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Eugen Drewermann: Der Froschkönig – eine tiefenpsychologische Interpretation von Dr. Eugen Drewermann

In seinem Vortrag „Der Froschkönig – eine tiefenpsychologische Interpretation“ für eine Focus-Sendung des ORF Vorarlberg im April 2004 befasste sich der deutsche Theologe, Psychoanalytiker und Schriftsteller Dr. Eugen Drewermann mit der Symbolsprache, die sich im Märchen „Der Froschkönig“ verbirgt.

„Die Symbolsprache der Märchen, Mythen und Träume ist die einzige Fremdsprache, die existenziell wichtig ist“, so der Psychoanalytiker und fügt an, dass diejenigen, die diese Sprache zu verstehen lernen, sich verändern. „Die Märchen möchten, dass wir die Liebe wagen – sie sagen uns, dass die Liebenden in dieser Welt glücklich sein können, vor allem, wenn sie Glück haben.“

Das Märchen: Der Froschkönig

Zu Beginn seines Vortrags liest Eugen Drewermann das Märchen „Der Froschkönig“ der Brüder Grimm vor.

Hier eine kurze Zusammenfassung des Inhalts von „Der Froschkönig“:
Eine Prinzessin, die so schön ist, dass die Sonne selbst sich jedes Mal verwundert, wenn sie auf ihr Gesicht scheint, spielt in der Nähe des Brunnens mit ihrer goldenen Kugel. Die Kugel fällt in den Brunnen, worauf die Prinzessin sehr traurig ist. Ein Frosch verspricht ihr, die Kugel wiederzubringen, wenn die Prinzessin ihm einige Zugeständnisse macht: Er wolle ihr Geselle und Spielkamerad sein, an ihrem Tischlein neben ihr sitzen, aus ihrem Becherlein trinken, in ihrem Bettlein schlafen. Die Prinzessin verspricht es ihm, denkt jedoch nicht daran, dieses Versprechen einzuhalten. Als der Frosch später kommt, um das Versprechen einzufordern, wird der Vater zornig und fordert von seiner Tochter, dass sie hält, was sie dem Frosch versprochen hat. Die Prinzessin gehorcht ihrem Vater, doch als der Frosch zu ihr ins Bett kommt, wirft ihn die Prinzessin voll Ekel an die Wand. Der Froschkönig verwandelt sich in einen Königssohn mit schönen freundlichen Augen und erzählt ihr, dass er von einer bösen Hexe verwünscht worden war und niemand ihn erlösen hätte können als eben die Prinzessin alleine.

Drewermann weist darauf hin, dass der Froschkönig eine aktuelle Beziehungsgeschichte voller Gegensätze und Konflikte darstellt, wobei das Märchen durchaus lösungsorientiert angelegt ist, indem zwei neurotische Menschen eine Wandlung erleben, durch die erst eine reife Beziehung möglich wird.

Hauptprotagonist: Der Froschkönig.

Der Froschkönig setzt sich aus den gegensätzlichen Elementen „König“ und „Frosch“ zusammen. „Er ist König, weil er Frosch ist und Frosch, weil er König ist“, so Drewermann. „Erst als ein Erlöster, ein Zu-sich-selbst-Gefundener kann er seiner geliebten Prinzessin erläutern, dass er durch die Machenschaften einer Hexe verwünscht war.“

Eine Beziehung zwischen Mutter und Kind ist sehr verflochten und geprägt von Ambivalenzgefühlen zwischen äußerster Liebe und starker Abneigung. Aber wie ist es möglich, dass ein junger Mensch von sich selbst denkt, dass er überaus mächtig und gleichzeitig gar nichts sein könnte?

Im Märchen steht der Brunnenschacht symbolisch für den ewigen Mutterschoß. Demnach ist der Froschkönig ein Kind, das niemals von seiner Mutter fortkommen darf.

