eine neue Rolle, eine neue Aufgabe…“
  • Andere Menschen fragen: Wohlwollende Menschen, die mich kennen, die uns rückmelden, wo wir uns noch etwas zutrauen könnten, die uns darauf hinweisen, welche Aufgaben wir noch übernehmen könnten. Gemeint sind jene Menschen, die wohlwollend auf etwas verweisen und uns auf etwas hinweisen, das in uns steckt, das wir selber noch nicht kennen.
  • Selbst auf eine Vergangenheitsreise gehen: Dr. Hadinger schlägt vor, Fotos von früher (aus der Kinder- oder Jugendzeit, jedoch nicht aus Pubertät) und aus Zeiten wo „ich ich war“ herzunehmen und sich das Kind von damals anzu schauen: Welche Begabungen hatte dieses Kind? Welche Fähigkeiten? Was war für dieses Kind damals wichtig?
    Menschen, die ihr Leben leben sind lebensvital, lebensbejahend; sie sind sich sicher „das ist mein Leben“, verkörpern Glück pur… Dr. Hadinger erzählt, dass sie diesen Menschen immer wieder die gleiche Frage stellt: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass Sie das gemacht haben, was sie machen? Und immer wieder leuchteten die Augen des Gegenüber und die Antwort lautet: Schon immer war für mich das und das wichtig…
    Es geht darum, den roten Faden des eigenen Lebens zu entdecken und zumindest einen Teil davon leben: Was war das, was für mich schon immer wichtig? „Man kann den eigenen Charakter leben, indem man das realisiert“, sagt Boglarka Hadinger, „werde der oder die du bist.“

Persönlichkeit: Forme dich.

Charakter bedeutet auch, ein „Brandzeichen“ zu haben. Teilweise haben Personen einen ganz starken Charakter – was sie tun, vergisst man nie – sie sind originell, aber nicht immer sind sie Persönlichkeiten. Als Beispiel nennt Hadinger z.B. Onassis, Picasso, Marlene Dietrich oder Coco Chanel und fügt an, dass diese teilweise schwere Wunden in die Menschen in ihrem Umfeld brandten. Man lebte nicht gerne in ihrer Nähe, denn die Menschen wurden kleiner neben ihnen.

Eine Persönlichkeit WIRD man erst – einen Charakter HAT man.

Man beginnt, sich selbst zu formen. Man antwortet aufrecht auf die Aufgaben des Lebens. „Persönlichkeiten leben in wunderbar vitaler Weise Werte wie Gelassenheit, Solidarität, Aufrichtigkeit, Besonnenheit und Mut. Persönlichkeiten lassen sich nicht vom Beifall anderer blenden. Sie tun mehr als sie tun müssen, aber sind unabhängig von Erfolg und Ruhm. Sie können ihre Meinung sagen, ohne andere zu verletzen“, so Hadinger. „In ihrer Nähe können andere wachsen – man muss sich nicht klein, fehlerhaft und schuldig fühlen. Sie setzen sich vehement für eine Idee, ein Ziel, eine Sache ein – wie der SOS-Kinderdorf-Gründer Gmeiner, der einmal sagte: Etwas Großes passiert nur, weil jemand mehr tut, als er muss.“

Persönlichkeiten sind unabhängig vom Erfolg, von Status, von Karrieresprüngen. Es ist nicht der Wert, dass ihr Einsatz etwas bringt, sondern dass sie sich einsetzen können. Sie ruhen in sich. Sie stützen ihren Selbstwert nicht durch Lob von außen, sondern sie sind in tieferen Schichten verankert. Persönlichkeiten ermöglichen wahre Winwin-Situationen, denn andere gewinnen oft mit. Sie sind authentische, echte Menschen und ihre Worte entsprechen ihren Überzeugungen, und ihre Überzeugungen sind wiederum ihre Taten. Sie können verzichten, ohne sich als Opfer ihrer Lebensumstände zu sehen.

Wenn wir blockiert werden, dann können wir uns nicht entfalten: Wir wissen dann nicht, dass wir uns selbst erziehen und formen können.

  • Persönlichkeiten stecken in ihrer Humanität an. Es müssen aber nicht immer große bekannte Persönlichkeiten sein, sondern es können auch Menschen in unserer Umgebung sein.
    Hadinger weist auch darauf hin, dass wir in unserer Zeit zu selten hören „Das ist ein wirklicher Mensch“ – sondern zu häufig werden wir mit anderen Typen konfrontiert wie „Das ist ein sportlicher Typ“, „Das ist ein erfolgreicher Typ“ etc. „Unsere Seele hat zu wenig Orientierungsmöglichkeit.“ so Dr. Hadinger.
  • Das Hässliche und die Reizüberflutung: Das Hässliche, Morbide, Verdorbene kostet der Seele sehr viel Kraft bzw. brauchen wir viel Kraft, um damit umgehen zu können. „Das Schöne fördert das Wachstum der Humanität.“ (Friedrich Schiller).
  • Die Gier: Noch mehr zu haben, noch schneller zu sein, noch effektiver zu sein, mehr zu wachsen, noch erfolgreicher zu sein, noch ruhmreicher… Auf Wachstumszeiten müssen Zeiten der Ruhe folgen. Nach außen hin passiert dann gar nichts. Innen stabilisiert sich die Seele, es kann etwas reifen, es kann etwas wachsen, und dann kann ein nächster Reifeschritt folgen.
  • Die Unversöhntheit: Man kann mit vielem unversöhnt sein: einem anderen Menschen, mit Lebensbedingungen, mich sich selbst. Es gibt viele Gründe dafür, aber es gibt auch einige Wege, da herauszukommen. Langfristig das Unversöhnte in sich zu haben, ist wie Gift für die Seele. Wie Zyankalie für die Seele. In den mittleren Lebensjahren müsste man fragen: Bin ich noch mit jemandem unversöhnt? Trage ich noch extreme Gifte in meiner Seele? Hadere ich noch gegen mich oder jemandem? Hasse ich? Spätestens mit 60 müsste man das loslassen, denn der Zorn und Hass macht die menschlichen Züge und die menschliche Seele bitter.
  • Sich selbst formen: Ohne Selbstformung gibt es keine Persönlichkeit. Sich nicht mit den erstbesten Reaktionen zufrieden geben. Ist es sinnvoll und lebensfreundlich wie ich mit mir und anderen spreche?

