Hermine Mandl Weblog


Gehört: Viktor Frankl: Auf der Suche nach dem Sinn.
Oktober 16, 2008, 8:48 pm
Filed under: Gesundheit / Krankheit, Psyche, Psychotherapie, Uncategorized | Schlagwörter: , , , ,

Die Sendung „Focus“ des Radios Vorarlberg ist eine wahre Fundgrube an inspirierenden Vorträgen. Hier eine kurze Zusammenfassung einer Focus-Sendung mit Auszügen aus dem Vortrag „Bewältigung der Vergänglichkeit“ (1984) von Viktor Frankl. Focus gestaltete diesen Beitrag aus Anlass des 10. Todestages des österreichischen Psychiaters: Univ.-Prof. Dr. Viktor E. Frankl starb am 2. September 1997 im Alter von 92 Jahren.

Die großen Fragen unseres Daseins

Laut Frankl ist der Mensch ein Wesen, das unentwegt nach Sinn strebt und nach Sinn sucht. Der Mensch ist demnach ein „sinnorientiert“ und „wird er fündig, wird er glücklich“, so der Psychiater. Wer einen Sinn gefunden hat, wird glücklich und leidensfähig, denn er wird „frustrationstolerant“: er kann Opfer bringen – sei es für andere Menschen oder für Gottes Willen – und er kann Verzicht leisten um einer Sache Willen.

Die einzige Möglichkeit, das Leben zu ertragen, ist immer, eine Aufgabe zu erfüllen und zu haben.

„Wenn der Mensch keinen Sinn sieht, keine Vision einer frei gewählten Aufgabe vor sich hat, wird er unglücklich und ‚lebensunfähig’“, so Frankl und bekräftigt dies mit einem Zitat von Albert Einstein: „Der Mensch, der keinen Sinn für sein Leben gefunden hat, ist nicht nur unglücklich, sondern auch lebensunfähig.“

Die Arbeitslosigkeitsneurose: Krank aufgrund eines sinnlosen Daseins.

Vor inzwischen über 60 Jahren prägte Frankl den Begriff „Arbeitslosigkeitsneurose“ und weist darauf hin, dass dieses Phänomen nach wie vor Gültigkeit hat: Der Arbeitslose, der in eine Depression fällt und suizidgefährdet wird, leidet nicht primär an der Arbeitslosigkeit, sondern an einer doppelten Identifizierung: „Arbeitslos sein heißt nutzlos sein und nutzlos sein heißt sinnlos leben.“ Nach den Erfahrungen Frankls ist eben dieser Umstand dafür auslösend, dass jemand deprimiert und selbstmordgefährdet wird.

Frankl erzählt von seinen eigenen Erfahrungen, als er Jugendlichen dabei half, freiwillige – sinnvolle – Funktionen zu übernehmen (z.B. unentgeltliche Mitarbeit in einer Bibliothek) und wie deren Depressionen dadurch verschwanden.

Der Psychiater merkte an dieser Stelle das Problem unserer Freizeitgesellschaft kritisch an, wonach gerade in der Freizeit die innere Leere und das Sinnlosigkeitsgefühl aufbrechen. Auch das Arbeitslosenproblem sei mit Arbeitszeitverkürzungen nicht in den Griff zu bekommen, wie auch die Pensionierungskrise eine Sinnkrise sei: „Die Leute wissen nicht, was sie mit ihrer Freizeit anfangen sollen. Die Frühpensionierung ist nicht nur sozialpolitisch lösbar – man muss auch die psychischen Probleme berücksichtigen.“

Kompensatorische Mechanismen im Menschen: Schwächen und Defekte ausgleichen

Frankl erzählt von einer Klettererfahrung, die er gemeinsam mit einem Bergführer machte: Letzterer hatte ihn darauf hingewiesen, dass man merke, dass Frankls Kräfte aufgrund seines Alters bereits nachlassen, jedoch könne man von ihm das Klettern lernen. Enthusiastisch beschrieb Frankl seine Freude über dieses Lob eines so erfahrenen Bergführers und will damit verdeutlichen, dass das Nachlassen der Kräfte und Zunehmen von Schwächen und Defekten kein Grund dafür sei, zu verzweifeln, denn es gäbe kompensatorische Mechanismen – so genannte Copingmechanismen: Die Kraft lässt nach, aber die Technik wird besser.

