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Boglarka Hadinger: Wie man eine charakterstarke Persönlichkeit wird

Das Focus-Magazin des ORF Voralberg brachte am 20. Jänner 2007 einen interessanten Vortrag von Dr. Boglarka Hadinger, in welchem die Diplompsychologin und Psychotherapeutin darüber sprach, wie man eine charakterstarke Persönlichkeit wird. Meiner Meinung nach ist dieser Vortrag durchaus „anhörenswert“…

Unten findet ihr meine Notizen, die ich während des Zuhörens gemacht habe – ich finde, es sind durchaus einige inspirierende Fragen für jeden dabei… 

Dr. Boglarka Hadinger: Wie man eine charakterstarke Persönlichkeit wird

Unter „Charakter“ versteht man eine „starke Eigenart“, welche ein Mensch hat. Diese ist ihm angeboren – es bedeutet eine eigene Prägung bzw. ein eigenes Gesicht zu haben. Diese Menschen haben eigene Ziele, eine eigene Sprache, sie können Konflikte unüblich lösen, sind oft nicht konform mit der Meinung anderer – und zwar nicht um zu protestieren, sondern weil sie eine andere Idee, eine andere Lösung, einen anderen Wert verkörpern. Es ist interessant, mit charakterstarken Menschen über das Leben zu sprechen – sie wirken ansteckend. In ihrer Gegenwart fragt man sich: Wie ist mein eigenes Gesicht, mein eigener Ausdruck, meine eigene Sprache?

„Jeder hat die Fähigkeit in sich, eine Eigenart zu haben“, so Dr. Hadinger und fügt an: „Aber sind Sie so mutig, Ihr Eigenes zu leben?“ Viktor Frankl sagte einmal: „Charakter hat man. Eine Persönlichkeit wird man im Laufe des Lebens.“

Charakterblockaden: Blockaden, die uns daran hindern, unsere Eigenart zu leben

  1. Eine Blockade ist, Angst zu haben, dem anderen – so wie man ist – nicht zu entsprechen: So, wie man denkt, so wie man etwas tun möchte, nicht vom anderen gemocht, nicht akzeptiert zu werden. Es können jedoch auch traumatische Erfahrungen sein oder eine Angst, die in der Umgebung geschürt wird, welche ansteckend auf uns wirkt. Wir leben in einer angstmachenden Zeit. Aber unter Angst können wir das ganz Eigene nicht zum Ausdruck bringen. Wir wagen es nicht. Wenn ich mich zeige wie ich bin, werde ich nicht geliebt. So wie ich bin, bin ich nicht in Ordnung. Diese Angst wird durch Erziehung, Kirche, Schule etc. geprägt.
  2. Zeitgeisttendenzen oder Zeitgeistwerte. Wir wollen Werten entsprechen, die „in“ sind. Als Beispiel kann der Erziehungsstil genannt werden, der sich von Generation zu Generation veränderte. Man verlässt dann die eigenen Werte bzw. lässt sie verformen.
  3. Verwöhnung und Überfluss: Die besten Zeiten des Lebens sind oft die, wenn man sich etwas einfallen lassen muss, wenn man für etwas kämpfen muss. Dieses Müssen – Widerstände überwinden zu müssen, um leben zu können und überleben zu ermöglichen – prägt den Charakter. Verwöhnung und Überfluss machen langfristig träge.

Es ist einfacher, mit dem Strom zu springen, konform zu sein. Es braucht Mut, die eigene Meinung zu vertreten.

Was können wir tun, damit ein Mensch sich zu einem charakterstarken Menschen wird?