Typisch Mann, Typisch Frau:

Typische Fehler als Frauen und Männer: Frauen haben die Fähigkeit, immer wieder Problemgespräche führen zu können, Multitasking zu beherrschen, sich dabei jedoch auch verzetteln zu können. Frauen merken sich Kränkungen sehr lange und erinnern den Betroffenen auch immer wieder daran. Nachts denken sich noch über belastende Gedanken nach und sie haben die Gabe, immer wieder das gleiche Thema aufzuwärmen: Darüber haben wir noch nicht genug gesprochen. Auf ein Lob können sie sehr lange warten – schweigend zusehen und ärgern, wie der Kollege befördert wird.

Männer haben andere Gaben: Sie sagen offen und ehrlich den Kollegen, der Familie etc., dass sie sie für dumm halten. Sie können sich lange und sehr auf eine Sache konzentrieren, aber vergessen dabei Familienfeste und Kindergeburtstage etc. Über die eigenen Erfolge können sie gut reden und die Misserfolge noch in derselben Nacht vergessen.

Zu einer Persönlichkeit wird eine Frau dann, wenn sie neben der Problemorientiertheit auch lösungsorientiert zu denken lernt, wenn sie ihr bildhaftes Denken trainiert und beginnt, ihre Wissens- und Lebensziele, aber auch ihre Persönlichkeitsziele zu visualisieren. Sie kann mit anderen nicht nur über Beziehungen, sondern eben auch über andere Sachfragen reden. Neben der Sorge um andere entwickelt sie Lebenszuversicht und ein Grundvertrauen in ihrem Inneren.

Ein Mann wird zur Persönlichkeit, wenn er lernt, Rückmeldung so zu geben, dass der andere diese auch als wichtige Information annehmen kann. Er lernt rückzufragen: Wie wirkt das auf dich? Was ist deine Meinung?

Persönlichkeiten sind Menschen dann, wenn sie nicht nur typisch denken sondern auch andere Möglichkeiten in Betracht ziehen. 

Es geht darum, die Begabungen anderer wahrzunehmen und diese auch anzusprechen. Persönlichkeiten definieren sich nicht aus einer Rangordnung oder einem Amt. Sie sind nicht einseitig konkurrenzorientiert, sondern sie suchen auch die Kooperation. Sie denken nicht nur daran, wie sie ein Ziel erreichen können, sondern sie bedenken auch den Preis, der für das Ziel zu bezahlen ist. Sie können Gesagtes als Information nehmen und nicht primär als Kritik und sie achten auf die Wirkung ihrer Worte.

Eine Persönlichkeit ist ein in sich ruhender Mensch.

Diese Menschen haben eine tiefe Verankerung: Sie ruhen in sich. Das ist eine wunderbare Möglichkeit und Gabe und jeder sollte kritisch hinterfragen, inwiefern sein Leben in von Menschen gegebenen Dingen verankert ist (wie in bezahlter Arbeit, Ruhm, Statussymbolen, in der Zuwendung von anderen).
Wichtig sind Fragen wie: Worin ist meine Existenz verankert? Wann bin ich extrem verunsichert? Wann ist mein Selbstwert extrem verunsichert?

Hadinger betont, dass Menschen, die in sich ruhen, auch manchmal unsicher, aber nicht so lang in diesem Zustand bleiben. Prinzipiell unterscheidet sie drei Ankermöglichkeiten für die Persönlichkeit:

  • ein lebensfreundlicher Glaube
  • der Glaube an einen tiefen humanen Auftrag (tw. religiös, tw. nicht religiös)
  • Glaube an einen großen letzten Sinn (alles macht zumindest im Nachhinein Sinn)

„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“ (V. Frankl)

Diese Menschen setzen sich für eine bessere Welt ein. Es gilt, sich darauf zu besinnen, was das Leben trägt und ein klares, lebensfreundliches Wertesystem für sich zu entdecken.

Hadinger schlägt vor, eine Liste für sich zu erstellen: Was sind für mich die wichtigsten Werte?
Wenn die Top 3-Wert solche sind wie „die Liebe anderer“, „Ruhm“, „Status“, „ein gutes Benehmen“ etc., dann hat man laut Hadinger ein Problem, denn für die Liebe anderer muss man teilweise die Aufrichtigkeit opfern, für einen Top-Job muss man manchmal die Fairness oder Solidarität opfern. Man sollte sich selbst fragen: Ist das lebensfreundlich oder ist das vielleicht lebensfeindlich?

