Hermine Mandl Weblog


Das Gedächtnis unseres Körpers

„Das Leibgedächtnis ist der Träger unserer Lebensgeschichte, unserer persönlichen Identität“, schreibt der Psychiater Thomas Fuchs in seinem Artikel Das Gedächtnis unseres Körpers in der Zeitschrift Psychologie Heute im Juni 2006 und erklärt weiter, dass unter „Gedächtnis“ jene Fähigkeit zusammengefasst wird, die es uns ermöglicht, uns an bestimmte Erlebnisse in der Vergangenheit zu erinnern – bewusst, oder häufig eben auch „leiblich“.

Über die Entwicklung eines leiblichen Gedächtnisses: „Übung macht den Meister“

Aber was versteckt sich hinter einem „leiblichen Gedächtnis“? Darunter versteht man die Gewohnheiten, die sich durch Wiederholung und Übung gebildet haben – beispielsweise der aufrechte Gang, das Sprechen und Schreiben, Fahrradfahren, Schwimmen und vieles andere mehr. Im Laufe der Zeit verinnerlichen wir diese Fähigkeiten so stark, dass wir uns gar nicht mehr bewusst daran erinnern müssen, wie wir etwas tun – wir tun es einfach: Wir sprechen, schreiben, tippen, fahren mit dem Fahrrad oder dem Auto etc.

Die verschiedenen Formen des leiblichen Gedächtnisses

Das prozeduale Gedächtnis: Dieses Gedächtnis ist ständig im Hintergrund wirksam und entlastet unsere Aufmerksamkeit vor einer Überfülle an Details. Zum prozedualen Gedächtnis zählen alle automatischen Bewegungsabläufe: eingespielte Gewohnheiten, das Spielen eines Instruments, das Autofahren, am Computer zu schreiben etc. 

Das situative Gedächtnis: Das Leibgedächtnis ist gleichzeitig ein Raumgedächtnis und orientiert sich an Situationen, in denen wir uns befinden: So finden wir uns „wie blind“ in unserer Wohnung oder unserer Umgebung zurecht. „Situationen“ sind jedoch mehr als räumliche Gebilde – sie sind ganzheitliche, unzerlegbare Einheiten leiblicher, sinnlicher und atmosphärischer Wahrnehmung. Durch unsere Erfahrungen entwickeln wir einen Blick für das Wesentliche oder Charakteristische einer Situation –  man könnte sagen, einen „siebten Sinn“, ein Gespür oder eine Intuition für etwas.

Das zwischenleibliche Gedächtnis: Der Philosoph Maurice Merleau-Ponty bezeichnete die Sphäre des unwillkürlichen Kontakts zwischen zwei Menschen als „Zwischenleiblichkeit“ und meinte damit, dass die Körper von Menschen, die miteinander in Kontakt treten, interagieren und sich laufend abtasten. Zum zwischenleiblichen Gedächtnis zählt auch der erste Eindruck, den wir von einem Menschen erhalten – dieser setzt sich zusammen aus der äußeren Gestalt des Menschen, seiner Wesensart, aber auch seinem persönlichen Stil. Ein Mensch „stellt etwas dar“ und drückt seine Persönlichkeit auch über seinen Körper aus, in seinem Auftreten, seinen Gesten und Gebärden, in seiner Haltung, seinem Gang oder seiner Stimme.
Der Säuglingsforscher Daniel Stern spricht auch von implizitem Beziehungswissen, welches man bereits in der frühen Kindheit im Austausch mit seinen Eltern erlernt: Es handelt sich dabei um ein leibliches Wissen, wie man mit anderen umgeht – wie man mit ihnen Vergnügen hat, Freude ausdrückt, Aufmerksamkeit erregt, aber auch Ablehnung vermeidet.

Das inkorporative Gedächtnis: „Inkorporation“ besagt, dass wir Menschen im Austausch mit anderen auch fremde Haltungen und Rollen übernehmen, wobei dies häufig durch unwillkürliche leibliche Nachahmung oder Identifizierung geschieht. Auch Erziehung oder kulturelle Überformungen prägen sich in unser Körpergedächtnis ein; dies geschieht, indem uns ein bestimmtes Verhaltensmuster bzw. „Manieren“ und „Benehmen“ vermittelt werden.

Das traumatische Gedächtnis: Unser Körper erinnert sich auch an Schmerzerfahrungen und instinktiv spannen wir uns an, ziehen uns zurück oder weichen aus, wenn Schmerzen drohen. So schreiben sich einschränkende und schmerzhafte oder gar traumatische Erlebnisse in dem Leibgedächtnis ein und können sogar zu einem späteren psychosomatischen Leiden führen.

Unser Körper als autobiografisches Gedächtnis

„Das Leibgedächtnis ist der eigentliche Träger unserer Lebensgeschichte, unserer persönlichen Identität.“ so der Psychiater Thomas Fuchs,“Verleiblichte Gewohnheiten machen uns zu Personen mit einer gewissen Konstanz und Verlässlichkeit, sie sorgen dafür, dass wir bei allem äußeren Wechsel dieselben bleiben. Alles, was wir wahrnehmen oder tun, hinterlässt eine Spur in uns.“

Literatur:
Thomas Fuchs (2006): Das Gedächtnis unseres Körpers. Psychologie Heute, 33. Jahrgang, Heft 6, Julius BELTZ GmbH & Co.KG Weinheim: Juni 2006.

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