Drewermann beschreibt die Problematik anhand einer Fallgeschichte eines Patienten, den er im Alter von 17 Jahren kennen lernte:
Dieser junge Mann hatte als 6-jähriger erlebt, wie sein Vater sich von seiner Mutter trennte. Er, der Sohn, kümmerte sich dann um seine depressive, suizidale Mutter. Es lastete eine große Verantwortung auf ihm. Gleichzeitig war es eine Ehre für ihn, der Liebling der Mutter zu sein – er war ihr Sonnenschein, die Mittelpunktachse des Lebens der Mutter – und das umso mehr, nachdem der Vater gegangen war. Der Junge ersetzte den Vater für die Mutter und musste ihn sogar noch übertreffen – er musste aufopfernd, feinfühlig und sensibel sein. Er ist also der König, der Prinzgemahl der Mutter und andererseits furchtbar überfordert mit dieser Situation und kann ihren Erwartungen nicht entsprechen.
Die Mutter verwöhnt den Jungen sehr und fordert ihn hinsichtlich mancher Aufgaben nicht. Was sie sich ersparen kann, wird Weihnachten etc. für den Jungen investiert. Er musste nie lernen, ein Glas abzutrocknen etc. Wenn sie dies später versucht einzufordern, droht er ihr z.B. er werde das Glas einfach fallen lassen.
Aus dieser Situation heraus konnte er auch terroristisch für seine Mutter sein.

Die Kombination lautete materielle Verwöhnung plus psychisch rabiate Überforderung: „Ich bin ein König und fühle mich doch als etwas gänzlich Niedriges.“ Diese Dynamik ergab sich aus Minderwertigkeitsgefühlen in Kombination mit überhöhten Überich-Idealen.

Man könnte empfehlen, dass der Junge sich von seiner Mutter trennt, aber das ist unmöglich für den Jungen.

Die engste Bindung zwischen dem Sohn und der hexenartigen Mutter liegt in den Schuldgefühlen: Der Junge darf niemals seine Mutter verlassen, sonst würde er werden wie sein eigener Vater – würde er seine Mutter verlassen, wäre er für den Tod der Mutter verantwortlich.

Nach zwei Jahren Psychotherapie wird auch der Therapeut ungeduldig – von der Supervisionsgruppe erheischt er folgenden Rat: „Diesem jungen Mann müssen Beine gemacht werden. Er muss den Mut haben, in das Leben zu springen. Er muss eine andere Frau kennen lernen. Er gibt doch genug Frauen. Er muss es nur wagen.“ Der Therapeut, der diesen Rat an seinen Patienten weitergibt, muss bald erkennen, dass der Patient seine Behandlung bald beenden wird.

Es gibt jedoch auch eine andere : Das Märchen „Der Froschkönig“ (er-)findet den einzigen Ausweg zur Lösung.

Hauptprotagonistin: Die Prinzessin.

Wer ist die Königstochter, die den Froschkönig erlösen wird? Sie ist wunderschön, aber ein Kind voll Traurigkeit und Tränen. Die Prinzessin ist vor allem die Tochter ihres Vaters: Der Mann hat drei Töchter, aber die ersteren dienen ausschließlich als Vergleichsmaßstab für Lobpreis und Hochschätzung der dritten Tochter.

Was bedeutet es, wenn ein Mädchen der Liebling / „die Geliebte“ des Vaters ist? Es liegt aller Stolz, alle Hochachtung darin. Für ein Mädchen von 4 Jahren ist der Vater ein König oder Gott. Zwischen 6 und 7 Jahren wird der Lehrer ein Konkurrent für den großartigen Vater. Es wäre ein Entwicklungsfortschritt, wenn die Tochter von ihrem Vater nach und nach ablassen würde, aber das ist im Märchen „Froschkönig“ nicht der Fall.

Das Leben der Königstochter teilt sich in zwei Sphären: die väterliche Kultur und die Natur, welche die mütterliche Sehnsuchtswelt symbolisiert. Das Mädchen pendelt hin und her zwischen diesen zwei Sphären – ein Symbol dafür, dass sie vom Mädchen zur Frau wird. Das Mädchen möchte die ganze Kindheit mitnehmen – symbolisiert durch das Ballspiel: Um den Verzicht der Kindheit zu erleichtern, übt sie selbst die Kindheit wegzugeben und diese in der Folge wieder zurückzubekommen.

Die runde Kugel stellt also die geschlossene Kinderwelt dar, die sie bei sich behalten möchte. Aber die Kugel rollt in den Brunnen, wo der Froschkönig sitzt. Es sind die ersten Schritte, die die Liebenden verbinden könnten, diese sind jedoch sehr angstbesetzt bis fast unmöglich.