Das Problem des Aufhörens ist eines des Anfangens

Irgendwann stellt sich jeder Mensch die Frage: Soll ich aufhören? Aber geht es nach Frankl, dann gibt es unzählige Leute, die eher darunter leiden, dass sie gar nicht angefangen haben – sie haben ihr Leben noch nicht gelebt. Was folgt, ist oft die so genannte „Midlife-Crisis“, die dann eintritt, wenn man mit dem bisherigen Lebenskonzept an eine Grenze kommt und sich entscheiden muss, wie man weitermachen will.

Verzweiflung aufgrund der Vergötzung eines bestimmten Wertes

Viktor Frankl zitiert an dieser Stelle eine amerikanische Studie, in welcher 100 ehemalige Harvard-Studenten untersucht wurden: Es waren lauter Personen, die in Harvard dissertiert hatten und 20 Jahre später berühmte Rechtsanwälte, Ärzte, Psychiater, Chirurgen etc. geworden waren. Dennoch waren viele unter ihnen verzweifelt. Warum? Frankl sieht das Problem in der Verabsolutierung eines Wertes und fügt ein weiteres Beispiel zur Illustration an: Eine Frau, die den Wert hat, sie müsse heiraten und Kinder bekommen und diesen Wert als einzig gültigen annimmt, programmiert sich selbst für die Verzweiflung. Es sei notwendig, diesen Vergötzungsprozess rückgängig zu machen und den Sinn im Augenblick zu finden.

Der Sinn im Augenblick

Die Sinnmöglichkeiten seien in jeder Minute andere: „Hier und jetzt offeriert mir das Leben einen Sinn!“ so Viktor Frankl. Sei es, dass man aktiv gestalte oder rezeptiv wahrnimmt, dass die Wesenheit eines Menschen aufnimmt, dass man liebt…

Wichtig sind die Sinnmöglichkeiten! Aber ich muss offen bleiben, um zu bemerken, was sich tut: Was bietet mir das Leben an? „Wichtig ist, flexibel und elastisch zu bleiben und dankbar dafür, was das Leben bietet“, so der Psychiater und zitiert seinen Freund Paul Boller: „Du kannst dem Leben keine Bedingungen stellen.“

Das Leiden am sinnlosen Leben: Wie kann man Sinn finden, Sinn entdecken?

Wie ein Bildhauer sein Werk aus dem Stein herausschlägt, so gilt es auch den Sinn aus dem eigenen Leben herauszuschlagen. Aber wie es beim Schachspiel keinen besten Zug gibt, so gibt es auch keinen „besten“ Weg auf der Sinnsuche. Es hängt von vielen Faktoren – wie etwa die Umstände, dem Umfeld, der eigenen Person – ab: Aber je umfassender der Lebenssinn ist, umso weniger fasslich ist er. Er entzieht sich dem rationalen Zugriff unseres beschränkten Verstandes.

Frankl illustriert dies am Beispiel eines Kinofilms: Dieser besteht aus vielen Einzelbildern und Einzelszenen, die für sich genommen bereits einen Sinn haben, den man erfassen kann; aber den Endsinn, den Sinn des Ganzen und Großen, kann man erst verstehen, wenn man den ganzen Film anschaut. So ist es auch im Leben: Den Sinn des eigenen Lebens erfassen wir, wenn wir auf dem Sterbebett liegen. „Wir könnten ihn jedoch niemals verwirklicht haben, wenn wir nicht jede einzelne Lebenssituation nach bestem Wissen und Unwissen erfüllt hätten“, so Viktor Frankl und betont weiters, dass Sinn weder gegeben noch verordnet werden kann – jeder muss ihn für sich finden.

