Hermine Mandl Weblog


Psychosomatische Medizin – kurz und gut erklärt.

Dr. Cora Stefanie Weber, Oberärztin der Abteilung Psychosomatik und Psychotherapie, Charité an der Universitätsmedizin Berlin, erklärt in einem DW-Expertengespräch auf einfache und verständliche Weise, womit sich Psychosomatische Medizin befasst.

Der Mensch kann seine kognitiven Fähigkeiten bewusst beeinflussen – dazu zählen u.a. Aufmerksamkeit, Erinnerung, Lernen, Kreativität, Planen, Orientieren, Imagination, Argumentation, Introspektion, Wille.

Im Gegensatz dazu haben wir auf unser autonomes Nervensystem (ANS) keinen direkten Einfluss. Dieses kontrolliert lebenswichtige Funktionen („Vitalfunktionen“) wie Atmung, Verdauung und Stoffwechsel sowie einzelne Organe oder Organsysteme. Es spielt bei den sogenannten Zivilisationserkrankungen eine große Rolle, welche in den westlichen Industrieländern häufig vorkommen – darunter Bluthochdruck, Herzinfarkte oder Diabetes.

Wird das autonome Nervensystem durch chronischen oder unbewussten Stress überbeansprucht, so übernimmt der Körper über das autonome Nervensystem die Regie und der Patient entwickelt körperliche Symptome – z.B. wird der Herzschlag beschleunigt, der Blutdruck erhöht und ein tritt Schwindelgefühl auf.

Tipp:
DW-Interview mit Dr. Cora Weber http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=42Ky0DvTSiU

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Gehört: Viktor Frankl: Auf der Suche nach dem Sinn.
Oktober 16, 2008, 8:48 pm
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Die Sendung „Focus“ des Radios Vorarlberg ist eine wahre Fundgrube an inspirierenden Vorträgen. Hier eine kurze Zusammenfassung einer Focus-Sendung mit Auszügen aus dem Vortrag „Bewältigung der Vergänglichkeit“ (1984) von Viktor Frankl. Focus gestaltete diesen Beitrag aus Anlass des 10. Todestages des österreichischen Psychiaters: Univ.-Prof. Dr. Viktor E. Frankl starb am 2. September 1997 im Alter von 92 Jahren.

Die großen Fragen unseres Daseins

Laut Frankl ist der Mensch ein Wesen, das unentwegt nach Sinn strebt und nach Sinn sucht. Der Mensch ist demnach ein „sinnorientiert“ und „wird er fündig, wird er glücklich“, so der Psychiater. Wer einen Sinn gefunden hat, wird glücklich und leidensfähig, denn er wird „frustrationstolerant“: er kann Opfer bringen – sei es für andere Menschen oder für Gottes Willen – und er kann Verzicht leisten um einer Sache Willen.

Die einzige Möglichkeit, das Leben zu ertragen, ist immer, eine Aufgabe zu erfüllen und zu haben.

„Wenn der Mensch keinen Sinn sieht, keine Vision einer frei gewählten Aufgabe vor sich hat, wird er unglücklich und ‚lebensunfähig’“, so Frankl und bekräftigt dies mit einem Zitat von Albert Einstein: „Der Mensch, der keinen Sinn für sein Leben gefunden hat, ist nicht nur unglücklich, sondern auch lebensunfähig.“

Die Arbeitslosigkeitsneurose: Krank aufgrund eines sinnlosen Daseins.

Vor inzwischen über 60 Jahren prägte Frankl den Begriff „Arbeitslosigkeitsneurose“ und weist darauf hin, dass dieses Phänomen nach wie vor Gültigkeit hat: Der Arbeitslose, der in eine Depression fällt und suizidgefährdet wird, leidet nicht primär an der Arbeitslosigkeit, sondern an einer doppelten Identifizierung: „Arbeitslos sein heißt nutzlos sein und nutzlos sein heißt sinnlos leben.“ Nach den Erfahrungen Frankls ist eben dieser Umstand dafür auslösend, dass jemand deprimiert und selbstmordgefährdet wird.

Frankl erzählt von seinen eigenen Erfahrungen, als er Jugendlichen dabei half, freiwillige – sinnvolle – Funktionen zu übernehmen (z.B. unentgeltliche Mitarbeit in einer Bibliothek) und wie deren Depressionen dadurch verschwanden.

Der Psychiater merkte an dieser Stelle das Problem unserer Freizeitgesellschaft kritisch an, wonach gerade in der Freizeit die innere Leere und das Sinnlosigkeitsgefühl aufbrechen. Auch das Arbeitslosenproblem sei mit Arbeitszeitverkürzungen nicht in den Griff zu bekommen, wie auch die Pensionierungskrise eine Sinnkrise sei: „Die Leute wissen nicht, was sie mit ihrer Freizeit anfangen sollen. Die Frühpensionierung ist nicht nur sozialpolitisch lösbar – man muss auch die psychischen Probleme berücksichtigen.“

Kompensatorische Mechanismen im Menschen: Schwächen und Defekte ausgleichen

Frankl erzählt von einer Klettererfahrung, die er gemeinsam mit einem Bergführer machte: Letzterer hatte ihn darauf hingewiesen, dass man merke, dass Frankls Kräfte aufgrund seines Alters bereits nachlassen, jedoch könne man von ihm das Klettern lernen. Enthusiastisch beschrieb Frankl seine Freude über dieses Lob eines so erfahrenen Bergführers und will damit verdeutlichen, dass das Nachlassen der Kräfte und Zunehmen von Schwächen und Defekten kein Grund dafür sei, zu verzweifeln, denn es gäbe kompensatorische Mechanismen – so genannte Copingmechanismen: Die Kraft lässt nach, aber die Technik wird besser.

Das Problem des Aufhörens ist eines des Anfangens

Irgendwann stellt sich jeder Mensch die Frage: Soll ich aufhören? Aber geht es nach Frankl, dann gibt es unzählige Leute, die eher darunter leiden, dass sie gar nicht angefangen haben – sie haben ihr Leben noch nicht gelebt. Was folgt, ist oft die so genannte „Midlife-Crisis“, die dann eintritt, wenn man mit dem bisherigen Lebenskonzept an eine Grenze kommt und sich entscheiden muss, wie man weitermachen will.

Verzweiflung aufgrund der Vergötzung eines bestimmten Wertes

Viktor Frankl zitiert an dieser Stelle eine amerikanische Studie, in welcher 100 ehemalige Harvard-Studenten untersucht wurden: Es waren lauter Personen, die in Harvard dissertiert hatten und 20 Jahre später berühmte Rechtsanwälte, Ärzte, Psychiater, Chirurgen etc. geworden waren. Dennoch waren viele unter ihnen verzweifelt. Warum? Frankl sieht das Problem in der Verabsolutierung eines Wertes und fügt ein weiteres Beispiel zur Illustration an: Eine Frau, die den Wert hat, sie müsse heiraten und Kinder bekommen und diesen Wert als einzig gültigen annimmt, programmiert sich selbst für die Verzweiflung. Es sei notwendig, diesen Vergötzungsprozess rückgängig zu machen und den Sinn im Augenblick zu finden.

Der Sinn im Augenblick

Die Sinnmöglichkeiten seien in jeder Minute andere: „Hier und jetzt offeriert mir das Leben einen Sinn!“ so Viktor Frankl. Sei es, dass man aktiv gestalte oder rezeptiv wahrnimmt, dass die Wesenheit eines Menschen aufnimmt, dass man liebt…

Wichtig sind die Sinnmöglichkeiten! Aber ich muss offen bleiben, um zu bemerken, was sich tut: Was bietet mir das Leben an? „Wichtig ist, flexibel und elastisch zu bleiben und dankbar dafür, was das Leben bietet“, so der Psychiater und zitiert seinen Freund Paul Boller: „Du kannst dem Leben keine Bedingungen stellen.“

Das Leiden am sinnlosen Leben: Wie kann man Sinn finden, Sinn entdecken?

Wie ein Bildhauer sein Werk aus dem Stein herausschlägt, so gilt es auch den Sinn aus dem eigenen Leben herauszuschlagen. Aber wie es beim Schachspiel keinen besten Zug gibt, so gibt es auch keinen „besten“ Weg auf der Sinnsuche. Es hängt von vielen Faktoren – wie etwa die Umstände, dem Umfeld, der eigenen Person – ab: Aber je umfassender der Lebenssinn ist, umso weniger fasslich ist er. Er entzieht sich dem rationalen Zugriff unseres beschränkten Verstandes.

Frankl illustriert dies am Beispiel eines Kinofilms: Dieser besteht aus vielen Einzelbildern und Einzelszenen, die für sich genommen bereits einen Sinn haben, den man erfassen kann; aber den Endsinn, den Sinn des Ganzen und Großen, kann man erst verstehen, wenn man den ganzen Film anschaut. So ist es auch im Leben: Den Sinn des eigenen Lebens erfassen wir, wenn wir auf dem Sterbebett liegen. „Wir könnten ihn jedoch niemals verwirklicht haben, wenn wir nicht jede einzelne Lebenssituation nach bestem Wissen und Unwissen erfüllt hätten“, so Viktor Frankl und betont weiters, dass Sinn weder gegeben noch verordnet werden kann – jeder muss ihn für sich finden.

Aber der Sinn muss nicht großartig sein: Frankl bringt das Beispiel eines Müllmannes, der das deutsche Bundesverdienstkreuz erhielt, weil er aus Sperrmüll Spielzeug heraussuchte, dieses in den Abendstunden wieder instand setzte und in der Folge an Bedürftige verteilte. Es gelang diesem Mann damit, seiner Tätigkeit einen zusätzlichen Sinn abzuringen.

Bedroht Krankheit den Sinn des Lebens?

Durch Taten, Erleben und Lieben kann man Sinn aus dem Leben ziehen. Selbst in unausweichlichem Schicksal ist es noch immer möglich, einen Sinn aus dem Leben ziehen zu können und dadurch eine persönliche Tragödie in einen Triumph zu verwandeln. Aber niemand kann Heroismus von jemandem anderen verlangen – das könne man nur von sich selbst. Jedoch können die Helfer auf Vorbilder verweisen. „Die ‚Sinnlehre’ kann nicht gelehrt werden“, so Frankl und erklärt, dass es jedoch Lehrer gibt, die sie uns lernen – es seien die Patienten – die eine Sinnleere durchlebt und durchlitten haben. Es sind jene Menschen, die nach Unfällen querschnittsgelähmt waren, jene, die an Krebs erkrankten etc. Oder auch Jerry Long, einen jungen Amerikaner, mit dem Frankl im Briefkontakt stand: Mit 17 Jahren hatte sich Jerry Long bei einem Tauchversuch das Genick gebrochen und war fortan vom Kopf abwärts gelähmt. Er konnte noch mittels Zucken seiner linker Achsel ein Telekommunikationssystem in Aktion setzen oder Tippen, indem er ein Stäbchen zwischen seinen Zähnen hielt. Jerry studierte Psychologie und vertrat die Ansicht, dass ihm das Leiden dazu dient, aus ihm einen besseren psychologischen Berater zu machen.