Die Botschaft lautet nach Drewermann: „Liebe Königstochter, du darfst deine Kindheit behalten, aber es gibt nur eine Art: Du musst lernen, dich zu verlieren und dich dir wiederzugeben durch die Liebe. Wer seine Kindheit krankhaft verschließt, verliert sie ganz. Er wird niemals erwachsen. Die Liebe kann hier vermitteln.“

Symmetrie der Begegnung zwischen Froschkönig und Prinzessin

Der Königssohn stammt aus einer vaterlosen Familie; er wuchs ganz und gar bei seiner Mutter auf. Die Prinzessin stammt aus einer mutterlosen Familie und wuchs ganz und gar bei ihrem Vater auf (die Mutter findet kaum bis keine Erwähnung in der Geschichte). Die beiden sind sich spiegelbildlich ähnlich, haben einen gleichen Werdegang. Daher sagt der Königssohn auch: „Nur du konntest mich erlösen.“

In der Paartherapie spricht man in diesem Fall von „Kollusion“ – folgendem unbewussten Zusammenspiel: Unbewusst wählt man im Partner den gegengeschlechtlichen Elternteil, um von der Umklammerung des übergroßen Vaters bzw. der übergroßen Mutter erlöst zu werden.

Im Märchen machen sich innige Gefühle der Liebe fest am Partner, indem Empfindungen aus der Kindheit aktualisiert werden – aber es kommt zur Angst vor Enttäuschung. Man liebt im anderen etwas vom Vater / von der Mutter und in der Liebe wiederholt sich alles noch einmal wie aus Kindertagen.

Es gibt jedoch auch Märchen, die anders sind: Dann, wenn der Bräutigam unmögliche, fast tödliche Aufgaben erledigen muss – z.B. einen siebenköpfigen Drachen töten; Dornröschen küssen, jedoch erst nach der Überwindung von unüberwindbaren Dornenhecken… Dahinter steht, dass der Vater jeden Schwiegersohn in spe im Grunde vernichten möchte, denn eigentlich will er seine Tochter gar nicht vermählen.

Anders beim Froschkönig: Der Vater befiehlt die Vermählung mit dem Froschkönig sogar. Es heißt: „Die Sonne, wenn sie die Schönheit dieses Mädchens sah, geriet in Bewunderung“. Sollte es da dem Vater anders ergangen sein als der Sonne? Wohl kaum. Gefühle, die bis dahin innig waren, müssen über Nacht abgekühlt werden – die Sprache wird streng, moralisch. Dahinter steht mitunter auch, dass der Vater sich auch vor seinen eigenen Gefühlen der Tochter gegenüber schützen will. Es gibt jedoch noch ein anderes Motiv für das Handeln des Köngis: Der Vater hätte den Vertrag der Tochter sicher auch anders lösen können – er war ein König, einflussreich, mächtig – aber offenkundig will er, dass seine Tochter den Froschkönig heiratet. Warum? Der Frosch wird ihn nie gefährden… Nur so konnte die Tochter für ihn Sonnenschein auf Lebenszeit bleiben. Der Vater will seine Tochter also unglücklich verheiraten mit dem Froschkönig. So konnte er später der Seelentröster für seine Tochter werden: als Weiser, als kundiger Beistand der Tochter, als Kenner der Frauen kann er ihr Ratschläge geben.

Und auch die Tochter brauchte auf ihren Vater nicht zu verzichten, wenn sie den Froschkönig wählt, denn der Vater ist der beste aller Männer, kein Mann hält diesem Vergleich stand. Solang sie ihren Vater im Herzen und im Kopf trägt, hat kein anderer Mann eine Chance. Und auch der Königssohn ist ein Schwächling.

Plottwist: Die Schlüsselszene im Froschkönig.

Der Frosch kommt zur Prinzessin ins Bett – Wut, Zorn, Ekel der Prinzessin verdichten sich bis die Prinzessin den Frosch gegen die Wand wirft. Das Wesentliche ist also, dass eine bestimmte Energie sich zum Unerträglichen verdichtet – die sexuelle Energie – und die Tochter klatscht den Froschkönig schließlich an die Wand. In diesem Moment kommt es zu einem Rollenbruch: Die Königstochter hört auf, der Liebling des Vaters zu sein – indem sie ihre Rolle an der Wand zersprengt wird sie zu einer anderen Frau und auch der Froschkönig kann zu einem anderen Mann werden.