Aber der Sinn muss nicht großartig sein: Frankl bringt das Beispiel eines Müllmannes, der das deutsche Bundesverdienstkreuz erhielt, weil er aus Sperrmüll Spielzeug heraussuchte, dieses in den Abendstunden wieder instand setzte und in der Folge an Bedürftige verteilte. Es gelang diesem Mann damit, seiner Tätigkeit einen zusätzlichen Sinn abzuringen.

Bedroht Krankheit den Sinn des Lebens?

Durch Taten, Erleben und Lieben kann man Sinn aus dem Leben ziehen. Selbst in unausweichlichem Schicksal ist es noch immer möglich, einen Sinn aus dem Leben ziehen zu können und dadurch eine persönliche Tragödie in einen Triumph zu verwandeln. Aber niemand kann Heroismus von jemandem anderen verlangen – das könne man nur von sich selbst. Jedoch können die Helfer auf Vorbilder verweisen. „Die ‚Sinnlehre’ kann nicht gelehrt werden“, so Frankl und erklärt, dass es jedoch Lehrer gibt, die sie uns lernen – es seien die Patienten – die eine Sinnleere durchlebt und durchlitten haben. Es sind jene Menschen, die nach Unfällen querschnittsgelähmt waren, jene, die an Krebs erkrankten etc. Oder auch Jerry Long, einen jungen Amerikaner, mit dem Frankl im Briefkontakt stand: Mit 17 Jahren hatte sich Jerry Long bei einem Tauchversuch das Genick gebrochen und war fortan vom Kopf abwärts gelähmt. Er konnte noch mittels Zucken seiner linker Achsel ein Telekommunikationssystem in Aktion setzen oder Tippen, indem er ein Stäbchen zwischen seinen Zähnen hielt. Jerry studierte Psychologie und vertrat die Ansicht, dass ihm das Leiden dazu dient, aus ihm einen besseren psychologischen Berater zu machen.

Aber Frankl verweist auch darauf, dass man die Ursachen des Leidens beseitigen muss, wenn man es kann, betont jedoch, dass eine Sinnerfüllung auch dann möglich ist, wenn wir mit einem Leidenszustand konfrontiert werden, wo ein Leiden nicht behoben werden kann. Man solle nach Möglichkeit aktiv eingreifen, aber sonst auch trotz des Leidens im Leben Sinnmöglichkeit sehen und fühlen. Das Leben ist auch sinnvoll in äußersten und extremen Leidenszuständen und bis zum Tod.

Die Fähigkeit, einen Sinn zu erfassen und Sinnmöglichkeiten wahrzunehmen ist kurz vor dem Tod und in chronischen Leidenszuständen höher als beim durchschnittlichen Menschen. Die „Alertness“ bzw. Sensibilität nimmt im Alter, im Leiden, vor Tod zu. Und so ist das Ende des Lebens immer eine Zeit unvergleichlicher Möglichkeiten persönlicher und zwischenmenschlichen Wachsens für den Betroffenen und die Familie. Man könne innerlich wachsen.

Wir haben die Wahl: Eine mögliche Zukunft oder eine gelebte Wirklichkeit?

Der eine Mensch reißt täglich ein Blatt vom Wandkalender herunter und schaut, wie das Leben verrinnt und der Kalender immer dünner wird. Aber der andere Mensch nimmt das Blatt und macht sich täglich Notizen, was er getan hat an diesem Tag, was er durchlitten hat etc.

Wer alt ist, aber sein Leben gelebt hat, hat nichts zu bedauern und muss die Jugend nicht um deren mögliche Zukunft beneiden.

Quelle:

Nachzuhören gibts die Focus-Sendung „Viktor Frankl: Auf der Suche nach dem Sinn“ des Radio Vorarlberg vom 1.9.2007 hier.

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