Hermine Mandl Weblog


Wirkprinzipien der Psychotherapie

Ich kann mich noch gut erinnern, als ich mich in der Anfangsphase meiner Lehrtherapie einmal meinem Therapeuten gegenüber fand und ihn verdutzt anschaute: „Ich habe keine Ahnung, wieso es plötzlich anders ist: Ich habe seit unserer letzten Sitzung nichts verändert; trotzdem fühlt es sich plötzlich irgendwie anders an… Wir haben doch nur geredet.“ Ich kann mich auch gut an den zufriedenen – wenngleich auch ein wenig belustigten – Gesichtsausdruck meines Therapeuten erinnern, der daraufhin meinte: „Aber so ist es ja gedacht: Freud sprach von der Psychotherapie auch als ‚Gesprächskur‘.“ Dies war das erste Mal, dass ich wirklich spürte: Psychotherapie wirkt. Natürlich begleiteten mich in der Folge immer wieder Fragen wie „Wie wirkt Psychotherapie?“ und „Was wirkt in der Psychotherapie?“

Hier ein kleiner Auszug, was die Forschung dazu sagt:

Grawe und Co: Metaanalysen in der Psychotherapieforschung 

Seit 1994 gab es zwei umfangreiche Metaanalysen zur Wirksamkeit von Psychotherapien, wobei der 2005 verstorbene Psychotherapieforscher Klaus Grawe an beiden maßgeblich beteiligt war:

Eine Metaanalyse stammt von Orlinsky, Grawe & Parks (1994), in welcher die Autoren in den bis 1995 zur Verfügung stehenden Arbeiten mehr als 2000 gesicherte Zusammenhänge zwischen Prozessmerkmalen und Therapieergebnis fanden.

Eine weitere Metaanalyse, welche von Grawe, Donati & Bernauer (1994) durchgeführt wurde, basierte auf den zirka 3.500 Publikationen von kontrollierten psychotherapeutischen Wirksamkeitsstudien (ohne unveröffentlichte Dissertationen), welche bis 1983/84 publiziert waren. Nachdem die Autoren die Studien von Kindern und Jugendlichen ausgeschlossen hatten, sowie solche mit weniger als vier Patienten, mit weniger als vier Sitzungen und mit bestimmten gut umgrenzten Problembereichen, blieben für die endgültige Auswertung 897 Studien mit Patienten, die an einem klinisch relevanten Problem leiden. In dieser Metaanalyse kristallisierten sich vier therapeutische Wirkprinzipien von Psychotherapie heraus:

1. Wirkprinzip: Ressourcenaktivierung
Es ist besonders wirksam, an den positiven Möglichkeiten, den Eigenarten, den Fähigkeiten und den Motivationen des Patienten anzusetzen. Die wichtigste wirksame Ressource in diesem Zusammenhang ist jedoch die Fähigkeit, eine gute zwischenmenschliche Beziehung aufzubauen. Entscheidend für den Therapieerfolg ist dabei auch, ob sich der Patient selbst als zu einer guten Beziehung fähig erlebt. Weiters ist relevant, ob der Patient seinen Therapeuten als ihn unterstützend, aufbauend und in seinem Selbstwert positiv bestätigend erlebt.

2. Wirkprinzip: Problemaktualisierung
In der Therapie muss zuerst aktiviert werden, was in weiterer Folge verändert werden soll. Dies bedeutet, das Problem muss vom Patienten real erlebt werden (Beispiele: Expositionsübung, ein Problem im therapeutischen Gespräch richtig „durchleben“).