  • Eine Möglichkeit: Darum zu wissen. Wenn Sie wissen, dass Sie alle Charakteranlagen in sich tragen, dann ist das bereits wichtig. Man sieht die unterschiedlichen Charakteranlagen bereits bei kleinen Kindern.
    Aber manche Charakteranlagen entwickeln sich erst im Laufe des Lebens – mit 20, 30 oder auch später. Wenn wir merken: Ja, das bin ich auch. Jetzt bin ich ich. Sie können sich von Zeit zu Zeit fragen: Welche Menschen, welche Ideen, welche Ziele, welche Problemlösungen, welche Werte, welche Wege faszinieren mich? Beeindrucken mich? Nur Dinge, die uns ähnlich sind, faszinieren uns, beeindrucken uns.
  • Dr. Hadinger schlägt vor, mit sich selbst zu experimentieren, indem wir Aufgaben übernehmen, die anders sind, in fremde Länder reisen, andere Rituale mitmachen etc…. Dort, wo wir eine „Stimmigkeit“ verspüren, dort sind wir zu Hause. „Aber“, so die Psychologin, „man sollte es jedoch zumindest dreimal probieren, denn neue Situationen sind anfangs ungewohnt: Sei es die Kommunikation, eine neue Rolle, eine neue Aufgabe…“
  • Andere Menschen fragen: Wohlwollende Menschen, die mich kennen, die uns rückmelden, wo wir uns noch etwas zutrauen könnten, die uns darauf hinweisen, welche Aufgaben wir noch übernehmen könnten. Gemeint sind jene Menschen, die wohlwollend auf etwas verweisen und uns auf etwas hinweisen, das in uns steckt, das wir selber noch nicht kennen.
  • Selbst auf eine Vergangenheitsreise gehen: Dr. Hadinger schlägt vor, Fotos von früher (aus der Kinder- oder Jugendzeit, jedoch nicht aus Pubertät) und aus Zeiten wo „ich ich war“ herzunehmen und sich das Kind von damals anzu schauen: Welche Begabungen hatte dieses Kind? Welche Fähigkeiten? Was war für dieses Kind damals wichtig?
    Menschen, die ihr Leben leben sind lebensvital, lebensbejahend; sie sind sich sicher „das ist mein Leben“, verkörpern Glück pur… Dr. Hadinger erzählt, dass sie diesen Menschen immer wieder die gleiche Frage stellt: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass Sie das gemacht haben, was sie machen? Und immer wieder leuchteten die Augen des Gegenüber und die Antwort lautet: Schon immer war für mich das und das wichtig…
    Es geht darum, den roten Faden des eigenen Lebens zu entdecken und zumindest einen Teil davon leben: Was war das, was für mich schon immer wichtig? „Man kann den eigenen Charakter leben, indem man das realisiert“, sagt Boglarka Hadinger, „werde der oder die du bist.“

Persönlichkeit: Forme dich.

Charakter bedeutet auch, ein „Brandzeichen“ zu haben. Teilweise haben Personen einen ganz starken Charakter – was sie tun, vergisst man nie – sie sind originell, aber nicht immer sind sie Persönlichkeiten. Als Beispiel nennt Hadinger z.B. Onassis, Picasso, Marlene Dietrich oder Coco Chanel und fügt an, dass diese teilweise schwere Wunden in die Menschen in ihrem Umfeld brandten. Man lebte nicht gerne in ihrer Nähe, denn die Menschen wurden kleiner neben ihnen.

Eine Persönlichkeit WIRD man erst – einen Charakter HAT man.

Man beginnt, sich selbst zu formen. Man antwortet aufrecht auf die Aufgaben des Lebens. „Persönlichkeiten leben in wunderbar vitaler Weise Werte wie Gelassenheit, Solidarität, Aufrichtigkeit, Besonnenheit und Mut. Persönlichkeiten lassen sich nicht vom Beifall anderer blenden. Sie tun mehr als sie tun müssen, aber sind unabhängig von Erfolg und Ruhm. Sie können ihre Meinung sagen, ohne andere zu verletzen“, so Hadinger. „In ihrer Nähe können andere wachsen – man muss sich nicht klein, fehlerhaft und schuldig fühlen. Sie setzen sich vehement für eine Idee, ein Ziel, eine Sache ein – wie der SOS-Kinderdorf-Gründer Gmeiner, der einmal sagte: Etwas Großes passiert nur, weil jemand mehr tut, als er muss.“

Persönlichkeiten sind unabhängig vom Erfolg, von Status, von Karrieresprüngen. Es ist nicht der Wert, dass ihr Einsatz etwas bringt, sondern dass sie sich einsetzen können. Sie ruhen in sich. Sie stützen ihren Selbstwert nicht durch Lob von außen, sondern sie sind in tieferen Schichten verankert. Persönlichkeiten ermöglichen wahre Winwin-Situationen, denn andere gewinnen oft mit. Sie sind authentische, echte Menschen und ihre Worte entsprechen ihren Überzeugungen, und ihre Überzeugungen sind wiederum ihre Taten. Sie können verzichten, ohne sich als Opfer ihrer Lebensumstände zu sehen.

Wenn wir blockiert werden, dann können wir uns nicht entfalten: Wir wissen dann nicht, dass wir uns selbst erziehen und formen können.