Victor Frankl: „Nicht wir sind es, die dem Leben Fragen zu stellen haben. Sondern das Leben stellt uns Fragen.“

Fragen, die das Leben uns stellen könnte:

  • Ablösung: Mit 20-25 Jahren geht es um die Frage: Löst du dich von zu Hause ab und wie löst du dich ab? Im Zorn, im Einvernehmen, gar nicht?
  • Streit: Lässt du dich zerbrechen oder bleibst du trotzdem aufrecht?
  • Krankheit: Ist das alles, was du warst? Deine körperliche Gesundheit? Oder kannst du trotz alle dem eine eigene Gesundheit entwickeln?
  • Lässt du dich von einem anderen Menschen vollkommen aus deinem Gleichgewicht werfen? Agierst du auch giftig zurück? Machst du eine klare Grenzziehung? „Wer mich beleidigen darf, entscheide immer ich.“ (E. Roosevelt)

Humor und Milde: Unpersönlichkeitstage gibt es immer – auch bei Persönlichkeiten – und das ist gut und in Ordnung. Es geht darum, mild mit sich zu sein und mit anderen, denn das löst Wohlwollen aus und lässt wachsen. Dadurch wird die Welt leichter und die Seele heller.

Charakter und Persönlichkeiten: Beide Seiten stehen uns offen. Jeder hat Charakteranlagen in sich, aber wir müssen den Mut und die Kreativität entwickeln, um die Grundanlagen leben zu können. Persönlichkeit zu haben bedeutet, eine tiefe, reife Humanität zu leben, die andere stärkt. In beiden Bereichen haben wir Möglichkeiten – auch als Erwachsene. Jeder entscheidet für sich, ob er eine charakterstarke Persönlichkeit wird – es sind nicht die Eltern.

Den Vortrag gibts hier anzuhören.

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Ein zündender Funke im Gehirn: durch Sport.

Der an der Harvard Universität tätige Psychiater John Ratey befasst sich in seinem Buch „Spark: The Revolutionary New Science of Exercise and the Brain“ mit den Auswirkungen, die eine regelmäßige sportliche Betätigung auf das Gehirn hat. An dieser Stelle einige seiner Erkenntnisse:

Sport macht schlau. 

Ratey behauptet, dass ein regelmäßiges Trainieren des Körpers auch zu einem Mehr an Intelligenz führt und bezieht sich dabei auf Erkenntnisse aus den 90er Jahren, die an einer Schule in im Bezirk Naperville, Illinois, gewonnen wurden: Der Turnlehrer Phil Lawler ließ die Schüler wöchentlich eine Meile laufen; für die Benotung war für ihn wichtig, wie sehr sich die Kinder im Turnunterricht angestrengt hatten und nicht, was sie tatsächlich konnten. Es stellte sich heraus, dass sich die Kinder nicht nur konditionell verbesserten, sondern dass sich auch deren Leistungen in den Fächern Mathematik und Naturkunde steigerten.

Sport entspannt.

Studien zeigten, dass Menschen, die regelmäßig Sport betreiben, stressresistenter sind als jene, die nicht trainieren: sie bleiben auch in solchen Situationen entspannt, in denen normalerweise Stresshormone freigesetzt werden. „Nach einem intensiven Workout entspannen sich nicht nur die Muskeln, häufig beruhigen sich auch die Sorgen oder die innere Unruhe“, so der Psychiater.

Sport kann Angst und Depression lindern. 

Ratey berichtet, er habe einige depressive Patienten in Behandlung, die einen Marathon gelaufen seien und den Beginn der depressiven Gefühle mit dem Ende ihres Trainings in Verbindung gebracht hatten. Für den Psychiater klingt dies plausibel, denn durch das Training würden im Gehirn chemische Prozesse gestartet, die in manchen Fällen sogar zu einem Durchbrechen des Teufelskreises von Grübeln, Angst und Traurigkeit führen können.

Wunderdroge „Sport“.

Außerdem unterstütze ein regelmäßiges Workout dabei, Süchte zu kontrollieren, es erhöht die Konzentrationsfähigkeit und bringt den Geist wieder in Schwung.

Bleibt nur noch eines zu sagen: „In die Laufschuhe, fertig, los!“

QUELLE: Ein Interview mit John Ratey  gibts zu lesen bei USA Today – Health & Behavior.



Gelesen: Die Masken der Niedertracht. Seelische Gewalt im Alltag und wie man sich dagegen wehren kann

Marie-France Hirigoyen studierte Medizin und Viktimologie in Frankreich und den USA und praktiziert als Psychoanalytikerin und Familientherapeutin in Paris. In ihrem Buch Die Masken der Niedertracht (2002) fasst sie ihre Erfahrungen als Viktimologin zusammen und versucht, die Dynamik zwischen Täter und Opfer nicht nur verstehbar zu machen, sondern die Gewalt – welche sich sowohl auf privaten als auch beruflichen Schauplätzen abspielen kann – anhand zahlreicher Fallbeispiele auch spürbar zu machen.

Im Großen und Ganzen finde ich, dass Hirigoyen ein wichtiges Buch geschrieben hat, das zu lesen ich durchaus empfehlen kann – nicht zuletzt, weil es flüssig und verständlich geschrieben ist. Dennoch saß ich am Ende mit „gemischten Gefühlen“ da: Vielleicht, weil mich das letzte Kapitel, in welchem es um die Betreuung der Opfer als Patienten geht, nicht zur Gänze überzeugen konnte. Hirigoyen bezieht folgende Position, wenn es um die Auswahl eines „Psychotherapeuten“ geht:

Im Zweifelsfall ist es besser, jemanden zu wählen, der Psychiater oder Psychologe ist; denn es gibt heute alle möglichen Arten von neuen Therapien, die verführerisch sein können, weil sie schnellere Heilung versprechen, deren Wirkungsweise aber der der Sekten recht nahe kommt.