Aber Frankl verweist auch darauf, dass man die Ursachen des Leidens beseitigen muss, wenn man es kann, betont jedoch, dass eine Sinnerfüllung auch dann möglich ist, wenn wir mit einem Leidenszustand konfrontiert werden, wo ein Leiden nicht behoben werden kann. Man solle nach Möglichkeit aktiv eingreifen, aber sonst auch trotz des Leidens im Leben Sinnmöglichkeit sehen und fühlen. Das Leben ist auch sinnvoll in äußersten und extremen Leidenszuständen und bis zum Tod.

Die Fähigkeit, einen Sinn zu erfassen und Sinnmöglichkeiten wahrzunehmen ist kurz vor dem Tod und in chronischen Leidenszuständen höher als beim durchschnittlichen Menschen. Die „Alertness“ bzw. Sensibilität nimmt im Alter, im Leiden, vor Tod zu. Und so ist das Ende des Lebens immer eine Zeit unvergleichlicher Möglichkeiten persönlicher und zwischenmenschlichen Wachsens für den Betroffenen und die Familie. Man könne innerlich wachsen.

Wir haben die Wahl: Eine mögliche Zukunft oder eine gelebte Wirklichkeit?

Der eine Mensch reißt täglich ein Blatt vom Wandkalender herunter und schaut, wie das Leben verrinnt und der Kalender immer dünner wird. Aber der andere Mensch nimmt das Blatt und macht sich täglich Notizen, was er getan hat an diesem Tag, was er durchlitten hat etc.

Wer alt ist, aber sein Leben gelebt hat, hat nichts zu bedauern und muss die Jugend nicht um deren mögliche Zukunft beneiden.

Quelle:

Nachzuhören gibts die Focus-Sendung „Viktor Frankl: Auf der Suche nach dem Sinn“ des Radio Vorarlberg vom 1.9.2007 hier.



Eugen Drewermann: Der Froschkönig – eine tiefenpsychologische Interpretation von Dr. Eugen Drewermann

In seinem Vortrag „Der Froschkönig – eine tiefenpsychologische Interpretation“ für eine Focus-Sendung des ORF Vorarlberg im April 2004 befasste sich der deutsche Theologe, Psychoanalytiker und Schriftsteller Dr. Eugen Drewermann mit der Symbolsprache, die sich im Märchen „Der Froschkönig“ verbirgt.

„Die Symbolsprache der Märchen, Mythen und Träume ist die einzige Fremdsprache, die existenziell wichtig ist“, so der Psychoanalytiker und fügt an, dass diejenigen, die diese Sprache zu verstehen lernen, sich verändern. „Die Märchen möchten, dass wir die Liebe wagen – sie sagen uns, dass die Liebenden in dieser Welt glücklich sein können, vor allem, wenn sie Glück haben.“

Das Märchen: Der Froschkönig

Zu Beginn seines Vortrags liest Eugen Drewermann das Märchen „Der Froschkönig“ der Brüder Grimm vor.

Hier eine kurze Zusammenfassung des Inhalts von „Der Froschkönig“:
Eine Prinzessin, die so schön ist, dass die Sonne selbst sich jedes Mal verwundert, wenn sie auf ihr Gesicht scheint, spielt in der Nähe des Brunnens mit ihrer goldenen Kugel. Die Kugel fällt in den Brunnen, worauf die Prinzessin sehr traurig ist. Ein Frosch verspricht ihr, die Kugel wiederzubringen, wenn die Prinzessin ihm einige Zugeständnisse macht: Er wolle ihr Geselle und Spielkamerad sein, an ihrem Tischlein neben ihr sitzen, aus ihrem Becherlein trinken, in ihrem Bettlein schlafen. Die Prinzessin verspricht es ihm, denkt jedoch nicht daran, dieses Versprechen einzuhalten. Als der Frosch später kommt, um das Versprechen einzufordern, wird der Vater zornig und fordert von seiner Tochter, dass sie hält, was sie dem Frosch versprochen hat. Die Prinzessin gehorcht ihrem Vater, doch als der Frosch zu ihr ins Bett kommt, wirft ihn die Prinzessin voll Ekel an die Wand. Der Froschkönig verwandelt sich in einen Königssohn mit schönen freundlichen Augen und erzählt ihr, dass er von einer bösen Hexe verwünscht worden war und niemand ihn erlösen hätte können als eben die Prinzessin alleine.

Drewermann weist darauf hin, dass der Froschkönig eine aktuelle Beziehungsgeschichte voller Gegensätze und Konflikte darstellt, wobei das Märchen durchaus lösungsorientiert angelegt ist, indem zwei neurotische Menschen eine Wandlung erleben, durch die erst eine reife Beziehung möglich wird.

Hauptprotagonist: Der Froschkönig.

Der Froschkönig setzt sich aus den gegensätzlichen Elementen „König“ und „Frosch“ zusammen. „Er ist König, weil er Frosch ist und Frosch, weil er König ist“, so Drewermann. „Erst als ein Erlöster, ein Zu-sich-selbst-Gefundener kann er seiner geliebten Prinzessin erläutern, dass er durch die Machenschaften einer Hexe verwünscht war.“

Eine Beziehung zwischen Mutter und Kind ist sehr verflochten und geprägt von Ambivalenzgefühlen zwischen äußerster Liebe und starker Abneigung. Aber wie ist es möglich, dass ein junger Mensch von sich selbst denkt, dass er überaus mächtig und gleichzeitig gar nichts sein könnte?

Im Märchen steht der Brunnenschacht symbolisch für den ewigen Mutterschoß. Demnach ist der Froschkönig ein Kind, das niemals von seiner Mutter fortkommen darf.

Drewermann beschreibt die Problematik anhand einer Fallgeschichte eines Patienten, den er im Alter von 17 Jahren kennen lernte:
Dieser junge Mann hatte als 6-jähriger erlebt, wie sein Vater sich von seiner Mutter trennte. Er, der Sohn, kümmerte sich dann um seine depressive, suizidale Mutter. Es lastete eine große Verantwortung auf ihm. Gleichzeitig war es eine Ehre für ihn, der Liebling der Mutter zu sein – er war ihr Sonnenschein, die Mittelpunktachse des Lebens der Mutter – und das umso mehr, nachdem der Vater gegangen war. Der Junge ersetzte den Vater für die Mutter und musste ihn sogar noch übertreffen – er musste aufopfernd, feinfühlig und sensibel sein. Er ist also der König, der Prinzgemahl der Mutter und andererseits furchtbar überfordert mit dieser Situation und kann ihren Erwartungen nicht entsprechen.
Die Mutter verwöhnt den Jungen sehr und fordert ihn hinsichtlich mancher Aufgaben nicht. Was sie sich ersparen kann, wird Weihnachten etc. für den Jungen investiert. Er musste nie lernen, ein Glas abzutrocknen etc. Wenn sie dies später versucht einzufordern, droht er ihr z.B. er werde das Glas einfach fallen lassen.
Aus dieser Situation heraus konnte er auch terroristisch für seine Mutter sein.

Die Kombination lautete materielle Verwöhnung plus psychisch rabiate Überforderung: „Ich bin ein König und fühle mich doch als etwas gänzlich Niedriges.“ Diese Dynamik ergab sich aus Minderwertigkeitsgefühlen in Kombination mit überhöhten Überich-Idealen.

Man könnte empfehlen, dass der Junge sich von seiner Mutter trennt, aber das ist unmöglich für den Jungen.

Die engste Bindung zwischen dem Sohn und der hexenartigen Mutter liegt in den Schuldgefühlen: Der Junge darf niemals seine Mutter verlassen, sonst würde er werden wie sein eigener Vater – würde er seine Mutter verlassen, wäre er für den Tod der Mutter verantwortlich.

Nach zwei Jahren Psychotherapie wird auch der Therapeut ungeduldig – von der Supervisionsgruppe erheischt er folgenden Rat: „Diesem jungen Mann müssen Beine gemacht werden. Er muss den Mut haben, in das Leben zu springen. Er muss eine andere Frau kennen lernen. Er gibt doch genug Frauen. Er muss es nur wagen.“ Der Therapeut, der diesen Rat an seinen Patienten weitergibt, muss bald erkennen, dass der Patient seine Behandlung bald beenden wird.

Es gibt jedoch auch eine andere : Das Märchen „Der Froschkönig“ (er-)findet den einzigen Ausweg zur Lösung.

Hauptprotagonistin: Die Prinzessin.

Wer ist die Königstochter, die den Froschkönig erlösen wird? Sie ist wunderschön, aber ein Kind voll Traurigkeit und Tränen. Die Prinzessin ist vor allem die Tochter ihres Vaters: Der Mann hat drei Töchter, aber die ersteren dienen ausschließlich als Vergleichsmaßstab für Lobpreis und Hochschätzung der dritten Tochter.

Was bedeutet es, wenn ein Mädchen der Liebling / „die Geliebte“ des Vaters ist? Es liegt aller Stolz, alle Hochachtung darin. Für ein Mädchen von 4 Jahren ist der Vater ein König oder Gott. Zwischen 6 und 7 Jahren wird der Lehrer ein Konkurrent für den großartigen Vater. Es wäre ein Entwicklungsfortschritt, wenn die Tochter von ihrem Vater nach und nach ablassen würde, aber das ist im Märchen „Froschkönig“ nicht der Fall.

Das Leben der Königstochter teilt sich in zwei Sphären: die väterliche Kultur und die Natur, welche die mütterliche Sehnsuchtswelt symbolisiert. Das Mädchen pendelt hin und her zwischen diesen zwei Sphären – ein Symbol dafür, dass sie vom Mädchen zur Frau wird. Das Mädchen möchte die ganze Kindheit mitnehmen – symbolisiert durch das Ballspiel: Um den Verzicht der Kindheit zu erleichtern, übt sie selbst die Kindheit wegzugeben und diese in der Folge wieder zurückzubekommen.

Die runde Kugel stellt also die geschlossene Kinderwelt dar, die sie bei sich behalten möchte. Aber die Kugel rollt in den Brunnen, wo der Froschkönig sitzt. Es sind die ersten Schritte, die die Liebenden verbinden könnten, diese sind jedoch sehr angstbesetzt bis fast unmöglich.

Die Botschaft lautet nach Drewermann: „Liebe Königstochter, du darfst deine Kindheit behalten, aber es gibt nur eine Art: Du musst lernen, dich zu verlieren und dich dir wiederzugeben durch die Liebe. Wer seine Kindheit krankhaft verschließt, verliert sie ganz. Er wird niemals erwachsen. Die Liebe kann hier vermitteln.“

Symmetrie der Begegnung zwischen Froschkönig und Prinzessin

Der Königssohn stammt aus einer vaterlosen Familie; er wuchs ganz und gar bei seiner Mutter auf. Die Prinzessin stammt aus einer mutterlosen Familie und wuchs ganz und gar bei ihrem Vater auf (die Mutter findet kaum bis keine Erwähnung in der Geschichte). Die beiden sind sich spiegelbildlich ähnlich, haben einen gleichen Werdegang. Daher sagt der Königssohn auch: „Nur du konntest mich erlösen.“

In der Paartherapie spricht man in diesem Fall von „Kollusion“ – folgendem unbewussten Zusammenspiel: Unbewusst wählt man im Partner den gegengeschlechtlichen Elternteil, um von der Umklammerung des übergroßen Vaters bzw. der übergroßen Mutter erlöst zu werden.