  • Persönlichkeiten stecken in ihrer Humanität an. Es müssen aber nicht immer große bekannte Persönlichkeiten sein, sondern es können auch Menschen in unserer Umgebung sein.
    Hadinger weist auch darauf hin, dass wir in unserer Zeit zu selten hören „Das ist ein wirklicher Mensch“ – sondern zu häufig werden wir mit anderen Typen konfrontiert wie „Das ist ein sportlicher Typ“, „Das ist ein erfolgreicher Typ“ etc. „Unsere Seele hat zu wenig Orientierungsmöglichkeit.“ so Dr. Hadinger.
  • Das Hässliche und die Reizüberflutung: Das Hässliche, Morbide, Verdorbene kostet der Seele sehr viel Kraft bzw. brauchen wir viel Kraft, um damit umgehen zu können. „Das Schöne fördert das Wachstum der Humanität.“ (Friedrich Schiller).
  • Die Gier: Noch mehr zu haben, noch schneller zu sein, noch effektiver zu sein, mehr zu wachsen, noch erfolgreicher zu sein, noch ruhmreicher… Auf Wachstumszeiten müssen Zeiten der Ruhe folgen. Nach außen hin passiert dann gar nichts. Innen stabilisiert sich die Seele, es kann etwas reifen, es kann etwas wachsen, und dann kann ein nächster Reifeschritt folgen.
  • Die Unversöhntheit: Man kann mit vielem unversöhnt sein: einem anderen Menschen, mit Lebensbedingungen, mich sich selbst. Es gibt viele Gründe dafür, aber es gibt auch einige Wege, da herauszukommen. Langfristig das Unversöhnte in sich zu haben, ist wie Gift für die Seele. Wie Zyankalie für die Seele. In den mittleren Lebensjahren müsste man fragen: Bin ich noch mit jemandem unversöhnt? Trage ich noch extreme Gifte in meiner Seele? Hadere ich noch gegen mich oder jemandem? Hasse ich? Spätestens mit 60 müsste man das loslassen, denn der Zorn und Hass macht die menschlichen Züge und die menschliche Seele bitter.
  • Sich selbst formen: Ohne Selbstformung gibt es keine Persönlichkeit. Sich nicht mit den erstbesten Reaktionen zufrieden geben. Ist es sinnvoll und lebensfreundlich wie ich mit mir und anderen spreche?

Typisch Mann, Typisch Frau:

Typische Fehler als Frauen und Männer: Frauen haben die Fähigkeit, immer wieder Problemgespräche führen zu können, Multitasking zu beherrschen, sich dabei jedoch auch verzetteln zu können. Frauen merken sich Kränkungen sehr lange und erinnern den Betroffenen auch immer wieder daran. Nachts denken sich noch über belastende Gedanken nach und sie haben die Gabe, immer wieder das gleiche Thema aufzuwärmen: Darüber haben wir noch nicht genug gesprochen. Auf ein Lob können sie sehr lange warten – schweigend zusehen und ärgern, wie der Kollege befördert wird.

Männer haben andere Gaben: Sie sagen offen und ehrlich den Kollegen, der Familie etc., dass sie sie für dumm halten. Sie können sich lange und sehr auf eine Sache konzentrieren, aber vergessen dabei Familienfeste und Kindergeburtstage etc. Über die eigenen Erfolge können sie gut reden und die Misserfolge noch in derselben Nacht vergessen.

Zu einer Persönlichkeit wird eine Frau dann, wenn sie neben der Problemorientiertheit auch lösungsorientiert zu denken lernt, wenn sie ihr bildhaftes Denken trainiert und beginnt, ihre Wissens- und Lebensziele, aber auch ihre Persönlichkeitsziele zu visualisieren. Sie kann mit anderen nicht nur über Beziehungen, sondern eben auch über andere Sachfragen reden. Neben der Sorge um andere entwickelt sie Lebenszuversicht und ein Grundvertrauen in ihrem Inneren.

Ein Mann wird zur Persönlichkeit, wenn er lernt, Rückmeldung so zu geben, dass der andere diese auch als wichtige Information annehmen kann. Er lernt rückzufragen: Wie wirkt das auf dich? Was ist deine Meinung?

Persönlichkeiten sind Menschen dann, wenn sie nicht nur typisch denken sondern auch andere Möglichkeiten in Betracht ziehen. 

Es geht darum, die Begabungen anderer wahrzunehmen und diese auch anzusprechen. Persönlichkeiten definieren sich nicht aus einer Rangordnung oder einem Amt. Sie sind nicht einseitig konkurrenzorientiert, sondern sie suchen auch die Kooperation. Sie denken nicht nur daran, wie sie ein Ziel erreichen können, sondern sie bedenken auch den Preis, der für das Ziel zu bezahlen ist. Sie können Gesagtes als Information nehmen und nicht primär als Kritik und sie achten auf die Wirkung ihrer Worte.

