Hermine Mandl Weblog


Seminarbericht: Psychotherapie bei Adipositas

Letzte Woche besuchte ich ein Seminar über Psychotherapie und Adipositas: Referent war der Arzt und Psychotherapeut Dr. Eberhard Wilke der Curtius Klinik für Psychosomatische Medizin in Bad Malente-Gremsmühlen. 

Adipositastherapie – aber wie?

Dr. Wilke erklärte, dass eine Gruppentherapie bei Adipositas mehr Erfolg verspricht als eine Einzeltherapie – auch reicht es nicht, das Problem von einer rein psychotherapeutischen Seite anzugehen – es braucht einen ganzheitlichen Therapieansatz, sprich Interventionen auf Ernährungs-, Bewegungs-, Wahrnehmungs- und psychodynamischer Ebene. Aus diesem Grund sind Kooperationen unerlässlich, damit es zu einem Erfolg kommen kann.

Das Ziel einer Adipositastherapie ist es, die Motivation zur Veränderung zu stärken. Das Gewicht kann dabei nur langsam und langfristig reduziert werden, weshalb eine begleitende Therapie sich optimalerweise über 2 Jahre erstreckt. Laut Wilke ist es notwendig, die Patient/innen sogar davor zu schützen, zu viel abzunehmen, da es sonst zu drastischen Rückfällen und zum bekannten Jojo-Effekt kommen kann. So empfiehlt er 0,5 kg/Woche und weist darauf hin, dass der Körper dazu tendiert, das Gewicht, das er einmal hat, nicht mehr hergeben zu wollen – es gibt demnach einen internen Setpoint, der gewichtsmäßig nach oben korrigiert wird.

Übergewicht – der Ursprung

Übergewicht kann viele Ursachen haben, wobei sich u.a. herausstellte, dass die Adipositasdynamik mit jener von Schmerzpatient/innen verglichen werden kann: Wenn die Erkrankung fortgeschritten ist, dann entsteht laut Wilke häufig eine „Eigendynamik“. Die Dynamik erinnert jedoch auch an jene von Suchterkrankten: häufig werden äußere Faktoren für das Essverhalten und die Gewichtszunahme verantwortlich gemacht. Im Vergleich zu anderen Suchtpatient/innen haben Adipöse jedoch einen entscheidenden Nachteil: Sie müssen lernen, mit der Substanz zu leben, denn ohne Essen kein Leben. Ohne Alkohol, Tabletten, Internet, Sex.. kann man hingegen sehr wohl leben.

Fressattacke: Wie die Dominosteine fallen…

Es entsteht eine negative Kaskade, die durch einen Essanfall ausgelöst wird:
Essanfall – Erleben eigener Insuffizienz – Depressive Stimmung – Resignation – Selbstaufgabe – Essanfall

Häufige Psychodynamik: Scham, Verleugnung und Fehleinschätzung

Nachvollziehbar scheint mir auch die starke Schambesetzung des Themas: Aufgrund der Kontrollverluste kommt es zu Schamaffekten, die wiederum in ein Verleugnungssystem münden. In letzteres steigt häufig das gesamte Umfeld ein – so auch die behandelnden Therapeut/innen. Auch sind Fehleinschätzungen des eigenen Gewichts typisch. Wilke zitierte eine deutsche Studie (Strauß 2002), derzufolge

  • 35 % der Schülerinnen (13 % der Schüler) im Alter zwischen 15 und 17 Jahren subklinische Essstörungen haben,
  • 33 % sind untergewichtig, wobei sich nur 6 % so einschätzen;
  • 42 % der 15- bis 17-jährigen Schüler/innen sich selbst als übergewichtig wahrnehmen (tatsächlich sind es 8 %) und
  • 20 % aller 7-11-Jährigen bereits Diäterfahrungen haben.

Psychodynamisch könnte man jedoch sagen, dass ein emotionaler Hunger mit Nahrung beantwortet wird und die Nahrungsaufnahme dafür verwendet wird, die Affekte zu regulieren. Dementsprechend sind auch Beziehungen überwiegend oral determiniert und Konflikte werden durch beständige Nahrungsaufnahme und Inaktivität gewissermaßen süchtig abgewehrt. Betroffene haben große Angst vor dem psychischen Verhungern.

Psychische Befunde einer Adipositas:

  • Angst vor Enttäuschung und Zurückweisung
  • ausgeprägte Versorgungswünsche
  • Aggressionsgehemmtheit
  • Bereitschaft zur Anpassung und zur Zurückstellung der eigenen Bedürfnisse
  • anklammerndes oder kontaktvermeidendes Verhalten
  • Trennungsangst
  • Fortdauernde Sehnsucht nach einem versogenden mütterlichen Objekt (süchtige Beziehungsstruktur)
  • versiegende Sexualität
  • große Einsamkeit

Ziele eine Adipositastherapie:

  • Stärkung der Eigenverantwortung
  • Entwicklung eines positiven Selbstbildes
  • Verminderung von rigiden Kontrollen und Ersetzen durch flexible Kontrollen
  • Verbesserung der emotionalen Ausdrucksfähigkeit
  • Verbesserung körperlicher Ausdruchsfähigkeit (Gestik)
  • Verbesserung der sozialen Kompetenzen in Beruf, Familie und Partnerschaft