Im Märchen machen sich innige Gefühle der Liebe fest am Partner, indem Empfindungen aus der Kindheit aktualisiert werden – aber es kommt zur Angst vor Enttäuschung. Man liebt im anderen etwas vom Vater / von der Mutter und in der Liebe wiederholt sich alles noch einmal wie aus Kindertagen.

Es gibt jedoch auch Märchen, die anders sind: Dann, wenn der Bräutigam unmögliche, fast tödliche Aufgaben erledigen muss – z.B. einen siebenköpfigen Drachen töten; Dornröschen küssen, jedoch erst nach der Überwindung von unüberwindbaren Dornenhecken… Dahinter steht, dass der Vater jeden Schwiegersohn in spe im Grunde vernichten möchte, denn eigentlich will er seine Tochter gar nicht vermählen.

Anders beim Froschkönig: Der Vater befiehlt die Vermählung mit dem Froschkönig sogar. Es heißt: „Die Sonne, wenn sie die Schönheit dieses Mädchens sah, geriet in Bewunderung“. Sollte es da dem Vater anders ergangen sein als der Sonne? Wohl kaum. Gefühle, die bis dahin innig waren, müssen über Nacht abgekühlt werden – die Sprache wird streng, moralisch. Dahinter steht mitunter auch, dass der Vater sich auch vor seinen eigenen Gefühlen der Tochter gegenüber schützen will. Es gibt jedoch noch ein anderes Motiv für das Handeln des Köngis: Der Vater hätte den Vertrag der Tochter sicher auch anders lösen können – er war ein König, einflussreich, mächtig – aber offenkundig will er, dass seine Tochter den Froschkönig heiratet. Warum? Der Frosch wird ihn nie gefährden… Nur so konnte die Tochter für ihn Sonnenschein auf Lebenszeit bleiben. Der Vater will seine Tochter also unglücklich verheiraten mit dem Froschkönig. So konnte er später der Seelentröster für seine Tochter werden: als Weiser, als kundiger Beistand der Tochter, als Kenner der Frauen kann er ihr Ratschläge geben.

Und auch die Tochter brauchte auf ihren Vater nicht zu verzichten, wenn sie den Froschkönig wählt, denn der Vater ist der beste aller Männer, kein Mann hält diesem Vergleich stand. Solang sie ihren Vater im Herzen und im Kopf trägt, hat kein anderer Mann eine Chance. Und auch der Königssohn ist ein Schwächling.

Plottwist: Die Schlüsselszene im Froschkönig.

Der Frosch kommt zur Prinzessin ins Bett – Wut, Zorn, Ekel der Prinzessin verdichten sich bis die Prinzessin den Frosch gegen die Wand wirft. Das Wesentliche ist also, dass eine bestimmte Energie sich zum Unerträglichen verdichtet – die sexuelle Energie – und die Tochter klatscht den Froschkönig schließlich an die Wand. In diesem Moment kommt es zu einem Rollenbruch: Die Königstochter hört auf, der Liebling des Vaters zu sein – indem sie ihre Rolle an der Wand zersprengt wird sie zu einer anderen Frau und auch der Froschkönig kann zu einem anderen Mann werden.

Die Prinzessin wollte ihre Kindheit erhalten: sie zeigt eine hysterische Ambivalenz allem Sexuellen gegenüber – ist unschuldig und verführerisch gleichzeitig, nie festgelegt aber ständig verlockend.
Der Froschkönig fügte sich dem, indem er alle Wörter diminutiv miniaturisierte: Becherlein, Tellerlein, dein Gesell (ganz sicher nicht dein Mann – nur dein Spielkamerad… Das sollte heißen: „Ich werde dir als Mann nie etwas tun.“) Dies war die Eintrittstür für den Froschkönig, denn er signalisierte ihr: „Ich akzeptiere voll und ganz deine „Klein-Mädchen-Auffassung“ vom Leben.“ „Beide müssen aufhören, aber beide müssen auch aufhören dürfen, Kinder zu sein“, so Drewermann.

In der Folge erzählt der Froschkönig der Königstochter sein ganzes Leben.

„… und sie lebten glücklich bis an ihr Ende“: Wie es laut Drewermann weitergehen könnte.

Drewermann liest einen möglichen Dialog vor, den die beiden Jahre später miteinander führen könnten, so sie die Wandlung gemeistert hatten. So könnte die Prinzessin ihrem Mann sagen: „Vergib mir Geliebter die Worte meiner Verachtung. Sie mussten dich kränken und schlimmer: sie sollten dir wehtun. Doch glaub mir, sie galten nicht dir. Ich selber war noch sehr unreif und unerfahren – voller romantischer Ideen mit denen ich mich vor der Wirklichkeit und vor mir selber zu schützen suchte. Wie alle Mädchen voller Sehnsucht und Angst war ich voller Abwehr gegenüber der Liebe, die ich doch suchte. Ich hielt für Stärke, was eine Schwäche war. Ich traute mir selbst nicht – wie hätte ich da wohl einem anderen, einem Manne wohl gar vertrauen sollen? Ich glaubte mich dir überlegen nur aus Angst vor deiner wirklichen Größe. Ich wollte dich erniedrigen und klein machen – nur aus Angst vor deiner Nähe. Der einzige, dem ich vertrauen durfte, war mein Vater: Zu ihm blickte ich auf; in seinen Augen fühlte ich mich selber gemocht und angesehen. Sein Wohlwollen war wie ein warmer Wind, der mich durchs Leben trug. Ich spürte, dass ich von ihm loskommen musste, aber ich hatte auch Angst, ihn loszulassen. Ich sehnte mich nach meiner Mutter, doch eine solche gab es nicht. Wer war ich als Frau? Ich war die Schönste in den Augen meine Vaters; für ihn war ich eine Kostbarkeit, die man der Öffentlichkeit nur unter Panzerglas zeigt. Wie in einem Museum. Und in solch einer Bestimmtheit traf ich dich. Ich sah sofort deine gütigen Augen, deine Stimme tat mir wohl. Du erschienst mir wie ein Gefährte in meiner Einsamkeit. Und du wolltest mein Freund sein auf ewig, das bedrohte mich. Das war mir unheimlich. Da schrillten alle Alarmglocken in dem Hochsicherheitstrakt des Museums das mein Leben war. Du hast in gewissem Sinne ja selber gesehen: Deine Annäherung versetzte mich in Panik. Ich behandelte dich von oben herab, ich nahm dich nicht ernst, weil ich doch spürte, dass es ernst wurde. Heute bin ich dir dankbar für deine zähe Geduld, die ich damals als Nachgelaufe ohne Anstand und Würde missdeutete. Ich wollte dich nicht an mich heranlassen, um mich an dich nicht zu verlieren. Und du verstehst, wie es kam: Ich war meines Vaters Vorzeigepüppchen; ich war gewohnt mich zu drehen und zu wenden wie er es wollte und ich lebte in der ständigen Furcht, nicht schön genug, nicht makellos genug, nicht perfekt genug zu sein. Alle sollten mich mögen – aber du warst nicht alle. Du wolltest mich und du beugtest dich hinunter in meine Angst, tauchtest hinab in meine Traurigkeit; holtest mein eigentliches Wesen aus der Tiefe heraus. Und dafür liebe ich dich, du mein Kleinod, mein Prinz.“

Der so Angeredete müsste wohl seinerseits sagen: „Vergib du mir, meine Geliebte, meine Königin. Wirklich, du erweckst alle Sehnsucht in mir. Und du erfüllst alle Sehnsucht. Wie verstehe ich den Stolz deines Vaters! Du rühmst meine Geduld, Geliebte, aber was hätte ich den anderes schon tun sollen: Ich hatte dich lieb vom ersten Augenblick an – deiner Schönheit wegen und auch deiner Traurigkeit wegen. Sie entsprach meinem eigenen Empfinden so sehr, dass ich glaubte, du wenigstens würdest mich verstehen. Es tat mir gut, dir helfen zu dürfen. Selbstlos war das gar nicht. Auch ich hatte und habe meine Ängste – zum Beispiel, dass eine so schöne, vom Glück verwöhnte Frau wie du mir damals erschienst, mich einfach lächerlich fände. Ich traf dich zum Glück als du selber dicht am Wasser gebaut hattest. Dieser Umstand brachte mich dir nah. Denn wenn ich bei meiner Mutter eines gelernt habe, ist es ein gewisses Einfühlen und Gedankenlesen. Gewiss, deine demonstrierte Verachtung tat mir furchtbar weh. Du erschienst mir so groß in solchen Moment. Wenn du sagst, du seiest das Püppchen deines Vaters, wollt ich dir eine Puppenstube zimmern und doch sah ich, dass es ganz unmöglich war, dich dort hineinzufügen. Ich wollte dich nicht belasten, aber so fühlte ich mich dir gegenüber als lästig, schwierig, schwerfällig, schwermütig – als Frosch eben. Ein Kind aus Brunnentiefe und Tränen. Alle Bewegungen bei mir sind langsam und vorsichtig; nichts geht mir behänd von den Händen. Eine gewisse Leichtigkeit des Lebens wie du sie dir wünschen magst, hab ich nie kennen gelernt. Auch mir ermangelte es an Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Und wie du den Beifall der anderen zu erringen versuchtest durch Gefälligkeit und Gefallen, so ich durch Nützlichkeit. Beide hat uns das Leben offenbar sehr einseitig geprägt. Aber jetzt, Geliebte, brauchst du nichts mehr machen, um meinen Gefallen zu erringen. Du gefällst mir einfach dadurch, dass es dich gibt. Du meine Zauberhafte. Meine Sonne am Morgen. Du und ich, wir brauchen gar nichts mehr zu machen. Und zu vergeben haben wir einander gar nichts mehr – außer uns selbst. Denn ich liebe dich sehr. “

Eugen Drewermann beschließt seine tiefenpsychologische Deutung des Märchens „Der Froschkönig“ mit einem Ausschnitt aus dem Gedicht „Engellieder“ von Rainer Maria Rilke:

Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte in meinen Armen;
er wurde klein, und ich wurde groß:
und plötzlich ward ich das Erbarmen,
und er eine flehende Bitte bloß.

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, –
und er ließ mir das Nah, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
so haben wir beide einander erkannt.

Quelle: ORF Vorarlberg, Focus-Sendung vom 10. April 2004: Dr. Eugen Drewermann: Der Froschkönig – eine tiefenpsychologische Interpretation,

Vortrag anhören!