Eine Persönlichkeit ist ein in sich ruhender Mensch.

Diese Menschen haben eine tiefe Verankerung: Sie ruhen in sich. Das ist eine wunderbare Möglichkeit und Gabe und jeder sollte kritisch hinterfragen, inwiefern sein Leben in von Menschen gegebenen Dingen verankert ist (wie in bezahlter Arbeit, Ruhm, Statussymbolen, in der Zuwendung von anderen).
Wichtig sind Fragen wie: Worin ist meine Existenz verankert? Wann bin ich extrem verunsichert? Wann ist mein Selbstwert extrem verunsichert?

Hadinger betont, dass Menschen, die in sich ruhen, auch manchmal unsicher, aber nicht so lang in diesem Zustand bleiben. Prinzipiell unterscheidet sie drei Ankermöglichkeiten für die Persönlichkeit:

  • ein lebensfreundlicher Glaube
  • der Glaube an einen tiefen humanen Auftrag (tw. religiös, tw. nicht religiös)
  • Glaube an einen großen letzten Sinn (alles macht zumindest im Nachhinein Sinn)

„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“ (V. Frankl)

Diese Menschen setzen sich für eine bessere Welt ein. Es gilt, sich darauf zu besinnen, was das Leben trägt und ein klares, lebensfreundliches Wertesystem für sich zu entdecken.

Hadinger schlägt vor, eine Liste für sich zu erstellen: Was sind für mich die wichtigsten Werte?
Wenn die Top 3-Wert solche sind wie „die Liebe anderer“, „Ruhm“, „Status“, „ein gutes Benehmen“ etc., dann hat man laut Hadinger ein Problem, denn für die Liebe anderer muss man teilweise die Aufrichtigkeit opfern, für einen Top-Job muss man manchmal die Fairness oder Solidarität opfern. Man sollte sich selbst fragen: Ist das lebensfreundlich oder ist das vielleicht lebensfeindlich?

Victor Frankl: „Nicht wir sind es, die dem Leben Fragen zu stellen haben. Sondern das Leben stellt uns Fragen.“

Fragen, die das Leben uns stellen könnte:

  • Ablösung: Mit 20-25 Jahren geht es um die Frage: Löst du dich von zu Hause ab und wie löst du dich ab? Im Zorn, im Einvernehmen, gar nicht?
  • Streit: Lässt du dich zerbrechen oder bleibst du trotzdem aufrecht?
  • Krankheit: Ist das alles, was du warst? Deine körperliche Gesundheit? Oder kannst du trotz alle dem eine eigene Gesundheit entwickeln?
  • Lässt du dich von einem anderen Menschen vollkommen aus deinem Gleichgewicht werfen? Agierst du auch giftig zurück? Machst du eine klare Grenzziehung? „Wer mich beleidigen darf, entscheide immer ich.“ (E. Roosevelt)

Humor und Milde: Unpersönlichkeitstage gibt es immer – auch bei Persönlichkeiten – und das ist gut und in Ordnung. Es geht darum, mild mit sich zu sein und mit anderen, denn das löst Wohlwollen aus und lässt wachsen. Dadurch wird die Welt leichter und die Seele heller.

Charakter und Persönlichkeiten: Beide Seiten stehen uns offen. Jeder hat Charakteranlagen in sich, aber wir müssen den Mut und die Kreativität entwickeln, um die Grundanlagen leben zu können. Persönlichkeit zu haben bedeutet, eine tiefe, reife Humanität zu leben, die andere stärkt. In beiden Bereichen haben wir Möglichkeiten – auch als Erwachsene. Jeder entscheidet für sich, ob er eine charakterstarke Persönlichkeit wird – es sind nicht die Eltern.

Den Vortrag gibts hier anzuhören.

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3 Kommentare so far
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witzig das der beitrag heute veröffentlicht wird, wo ich gerade in wien einen tollen vortag von Boglarka Hadinger gehört habe.
ich hab leider nur das problem, dass ich die sendung nicht anhören kann (offenbar geht das nicht mit dem mac)

Kommentar von manfreed

[…] Hermine Mandl über eine Radiosendung mit Boglarka Hadinger (zum Thema “Wie man eine charakterstarke Persönlichkeit […]

Pingback von manfred schindler » Mut zum Leben machen

Nice… schöner Artikel. Gefällt mir sehr.

Kommentar von Emiliy




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