Hermine Mandl Weblog


„Der Alchimist“ auf der Suche nach der Zukunft
Februar 16, 2008, 8:58 pm
Filed under: Anekdoten, Metaphern, Gedichte, mehr., Uncategorized | Schlagwörter: , , , ,

[…] Er wusste, dass jedes Ding auf der Welt die Geschichte von allen Dingen erzählen konnte. Wenn er ein Buch zufällig aufschlug oder Leuten die Hand las oder Karten legte oder den Flug der Vögel beobachtete oder was auch immer, konnte jeder eine Verbindung zu dem herstellen, was er gerade lebte. In Wirklichkeit waren es nicht die Dinge, die etwas zeigten; es waren die Menschen selber, die, indem sie sich auf die Dinge konzentrierten, die Möglichkeit entdeckten, in die Weltenseele einzutauchen.

In der Wüste gab es viele Männer, die sich ihren Lebensunterhalt damit verdienten, in die Weltenseele einzudringen. Sie nannten sich Wahrsager und wurden von Frauen und den Alten gefürchtet. Nur selten suchten die Krieger sie auf, weil es unmöglich ist, in eine Schlacht zu ziehen, wenn man vorher schon weiß, dass man dabei umkommt. Die Krieger ziehen den Reiz des Gefechts vor wie das Abenteuer des Unbekannten; die Zukunft steht geschrieben, von Allahs Hand, und was auch immer passieren würde, es ist zum Besten des Menschen. Also leben die Krieger nur die Gegenwart, weil diese voller Überraschungen ist und sie so vieles zu beachten haben: wo das Schwert des Feindes niedergeht und wo das Pferd ist, und wie sie parieren müssen, um dem Tod zu entkommen. Der Kameltreiber war kein Krieger und hatte schon einige Wahrsager konsultiert. Viele hatten mit ihren Aussagen recht gehabt, andere nicht. Bis einer von ihnen, der älteste und gefürchtetste, ihn fragte, warum er so an der Zukunft interessiert sei.
„Um einiges in Angriff zu nehmen und anderes abzuwenden, von dem ich nicht will, dass es eintrifft“, antwortete der Kameltreiber.
„Dann ist es ja nicht mehr deine Zukunft“, meinte der Wahrsager.
„Vielleicht möchte ich auch die Zukunft kennen, um mich darauf vorbereiten zu können.“
„Wenn es gute Dinge sind, dann wird es eine angenehme Überraschung sein“, sagte der Wahrsager. „Und wenn es unangenehme Dinge sind, dann leidest du schon lange, bevor sie eintreffen.“
„Ich möchte die Zukunft kennen, weil ich ein Mensch bin, und wir Menschen leben nun mal im Hinblick auf die Zukunft“, sagte der Kameltreiber zum Wahrsager. Hierauf schwieg der Wahrsager. Er beherrschte die Kunst mit den Stäbchen, welche er auf den Boden warf, um dann zu interpretieren, wie sie lagen. Aber an jenem Tage warf er keine Stäbchen.

„Ich verdiene mein Geld mit Zukunftdeuten“, sagte er. „Ich kenne die Wissenschaft der Stäbchen und weiß, wie ich sie handhaben muss, um in den Raum einzutauchen, wo alles geschrieben steht. Dort kann ich die Vergangenheit sehen, wiederentdecken, was in Vergessenheit geriet und die Zeichen der Gegenwart deuten. Wenn die Leute mich aufsuchen, dann sehe ich nicht ihre Zukunft, sondern ich erahne sie. Denn die Zukunft gehört Gott allein, und er offenbart sie nur unter gewissen außergewöhnlichen Umständen. Und wie kann ich die Zukunft erahnen? Durch die Zeichen der Gegenwart. In der Gegenwart liegt das Geheimnis; wenn du der Gegenwart Beachtung schenkst, dann kannst du sie verbessern. Und wenn du sie verbessert hast, dann wird das Nachfolgende auch besser sein. Vergiss also die Zukunft und lebe jeden Tag deines Lebens nach den göttlichen Gesetzen und im Vertrauen, dass Gott für seine Kinder sorgt. Jeder einzelne Tag enthält die Ewigkeit in sich.“
Der Kameltreiber wollte wissen, unter welchen außergewöhnlichen Umständen Gott Einblick in die Zukunft ermöglicht. „Wenn er ihn selber gewährt. Und dies geschieht äußerst selten, aus einem einzigen Grund: weil es sich um eine Zukunft handelt, die geschrieben steht, aber jederzeit geändert werden kann.“

(in: Paulo Coelho, Der Alchimist, Diogenes Verlag 1996, S. 108-110)

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