Vielleicht habe ich mich an dieser Stelle als Psychotherapeutin „auf den Schlips getreten“ gefühlt. Ich kenne die Situation in Frankreich und in den USA nicht, aber „Psychotherapie“ ist in Österreich ein Berufsstand, der sogar in einem eigenen Psychotherapiegesetz verankert ist und dessen Ausübung eine sehr umfassende und fundierte Ausbildung vorangeht. Von Kurpfuscherei, esoterischen Therapien etc. also keine Spur; natürlich spielt trotz aller Regeln, Gesetze etc. immer die ethische Haltung sowie die Persönlichkeit des Therapeuten eine große – wenn nicht die wichtigste – Rolle. Deshalb scheint mir das Auseinanderdröseln des Psychotherapieprozesses nach Richtungen nicht sinnvoll (vgl. Wirkprinzipien der Psychotherapie).

Persönlich gefiel mir, dass Hirigoyen die „perverse Gewalt im Alltag“ anhand zahlreicher Fallbeispiele aufzeigt – dadurch ist nicht nur ein abstraktes Verstehen der Dynamik möglich, sondern bis zu einem gewissen Grad auch ein Einfühlen.

Ich möchte in der Folge den Inhalt des Buches kurz zusammenfassen, allerdings empfehle ich jenen Personen, die sich für das Thema interessieren (oder die vielleicht sogar selbst von Gewalt betroffen sind) das Lesen des gesamten Buches! 

Die private Gewalt: Die perverse Gewalt gegenüber dem Lebenspartner und in Familien

Die perverse Gewalt wird häufig bestritten oder banalisiert bzw. verkürzt auf ein einfaches Herrschaftsverhältnis. Sie basiert auf subtilen Aggressionen, die keine greifbaren Spuren hinterlässt. Und sogar Zeugen neigen dazu, die perverse Gewalt als schlichte konfliktbeladene oder leidenschaftliche Beziehung zwischen zwei Personen mit schwierigem Charakter zu deuten. Und auch die Opfer lernen erst im Laufe der Zeit, den Umgang zu erkennen, sich zu wehren und Beweise zusammenzutragen (23).

Zur perversen Gewalt kommt es, wenn das Gefühl in einer Beziehung abflaut, oder aber zu große Nähe besteht (23); es handelt sich um eine Angst, den anderen zu verlieren und gleichzeitig von ihm vereinnahmt zu werden. Das Opfer wird durch das Verhalten des Täters gelähmt; es wird in einen Zustand der Ungewissheit manövriert (24). Diese Entwicklung ist nur möglich durch zu große Nachsicht es Partners; Hirigoyen erklärt diese Nachsicht durch „Familientreue“, welche sich beispielsweise so zeigt, dass innerhalb der Familie das nachgeahmt wird, was ein Verwandter erlebt hat; oder in der Annahme der Rolle eines Heilers für den Narzissmus des anderen; es handle sich um eine Art „Sendung“, bei der sich die Person aufopfern muss (25).

Laut Hirigoyen steht die Weigerung, die Verantwortung für das Scheitern einer Ehe auf sich zu nehmen, oft am Anfang eines perversen Umkippens. Je höher das Idealbild vom Partner war, desto stärker ist die Verleugnung des eigenen Anteils am Scheitern – am Ende wird ausschließlich der Partner dafür verantwortlich gemacht; und das meist auf Basis von Fehlern, die nicht genau benannt werden können. Das Opfer verharrt in einem Angstzustand, weil der Partner das Gespräch verweigert. Zorn und Schmach sind die Reaktion auf dieses Verhalten: die Schmach, nicht geliebt worden zu sein, sowie die Demütigungen geduldet zu haben, sich gefügt zu haben. Es kommt zu vertauschten Rollen, indem der Aggressor zum Opfer wird und die Schuld beim eigentlichen Opfer bleibt (31f). Indess richtet der Täter seine Liebe auf einen neuen Partner, idealisiert diesen – und damit das wiederum möglich ist, muss der frühere Partner zum Sündenbock gemacht werden, indem alles Schlechte auf diesen projiziert wird (41).

Diese Dynamik kann nur aufgelöst werden, indem das Opfer seine Ohnmacht erkennt und damit auch akzeptiert, dass es nichts tun kann; Wenn es ein ausreichend gutes Selbstbild gewinnt, kann die Aggression des Täters seine Identität nicht mehr in Frage stellen (41).

Leider unterbricht selbst eine Trennung die Gewalt oft nicht: diese setzt sich meist auch noch nach dem Beziehungsende fort, wobei der Täter selbst davor nicht zurückscheut, die Kinder für seine Gewalt zu benutzen (42). Indem die Kinder in die gewalttätigen Verstrickungen einbezogen werden, wird Gewalt über Generationen hinweg in einer Familie weitergegeben. Nicht nur, dass Kinder für derartige Rachefeldzüge eines Elternteils gegen einen anderen missbraucht werden, als schwächstes Glied der Kette erfahren sie selbst Gewalt von ihren Eltern. Alice Miller spricht von „schwarzer Pädagogik“, wenn sie die schlimmen Folgen der traditionellen Erziehung aufzeigt, welche den Zweck verfolgt, den Willen des Kindes zu brechen, um aus ihm ein fügsames und gehorsames Wesen zu machen. Das Kind schafft es nicht, sich der „überwältigenden Kraft und Autorität des Erwachsenen“ zu widersetzen, wird stumm und seiner Sinne braubt (51).