Die Prinzessin wollte ihre Kindheit erhalten: sie zeigt eine hysterische Ambivalenz allem Sexuellen gegenüber – ist unschuldig und verführerisch gleichzeitig, nie festgelegt aber ständig verlockend.
Der Froschkönig fügte sich dem, indem er alle Wörter diminutiv miniaturisierte: Becherlein, Tellerlein, dein Gesell (ganz sicher nicht dein Mann – nur dein Spielkamerad… Das sollte heißen: „Ich werde dir als Mann nie etwas tun.“) Dies war die Eintrittstür für den Froschkönig, denn er signalisierte ihr: „Ich akzeptiere voll und ganz deine „Klein-Mädchen-Auffassung“ vom Leben.“ „Beide müssen aufhören, aber beide müssen auch aufhören dürfen, Kinder zu sein“, so Drewermann.

In der Folge erzählt der Froschkönig der Königstochter sein ganzes Leben.

„… und sie lebten glücklich bis an ihr Ende“: Wie es laut Drewermann weitergehen könnte.

Drewermann liest einen möglichen Dialog vor, den die beiden Jahre später miteinander führen könnten, so sie die Wandlung gemeistert hatten. So könnte die Prinzessin ihrem Mann sagen: „Vergib mir Geliebter die Worte meiner Verachtung. Sie mussten dich kränken und schlimmer: sie sollten dir wehtun. Doch glaub mir, sie galten nicht dir. Ich selber war noch sehr unreif und unerfahren – voller romantischer Ideen mit denen ich mich vor der Wirklichkeit und vor mir selber zu schützen suchte. Wie alle Mädchen voller Sehnsucht und Angst war ich voller Abwehr gegenüber der Liebe, die ich doch suchte. Ich hielt für Stärke, was eine Schwäche war. Ich traute mir selbst nicht – wie hätte ich da wohl einem anderen, einem Manne wohl gar vertrauen sollen? Ich glaubte mich dir überlegen nur aus Angst vor deiner wirklichen Größe. Ich wollte dich erniedrigen und klein machen – nur aus Angst vor deiner Nähe. Der einzige, dem ich vertrauen durfte, war mein Vater: Zu ihm blickte ich auf; in seinen Augen fühlte ich mich selber gemocht und angesehen. Sein Wohlwollen war wie ein warmer Wind, der mich durchs Leben trug. Ich spürte, dass ich von ihm loskommen musste, aber ich hatte auch Angst, ihn loszulassen. Ich sehnte mich nach meiner Mutter, doch eine solche gab es nicht. Wer war ich als Frau? Ich war die Schönste in den Augen meine Vaters; für ihn war ich eine Kostbarkeit, die man der Öffentlichkeit nur unter Panzerglas zeigt. Wie in einem Museum. Und in solch einer Bestimmtheit traf ich dich. Ich sah sofort deine gütigen Augen, deine Stimme tat mir wohl. Du erschienst mir wie ein Gefährte in meiner Einsamkeit. Und du wolltest mein Freund sein auf ewig, das bedrohte mich. Das war mir unheimlich. Da schrillten alle Alarmglocken in dem Hochsicherheitstrakt des Museums das mein Leben war. Du hast in gewissem Sinne ja selber gesehen: Deine Annäherung versetzte mich in Panik. Ich behandelte dich von oben herab, ich nahm dich nicht ernst, weil ich doch spürte, dass es ernst wurde. Heute bin ich dir dankbar für deine zähe Geduld, die ich damals als Nachgelaufe ohne Anstand und Würde missdeutete. Ich wollte dich nicht an mich heranlassen, um mich an dich nicht zu verlieren. Und du verstehst, wie es kam: Ich war meines Vaters Vorzeigepüppchen; ich war gewohnt mich zu drehen und zu wenden wie er es wollte und ich lebte in der ständigen Furcht, nicht schön genug, nicht makellos genug, nicht perfekt genug zu sein. Alle sollten mich mögen – aber du warst nicht alle. Du wolltest mich und du beugtest dich hinunter in meine Angst, tauchtest hinab in meine Traurigkeit; holtest mein eigentliches Wesen aus der Tiefe heraus. Und dafür liebe ich dich, du mein Kleinod, mein Prinz.“