 

 



Seminarbericht: Psychotherapie bei Adipositas

Letzte Woche besuchte ich ein Seminar über Psychotherapie und Adipositas: Referent war der Arzt und Psychotherapeut Dr. Eberhard Wilke der Curtius Klinik für Psychosomatische Medizin in Bad Malente-Gremsmühlen. 

Adipositastherapie – aber wie?

Dr. Wilke erklärte, dass eine Gruppentherapie bei Adipositas mehr Erfolg verspricht als eine Einzeltherapie – auch reicht es nicht, das Problem von einer rein psychotherapeutischen Seite anzugehen – es braucht einen ganzheitlichen Therapieansatz, sprich Interventionen auf Ernährungs-, Bewegungs-, Wahrnehmungs- und psychodynamischer Ebene. Aus diesem Grund sind Kooperationen unerlässlich, damit es zu einem Erfolg kommen kann.

Das Ziel einer Adipositastherapie ist es, die Motivation zur Veränderung zu stärken. Das Gewicht kann dabei nur langsam und langfristig reduziert werden, weshalb eine begleitende Therapie sich optimalerweise über 2 Jahre erstreckt. Laut Wilke ist es notwendig, die Patient/innen sogar davor zu schützen, zu viel abzunehmen, da es sonst zu drastischen Rückfällen und zum bekannten Jojo-Effekt kommen kann. So empfiehlt er 0,5 kg/Woche und weist darauf hin, dass der Körper dazu tendiert, das Gewicht, das er einmal hat, nicht mehr hergeben zu wollen – es gibt demnach einen internen Setpoint, der gewichtsmäßig nach oben korrigiert wird.

Übergewicht – der Ursprung

Übergewicht kann viele Ursachen haben, wobei sich u.a. herausstellte, dass die Adipositasdynamik mit jener von Schmerzpatient/innen verglichen werden kann: Wenn die Erkrankung fortgeschritten ist, dann entsteht laut Wilke häufig eine „Eigendynamik“. Die Dynamik erinnert jedoch auch an jene von Suchterkrankten: häufig werden äußere Faktoren für das Essverhalten und die Gewichtszunahme verantwortlich gemacht. Im Vergleich zu anderen Suchtpatient/innen haben Adipöse jedoch einen entscheidenden Nachteil: Sie müssen lernen, mit der Substanz zu leben, denn ohne Essen kein Leben. Ohne Alkohol, Tabletten, Internet, Sex.. kann man hingegen sehr wohl leben.

Fressattacke: Wie die Dominosteine fallen…

Es entsteht eine negative Kaskade, die durch einen Essanfall ausgelöst wird:
Essanfall – Erleben eigener Insuffizienz – Depressive Stimmung – Resignation – Selbstaufgabe – Essanfall

Häufige Psychodynamik: Scham, Verleugnung und Fehleinschätzung

Nachvollziehbar scheint mir auch die starke Schambesetzung des Themas: Aufgrund der Kontrollverluste kommt es zu Schamaffekten, die wiederum in ein Verleugnungssystem münden. In letzteres steigt häufig das gesamte Umfeld ein – so auch die behandelnden Therapeut/innen. Auch sind Fehleinschätzungen des eigenen Gewichts typisch. Wilke zitierte eine deutsche Studie (Strauß 2002), derzufolge

  • 35 % der Schülerinnen (13 % der Schüler) im Alter zwischen 15 und 17 Jahren subklinische Essstörungen haben,
  • 33 % sind untergewichtig, wobei sich nur 6 % so einschätzen;
  • 42 % der 15- bis 17-jährigen Schüler/innen sich selbst als übergewichtig wahrnehmen (tatsächlich sind es 8 %) und
  • 20 % aller 7-11-Jährigen bereits Diäterfahrungen haben.

Psychodynamisch könnte man jedoch sagen, dass ein emotionaler Hunger mit Nahrung beantwortet wird und die Nahrungsaufnahme dafür verwendet wird, die Affekte zu regulieren. Dementsprechend sind auch Beziehungen überwiegend oral determiniert und Konflikte werden durch beständige Nahrungsaufnahme und Inaktivität gewissermaßen süchtig abgewehrt. Betroffene haben große Angst vor dem psychischen Verhungern.

Psychische Befunde einer Adipositas:

  • Angst vor Enttäuschung und Zurückweisung
  • ausgeprägte Versorgungswünsche
  • Aggressionsgehemmtheit
  • Bereitschaft zur Anpassung und zur Zurückstellung der eigenen Bedürfnisse
  • anklammerndes oder kontaktvermeidendes Verhalten
  • Trennungsangst
  • Fortdauernde Sehnsucht nach einem versogenden mütterlichen Objekt (süchtige Beziehungsstruktur)
  • versiegende Sexualität
  • große Einsamkeit

Ziele eine Adipositastherapie:

  • Stärkung der Eigenverantwortung
  • Entwicklung eines positiven Selbstbildes
  • Verminderung von rigiden Kontrollen und Ersetzen durch flexible Kontrollen
  • Verbesserung der emotionalen Ausdrucksfähigkeit
  • Verbesserung körperlicher Ausdruchsfähigkeit (Gestik)
  • Verbesserung der sozialen Kompetenzen in Beruf, Familie und Partnerschaft

Der Weg hinaus…

Dr. Wilke erzählte, dass Patient/innen immer wieder den Impuls verspüren, ihr Glück „vorne“ zu suchen – „wenn sie abgenommen haben, können sie glücklich sein.“ Wilke erzählt, dass er seine Patient/innen dann immer korrigiert und meint: „Das Glück liegt nicht vorne, es liegt ganz weit hinten: Eine Adipositastherapie ist vergleichbar wie rückwärts langsam aus der Einbahnstraße zu fahren.“ 

Ein erster wichtiger Schritt ist, ehrlich damit umzugehen, dass man von etwas abhängig ist – in diesem Fall vom Essen. Betroffene lernen in einer Therapie auch, mehrere Mahlzeiten täglich zu essen, damit kein Hungergefühl entstehen kann. Andere Methoden beinhalten die Analyse des eigenen Essverhaltens (wie schnell wird gegessen, wird erkannt, wann Hunger, wann Sättigung da ist?), das Führen eines Esstagebuchs, die Verwendung von kleinen Tellern, kleinen Bestecken etc. Auch die Einbindung der Familie ist ein wichtiger Faktor, der die Chance einer günstigen Prognose erhöht.

Eine günstige Prognose für eine Adipositastherapie ergibt sich bei

  • hohem Leidensdruck unter dem dysfunktionalen Essverhalten und dem Übergewicht
  • einem gravierenden Aktualkonflikt
  • intakter beruflicher und psychosozialer Einbindung
  • höherer intellektueller Begabung und Bildung
  • besserer sozialer Position 
  • geringer psychischer und körperlicher Co-Morbidität
  • einem eingrenzbaren Beginn der Übergewicht-Entwicklung
  • einem prämorbid bestehendn Normalgewicht
  • klarer Veränderungsbereitschaft.

Fazit: Mühsam, aber wichtig

Es ist ein langer Weg aus der Adipositas – wobei nicht nur die Betroffenen, sondern auch das gesamte Umfeld zwischendurch unter Gefühlen der Ohnmacht, Hoffnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit leidet, welche sich mit Ungeduld, Ärgerlichkeit und Unzufriedenheit abwechseln. Dennoch zahlt es sich aus, das Gewicht zu stabilisieren (gilt bereits als Erfolg!) oder weiter Gewicht zu verlieren, denn mit jedem nicht zugenommenen oder verlorenen Kilo erhöht sich die Lebenserwartung der Betroffenen.



Boglarka Hadinger: Wie man eine charakterstarke Persönlichkeit wird

Das Focus-Magazin des ORF Voralberg brachte am 20. Jänner 2007 einen interessanten Vortrag von Dr. Boglarka Hadinger, in welchem die Diplompsychologin und Psychotherapeutin darüber sprach, wie man eine charakterstarke Persönlichkeit wird. Meiner Meinung nach ist dieser Vortrag durchaus „anhörenswert“…

Unten findet ihr meine Notizen, die ich während des Zuhörens gemacht habe – ich finde, es sind durchaus einige inspirierende Fragen für jeden dabei… 

Dr. Boglarka Hadinger: Wie man eine charakterstarke Persönlichkeit wird

Unter „Charakter“ versteht man eine „starke Eigenart“, welche ein Mensch hat. Diese ist ihm angeboren – es bedeutet eine eigene Prägung bzw. ein eigenes Gesicht zu haben. Diese Menschen haben eigene Ziele, eine eigene Sprache, sie können Konflikte unüblich lösen, sind oft nicht konform mit der Meinung anderer – und zwar nicht um zu protestieren, sondern weil sie eine andere Idee, eine andere Lösung, einen anderen Wert verkörpern. Es ist interessant, mit charakterstarken Menschen über das Leben zu sprechen – sie wirken ansteckend. In ihrer Gegenwart fragt man sich: Wie ist mein eigenes Gesicht, mein eigener Ausdruck, meine eigene Sprache?

„Jeder hat die Fähigkeit in sich, eine Eigenart zu haben“, so Dr. Hadinger und fügt an: „Aber sind Sie so mutig, Ihr Eigenes zu leben?“ Viktor Frankl sagte einmal: „Charakter hat man. Eine Persönlichkeit wird man im Laufe des Lebens.“

Charakterblockaden: Blockaden, die uns daran hindern, unsere Eigenart zu leben

  1. Eine Blockade ist, Angst zu haben, dem anderen – so wie man ist – nicht zu entsprechen: So, wie man denkt, so wie man etwas tun möchte, nicht vom anderen gemocht, nicht akzeptiert zu werden. Es können jedoch auch traumatische Erfahrungen sein oder eine Angst, die in der Umgebung geschürt wird, welche ansteckend auf uns wirkt. Wir leben in einer angstmachenden Zeit. Aber unter Angst können wir das ganz Eigene nicht zum Ausdruck bringen. Wir wagen es nicht. Wenn ich mich zeige wie ich bin, werde ich nicht geliebt. So wie ich bin, bin ich nicht in Ordnung. Diese Angst wird durch Erziehung, Kirche, Schule etc. geprägt.
  2. Zeitgeisttendenzen oder Zeitgeistwerte. Wir wollen Werten entsprechen, die „in“ sind. Als Beispiel kann der Erziehungsstil genannt werden, der sich von Generation zu Generation veränderte. Man verlässt dann die eigenen Werte bzw. lässt sie verformen.
  3. Verwöhnung und Überfluss: Die besten Zeiten des Lebens sind oft die, wenn man sich etwas einfallen lassen muss, wenn man für etwas kämpfen muss. Dieses Müssen – Widerstände überwinden zu müssen, um leben zu können und überleben zu ermöglichen – prägt den Charakter. Verwöhnung und Überfluss machen langfristig träge.

Es ist einfacher, mit dem Strom zu springen, konform zu sein. Es braucht Mut, die eigene Meinung zu vertreten.

Was können wir tun, damit ein Mensch sich zu einem charakterstarken Menschen wird?