Gewalt am Arbeitsplatz

Unter Mobbing am Arbeitsplatz ist jede Verhaltensweise zu verstehen, die durch das bewusste Überschreiten von Grenzen – in Benehmen, Handlungen, Gesten, mündlichen oder schriftlichen Äußerungen – die Persönlichkeit, die Würde oder die physische bzw. psychische Unversehrtheit einer Person beeinträchtigen, deren Anstellung gefährden oder das Arbeitsklima verschlechtern kann. (69)

In ihren Ausführungen trifft Hirigoyen keine begriffliche Unterscheidung zwischen Mobbing und Bossing, wenngleich sie dennoch Beispiele aus beiden Bereichen bringt. 

Sie schreibt, dass der „psychologische Krieg am Arbeitsplatz“ zwei Erscheinungsformen kennt: den Machtmissbrauch, der sehr rasch entlarvt und von den Arbeitnehmern nicht unbedingt hingenommen wird und die perverse Manipulation, die viel hinterhältiger ist und deshalb mehr Schaden anrichtet (70).

Nicht nur die Angst vor der Arbeitslosigkeit lähmt die Opfer, sondern es wird durch verschiedene psychologische Methoden „psychologisch gefesselt“ bis es sein kritisches Urteilsvermögen verliert und nicht mehr weiß, wer recht hat und wer unrecht: Es wird ihm vom Täter die unmittelbare Kommunikation verweigert, es wird herabgewürdigt, diskreditiert, isoliert, schikaniert, zu Fehlern verleitet und/oder sexuell belästigt (80ff).

Problematisch ist, wenn ein Unternehmen Mobbing gewähren lässt (99) oder in manchen Fällen sogar fördert (105). Nicht nur, dass Menschen an Mobbing richtiggehend zerbrechen können, die Billigung einer derartigen Unternehmenskultur ist auch für das Unternehmen mit wirtschaftlichen Folgen verbunden: Die Verschlechterung des Arbeitsklimas hat eine erhebliche Leistungs- oder Ertragsminderung in einer Abteilung oder Belegschaft zur Folge, denn das Austragen des Konflikts wird zum Hauptinteresse aller Beteiligten: des Aggressors, des Angegriffenen und teilweise sogar der Zeugen, die sich nicht mehr auf ihre Arbeit konzentrieren können. Es ist die Aufgabe der Entscheidungsträger in einem Unternehmen, Quälereien zurückzuweisen, den Dingen nicht freien Lauf zu lassen und darüber zu wachen, dass der Mensch auf jeder Rangstufe eines Unternehmens geachtet wird (110).

Die perverse Beziehung und die Protagonisten

Hirigoyen beschreibt in einem weiteren Teil des Buches, wie es zu einer derartigen Täter-Opfer-Beziehung kommt und ergründet jeweils die Persönlichkeit von Täter und Opfer.

Laut der Autorin stellt sich eine perverse Beziehung in zwei Phasen ein: In der perversen Verführung und der darauffolgenden Gewalt (115). In der Verführungsphase ist es das Ziel, das Opfer zu destabilisieren und sein Selbstvertrauen zu sabotieren. Die Beeinflussung besteht darin, jemanden, ohne zu argumentieren, dahin zu bringen, dass er anders denkt, entscheidet oder sich benimmt, als er dies aus eigenem Antrieb getan hätte; der Täter stimmt dabei seine Verführung und Manipulation auf die Empfindlichkeit und Verletzlichkeit des anderen ab (116). Hirigoyen unterscheidet drei Stufen der „geistigen oder seelischen Beherrschung des anderen“: Aneignung durch Enteignung; Beherrschung (der andere wird in einem Status der Unterwerfung gehalten); Prägung (ein „Brandzeichen“ soll ihm aufgenötigt werden) (117).

Auch auf die Formen der Kommunikation geht die Autorin ein, wobei sie von der „Illusion der Kommunikation“ spricht; sie nennt sie „eine eigenartige Kommunikation, nicht geschaffen, um zu verbinden, sondern fernzuhalten und jeglichen Austausch zu verhindern“ (121). Dafür bedient sich der Aggressor folgender Methoden: z.B. die unmittelbare Kommunikation verweigern (121), die Sprache entstellen (123), lügen (126), Sarkasmus, Spott und Verachtung (128), Herabsetzen (136), Trennung, um besser herrschen zu können (137), seine Herrschaft aufzwingen (139), vom Paradox Gebrauch machen (132; z.B. mit Worten etwas ausdrücken, was mittels Gesichtsausdruck gleich wieder negiert wird; dadurch werden Zweifel über mehr oder minder unbedeutende Vorkommnisse des Alltags ausgestreut).

Wenn der andere sich dem beherrschenden Einfluss zu widersetzen beginnt, wird er vom bisher nützlichen Objekt zum gefährlichen Objekt, welches – egal mit welchen Mitteln – beseitigt werden muss: Der Aggressor beginnt, seinen Hass zu zeigen, es kommt zur Ausübung von Gewalt – mit dem Ziel, den anderen in die Enge zu treiben (143ff).

Der Aggressor

Der Täter hat in der Regel eine pervertierte narzisstische Persönlichkeit, welche laut Hirigoyen meist fünf oder mehr der folgenden Merkmale aufweist (154):

– die Person hat eine großartige Meinung von ihrer eigenen Bedeutung;
– verzehrt sich in Phantasien von grenzenlosem Erfolg, von Macht;
– glaubt, etwas „Besonderes“ und einzigartig zu sein;
– hat ein übermäßiges Bedürfnis, bewundert zu werden;
– meint, ihr stehe alles zu, man schulde ihr alles;
– beutet in zwischenmenschlichen Beziehungen den anderen aus;
– es fehlt ihr an Empathie;
– beneidet häufig die anderen;
– legt überhebliche Haltung und Verhaltensweisen an den Tag.