Der so Angeredete müsste wohl seinerseits sagen: „Vergib du mir, meine Geliebte, meine Königin. Wirklich, du erweckst alle Sehnsucht in mir. Und du erfüllst alle Sehnsucht. Wie verstehe ich den Stolz deines Vaters! Du rühmst meine Geduld, Geliebte, aber was hätte ich den anderes schon tun sollen: Ich hatte dich lieb vom ersten Augenblick an – deiner Schönheit wegen und auch deiner Traurigkeit wegen. Sie entsprach meinem eigenen Empfinden so sehr, dass ich glaubte, du wenigstens würdest mich verstehen. Es tat mir gut, dir helfen zu dürfen. Selbstlos war das gar nicht. Auch ich hatte und habe meine Ängste – zum Beispiel, dass eine so schöne, vom Glück verwöhnte Frau wie du mir damals erschienst, mich einfach lächerlich fände. Ich traf dich zum Glück als du selber dicht am Wasser gebaut hattest. Dieser Umstand brachte mich dir nah. Denn wenn ich bei meiner Mutter eines gelernt habe, ist es ein gewisses Einfühlen und Gedankenlesen. Gewiss, deine demonstrierte Verachtung tat mir furchtbar weh. Du erschienst mir so groß in solchen Moment. Wenn du sagst, du seiest das Püppchen deines Vaters, wollt ich dir eine Puppenstube zimmern und doch sah ich, dass es ganz unmöglich war, dich dort hineinzufügen. Ich wollte dich nicht belasten, aber so fühlte ich mich dir gegenüber als lästig, schwierig, schwerfällig, schwermütig – als Frosch eben. Ein Kind aus Brunnentiefe und Tränen. Alle Bewegungen bei mir sind langsam und vorsichtig; nichts geht mir behänd von den Händen. Eine gewisse Leichtigkeit des Lebens wie du sie dir wünschen magst, hab ich nie kennen gelernt. Auch mir ermangelte es an Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Und wie du den Beifall der anderen zu erringen versuchtest durch Gefälligkeit und Gefallen, so ich durch Nützlichkeit. Beide hat uns das Leben offenbar sehr einseitig geprägt. Aber jetzt, Geliebte, brauchst du nichts mehr machen, um meinen Gefallen zu erringen. Du gefällst mir einfach dadurch, dass es dich gibt. Du meine Zauberhafte. Meine Sonne am Morgen. Du und ich, wir brauchen gar nichts mehr zu machen. Und zu vergeben haben wir einander gar nichts mehr – außer uns selbst. Denn ich liebe dich sehr. “

Eugen Drewermann beschließt seine tiefenpsychologische Deutung des Märchens „Der Froschkönig“ mit einem Ausschnitt aus dem Gedicht „Engellieder“ von Rainer Maria Rilke:

Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte in meinen Armen;
er wurde klein, und ich wurde groß:
und plötzlich ward ich das Erbarmen,
und er eine flehende Bitte bloß.

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, –
und er ließ mir das Nah, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
so haben wir beide einander erkannt.

Quelle: ORF Vorarlberg, Focus-Sendung vom 10. April 2004: Dr. Eugen Drewermann: Der Froschkönig – eine tiefenpsychologische Interpretation,

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Prägende Kindheitsentwicklungen: Sicherheit der Familie versus Risiken (und Chancen) durch andere Gruppen
November 14, 2007, 7:33 pm
Filed under: Grundkonflikte, Kindheit, Psyche | Schlagwörter: , , , , , , ,

Die Latenzphase, die zirka vom 6. bis zum 10. Lebensjahr dauert, ist eine Periode relativer Ruhe, in der es vor allem um das Üben und sich Aneignen von Fertigkeiten geht und darum, sich im Umgang mit Aufgaben, Belastungen und Krisen zu bewähren. Das Kind lernt, Misserfolge zu kompensieren und seine Selbstbestimmung und freie individuelle Entwicklung auszubauen. Es ist eine Phase, in der es für das Kind um das sich Aneignen von Fertigkeiten, um Selbstbeherrschung und um das Meistern von Situationen außerhalb der Familie geht. Dahinter birgt sich sicherlich auch die große Aufgabe der Latenzzeit für das Kind: die ausschließliche Beziehung zur Familie aufzugeben und sich in andere Gruppen zu integrieren. In diesem Sinne findet eine Weichenstellung für später statt. Gelingt es dem Kind nämlich nicht, diese Phase gut zu meistern, so kann es zu einer Selbstwertstörung kommen, die sich z.B. in Form von einer Schulphobie ausdrückt.