  • Eine Möglichkeit: Darum zu wissen. Wenn Sie wissen, dass Sie alle Charakteranlagen in sich tragen, dann ist das bereits wichtig. Man sieht die unterschiedlichen Charakteranlagen bereits bei kleinen Kindern.
    Aber manche Charakteranlagen entwickeln sich erst im Laufe des Lebens – mit 20, 30 oder auch später. Wenn wir merken: Ja, das bin ich auch. Jetzt bin ich ich. Sie können sich von Zeit zu Zeit fragen: Welche Menschen, welche Ideen, welche Ziele, welche Problemlösungen, welche Werte, welche Wege faszinieren mich? Beeindrucken mich? Nur Dinge, die uns ähnlich sind, faszinieren uns, beeindrucken uns.
  • Dr. Hadinger schlägt vor, mit sich selbst zu experimentieren, indem wir Aufgaben übernehmen, die anders sind, in fremde Länder reisen, andere Rituale mitmachen etc…. Dort, wo wir eine „Stimmigkeit“ verspüren, dort sind wir zu Hause. „Aber“, so die Psychologin, „man sollte es jedoch zumindest dreimal probieren, denn neue Situationen sind anfangs ungewohnt: Sei es die Kommunikation, eine neue Rolle, eine neue Aufgabe…“
  • Andere Menschen fragen: Wohlwollende Menschen, die mich kennen, die uns rückmelden, wo wir uns noch etwas zutrauen könnten, die uns darauf hinweisen, welche Aufgaben wir noch übernehmen könnten. Gemeint sind jene Menschen, die wohlwollend auf etwas verweisen und uns auf etwas hinweisen, das in uns steckt, das wir selber noch nicht kennen.
  • Selbst auf eine Vergangenheitsreise gehen: Dr. Hadinger schlägt vor, Fotos von früher (aus der Kinder- oder Jugendzeit, jedoch nicht aus Pubertät) und aus Zeiten wo „ich ich war“ herzunehmen und sich das Kind von damals anzu schauen: Welche Begabungen hatte dieses Kind? Welche Fähigkeiten? Was war für dieses Kind damals wichtig?
    Menschen, die ihr Leben leben sind lebensvital, lebensbejahend; sie sind sich sicher „das ist mein Leben“, verkörpern Glück pur… Dr. Hadinger erzählt, dass sie diesen Menschen immer wieder die gleiche Frage stellt: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass Sie das gemacht haben, was sie machen? Und immer wieder leuchteten die Augen des Gegenüber und die Antwort lautet: Schon immer war für mich das und das wichtig…
    Es geht darum, den roten Faden des eigenen Lebens zu entdecken und zumindest einen Teil davon leben: Was war das, was für mich schon immer wichtig? „Man kann den eigenen Charakter leben, indem man das realisiert“, sagt Boglarka Hadinger, „werde der oder die du bist.“

Persönlichkeit: Forme dich.

Charakter bedeutet auch, ein „Brandzeichen“ zu haben. Teilweise haben Personen einen ganz starken Charakter – was sie tun, vergisst man nie – sie sind originell, aber nicht immer sind sie Persönlichkeiten. Als Beispiel nennt Hadinger z.B. Onassis, Picasso, Marlene Dietrich oder Coco Chanel und fügt an, dass diese teilweise schwere Wunden in die Menschen in ihrem Umfeld brandten. Man lebte nicht gerne in ihrer Nähe, denn die Menschen wurden kleiner neben ihnen.

Eine Persönlichkeit WIRD man erst – einen Charakter HAT man.

Man beginnt, sich selbst zu formen. Man antwortet aufrecht auf die Aufgaben des Lebens. „Persönlichkeiten leben in wunderbar vitaler Weise Werte wie Gelassenheit, Solidarität, Aufrichtigkeit, Besonnenheit und Mut. Persönlichkeiten lassen sich nicht vom Beifall anderer blenden. Sie tun mehr als sie tun müssen, aber sind unabhängig von Erfolg und Ruhm. Sie können ihre Meinung sagen, ohne andere zu verletzen“, so Hadinger. „In ihrer Nähe können andere wachsen – man muss sich nicht klein, fehlerhaft und schuldig fühlen. Sie setzen sich vehement für eine Idee, ein Ziel, eine Sache ein – wie der SOS-Kinderdorf-Gründer Gmeiner, der einmal sagte: Etwas Großes passiert nur, weil jemand mehr tut, als er muss.“

Persönlichkeiten sind unabhängig vom Erfolg, von Status, von Karrieresprüngen. Es ist nicht der Wert, dass ihr Einsatz etwas bringt, sondern dass sie sich einsetzen können. Sie ruhen in sich. Sie stützen ihren Selbstwert nicht durch Lob von außen, sondern sie sind in tieferen Schichten verankert. Persönlichkeiten ermöglichen wahre Winwin-Situationen, denn andere gewinnen oft mit. Sie sind authentische, echte Menschen und ihre Worte entsprechen ihren Überzeugungen, und ihre Überzeugungen sind wiederum ihre Taten. Sie können verzichten, ohne sich als Opfer ihrer Lebensumstände zu sehen.

Wenn wir blockiert werden, dann können wir uns nicht entfalten: Wir wissen dann nicht, dass wir uns selbst erziehen und formen können.

  • Persönlichkeiten stecken in ihrer Humanität an. Es müssen aber nicht immer große bekannte Persönlichkeiten sein, sondern es können auch Menschen in unserer Umgebung sein.
    Hadinger weist auch darauf hin, dass wir in unserer Zeit zu selten hören „Das ist ein wirklicher Mensch“ – sondern zu häufig werden wir mit anderen Typen konfrontiert wie „Das ist ein sportlicher Typ“, „Das ist ein erfolgreicher Typ“ etc. „Unsere Seele hat zu wenig Orientierungsmöglichkeit.“ so Dr. Hadinger.
  • Das Hässliche und die Reizüberflutung: Das Hässliche, Morbide, Verdorbene kostet der Seele sehr viel Kraft bzw. brauchen wir viel Kraft, um damit umgehen zu können. „Das Schöne fördert das Wachstum der Humanität.“ (Friedrich Schiller).
  • Die Gier: Noch mehr zu haben, noch schneller zu sein, noch effektiver zu sein, mehr zu wachsen, noch erfolgreicher zu sein, noch ruhmreicher… Auf Wachstumszeiten müssen Zeiten der Ruhe folgen. Nach außen hin passiert dann gar nichts. Innen stabilisiert sich die Seele, es kann etwas reifen, es kann etwas wachsen, und dann kann ein nächster Reifeschritt folgen.
  • Die Unversöhntheit: Man kann mit vielem unversöhnt sein: einem anderen Menschen, mit Lebensbedingungen, mich sich selbst. Es gibt viele Gründe dafür, aber es gibt auch einige Wege, da herauszukommen. Langfristig das Unversöhnte in sich zu haben, ist wie Gift für die Seele. Wie Zyankalie für die Seele. In den mittleren Lebensjahren müsste man fragen: Bin ich noch mit jemandem unversöhnt? Trage ich noch extreme Gifte in meiner Seele? Hadere ich noch gegen mich oder jemandem? Hasse ich? Spätestens mit 60 müsste man das loslassen, denn der Zorn und Hass macht die menschlichen Züge und die menschliche Seele bitter.
  • Sich selbst formen: Ohne Selbstformung gibt es keine Persönlichkeit. Sich nicht mit den erstbesten Reaktionen zufrieden geben. Ist es sinnvoll und lebensfreundlich wie ich mit mir und anderen spreche?

Typisch Mann, Typisch Frau:

Typische Fehler als Frauen und Männer: Frauen haben die Fähigkeit, immer wieder Problemgespräche führen zu können, Multitasking zu beherrschen, sich dabei jedoch auch verzetteln zu können. Frauen merken sich Kränkungen sehr lange und erinnern den Betroffenen auch immer wieder daran. Nachts denken sich noch über belastende Gedanken nach und sie haben die Gabe, immer wieder das gleiche Thema aufzuwärmen: Darüber haben wir noch nicht genug gesprochen. Auf ein Lob können sie sehr lange warten – schweigend zusehen und ärgern, wie der Kollege befördert wird.

Männer haben andere Gaben: Sie sagen offen und ehrlich den Kollegen, der Familie etc., dass sie sie für dumm halten. Sie können sich lange und sehr auf eine Sache konzentrieren, aber vergessen dabei Familienfeste und Kindergeburtstage etc. Über die eigenen Erfolge können sie gut reden und die Misserfolge noch in derselben Nacht vergessen.

Zu einer Persönlichkeit wird eine Frau dann, wenn sie neben der Problemorientiertheit auch lösungsorientiert zu denken lernt, wenn sie ihr bildhaftes Denken trainiert und beginnt, ihre Wissens- und Lebensziele, aber auch ihre Persönlichkeitsziele zu visualisieren. Sie kann mit anderen nicht nur über Beziehungen, sondern eben auch über andere Sachfragen reden. Neben der Sorge um andere entwickelt sie Lebenszuversicht und ein Grundvertrauen in ihrem Inneren.

Ein Mann wird zur Persönlichkeit, wenn er lernt, Rückmeldung so zu geben, dass der andere diese auch als wichtige Information annehmen kann. Er lernt rückzufragen: Wie wirkt das auf dich? Was ist deine Meinung?

Persönlichkeiten sind Menschen dann, wenn sie nicht nur typisch denken sondern auch andere Möglichkeiten in Betracht ziehen. 

Es geht darum, die Begabungen anderer wahrzunehmen und diese auch anzusprechen. Persönlichkeiten definieren sich nicht aus einer Rangordnung oder einem Amt. Sie sind nicht einseitig konkurrenzorientiert, sondern sie suchen auch die Kooperation. Sie denken nicht nur daran, wie sie ein Ziel erreichen können, sondern sie bedenken auch den Preis, der für das Ziel zu bezahlen ist. Sie können Gesagtes als Information nehmen und nicht primär als Kritik und sie achten auf die Wirkung ihrer Worte.

Eine Persönlichkeit ist ein in sich ruhender Mensch.

Diese Menschen haben eine tiefe Verankerung: Sie ruhen in sich. Das ist eine wunderbare Möglichkeit und Gabe und jeder sollte kritisch hinterfragen, inwiefern sein Leben in von Menschen gegebenen Dingen verankert ist (wie in bezahlter Arbeit, Ruhm, Statussymbolen, in der Zuwendung von anderen).
Wichtig sind Fragen wie: Worin ist meine Existenz verankert? Wann bin ich extrem verunsichert? Wann ist mein Selbstwert extrem verunsichert?

Hadinger betont, dass Menschen, die in sich ruhen, auch manchmal unsicher, aber nicht so lang in diesem Zustand bleiben. Prinzipiell unterscheidet sie drei Ankermöglichkeiten für die Persönlichkeit:

  • ein lebensfreundlicher Glaube
  • der Glaube an einen tiefen humanen Auftrag (tw. religiös, tw. nicht religiös)
  • Glaube an einen großen letzten Sinn (alles macht zumindest im Nachhinein Sinn)

„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“ (V. Frankl)

Diese Menschen setzen sich für eine bessere Welt ein. Es gilt, sich darauf zu besinnen, was das Leben trägt und ein klares, lebensfreundliches Wertesystem für sich zu entdecken.

