Hermine Mandl Weblog


Geschichte: Das Licht der Lebensfreude erkennen und weitergeben
Dezember 20, 2008, 5:27 pm
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Es war einmal der weise Herrscher Suleiman, der seinem Volk ein guter Führer war.  Als er alt geworden und sein Körper gebrechlich war, kam der Anführer der bösen Geister zu ihm und fragte ihn: „ Gebieter, hier bringe ich dir die Zauberschale mit dem Wasser des Lebens. Wenn du davon trinkst, wirst du von all deinen Schmerzen befreit, du wirst dich wieder jung und frisch fühlen und dazu noch die Unsterblichkeit erlangen.

Der alte Herrscher war in seinen Handlungen stets bedächtig und vorsichtig. Der Gedanke schien ihm sehr verlockend, aber trotzdem befahl er seinen Wächtern, die ersten drei Männer die an seinem Palast vorbeiliefen, vor ihn zu führen. Es dauerte nicht lange, dastanden ein tapferer Krieger, ein reicher Händler und ein armer Hirte vor ihm.Zuerst fragte Suleiman den tapferen Krieger: „Was glaubst du, werde ich glücklich sein, wenn ich aus der Zauberschale getrunken habe?“

Ohne einen Moment zu zögern, antwortete der Krieger: „Natürlich, du wirst überglücklich sein, denn dein Gebrechen wird von dir fallen und du wirst Tausende und Abertausende Jahre leben. Dann hast du Zeit, alle Länder, die du begehrst, zu erobern und zu besitzen. Wäre das nicht das größte Glück eines Herrschers?“

Als zweites fragte Suleiman den reichen Händler: “Was glaubst du, werde ich glücklich sein, wenn ich aus der Zauberschale getrunken habe?“

Ohne zu zaudern antwortete der: „Ja, du wirst glücklich sein! Mit jedem Jahr wird dein Reichtum größer werden, und in tausend Jahren wirst du die ganze Welt besitzen. Ist es nicht ein unbeschreibliches Glück, reicher und reicher zu werden und zu wissen, dass alles dein ist?“

Als letztes fragte er den armen Hirten: „Was glaubst du, werde ich glücklich sein, wenn ich aus der Zauberschale getrunken habe?“

Gelassen schaute der Hirte Suleiman an und entgegnete: „Herr, Der Krieger und der Händler haben dir nicht die ganze Wahrheit gesagt. Sie wollten dich verschonen und haben dir etwas verschwiegen. Sie haben dir zwar erklärt, warum du glücklich sein wirst, aber sie haben dich nicht wissen lassen, warum du unglücklich sein wirst.“ Der Händler und der Krieger war sehr erbost über die Worte und riefen: „Wie kannst du armer Tor es wagen, uns zu widersprechen. Wie könnte ein Herrscher, der die Unsterblichkeit erlangt, unglücklich sein?“

„Höre mich, oh Gebieter“ sagte der Hirte immer noch gelassen, „du trinkst einen Schluck vom Wasser des Lebens und erlangst ewiges Leben. Es wird aber der Tag kommen, an dem deine geliebte Frau sterben wird. Jeder weiß, wie sehr du sie liebst, du aber lebst weiter und siehst, wie sich dein Reichtum vermehrt. Aber ihren Platz wird keine zweite Frau in deinem Leben ersetzen können. Und eines späteren Tages werden deine geliebten Kinder sterben. Du freust dich zwar deiner Macht, aber wem willst du deine Reiche vererben, jetzt wo deine Kinder tot sind? Auch deine Kindeskinder werden sterben und du bist alleine. Du kannst dann alle deine Schätze zählen, aber es wird keiner da sein, der sich mit dir freute, denn auch deine Freunde werden sterben. Und es wird der Tag kommen, an dem du dich nach deiner Frau, deinen Kindern, deinen Kindeskindern und deinen Freunden sehnen wirst. Das ist das, was dir der Kaufmann und der Krieger verschwiegen haben. Aber nun trinke vom Wasser des Lebens, damit du Unsterblichkeit erlangst.“

„Um nichts in der Welt“ rief da Suleiman entsetzt aus. Was habe ich davon zu leben und ein großes Reich zu besitzen, wenn meine Frau und meine geliebten Kinder nicht bei mir sind? Wie soll ich mich an all den Reichtümern freuen, wenn ich meine Familie betrauern
muss? Und wozu all die Macht, wenn niemand da ist, mit dem ich sie teilen kann?“

Nach Suleiman diesen Satz ausgesprochen hatte, nahm er die Zauberschale vor den Augen des Kriegers, des Händlers und des Hirten und zerschmetterte sie mit aller Kraft auf dem Boden. Die Erde sog den Zaubertrank in sich ein.


– Wenn wir es schaffen, den Tod zu akzeptieren und uns dadurch dem Leben zu öffnen, können wir unser Dasein ganz anders genießen, wir können unser Leben in Bewusstheit leben. (Doris Iding, der Tod geht um die Welt)

Quelle:  Sabine Coners:  Den Weg der Trauer gehen, Kassel 2007/2008, S. 5ff