Literatur:

  • Ermann, Michael (2004): Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ein Manual auf psychoanalytischer Grundlage. 4. Auflage, W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart, S.  52f.

  • Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 127f.



  • Prägende Kindheitsentwicklungen: Der ödipale Konflikt

    Ab dem 4. bis 5. Lebensjahr tritt das Kind in eine Entwicklungsphase ein, in der es die relative Sicherheit der Zweierbeziehung verlassen muss und das Wagnis der Dreierbeziehung mit ihren Chancen und/aber auch Risiken und Komplikationen auf sich nehmen muss: Es geht in dieser Phase darum, Konflikte, Rivalität, Spannung, Aggression sowie sonstige unvermeidliche Konsequenzen von Dreierbeziehungen zu ertragen.

    Das Kind steht an der Schwelle zur psychischen Reife, verfeinert seine Fähigkeit zum Leben in sozialen Gruppen und festigt seine eigene Geschlechtsidentität. Um diese Phase gut meistern zu können, braucht das Kind ausreichend Selbstvertrauen und seine Angst vor Bestrafung darf ein für das Kind erträgliches Ausmaß nicht überschreiten. Damit all dies gewährleistet ist, bedarf es einer tragfähigen Beziehung zu den Eltern, die von Vertrauen und Konstanz geprägt ist.

    Begehren und Angst vor Bestrafung: Rivalität mit den Bezugspersonen.

    Das Kind erfährt in dieser Phase, dass es nicht im Mittelpunkt aller Beziehungen steht und gerät so selbst in Rivalität mit seinen Bezugspersonen. Gleichzeitig werden seine Beziehungen mit kindlich-sexuellen Bedürfnissen und Phantasien besetzt, wodurch Konflikte im Kind entstehen: zwischen hetero- und homoerotischen Strebungen, zwischen sexuellem Begehren und Angst vor Strafen, zwischen aggressiver Rivalität und sexueller Zärtlichkeit. Empfindet es einerseits libidinöse Impulse einem Elternteil gegenüber, weiß es andererseits bereits um das Inzesttabu und fürchtet sich daher vor Bestrafung aufgrund seines Begehrens (Kastrationsangst). Diese Angst vor Strafe wird in der Folge in eine Gewissensangst umgewandelt.

    Lösung des Ödipuskomplexes durch Verdrängen und Identifikation.

    Der Ödipuskonflikt entfaltet sich gegen Ende des 5. Lebensjahres und wird in einen positiven und einen negativen Ödipuskomplex unterteilt – abhängig davon, ob das Begehren des Kindes sich auf den gegengeschlechtlichen (positiver ÖK) oder den gleichgeschlechtlichen (negativ ÖK) Elternteil richtet. Gelöst wird der positive Ödipuskonflikt dadurch, indem das Kind sein Begehren des gegengeschlechtlichen Elternteils verdrängt und ein Bild des gleichgeschlechtlichen Elternteils verinnerlicht. D.h. das Mädchen akzeptiert, dass es den Vater nicht heiraten kann, indem es jedoch so werden will wie seine Mutter, kann es später einen Mann haben wie den Vater (uvv.). Der negative Ödipuskomplex findet seine Auflösung dadurch, indem das Kind den gleichgeschlechtlichen Elternteil zu idealisieren beginnt und sich mit diesem Ideal (als Teil des Überichs) identifiziert.

    Literatur:



    Prägende Kindheitsentwicklungen: Der Triangulierungskonflikt.
    November 5, 2007, 2:56 pm
    Filed under: Grundkonflikte, Kindheit, Psyche, Uncategorized | Schlagwörter: , , , , ,

    Ab dem dritten Lebensjahr kommt es zu einer Weiterentwicklung des Autonomie-Konflikts und das Kind kann erstmals verschiedene, alternative Zweierbeziehungen zur gleichen Zeit erleben. Dies wird als triadische Beziehungsstruktur bezeichnet.