Der Weg hinaus…

Dr. Wilke erzählte, dass Patient/innen immer wieder den Impuls verspüren, ihr Glück „vorne“ zu suchen – „wenn sie abgenommen haben, können sie glücklich sein.“ Wilke erzählt, dass er seine Patient/innen dann immer korrigiert und meint: „Das Glück liegt nicht vorne, es liegt ganz weit hinten: Eine Adipositastherapie ist vergleichbar wie rückwärts langsam aus der Einbahnstraße zu fahren.“ 

Ein erster wichtiger Schritt ist, ehrlich damit umzugehen, dass man von etwas abhängig ist – in diesem Fall vom Essen. Betroffene lernen in einer Therapie auch, mehrere Mahlzeiten täglich zu essen, damit kein Hungergefühl entstehen kann. Andere Methoden beinhalten die Analyse des eigenen Essverhaltens (wie schnell wird gegessen, wird erkannt, wann Hunger, wann Sättigung da ist?), das Führen eines Esstagebuchs, die Verwendung von kleinen Tellern, kleinen Bestecken etc. Auch die Einbindung der Familie ist ein wichtiger Faktor, der die Chance einer günstigen Prognose erhöht.

Eine günstige Prognose für eine Adipositastherapie ergibt sich bei

  • hohem Leidensdruck unter dem dysfunktionalen Essverhalten und dem Übergewicht
  • einem gravierenden Aktualkonflikt
  • intakter beruflicher und psychosozialer Einbindung
  • höherer intellektueller Begabung und Bildung
  • besserer sozialer Position 
  • geringer psychischer und körperlicher Co-Morbidität
  • einem eingrenzbaren Beginn der Übergewicht-Entwicklung
  • einem prämorbid bestehendn Normalgewicht
  • klarer Veränderungsbereitschaft.

Fazit: Mühsam, aber wichtig

Es ist ein langer Weg aus der Adipositas – wobei nicht nur die Betroffenen, sondern auch das gesamte Umfeld zwischendurch unter Gefühlen der Ohnmacht, Hoffnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit leidet, welche sich mit Ungeduld, Ärgerlichkeit und Unzufriedenheit abwechseln. Dennoch zahlt es sich aus, das Gewicht zu stabilisieren (gilt bereits als Erfolg!) oder weiter Gewicht zu verlieren, denn mit jedem nicht zugenommenen oder verlorenen Kilo erhöht sich die Lebenserwartung der Betroffenen.

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6 Kommentare so far
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Hallo, dies ist ein sehr interessanter Bericht. Mein Sohn ist sehr stark übergewichtig. Er ist inzwischen 22 und sehr einsam und zieht sich völlig zurück in sein Zimmer. Wie finden wir den richtigen Psychologen für ihn? Viele Grüße, C.

Kommentar von Catharina

Hallo C.! Diese Frage ist schwer zu beantworten, weil es sehr davon abhängt, wo Sie leben. Ich würde Ihnen empfehlen, sich an ein Essstörungszentrum in Ihrer Nähe zu wenden, da diese meist auf ein Netzwerk zurückgreifen können. In Österreich gibt es die Plattform „Psyonline.at“, wo man Psychotherapeut/innen nach Schwerpunkt, Region etc. eigenständig suchen kann.

Kommentar von minam

Hallo Minam, danke für deine Antwort. Ich habe schon vieles versucht. Mein Sohn hatte ja leider immer alles abgelehnt. Nun möchte er eine Veränderung, findet aber keinen Draht zu etwas. Wir leben in Berlin. Die Psychologen, die ich bisher kennen gelernt hatte, können nicht mit diesem Thema umgehen. Und Kliniken, die geeignet erscheinen, fand ich bisher nur private, die wir nicht bezahlen können. Viele Grüße, Catharina

Kommentar von Catharina

Ich mache mit einem BMI von über 50 eine Gesprächstherapie und kann alles in diesem Artikel unterstreichen. Problematisch für mich ist nur, dass ich nun seit 7 Jahren Therapie mache, nicht mehr zunehme, in allen Bereichen gefestigt bin – aber nicht abnehme. Das ist schlimm.

Kommentar von Frau S.

Hallo Frau S., ist schon sehr lange her dein Beitrag, aber vielleicht liest du ihn ja doch noch? Wie geht es dir inzwischen?
Mein Sohn hat einen BMI von etwa 66. Er ist seit Ende August 2010 in Behandlung bei einem Internisten. Dieser hat sich auf extrem Übergewichtige spezialisiert. Nun hat mein Sohn Ernährungsberatung, Bewegungsberatung, ein psychosomatisches Gespräch (leider nichts sonst in Sachen Psyche), ein Gutachten von einem Psychologen (einmalig war auch dieses Gespräch), ein Gutachten vom Orthopäden, die Ess-Bewegungsprotokolle und das Gutachten vom Arzt fertig und ein Antrag ist losgeschickt an die Krankenkasse für eine Schlauchmagen-Operation. Damit wird bzw. soll er ca. 50-60% seines Gewichtes innerhalb von 2 Jahren abnehmen. Eine andere Möglichkeit außer OP gab es nicht. Aber ich denke, es ist gut so. Denn noch hat er keine Krankheiten, wie Diabetes oder Herzkrankheit, auch keinen Bluthochdruck! Gefunden hatte ich den Arzt, weil ich viele Kliniken angeschrieben hatte, ob die nicht einen Arzt wüssten! Und von der, wo er später operiert wird, habe ich die Adresse von seinem jetzigen Arzt bekommen.

Kommentar von Catharina




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