Hermine Mandl Weblog


Werden Kranke arbeitslos oder Arbeitslose krank?

Das deutsche „Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit“ beschäftigte sich 2001 verstärkt mit dem Thema „Arbeitslos – Gesundheit los – chancenlos?“, indem es eine repräsentative Befragung durchführte und die arbeitsamtsärztlichen Gutachten auswertete. Das Ergebnis zeigte, dass Arbeitslose einen deutlicheren Gesundheitszustand im Vergleich zu Beschäftigten aufweisen. Damit im Zusammenhang stellt sich jedoch die Frage: Werden Kranke arbeitslos oder Arbeitslose krank?

Lang andauernde Arbeitslosigkeit verursacht oder verschlimmert psychische Krankheiten. Bisherige Untersuchungen zeigten vor allem, dass ein Wechsel zwischen Erwerbsstatus und Arbeitslosigkeit häufig zu einer Verschlechterung der psychischen Gesundheit führt; umgekehrt verbessert sich die seelische Befindlichkeit deutlich, wenn Arbeitslose zurück ins Erwerbsleben finden. In neueren Metaanalysen kristallisierte sich nun Folgendes deutlich heraus: Besonders lang andauernde Arbeitslosigkeit kann insbesondere psychische Krankheiten verursachen oder verschlimmern.

Keine Arbeit, dafür jede Menge Stress.
Im Gesundheitsbericht für Deutschland (1998) werden der Arbeitsplatzverlust und die andauernde Arbeitslosigkeit als eigenständige psychosoziale Stressoren erwähnt, die auf verschiedenen Ebenen wirken:

  • Die ökonomische Sicherheit, die soziale Einbindung, das Selbstwertgefühl, die Zeitstrukturierung sowie die externen Anforderungen werden abgeschwächt oder gehen ganz verloren.
  • Durch Alltagsprobleme wie finanzielle Sorgen, Zukunftsunsicherheit und soziale Stigmatisierung sind die Betroffenen zusätzlich belastet.
  • Sozial als unangemessen angesehene Bewältigungsstrategien werden den Betroffenen selbst angelastet.

Psychische Erkrankungen an zweiter Stelle bei Arbeitslosen.
Von über 390.000 Gutachten des Ärztlichen Dienstes der BA über den Gesundheitszustand von Arbeitslosen wurden über 320.000 mit Krankheitsdiagnosen abgeschlossen: Allen voran wurden „Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes“ (40 %) diagnostiziert, gefolgt von „Psychische und Verhaltensstörungen“ (25 %); der Rest verteilt sich breit auf sonstige Krankheitsarten.

Die gefürchteten 3: Arbeitslosigkeit, Armut und Krankheit.
Es zeigte sich, dass die festgestellten Gesundheitsschäden nicht nur die Leistungsfähigkeit der Arbeitslosen beeinträchtigen, sondern damit – verglichen mit den übrigen Arbeitslosen – auch deutlich geringere Wiedereingliederungschancen verbunden sind. Durch den Gesundheitszustand, die Arbeitslosigkeit und die drohende Verarmung sind die Betroffenen mehrfach belastet. Sie geraten häufig in einen Teufelskreis: Arbeitslosigkeit gilt als Hauptrisikofaktor für die Armut und die Armut wiederum wird als größter Risikofaktor für Gesundheit gehandelt. Aus diesem Grund legt der Armuts- und Reichtumsbericht der deutschen Bundesregierung (2001) auch nahe, dem Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Gesundheit mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Genauer nachzulesen unter:

U.a. darin zitierte Literatur:

  • Hollederer, A. (2002): Arbeitslosigkeit und Gesundheit: Ein Überblick über empirische Befunde und die Arbeitslosen- und Krankenkassenstatistik. Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (Hg.). Mitteilungen aus Arbeitsmarkt- und Berufsforschung MittAB 3/2002, 411-428.
  • Murphy G./Athanasou, J. (1999): The effect of unempolyment on mental health. In: Journal of Occupational and Organizational Psychology, 72, 83-99.
  • Paul, K./Moser, K. (2001): Negatives psychisches Befinden als Wirkung und Ursache von Arbeitslosigkeit: Ergebnisse einer Metaanalyse. In: Erwerbslosigkeit. Zempel, J.; Bacher, J.; Moser, K. (Hg.). Leske + Budrich, Opladen, S. 83-110.
  • Statistisches Bundesamt (Hg.) (1998): Gesundheitsbericht für Deutschland. Stuttgart: Verlag Metzler-Poeschel.
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