Das Opfer

Ausgewählt wird ein Opfer laut Hirigoyen von seinem Aggressor „einfach, weil es da war und weil es irgendwie unbequem wurde. Es hat nichts Eigentümliches für den Aggressor. Es ist ein austauschbares Objekt, das im falschen/richtigen Augenblick da war und den Fehler begangen hat, sich verführen zu lassen – und manchmal den, einen zu hellen Kopf zu haben.“ (167)

Allein die Hinnahme des Schicksals seitens des Opfers erstaunt vielleicht auf den ersten Blick; dennoch unterscheiden sie sich von den Masochisten durch das unendliche Befreiungsgefühl, welches sie empfinden, wenn es ihnen durch ungeheure Anstrengung gelingt, sich zu lösen. Sie sind erleichtert, weil Leiden als solches sie – im Gegensatz zu echten Masochisten – eben nicht interessiert (171).

Wenn sie sich manchmal über längere Zeit hin auf das perverse Spiel eingelassen haben, dann eher, weil sie wirklich lebendig sind und weil sie Leben geben wollen, und sich sogar an die unmögliche Aufgabe heranwagen, einem Perversen zu Leben zu verhelfen: „Mit mir wird er sich ändern!“

Ihre Tatkraft ist allerdings mit einer gewissen „Schwäche“ gekoppelt. Indem sie sich in das unmögliche Unterfangen stürzen, Tote aufzuerwecken, beweisen sie eine gewisse Überschätzung ihrer eigenen Kräfte.

Das ideale Opfer beschreibt Hirigoyen als „eine gewissenhafte Person mit einem natürlichen Hang, sich schuldig zu fühlen“ (172).

Die potentiellen Opfer sind Träger einer partiellen Melancholie. Einerseits gibt es in ihnen einen schmerzlichen Punkt, der eventuell mit einem kindlichen Trauma zusammenhängt, andererseits besitzen sie sehr große Vitalität. Die Perversen, so Hirigoyen, attackieren nicht die melancholische Seite, sondern die lebendige, die Vitalität, die sie wahrnehmen und sich anzueignen suchen (175).

Zusätzlich erscheint das Opfer als naiv und leichtgläubig. Es kann sich nicht vorstellen, dass der andere von Grund auf ein Zerstörer ist, und versucht, logische Erklärungen zu finden; es versucht, Missverständnisse zu vermeiden und will „transparent“ erscheinen. Die Opfer versuchen sich dem anzupassen, was der andere will und sind zunächst verständnisvoll. Sie verstehen oder verzeihen, weil sie lieben oder bewundern. Sie glauben, alles verstehen, alles vergeben, alles rechtfertigen zu können. Sie sind überzeugt, sie würden im Gespräch eine Lösung finden und nähren die Hoffnung, der andere würde sich ändern (176f).

Die Opfer verstehen, aber gleichzeitig „sehen“ sie. Sie besitzen eine Hyperhellsichtigkeit, die sie dazu führt, die Anfälligkeit, die Schwächen ihrer Aggressoren zu benennen. … Wenn sie anfangen, zu benennen, was sie verstanden haben, werden sie gefährlich.

Folgen für das Opfer und Übernahme der Verantwortung

Verzicht: Während der Phase der Beherrschung nehmen noch beide Protagonisten eine Haltung des Verzichts ein, mit dem Ziel, den Konflikt zu vermeiden: Der Aggressor greift durch kleine indirekte Sticheleien an, provoziert jedoch nicht offen; und das Opfer unterwirft sich aus Furcht vor einem Konflikt, welcher zu einem Bruch führen könnte. In gewisser Weise gehen beide ein Bündnis ein (182).  

Verwirrung: Das Sichentfalten des beherrschenden Einflusses verwirrt das Opfer, sodass sich bei diesem ein Gefühl einstellt, einen leeren Kopf zu haben; das Denken fällt ihm schwer. Dieser Zustand wiederum erzeugt Stress im Opfer (183).

Zweifel: Durch den Zustand der Betäubung trifft die offene Gewalt das Opfer unvorbereitet; es fühlt sich „wie vom Blitz getroffen“ und bestreitet die Wirklichkeit dessen, was es nicht begreifen kann. Es versucht, zu verstehen und sucht nach logischen Erklärungen. Das Opfer sucht nach seinem Anteil am Zustandekommen der Gewalt und übernimmt häufig die Verantwortung für den zerstörerischen Prozess; am Ende bleibt der Aggressor schuldfrei und das Opfer tritt in die Position des Schuldigen. Dieses Schuldgefühl wird leider immer wieder von der Umgebung noch zusätzlich verstärkt, da diese – ihrerseits verwirrt – selten imstande ist, Hilfe zu leisten. So kommt es zu Urteilen, gefühllosen Kommentaren oder Erklärungen der Situation, die dem Opfer im Endeffekt nicht helfen: Ratschläge, „wie jemand eher sein soll“ oder „was er tun oder lassen soll“, „womit die Gewalt provoziert worden sein könnte“ etc. (183f).

Stress: Der Organismus reagiert auf den Stresszustand auf verschieden Art und Weise: durch die Produktion von Hormonstoffen, durch eine Schwächung des Immunsystems, durch die Veränderung der Neurotransmitter im Gehirn. Der chronische Stresszustand führt zu einem allgemeinen inneren Angstzustand – mit anhaltender Furcht und Furchtvorwegnahme sowie ängstlichen Grübeleien, die das Opfer nur schwer beherrschen kann. Es ist ein Zustand ständiger Spannung und übermäßiger Wachsamkeit (186f).