    Loyalitätskonflikt: Vatersehnsucht und die dadurch ausgelöste Angst, die Mutter zu verlieren.  

    In dieser Phase braucht das Kind die Anwesenheit, Zuwendung und das Interesse einer dritten Person neben der Mutter. In ihm entsteht eine präödipalen Vatersehnsucht, welche sich dadurch ausdrückt, dass das Kind sich von der Mutter ab- und dem Vater als alternativer Bezugsperson zuwendet. In diesem Spannungsfeld zwischen Abwendung und Festhalten entsteht im Kind ein Loyalitätskonflikt, der sich mit der Angst vor Liebesverlust verbindet und der Neigung, Bedürfnisse nach Selbstständigkeit mit Schuldgefühlen zu beantworten. Dieser Konflikt ist der Vorläufer des späteren ödipalen Konflikts.

    Die Erkenntnis, dass auch die Eltern eine Beziehung zueinander haben.

    Gelöst wird dieser Konflikt durch das Erleben, dass die Beziehung zwischen den Eltern durch die Hinwendung zu einem Elternteil nicht zerstört wird und dass der verlassene Elternteil durch die Liebe zwischen den Eltern geschützt wird. Das Kind lernt die Beziehung zwischen den Bezugspersonen anzuerkennen und entwickelt eine Vorstellung davon, dass eine Beziehung durch eine andere ersetzen werden kann. Es beginnt, trianguläre Beziehungsstrukturen zu leben.

    Loyalitätskonflikte bis ins Erwachsenenalter.

    Ein Scheitern dieser Phase kann dazu führen, dass ein Mensch auch im Erwachsenenleben immer wieder in Loyalitätskonflikte verwickelt wird, große Angst vor Liebesverlust hat und einen Hass gegenüber den gelebten Beziehungen entwickelt. Er sehnt sich nach alternativen Beziehungen, kann diese jedoch aus Loyalität nicht verwirklichen.

    Literatur:

    Ermann, Michael (2004): Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ein Manual auf psychoanalytischer Grundlage. 4. Auflage, W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart, S. 50f.

    Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 126f.



    Prägende Kindheitsentwicklungen: „Abhängigkeit“ versus „Autonomie“

    Unverwechselbar: Ich und Du

    Im Alter von 6 bis 9 Monaten beginnt die Individuationsentwicklung: Der Säugling lernt, dass er ein von seiner Umgebung getrenntes, „gesondertes“, „besonderes“ Wesen ist. Er anerkennt die körperliche und psychische Getrenntheit von der Mutter und erlebt diese als Person außerhalb des eigenen Selbst. Die Mutter ist zu diesem Zeitpunkt für das Kind bereits unverwechselbar geworden – aber erst mit zirka 18 Monaten hat der Säugling eine Vorstellung von sich und der Mutter, welche auch dann erhalten bleiben, wenn die Mutter nicht tatsächlich anwesend ist. Das Kind kann sich an sie erinnern – und diese Erinnerungen trösten es, wenn die Mutter nicht anwesend ist. Damit es diese Fähigkeit entwickeln kann, spielt die Sprachentwicklung eine wichtige Rolle. 

    Ambivalenztoleranz: Gegensätzliche Gefühle aushalten lernen

    Das Kind muss in dieser Zeit lernen, nebeneinander stehende, gegensätzliche Gefühle, Gedanken und Wünsche auszuhalten: Gut und Schlecht werden zunehmend miteinander verbunden und aus dem „Entweder-Oder“ wird ein „Sowohl-als-Auch“. Es verspürt sowohl  Trennungswünsche als auch Trennungsängste und muss lernen, die Gleichzeitigkeit dieser Gefühle auszuhalten. Die Entwicklungsaufgabe dieser Phase ist die Überwindung dieser Trennungs- und Selbstbehauptungsambivalenz. Das Kleinkind kann dadurch ein stabiles Selbstgefühl entwickeln und die passiven Versorgungswünsche der frühen Entwicklung überwinden.  