Hadinger schlägt vor, eine Liste für sich zu erstellen: Was sind für mich die wichtigsten Werte?
Wenn die Top 3-Wert solche sind wie „die Liebe anderer“, „Ruhm“, „Status“, „ein gutes Benehmen“ etc., dann hat man laut Hadinger ein Problem, denn für die Liebe anderer muss man teilweise die Aufrichtigkeit opfern, für einen Top-Job muss man manchmal die Fairness oder Solidarität opfern. Man sollte sich selbst fragen: Ist das lebensfreundlich oder ist das vielleicht lebensfeindlich?

Victor Frankl: „Nicht wir sind es, die dem Leben Fragen zu stellen haben. Sondern das Leben stellt uns Fragen.“

Fragen, die das Leben uns stellen könnte:

  • Ablösung: Mit 20-25 Jahren geht es um die Frage: Löst du dich von zu Hause ab und wie löst du dich ab? Im Zorn, im Einvernehmen, gar nicht?
  • Streit: Lässt du dich zerbrechen oder bleibst du trotzdem aufrecht?
  • Krankheit: Ist das alles, was du warst? Deine körperliche Gesundheit? Oder kannst du trotz alle dem eine eigene Gesundheit entwickeln?
  • Lässt du dich von einem anderen Menschen vollkommen aus deinem Gleichgewicht werfen? Agierst du auch giftig zurück? Machst du eine klare Grenzziehung? „Wer mich beleidigen darf, entscheide immer ich.“ (E. Roosevelt)

Humor und Milde: Unpersönlichkeitstage gibt es immer – auch bei Persönlichkeiten – und das ist gut und in Ordnung. Es geht darum, mild mit sich zu sein und mit anderen, denn das löst Wohlwollen aus und lässt wachsen. Dadurch wird die Welt leichter und die Seele heller.

Charakter und Persönlichkeiten: Beide Seiten stehen uns offen. Jeder hat Charakteranlagen in sich, aber wir müssen den Mut und die Kreativität entwickeln, um die Grundanlagen leben zu können. Persönlichkeit zu haben bedeutet, eine tiefe, reife Humanität zu leben, die andere stärkt. In beiden Bereichen haben wir Möglichkeiten – auch als Erwachsene. Jeder entscheidet für sich, ob er eine charakterstarke Persönlichkeit wird – es sind nicht die Eltern.

Den Vortrag gibts hier anzuhören.



Gelesen: Die Masken der Niedertracht. Seelische Gewalt im Alltag und wie man sich dagegen wehren kann

Marie-France Hirigoyen studierte Medizin und Viktimologie in Frankreich und den USA und praktiziert als Psychoanalytikerin und Familientherapeutin in Paris. In ihrem Buch Die Masken der Niedertracht (2002) fasst sie ihre Erfahrungen als Viktimologin zusammen und versucht, die Dynamik zwischen Täter und Opfer nicht nur verstehbar zu machen, sondern die Gewalt – welche sich sowohl auf privaten als auch beruflichen Schauplätzen abspielen kann – anhand zahlreicher Fallbeispiele auch spürbar zu machen.

Im Großen und Ganzen finde ich, dass Hirigoyen ein wichtiges Buch geschrieben hat, das zu lesen ich durchaus empfehlen kann – nicht zuletzt, weil es flüssig und verständlich geschrieben ist. Dennoch saß ich am Ende mit „gemischten Gefühlen“ da: Vielleicht, weil mich das letzte Kapitel, in welchem es um die Betreuung der Opfer als Patienten geht, nicht zur Gänze überzeugen konnte. Hirigoyen bezieht folgende Position, wenn es um die Auswahl eines „Psychotherapeuten“ geht:

Im Zweifelsfall ist es besser, jemanden zu wählen, der Psychiater oder Psychologe ist; denn es gibt heute alle möglichen Arten von neuen Therapien, die verführerisch sein können, weil sie schnellere Heilung versprechen, deren Wirkungsweise aber der der Sekten recht nahe kommt.

Vielleicht habe ich mich an dieser Stelle als Psychotherapeutin „auf den Schlips getreten“ gefühlt. Ich kenne die Situation in Frankreich und in den USA nicht, aber „Psychotherapie“ ist in Österreich ein Berufsstand, der sogar in einem eigenen Psychotherapiegesetz verankert ist und dessen Ausübung eine sehr umfassende und fundierte Ausbildung vorangeht. Von Kurpfuscherei, esoterischen Therapien etc. also keine Spur; natürlich spielt trotz aller Regeln, Gesetze etc. immer die ethische Haltung sowie die Persönlichkeit des Therapeuten eine große – wenn nicht die wichtigste – Rolle. Deshalb scheint mir das Auseinanderdröseln des Psychotherapieprozesses nach Richtungen nicht sinnvoll (vgl. Wirkprinzipien der Psychotherapie).

Persönlich gefiel mir, dass Hirigoyen die „perverse Gewalt im Alltag“ anhand zahlreicher Fallbeispiele aufzeigt – dadurch ist nicht nur ein abstraktes Verstehen der Dynamik möglich, sondern bis zu einem gewissen Grad auch ein Einfühlen.

Ich möchte in der Folge den Inhalt des Buches kurz zusammenfassen, allerdings empfehle ich jenen Personen, die sich für das Thema interessieren (oder die vielleicht sogar selbst von Gewalt betroffen sind) das Lesen des gesamten Buches! 

Die private Gewalt: Die perverse Gewalt gegenüber dem Lebenspartner und in Familien

Die perverse Gewalt wird häufig bestritten oder banalisiert bzw. verkürzt auf ein einfaches Herrschaftsverhältnis. Sie basiert auf subtilen Aggressionen, die keine greifbaren Spuren hinterlässt. Und sogar Zeugen neigen dazu, die perverse Gewalt als schlichte konfliktbeladene oder leidenschaftliche Beziehung zwischen zwei Personen mit schwierigem Charakter zu deuten. Und auch die Opfer lernen erst im Laufe der Zeit, den Umgang zu erkennen, sich zu wehren und Beweise zusammenzutragen (23).

Zur perversen Gewalt kommt es, wenn das Gefühl in einer Beziehung abflaut, oder aber zu große Nähe besteht (23); es handelt sich um eine Angst, den anderen zu verlieren und gleichzeitig von ihm vereinnahmt zu werden. Das Opfer wird durch das Verhalten des Täters gelähmt; es wird in einen Zustand der Ungewissheit manövriert (24). Diese Entwicklung ist nur möglich durch zu große Nachsicht es Partners; Hirigoyen erklärt diese Nachsicht durch „Familientreue“, welche sich beispielsweise so zeigt, dass innerhalb der Familie das nachgeahmt wird, was ein Verwandter erlebt hat; oder in der Annahme der Rolle eines Heilers für den Narzissmus des anderen; es handle sich um eine Art „Sendung“, bei der sich die Person aufopfern muss (25).

Laut Hirigoyen steht die Weigerung, die Verantwortung für das Scheitern einer Ehe auf sich zu nehmen, oft am Anfang eines perversen Umkippens. Je höher das Idealbild vom Partner war, desto stärker ist die Verleugnung des eigenen Anteils am Scheitern – am Ende wird ausschließlich der Partner dafür verantwortlich gemacht; und das meist auf Basis von Fehlern, die nicht genau benannt werden können. Das Opfer verharrt in einem Angstzustand, weil der Partner das Gespräch verweigert. Zorn und Schmach sind die Reaktion auf dieses Verhalten: die Schmach, nicht geliebt worden zu sein, sowie die Demütigungen geduldet zu haben, sich gefügt zu haben. Es kommt zu vertauschten Rollen, indem der Aggressor zum Opfer wird und die Schuld beim eigentlichen Opfer bleibt (31f). Indess richtet der Täter seine Liebe auf einen neuen Partner, idealisiert diesen – und damit das wiederum möglich ist, muss der frühere Partner zum Sündenbock gemacht werden, indem alles Schlechte auf diesen projiziert wird (41).

Diese Dynamik kann nur aufgelöst werden, indem das Opfer seine Ohnmacht erkennt und damit auch akzeptiert, dass es nichts tun kann; Wenn es ein ausreichend gutes Selbstbild gewinnt, kann die Aggression des Täters seine Identität nicht mehr in Frage stellen (41).

Leider unterbricht selbst eine Trennung die Gewalt oft nicht: diese setzt sich meist auch noch nach dem Beziehungsende fort, wobei der Täter selbst davor nicht zurückscheut, die Kinder für seine Gewalt zu benutzen (42). Indem die Kinder in die gewalttätigen Verstrickungen einbezogen werden, wird Gewalt über Generationen hinweg in einer Familie weitergegeben. Nicht nur, dass Kinder für derartige Rachefeldzüge eines Elternteils gegen einen anderen missbraucht werden, als schwächstes Glied der Kette erfahren sie selbst Gewalt von ihren Eltern. Alice Miller spricht von „schwarzer Pädagogik“, wenn sie die schlimmen Folgen der traditionellen Erziehung aufzeigt, welche den Zweck verfolgt, den Willen des Kindes zu brechen, um aus ihm ein fügsames und gehorsames Wesen zu machen. Das Kind schafft es nicht, sich der „überwältigenden Kraft und Autorität des Erwachsenen“ zu widersetzen, wird stumm und seiner Sinne braubt (51).

Gewalt am Arbeitsplatz

Unter Mobbing am Arbeitsplatz ist jede Verhaltensweise zu verstehen, die durch das bewusste Überschreiten von Grenzen – in Benehmen, Handlungen, Gesten, mündlichen oder schriftlichen Äußerungen – die Persönlichkeit, die Würde oder die physische bzw. psychische Unversehrtheit einer Person beeinträchtigen, deren Anstellung gefährden oder das Arbeitsklima verschlechtern kann. (69)

In ihren Ausführungen trifft Hirigoyen keine begriffliche Unterscheidung zwischen Mobbing und Bossing, wenngleich sie dennoch Beispiele aus beiden Bereichen bringt. 

Sie schreibt, dass der „psychologische Krieg am Arbeitsplatz“ zwei Erscheinungsformen kennt: den Machtmissbrauch, der sehr rasch entlarvt und von den Arbeitnehmern nicht unbedingt hingenommen wird und die perverse Manipulation, die viel hinterhältiger ist und deshalb mehr Schaden anrichtet (70).

Nicht nur die Angst vor der Arbeitslosigkeit lähmt die Opfer, sondern es wird durch verschiedene psychologische Methoden „psychologisch gefesselt“ bis es sein kritisches Urteilsvermögen verliert und nicht mehr weiß, wer recht hat und wer unrecht: Es wird ihm vom Täter die unmittelbare Kommunikation verweigert, es wird herabgewürdigt, diskreditiert, isoliert, schikaniert, zu Fehlern verleitet und/oder sexuell belästigt (80ff).