3. Wirkprinzip: Problembewältigung
Der Therapeut unterstützt den Patienten mit geeigneten Maßnahmen aktiv darin, mit einem bestimmten Problem besser fertig zu werden (z.B.: Selbstsicherheitstraining, Reizkonfrontation, Stressbewältigungstraining, Entspannungsverfahren, Kommunikations- und Problemlösungstraining, familientherapeutischen Interventionen).
Damit dies gelingen kann, muss das, was der Patient als sein Problem erlebt, auch vom Therapeuten ernst genommen werden. Für die therapeutische Wirkung ist entscheidend, dass der Patient die reale Erfahrung macht, besser im Sinne seiner Ziele mit der betreffenden Situation zurechtzukommen. Es ist somit wichtig, dass der Therapeut über ein umfassendes problem- und störungsspezifisches Erfahrungswissen verfügt. Bemerkenswert ist jedoch auch, dass es wirksame psychotherapeutische Methoden gibt, die genau das Prinzip der Problembewältigung nicht als Strategie verwenden und dass diese aber trotzdem wirksam sind (z.B. Gesprächspsychotherapie nach Rogers oder die Psychoanalyse).

4. Wirkprinzip: motivationale Klärung
Der Therapeut hilft dem Patienten, sich über die Bedeutung seines Erlebens und Verhaltens im Hinblick auf seine bewussten und unbewussten Ziele und Werte klarer zu werden.

Ergebnisse der Effizienzforschung: Besser mit als ohne Psychotherapie, Richtung egal, Haltung wichtig.

In bisherigen Metaanalysen stieß man auf folgende Ergebnisse hinsichtlich der Effizienz von Psychotherapie: 80 % der Patienten geht es mit einer Psychotherapie besser als ohne eine Psychotherapie; zwischen den verschiedenen Therapierichtungen gibt es keine klaren Sieger und Verlierer; Laientherapeuten erzielen vergleichbare Effekte wie professionelle Therapeuten. In der Psychotherapieforschung spricht man in diesem Zusammenhang vom so genannten „Äquivalenz-Paradox“.

Unspezifische Wirkfaktoren: Die Wichtigkeit der therapeutischen Haltung

Strupp&Hadley (1979) fanden in ihrer Forschung unspezifischen Wirkfaktoren wie „Akzeptanz, Wärme, Respekt, Empathie und Fürsorge“. Ihre Ergebnisse zeigten, dass College-Professoren und erfahrene Therapeuten ide gleiche Besserung von Beschwerden erreichen konnten, wichtig war eben deren Haltung. Andere Studien bestätigten ebenfalls, dass Laien ähnliche Ergebnisse erzielen können wie ausgebildete Psychotherapeuten (Durlak 1979, Zielke 1979, Hattie/Sharpley/Rogers 1984, Gunzelmann/Schiepek/Reinecker 1986, Christensen&Jakobson 1994).

Ich möchte mit einem Ausspruch von Dr. Pritz schließen; im Rahmen eines Propädeutikum-Kurses sagte er einmal sinngemäß: „Manche erfüllen zwar keine formalen Kriterien, sind jedoch gute Therapeuten; andere erfüllen alle formalen Voraussetzungen und werden dennoch nie wirkliche Therapeuten sein.“

Für den Patienten ist wohl gut, wenn beides vorhanden ist: die richtige Haltung und eine entsprechende Ausbildung.

Literatur:

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1 Kommentar so far
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[…] Vielleicht habe ich mich an dieser Stelle als Psychotherapeutin “auf den Schlips getreten” gefühlt. Ich kenne die Situation in Frankreich und in den USA nicht, aber “Psychotherapie” ist in Österreich ein Berufsstand, der sogar in einem eigenen Psychotherapiegesetz verankert ist und dessen Ausübung eine sehr umfassende und fundierte Ausbildung vorangeht. Von Kurpfuscherei, esoterischen Therapien etc. also keine Spur; natürlich spielt trotz aller Regeln, Gesetze etc. immer die ethische Haltung sowie die Persönlichkeit des Therapeuten eine große – wenn nicht die wichtigste – Rolle. Deshalb scheint mir das Auseinanderdröseln des Psychotherapieprozesses nach Richtungen nicht sinnvoll (vgl. Wirkprinzipien der Psychotherapie). […]

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