Angst: Das Opfer ist permanent auf der Hut, belauert den Blick des anderen oder die Schroffheit seiner Gebärden, den eisigen Ton, der eine unausgesprochene Aggressivität verdecken könnte. Es fürchtet die Reaktion des anderen und zeigt sich aus diesem Grund immer liebenswürdiger und versöhnlicher. Noch immer wiegt es sich in der Illusion, der Hass könne sich in Liebe und Wohlwollen auflösen (187f).

Vereinsamung: Immer wieder fühlen sich Opfer alleingelassen, denn selbst Freunde distanzieren sich, indem sie „da nicht hineingezogen werden wollen“. In der Folge zweifeln die Betroffenen an den eigenen Wahrnehmungen und fragen sich, ob sie nicht übertrieben haben könnten (188f).

Zu den längerfristigen Folgen von perverser Gewalt zählt Hirigoyen folgende Merkmale:

Schock: Durch das Bewusstwerden der Aggression finden sich die Opfer in einem Schockzustand wieder: sie fühlen sich getäuscht, missbraucht, missachtet. Erst spät entdecken sie, dass sie Opfer sind. Sie verlieren die Achtung vor sich selbst sowie ihre Würde, sie schämen sich der Reaktionen die diese Manipulation in ihnen wachgerufen hat. Die Scham entsteht laut Hirigoyen dadurch, dass ihnen bewusst wird, dass sie die Gewalt des anderen zugelassen haben. Auch wenn sich manche an ihrem Täter rächen wollen, suchen die meisten lediglich nach einer Rehabilitierung und wollen die eigene Identität wieder anerkennen (190f).

Dekompensation: Wenn der Mensch keine Ressourcen mehr hat, den vorhandenen Stress abzubauen, kommt es zur Dekompensation: darunter ist ein generalisierter Zustand der Beklommenheit zu verstehen, der häufig in Kombination mit psychosomatischen Störungen oder Depression einhergeht. Nicht alle Menschen reagieren auf psychischer Ebene, zu den körperlichen Reaktionen zählen Essstörungen, Schwächeanfälle etc. (191ff).

Trennung: Neben dem sich Fügen in die Situation ist der Kampf um eine Trennung die zweite Möglichkeit des Umgangs mit perverser Gewalt. Laut Hirigoyen ist eine Trennung immer das Werk des Opfers, nie das des Aggressors. Zurück bleibt jedoch meist ein Täter, der sich beklagt, geschädigt worden zu sein, während das Opfer tatsächlich jene Person ist, die alles verliert (194ff).

Die spätere Entwicklung: Die körperliche Entfernung vom Aggressor bedeutet anfangs eine Befreiung für das Opfer; nach der ersten Phase der Erschütterung erwacht wieder ein Interesse an der Arbeit und an Hobbys bzw. auch eine Neugier auf die Welt und auf Menschen. Dennoch klingt bei vielen die traumatische Erfahrung noch lange Zeit nach und zeigt sich in verzögerten psychischen oder somatischen Störungen: Eine allgemeine Beklemmung, chronische Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Kopfweh, verschiedene Schmerzen oder psychosomatische Störungen (Bulimie, Alkoholismus, Drogenabhängigkeit). Einige Opfer klagen nachträglich auch über unkontrollierbare Aggressivität und viele entwickeln ein „Ausweichverhalten“, indem sie sich Strategien zurecht legen, nicht an das ’stressige‘ Ereignis denken zu müssen. Sie meiden alles, was sie an die schmerzlichen Erfahrungen erinnern könnte. Dennoch sind letzten Endes die Aggressionen und Demütigungen ins Gedächtnis eingeschrieben und leben wieder auf in intensiven und sich wiederholenden Bildern, Gedanken, Erschütterungen.

Ein Opfer, das jedoch Bedauern von seinem Täter erhofft, wartet meist vergeblich; Reue kommt laut der Autorin maximal von der Umgebung – von den stummen Zeugen oder Mittätern – die zumindest nachträglich ihrem Bedauern Ausdruck verleihen (196ff).

Praktische Ratschläge für Betroffene

Hirigoyen beginnt dieses Kapitel wie folgt:

Gegenüber einem Perversen gewinnt man niemals. Bestenfalls kann man etwas über sich selbst lernen. (201)

Dementsprechend sind die notwendigen Schritte der Befreiung: Erkennen – Handeln – innerlich widerstehen (sich dafür gegebenenfalls Unterstützung holen) – die Justiz einschalten. Dieses Prozedere gilt im Prinzip sowohl für den Umgang mit familiärer als auch beruflicher Gewalt.

Wie heilen?

Laut Hirigoyen ist meist psychotherapeutische Hilfe für den Heilungsprozess unerlässlich. Gemeinsam mit dem Psychotherapeuten kann das Opfer lernen, die Perversion beim Namen zu nennen. Dafür ist es unerlässlich, dass der Therapeut das Trauma des Hilfesuchenden als etwas Geschehenes anerkennt. Das Ziel der Therapie ist es, dass der Patient wieder Zugang zu seiner Freiheit findet – dafür ist es jedoch notwendig, die Zweideutigkeit zu beseitigen und Unausgesprochenes besprechbar zu machen. Nur so kann sich das Opfer von seinen Schuldgefühlen befreien kann (219ff).

Literatur:

Marie-France HIRIGOYEN: Die Masken der Niedertracht: Seelische Gewalt im Alltag und wie man sich dagegen wehren kann. dtv-Verlag, 7. Auflage, München: 2007.



Verarbeitung psychischer Konflikte: Der angstneurotische Modus

Angst als gesundes Signal der Psyche.