Problematisch ist, wenn ein Unternehmen Mobbing gewähren lässt (99) oder in manchen Fällen sogar fördert (105). Nicht nur, dass Menschen an Mobbing richtiggehend zerbrechen können, die Billigung einer derartigen Unternehmenskultur ist auch für das Unternehmen mit wirtschaftlichen Folgen verbunden: Die Verschlechterung des Arbeitsklimas hat eine erhebliche Leistungs- oder Ertragsminderung in einer Abteilung oder Belegschaft zur Folge, denn das Austragen des Konflikts wird zum Hauptinteresse aller Beteiligten: des Aggressors, des Angegriffenen und teilweise sogar der Zeugen, die sich nicht mehr auf ihre Arbeit konzentrieren können. Es ist die Aufgabe der Entscheidungsträger in einem Unternehmen, Quälereien zurückzuweisen, den Dingen nicht freien Lauf zu lassen und darüber zu wachen, dass der Mensch auf jeder Rangstufe eines Unternehmens geachtet wird (110).

Die perverse Beziehung und die Protagonisten

Hirigoyen beschreibt in einem weiteren Teil des Buches, wie es zu einer derartigen Täter-Opfer-Beziehung kommt und ergründet jeweils die Persönlichkeit von Täter und Opfer.

Laut der Autorin stellt sich eine perverse Beziehung in zwei Phasen ein: In der perversen Verführung und der darauffolgenden Gewalt (115). In der Verführungsphase ist es das Ziel, das Opfer zu destabilisieren und sein Selbstvertrauen zu sabotieren. Die Beeinflussung besteht darin, jemanden, ohne zu argumentieren, dahin zu bringen, dass er anders denkt, entscheidet oder sich benimmt, als er dies aus eigenem Antrieb getan hätte; der Täter stimmt dabei seine Verführung und Manipulation auf die Empfindlichkeit und Verletzlichkeit des anderen ab (116). Hirigoyen unterscheidet drei Stufen der „geistigen oder seelischen Beherrschung des anderen“: Aneignung durch Enteignung; Beherrschung (der andere wird in einem Status der Unterwerfung gehalten); Prägung (ein „Brandzeichen“ soll ihm aufgenötigt werden) (117).

Auch auf die Formen der Kommunikation geht die Autorin ein, wobei sie von der „Illusion der Kommunikation“ spricht; sie nennt sie „eine eigenartige Kommunikation, nicht geschaffen, um zu verbinden, sondern fernzuhalten und jeglichen Austausch zu verhindern“ (121). Dafür bedient sich der Aggressor folgender Methoden: z.B. die unmittelbare Kommunikation verweigern (121), die Sprache entstellen (123), lügen (126), Sarkasmus, Spott und Verachtung (128), Herabsetzen (136), Trennung, um besser herrschen zu können (137), seine Herrschaft aufzwingen (139), vom Paradox Gebrauch machen (132; z.B. mit Worten etwas ausdrücken, was mittels Gesichtsausdruck gleich wieder negiert wird; dadurch werden Zweifel über mehr oder minder unbedeutende Vorkommnisse des Alltags ausgestreut).

Wenn der andere sich dem beherrschenden Einfluss zu widersetzen beginnt, wird er vom bisher nützlichen Objekt zum gefährlichen Objekt, welches – egal mit welchen Mitteln – beseitigt werden muss: Der Aggressor beginnt, seinen Hass zu zeigen, es kommt zur Ausübung von Gewalt – mit dem Ziel, den anderen in die Enge zu treiben (143ff).

Der Aggressor

Der Täter hat in der Regel eine pervertierte narzisstische Persönlichkeit, welche laut Hirigoyen meist fünf oder mehr der folgenden Merkmale aufweist (154):

– die Person hat eine großartige Meinung von ihrer eigenen Bedeutung;
– verzehrt sich in Phantasien von grenzenlosem Erfolg, von Macht;
– glaubt, etwas „Besonderes“ und einzigartig zu sein;
– hat ein übermäßiges Bedürfnis, bewundert zu werden;
– meint, ihr stehe alles zu, man schulde ihr alles;
– beutet in zwischenmenschlichen Beziehungen den anderen aus;
– es fehlt ihr an Empathie;
– beneidet häufig die anderen;
– legt überhebliche Haltung und Verhaltensweisen an den Tag.

Das Opfer

Ausgewählt wird ein Opfer laut Hirigoyen von seinem Aggressor „einfach, weil es da war und weil es irgendwie unbequem wurde. Es hat nichts Eigentümliches für den Aggressor. Es ist ein austauschbares Objekt, das im falschen/richtigen Augenblick da war und den Fehler begangen hat, sich verführen zu lassen – und manchmal den, einen zu hellen Kopf zu haben.“ (167)

Allein die Hinnahme des Schicksals seitens des Opfers erstaunt vielleicht auf den ersten Blick; dennoch unterscheiden sie sich von den Masochisten durch das unendliche Befreiungsgefühl, welches sie empfinden, wenn es ihnen durch ungeheure Anstrengung gelingt, sich zu lösen. Sie sind erleichtert, weil Leiden als solches sie – im Gegensatz zu echten Masochisten – eben nicht interessiert (171).

Wenn sie sich manchmal über längere Zeit hin auf das perverse Spiel eingelassen haben, dann eher, weil sie wirklich lebendig sind und weil sie Leben geben wollen, und sich sogar an die unmögliche Aufgabe heranwagen, einem Perversen zu Leben zu verhelfen: „Mit mir wird er sich ändern!“

Ihre Tatkraft ist allerdings mit einer gewissen „Schwäche“ gekoppelt. Indem sie sich in das unmögliche Unterfangen stürzen, Tote aufzuerwecken, beweisen sie eine gewisse Überschätzung ihrer eigenen Kräfte.

Das ideale Opfer beschreibt Hirigoyen als „eine gewissenhafte Person mit einem natürlichen Hang, sich schuldig zu fühlen“ (172).

Die potentiellen Opfer sind Träger einer partiellen Melancholie. Einerseits gibt es in ihnen einen schmerzlichen Punkt, der eventuell mit einem kindlichen Trauma zusammenhängt, andererseits besitzen sie sehr große Vitalität. Die Perversen, so Hirigoyen, attackieren nicht die melancholische Seite, sondern die lebendige, die Vitalität, die sie wahrnehmen und sich anzueignen suchen (175).

Zusätzlich erscheint das Opfer als naiv und leichtgläubig. Es kann sich nicht vorstellen, dass der andere von Grund auf ein Zerstörer ist, und versucht, logische Erklärungen zu finden; es versucht, Missverständnisse zu vermeiden und will „transparent“ erscheinen. Die Opfer versuchen sich dem anzupassen, was der andere will und sind zunächst verständnisvoll. Sie verstehen oder verzeihen, weil sie lieben oder bewundern. Sie glauben, alles verstehen, alles vergeben, alles rechtfertigen zu können. Sie sind überzeugt, sie würden im Gespräch eine Lösung finden und nähren die Hoffnung, der andere würde sich ändern (176f).

Die Opfer verstehen, aber gleichzeitig „sehen“ sie. Sie besitzen eine Hyperhellsichtigkeit, die sie dazu führt, die Anfälligkeit, die Schwächen ihrer Aggressoren zu benennen. … Wenn sie anfangen, zu benennen, was sie verstanden haben, werden sie gefährlich.

Folgen für das Opfer und Übernahme der Verantwortung

Verzicht: Während der Phase der Beherrschung nehmen noch beide Protagonisten eine Haltung des Verzichts ein, mit dem Ziel, den Konflikt zu vermeiden: Der Aggressor greift durch kleine indirekte Sticheleien an, provoziert jedoch nicht offen; und das Opfer unterwirft sich aus Furcht vor einem Konflikt, welcher zu einem Bruch führen könnte. In gewisser Weise gehen beide ein Bündnis ein (182).  

Verwirrung: Das Sichentfalten des beherrschenden Einflusses verwirrt das Opfer, sodass sich bei diesem ein Gefühl einstellt, einen leeren Kopf zu haben; das Denken fällt ihm schwer. Dieser Zustand wiederum erzeugt Stress im Opfer (183).

Zweifel: Durch den Zustand der Betäubung trifft die offene Gewalt das Opfer unvorbereitet; es fühlt sich „wie vom Blitz getroffen“ und bestreitet die Wirklichkeit dessen, was es nicht begreifen kann. Es versucht, zu verstehen und sucht nach logischen Erklärungen. Das Opfer sucht nach seinem Anteil am Zustandekommen der Gewalt und übernimmt häufig die Verantwortung für den zerstörerischen Prozess; am Ende bleibt der Aggressor schuldfrei und das Opfer tritt in die Position des Schuldigen. Dieses Schuldgefühl wird leider immer wieder von der Umgebung noch zusätzlich verstärkt, da diese – ihrerseits verwirrt – selten imstande ist, Hilfe zu leisten. So kommt es zu Urteilen, gefühllosen Kommentaren oder Erklärungen der Situation, die dem Opfer im Endeffekt nicht helfen: Ratschläge, „wie jemand eher sein soll“ oder „was er tun oder lassen soll“, „womit die Gewalt provoziert worden sein könnte“ etc. (183f).

Stress: Der Organismus reagiert auf den Stresszustand auf verschieden Art und Weise: durch die Produktion von Hormonstoffen, durch eine Schwächung des Immunsystems, durch die Veränderung der Neurotransmitter im Gehirn. Der chronische Stresszustand führt zu einem allgemeinen inneren Angstzustand – mit anhaltender Furcht und Furchtvorwegnahme sowie ängstlichen Grübeleien, die das Opfer nur schwer beherrschen kann. Es ist ein Zustand ständiger Spannung und übermäßiger Wachsamkeit (186f).

Angst: Das Opfer ist permanent auf der Hut, belauert den Blick des anderen oder die Schroffheit seiner Gebärden, den eisigen Ton, der eine unausgesprochene Aggressivität verdecken könnte. Es fürchtet die Reaktion des anderen und zeigt sich aus diesem Grund immer liebenswürdiger und versöhnlicher. Noch immer wiegt es sich in der Illusion, der Hass könne sich in Liebe und Wohlwollen auflösen (187f).

Vereinsamung: Immer wieder fühlen sich Opfer alleingelassen, denn selbst Freunde distanzieren sich, indem sie „da nicht hineingezogen werden wollen“. In der Folge zweifeln die Betroffenen an den eigenen Wahrnehmungen und fragen sich, ob sie nicht übertrieben haben könnten (188f).