    Die Fähigkeit, allein sein zu können

    Der Wille zu Abgrenzung und Selbstbehauptung zeigt sich als „Trotz“ und darin, dass das Kind räumlichen Abstand von der Mutter sucht. Die Aufgabe der Familie ist es, Toleranz für die Ambivalenz der Verselbstständigungsprozesse des Kindes aufzubringen. Wenn diese Phase gut bewältigt wird, so entwickelt das Kind die Fähigkeit, allein sein zu können: d.h. wenn es verlassen wurde, kann es trotzdem sein Selbstgefühl sowie die Beziehung zu den Bezugspersonen aufrechterhalten.  

    Das „falsche Selbst“: Das Leben eines Anderen leben

    Schafft das Kind den Schritt in die Autonomie nicht, so bleibt es im Abhängigkeitserleben fixiert: Es lernt, sich selbst zu verleugnen und sich an die Bedürfnisse des Anderen anzupassen. Das findet nicht heraus, was seine eigene Identität ist und entwickelt ein so genanntes „falsches Selbst“. Darunter versteht man das vorbewusste Gefühl, gar nicht das eigene Leben, sondern das eines Anderen zu leben. Anstatt einen eigenen Weg zu wagen, werden später Partner gewählt, die sie (wie die Mutter) für ihre Stabilität einsetzen können. Das Scheitern dieser Phase kann die Anlage zu Depression, narzisstische Störungen, schweren psychosomatischen Erkrankungen, Zwangsneurosen, Borderline-Zuständen oder Angstneurosen nach sich ziehen.  

    Literatur:

    Ermann, Michael (2004): Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ein Manual auf psychoanalytischer Grundlage. 4. Auflage, W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart, S. 48f.

    Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 124f.



    Prägende Kindheitsentwicklungen: „Symbiotische Verschmelzung“ versus „Ich und Du“

    Wenig Kontur und Beständigkeit im Erleben: Es ist „alles eins“

    Ganz zu Beginn glaubt das Kind, es sei „alles eins“ – es ist sozusagen verschmolzen mit seiner Mutter: Es ist seine Mutter und seine Mutter ist es. Sein Innenleben hat in dieser Phase noch wenig Kontur und zeichnet sich durch wenig Beständigkeit aus: Es geht dem Baby im Moment „nur gut“ oder „nur schlecht“. Es kann sich weder erinnern, wie es vorher war, noch wie es später sein wird. Es weiß noch nicht um das „Sowohl – als auch“ und kann in dieser Zeit nur schwer zwischen innen und außen unterscheiden.  

    Urvertrauen durch eine ausreichende Bemutterung

    Das Kind hat noch keine Erinnerung an die Mutter oder Pflegeperson und ist darauf angewiesen, dass sie als Person da ist. Damit diese Phase gut gelingen kann, ist eine ausreichende Bemutterung für das Kind sehr wichtig, d.h. dass die Mutter richtig auf die Bedürfnisse des Kindes reagiert und ihm eine beständige positive Zuwendung zukommen lässt. Passiert dies nicht, entwickelt das Kind eine große Verlassenheitsangst. Fühlt es sich jedoch in dieser Phase sicher, so kann es ein Urvertrauen entwickeln, welches wiederum die Basis für das spätere Kontaktverhalten und das Selbstwertgefühl eines Menschen bildet.  

    Erkennen, dass es Ich und Du gibt

    Ab dem 6. Lebensmonat lernt der Säugling, dass er ein von seiner Umgebung getrenntes, „gesondertes“, „besonderes“ Wesen ist. Parallel dazu erkennt er, dass es die Mutter oder eine Pflegeperson gibt, auf die er angewiesen ist, und welche eine von ihm getrennte Person mit eigener Existenz und eigenem Willen ist: Der Säugling sammelt die Erfahrung, dass die Mutter diejenige ist, die den Busen zur Verfügung stellt, wenn er Hunger hat. Aber auch, dass das nicht selbstverständlich ist und er daher lernen muss, die eigenen Bedürfnisse zu regulieren. Wird der Busen verwehrt, vergrößert dies die Angst des Babys, verlassen zu werden. Es reagiert mit Wut und versucht diese Gefühle zu bewältigen, indem es sie auf die Mutter überträgt: Statt die eigene Wut zu erleben, erlebt das Kind die Mutter als feindselig. Es wandelt die Verlassenheitsangst in eine Verfolgungsangst um.

    Literatur:

    Ermann, Michael (2004): Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ein Manual auf psychoanalytischer Grundlage. 4. Auflage, W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart, S. 45-48.

    Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 123f.