Wer sich fürchtet, dem will die eigene Psyche etwas sagen. Angst ist somit ein Warnsignal für den Betroffenen und in diesem Sinne eine durchaus gesunde Leistung des Ich. Sie hat die Aufgabe, uns vor etwas zu schützen. Es gibt jedoch Ausprägungen von Angst, die über diese Signalfunktion hinausgehen: Das ist dann der Fall, wenn die Angst übermäßig groß wird und in einem „angstneurotischen Anfall“ mündet – besser bekannt als „Panikattacke“.   

Panikattacken: plötzlich, intensiv, nicht fassbar.

Darunter versteht man einen plötzlichen Zustand intensiver Angst, wobei diese nicht fassbar ist. Die Angst zeigt sich häufig „körperlich“: in Form einer ausgeprägten Beschleunigung der Pulsfrequenz, einem Ansteigen des Blutdrucks, Schweißausbrüchen, Gesichtsröte, einer tiefen und forcierten Atmung und anderen körperlichen Erscheinungen. Der Betroffene befürchtet durch die Panikattacke einen Herzstillstand, ein Schwindelgefühl, eine Hirnblutung oder ähnliches zu erleiden. Dieser Zustand erstreckt sich meist über einen Zeitraum zwischen fünf Minuten und einer Stunde.  

Die Angst, sich selbst zu verlieren

Hinter einer Panikattacke steht die Angst, „sich selbst zu verlieren“ – und zwar psychisch nicht mehr zu existieren. Aus dieser ursprünglichen Selbstverlustangst wird eine Angst vor dem angeblichen Versagen körperlicher Funktionen oder vor dem Angstanfall selbst.  

Angst, mit der Bezugsperson auch die Sicherheit zu verlieren.

Trennungssituationen stellen die häufigsten Auslöser von Panikattacken dar: Der angstneurotische Patient beantwortet eine Trennung oder einen Verlust nicht (wie normalerweise) mit seelischem Schmerz, sondern mit existentieller Angst. Das kann dann passieren, wenn es zur Trennung von einer wichtigen Bezugsperson kommt, die für den Betroffenen die Funktion hatte, ihm das Gefühl der Sicherheit zu geben.  

Alles hat seinen Preis: „Sicherheit“ gegen „Verdrängte Wut“

Unabhängigkeitsbestrebungen und die damit zusammenhängenden Aggressionen gegen wichtige, Sicherheit bietende Personen sind für angstneurotische Menschen gefährlich, denn sie könnten letzten Endes zu einer Trennung führen. Da eine Trennung gleichzeitig einen Verlust der Sicherheit bedeuten würde, müssen Aggressionen gegen diese Personen weitestgehend verdrängt werden.  

Literatur: Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 171-181.



Verarbeitung psychischer Konflikte: Der phobische Modus

Das Wort „Pobie“ wird vom griechischen Wort „Phobos“ abgeleitet, was so viel bedeutet wie „Furcht“. Aus diesem Grund geht es bei Phobien auch um Furcht, und zwar um unbegründete oder jedenfalls – rein sachlich gesehen – eine nicht gerechtfertigte Furcht vor bestimmten Situationen oder Dingen: Klaustrophobie (=Angst vor geschlossenen Räumen), Tierphobie, Brückenphobie, Höhenphobie etc.

Verschiebung und Vermeidung: Eine Angst benutzen, um einer anderen aus dem Weg zu gehen.

Bei einer Phobie kommt es zu einer so genannten „Verschiebung“: aus der inneren Gefahr wird eine äußere geschaffen – und zwar eine Gefahr, die den „Vorteil“ hat, dass sie eben leicht vermieden werden kann. Man benutzt damit eine Angst, um sich nicht mit einer anderen auseinandersetzen zu müssen. Bei der Unterscheidung, wovor man eine Phobie entwickelt, kann von folgende Unterscheidung getroffen werden:

  • Die Phobie kann auf Symbole übertragen werden: z.B. ein spitzes Messer oder eine Schere können mit Aggression in Zusammenhang gebracht werden.
  • Die Phobie entsteht als Reaktionsbildung auf eine Erfahrung: z.B. aufgrund einer Explosion in einem chemischen Labor entwickelt jemand eine Phobie vor chemischen Gerüchen.

Fallbeispiel: Von der Brücke zur Schwiegermutter zur Mutter.

Beispiel: Eine Frau hat ein angespanntes Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter und fährt mit ihr gemeinsam über eine Autobahnbrücke als sie plötzlich den Impuls hat, das Steuer nach rechts zu reißen und sich samt ihrer Schwiegermutter von der Brücke zu stürzen. Sie tut es nicht und verdrängt diesen aggressiven Impuls gegen sich und die Schwiegermutter sogleich. Die Frau entwickelt jedoch eine Angst vor Brücken, die selbst dann auftritt, wenn sie alleine im Auto sitzt. In der Psychotherapie kann sie herausfinden, wann die Brückenphobie erstmals aufgetreten ist und erkennt in weiterer Folge, dass der Konflikt mit der Schwiegermutter im Grunde eine Erfahrung mit ihrer eigenen Mutter wieder belebt hat.

Angst vor Liebesverlust: zwei, drei… eins?

Konflikte, die v.a. mittels phobischen Modus verarbeitet werden, gehen häufig in die Zeit zurück, wo der Vater als dritter Faktor in die Beziehung zwischen Mutter und Kind kommt und die  Zweierbeziehung aufbricht. Das Kind entwickelt eine Angst, die Liebe der Mutter zu verlieren – z.B. eben an den Vater.

Literatur:

Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 165-171