Hermine Mandl Weblog


Psychotherapeutische Gruselgeschichten
Januar 17, 2008, 6:41 pm
Filed under: Psychotherapie, Uncategorized | Schlagwörter: , ,

Ab und zu erreichen mich Schaudergeschichten aus der Welt der Psychotherapie, welche mir ein Frösteln bereiten. Psychotherapeutisches Gruselkabinett sozusagen. In den meisten dieser Geschichten übertritt der Therapeut oder die Therapeutin eine ethische Grenze, indem er oder sie die „therapeutische Abstinenz“ verlässt und sich gemeinsam mit dem Patienten oder der Patientin in beziehungsdynamischen Verstrickungen verliert. (An alle, die keine Psychotherapie-Erfahrung haben: DAS sollte nicht passieren. Never ever. Niemals nie.) Wie die Erfahrung zeigt, enden derartige Szenarien seltenst in einem Happy End.

Schutz für den Patienten: Der psychotherapeutische Verhaltenskodex 

PsychotherapeutInnen unterliegen einem strengen Verhaltenskodex. Ich denke, nicht zuletzt deswegen, weil die Psychotherapie einen Prozess darstellt, bei dem bisherige krankmachende (Beziehungs-)Erfahrungen mit neuen „gesunden“ (Beziehungs-)Erfahrungen angereichert bzw. im besten Fall sogar überlagert werden sollen. Der Patient/die Patientin macht diese neuen Erfahrungen in der Beziehung zum Therapeuten/zur Therapeutin. Man braucht nicht sonderlich viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass es für den Patienten dramatisch bzw. traumatisch ist, wenn tragische Erfahrungen mit tragischen Erfahrungen überlagert werden.  

Die therapeutische Beziehung: Sympathie und Abstinenz

So klar die Vorstellung ist, wie eine Psychotherapie idealerweise abzulaufen hat, so sehr ist dennoch auch immer eine Gratwanderung, die von höchst individuellen Aspekten geprägt ist. In der Psychotherapieforschung (z.B. von Grawe) wurde mehrmals bestätigt, dass für den Erfolg einer Psychotherapie vor allem eine „tragfähige Beziehung“ zwischen Therapeut(in) und Patient(in) wichtig ist. Ein gewisses Maß an gegenseitiger Sympathie ist also wichtig, damit eine Therapie gelingen kann. 

Was immer klar sein sollte, ist die Rollenverteilung: Es ist die Aufgabe des Therapeuten (und nicht des Patienten), den therapeutischen Prozess und das therapeutische Ziel im Auge zu behalten und eine Vermischung von beruflichen und privaten Interessen zu vermeiden. Auch wenn aus der anfänglichen Sympathie im Laufe einer Therapie eine gegenseitige Zuneigung werden sollte, so darf diese ausschließlich für das Verstehen nutzbar gemacht werden: Der Patient soll Einsichten über die eigene Beziehungsdynamik, die eigenen Wünsche sowie Ängste gewinnen. Unbewusstes soll bewusst werden.

Gruselgeschichten: TherapeutInnen mit Größenwahn und Hang zum Machtmissbrauch 

Jemanden psychotherapeutisch zu begleiten ist mit viel Verantwortung verbunden: Das Vertrauen des Patienten für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse einzusetzen ist nicht nur verrückt und unethisch, es ist nicht zuletzt ein Missbrauch! (Um klarzustellen: Missbrauch beginnt nicht erst beim sexuellen Kontakt, sondern weit vorher.) TherapeutInnen, die sich dessen nicht bewusst sind, sollten die Frequenz ihrer berufsbegleitenden Supervision schleunigst erhöhen bzw. noch besser: sie sollten ihre Therapieberechtigung sofort zurücklegen.

Wer sich in Psychotherapie befindet oder befand und dabei Erfahrungen wie diese – oder diese – gemacht hat, der sollte sich an die Ethikkommission der jeweiligen Therapierichtung oder eine entsprechende Beschwerdestelle (z.B. Wien) wenden. Derartige TherapeutInnen sind leider schwarze Schafe. Aber die gibt es wohl in jedem Berufsstand. Nicht nur in der Psychotherapie. Abgesehen von diesen Ausreißern ist eine Psychotherapie eine gute Sache. Davon bin ich überzeugt.

Die Kardinalfrage: Kann ich dieser Person vertrauen? 

Wer sich überlegt, eine Psychotherapie zu machen, der sollte sich bei der Auswahl des Therapeuten bzw. der Therapeutin vor allem von seinem/ihrem Bauchgefühl leiten lassen: Kann ich dieser Person vertrauen? Das sollte die Kardinalfrage sein. Wenn ein spontanes Ja zurückkommt, dann haben Sie eine gute Chance, richtig zu liegen. Aber Fehler passieren: Sollten Sie plötzlich das Gefühl haben, nicht mehr Sie sind der Mittelpunkt Ihrer Therapie oder Ihr Therapeut/Ihre Therapeutin sucht Ihre Freundschaft und Ihre Nähe mehr als es Ihnen lieb ist, dann sollten Sie hellhörig werden.

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