Zu den längerfristigen Folgen von perverser Gewalt zählt Hirigoyen folgende Merkmale:

Schock: Durch das Bewusstwerden der Aggression finden sich die Opfer in einem Schockzustand wieder: sie fühlen sich getäuscht, missbraucht, missachtet. Erst spät entdecken sie, dass sie Opfer sind. Sie verlieren die Achtung vor sich selbst sowie ihre Würde, sie schämen sich der Reaktionen die diese Manipulation in ihnen wachgerufen hat. Die Scham entsteht laut Hirigoyen dadurch, dass ihnen bewusst wird, dass sie die Gewalt des anderen zugelassen haben. Auch wenn sich manche an ihrem Täter rächen wollen, suchen die meisten lediglich nach einer Rehabilitierung und wollen die eigene Identität wieder anerkennen (190f).

Dekompensation: Wenn der Mensch keine Ressourcen mehr hat, den vorhandenen Stress abzubauen, kommt es zur Dekompensation: darunter ist ein generalisierter Zustand der Beklommenheit zu verstehen, der häufig in Kombination mit psychosomatischen Störungen oder Depression einhergeht. Nicht alle Menschen reagieren auf psychischer Ebene, zu den körperlichen Reaktionen zählen Essstörungen, Schwächeanfälle etc. (191ff).

Trennung: Neben dem sich Fügen in die Situation ist der Kampf um eine Trennung die zweite Möglichkeit des Umgangs mit perverser Gewalt. Laut Hirigoyen ist eine Trennung immer das Werk des Opfers, nie das des Aggressors. Zurück bleibt jedoch meist ein Täter, der sich beklagt, geschädigt worden zu sein, während das Opfer tatsächlich jene Person ist, die alles verliert (194ff).

Die spätere Entwicklung: Die körperliche Entfernung vom Aggressor bedeutet anfangs eine Befreiung für das Opfer; nach der ersten Phase der Erschütterung erwacht wieder ein Interesse an der Arbeit und an Hobbys bzw. auch eine Neugier auf die Welt und auf Menschen. Dennoch klingt bei vielen die traumatische Erfahrung noch lange Zeit nach und zeigt sich in verzögerten psychischen oder somatischen Störungen: Eine allgemeine Beklemmung, chronische Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Kopfweh, verschiedene Schmerzen oder psychosomatische Störungen (Bulimie, Alkoholismus, Drogenabhängigkeit). Einige Opfer klagen nachträglich auch über unkontrollierbare Aggressivität und viele entwickeln ein „Ausweichverhalten“, indem sie sich Strategien zurecht legen, nicht an das ’stressige‘ Ereignis denken zu müssen. Sie meiden alles, was sie an die schmerzlichen Erfahrungen erinnern könnte. Dennoch sind letzten Endes die Aggressionen und Demütigungen ins Gedächtnis eingeschrieben und leben wieder auf in intensiven und sich wiederholenden Bildern, Gedanken, Erschütterungen.

Ein Opfer, das jedoch Bedauern von seinem Täter erhofft, wartet meist vergeblich; Reue kommt laut der Autorin maximal von der Umgebung – von den stummen Zeugen oder Mittätern – die zumindest nachträglich ihrem Bedauern Ausdruck verleihen (196ff).

Praktische Ratschläge für Betroffene

Hirigoyen beginnt dieses Kapitel wie folgt:

Gegenüber einem Perversen gewinnt man niemals. Bestenfalls kann man etwas über sich selbst lernen. (201)

Dementsprechend sind die notwendigen Schritte der Befreiung: Erkennen – Handeln – innerlich widerstehen (sich dafür gegebenenfalls Unterstützung holen) – die Justiz einschalten. Dieses Prozedere gilt im Prinzip sowohl für den Umgang mit familiärer als auch beruflicher Gewalt.

Wie heilen?

Laut Hirigoyen ist meist psychotherapeutische Hilfe für den Heilungsprozess unerlässlich. Gemeinsam mit dem Psychotherapeuten kann das Opfer lernen, die Perversion beim Namen zu nennen. Dafür ist es unerlässlich, dass der Therapeut das Trauma des Hilfesuchenden als etwas Geschehenes anerkennt. Das Ziel der Therapie ist es, dass der Patient wieder Zugang zu seiner Freiheit findet – dafür ist es jedoch notwendig, die Zweideutigkeit zu beseitigen und Unausgesprochenes besprechbar zu machen. Nur so kann sich das Opfer von seinen Schuldgefühlen befreien kann (219ff).

Literatur:

Marie-France HIRIGOYEN: Die Masken der Niedertracht: Seelische Gewalt im Alltag und wie man sich dagegen wehren kann. dtv-Verlag, 7. Auflage, München: 2007.



Wirkprinzipien der Psychotherapie

Ich kann mich noch gut erinnern, als ich mich in der Anfangsphase meiner Lehrtherapie einmal meinem Therapeuten gegenüber fand und ihn verdutzt anschaute: „Ich habe keine Ahnung, wieso es plötzlich anders ist: Ich habe seit unserer letzten Sitzung nichts verändert; trotzdem fühlt es sich plötzlich irgendwie anders an… Wir haben doch nur geredet.“ Ich kann mich auch gut an den zufriedenen – wenngleich auch ein wenig belustigten – Gesichtsausdruck meines Therapeuten erinnern, der daraufhin meinte: „Aber so ist es ja gedacht: Freud sprach von der Psychotherapie auch als ‚Gesprächskur‘.“ Dies war das erste Mal, dass ich wirklich spürte: Psychotherapie wirkt. Natürlich begleiteten mich in der Folge immer wieder Fragen wie „Wie wirkt Psychotherapie?“ und „Was wirkt in der Psychotherapie?“

Hier ein kleiner Auszug, was die Forschung dazu sagt:

Grawe und Co: Metaanalysen in der Psychotherapieforschung 

Seit 1994 gab es zwei umfangreiche Metaanalysen zur Wirksamkeit von Psychotherapien, wobei der 2005 verstorbene Psychotherapieforscher Klaus Grawe an beiden maßgeblich beteiligt war:

Eine Metaanalyse stammt von Orlinsky, Grawe & Parks (1994), in welcher die Autoren in den bis 1995 zur Verfügung stehenden Arbeiten mehr als 2000 gesicherte Zusammenhänge zwischen Prozessmerkmalen und Therapieergebnis fanden.

Eine weitere Metaanalyse, welche von Grawe, Donati & Bernauer (1994) durchgeführt wurde, basierte auf den zirka 3.500 Publikationen von kontrollierten psychotherapeutischen Wirksamkeitsstudien (ohne unveröffentlichte Dissertationen), welche bis 1983/84 publiziert waren. Nachdem die Autoren die Studien von Kindern und Jugendlichen ausgeschlossen hatten, sowie solche mit weniger als vier Patienten, mit weniger als vier Sitzungen und mit bestimmten gut umgrenzten Problembereichen, blieben für die endgültige Auswertung 897 Studien mit Patienten, die an einem klinisch relevanten Problem leiden. In dieser Metaanalyse kristallisierten sich vier therapeutische Wirkprinzipien von Psychotherapie heraus:

1. Wirkprinzip: Ressourcenaktivierung
Es ist besonders wirksam, an den positiven Möglichkeiten, den Eigenarten, den Fähigkeiten und den Motivationen des Patienten anzusetzen. Die wichtigste wirksame Ressource in diesem Zusammenhang ist jedoch die Fähigkeit, eine gute zwischenmenschliche Beziehung aufzubauen. Entscheidend für den Therapieerfolg ist dabei auch, ob sich der Patient selbst als zu einer guten Beziehung fähig erlebt. Weiters ist relevant, ob der Patient seinen Therapeuten als ihn unterstützend, aufbauend und in seinem Selbstwert positiv bestätigend erlebt.

2. Wirkprinzip: Problemaktualisierung
In der Therapie muss zuerst aktiviert werden, was in weiterer Folge verändert werden soll. Dies bedeutet, das Problem muss vom Patienten real erlebt werden (Beispiele: Expositionsübung, ein Problem im therapeutischen Gespräch richtig „durchleben“).

3. Wirkprinzip: Problembewältigung
Der Therapeut unterstützt den Patienten mit geeigneten Maßnahmen aktiv darin, mit einem bestimmten Problem besser fertig zu werden (z.B.: Selbstsicherheitstraining, Reizkonfrontation, Stressbewältigungstraining, Entspannungsverfahren, Kommunikations- und Problemlösungstraining, familientherapeutischen Interventionen).
Damit dies gelingen kann, muss das, was der Patient als sein Problem erlebt, auch vom Therapeuten ernst genommen werden. Für die therapeutische Wirkung ist entscheidend, dass der Patient die reale Erfahrung macht, besser im Sinne seiner Ziele mit der betreffenden Situation zurechtzukommen. Es ist somit wichtig, dass der Therapeut über ein umfassendes problem- und störungsspezifisches Erfahrungswissen verfügt. Bemerkenswert ist jedoch auch, dass es wirksame psychotherapeutische Methoden gibt, die genau das Prinzip der Problembewältigung nicht als Strategie verwenden und dass diese aber trotzdem wirksam sind (z.B. Gesprächspsychotherapie nach Rogers oder die Psychoanalyse).

4. Wirkprinzip: motivationale Klärung
Der Therapeut hilft dem Patienten, sich über die Bedeutung seines Erlebens und Verhaltens im Hinblick auf seine bewussten und unbewussten Ziele und Werte klarer zu werden.

Ergebnisse der Effizienzforschung: Besser mit als ohne Psychotherapie, Richtung egal, Haltung wichtig.

In bisherigen Metaanalysen stieß man auf folgende Ergebnisse hinsichtlich der Effizienz von Psychotherapie: 80 % der Patienten geht es mit einer Psychotherapie besser als ohne eine Psychotherapie; zwischen den verschiedenen Therapierichtungen gibt es keine klaren Sieger und Verlierer; Laientherapeuten erzielen vergleichbare Effekte wie professionelle Therapeuten. In der Psychotherapieforschung spricht man in diesem Zusammenhang vom so genannten „Äquivalenz-Paradox“.

Unspezifische Wirkfaktoren: Die Wichtigkeit der therapeutischen Haltung

Strupp&Hadley (1979) fanden in ihrer Forschung unspezifischen Wirkfaktoren wie „Akzeptanz, Wärme, Respekt, Empathie und Fürsorge“. Ihre Ergebnisse zeigten, dass College-Professoren und erfahrene Therapeuten ide gleiche Besserung von Beschwerden erreichen konnten, wichtig war eben deren Haltung. Andere Studien bestätigten ebenfalls, dass Laien ähnliche Ergebnisse erzielen können wie ausgebildete Psychotherapeuten (Durlak 1979, Zielke 1979, Hattie/Sharpley/Rogers 1984, Gunzelmann/Schiepek/Reinecker 1986, Christensen&Jakobson 1994).

Ich möchte mit einem Ausspruch von Dr. Pritz schließen; im Rahmen eines Propädeutikum-Kurses sagte er einmal sinngemäß: „Manche erfüllen zwar keine formalen Kriterien, sind jedoch gute Therapeuten; andere erfüllen alle formalen Voraussetzungen und werden dennoch nie wirkliche Therapeuten sein.“

Für den Patienten ist wohl gut, wenn beides vorhanden ist: die richtige Haltung und eine entsprechende Ausbildung.

Literatur: