Hermine Mandl Weblog


Faktor „Familie“ bei der Entstehung von kindlichem Adipositas
November 28, 2007, 11:43 am
Filed under: Essstörungen, Uncategorized | Schlagwörter: , , ,

Für die Ausbildung von Übergewicht oder Adipositas sind verhaltensbezogene und kognitive Faktoren (Selbstkontrolle, Selbstmanagement) mit verantwortlich, wobei die Verhaltensfaktoren sich auf Charakteristika des Ess- und Bewegungsverhaltens beziehen. Für die Entwicklung des Selbstmanagements spielen vor allem psychosoziale Einflüsse eine erhebliche Rolle, wobei Petermann und Häring (2003:263ff) hier vor allem auf die familiären Einflüsse als Hauptgründe verweisen. In der Familie werden Kindern Vorbilder, Regeln und Muster für angemessenes und unangemessenes Essverhalten vermittelt. Dabei wird ein unangemessenes Essverhalten durch eine gestörte Hunger- und Sättigungsregulation übergewichtiger Kinder und Jugendlicher grundlegend begünstigt. Durch diese Störung kommt es häufig zu Nahrungszufuhr über die Sättigungsgrenze hinaus, was in weiterer Folge zu einer dauerhaft erhöhten Energiebilanz und damit zu Übergewicht bzw. Adipositas beiträgt.

Eine an der Penn State University durchgeführt Studie untersucht die Essgewohnheiten zweier Gruppen von Kindern – einer Gruppe Dreijähriger und einer Gruppe Fünfjähriger: „Both groups reported equal levels of energy expenditure and hunger. The children were then presented with series of plates of macaroni and cheese. The first plate was a normal serving built around age-appropriate baseline nutritional needs; the second plate was slightly larger; the third was what we might now call “supersized”… The younger children consistently ate the same baseline amount, leaving more and more food on the plate as the servings grew in size. The five-year-olds acted as if they were from another planet, devouring whatever was put on their plates.“ (Critser, 2003:38)

Dieser Versuch legt den Schluss nahe, dass Kinder hinsichtlich „angemessener Portionsgrößen“ klarer Informationen bedürfen – eine Aufgabe, die es von Seiten der Eltern bereits von klein auf wahrzunehmen gilt. Dass dies in unserer Zeit nicht so einfach ist und generell eine Tendenz zum „Supersizing“ besteht, zeigt sich an veränderten Portionsgrößen, die uns angeboten werden. In folgenden Zahlen sei anhand einer Portion Pommes Frites kurz dargestellt, wie sehr sich die Portionsgrößen in den letzen 40 Jahren verändert haben. 1960 entsprach eine Portion Pommes Frites bei McDonald’s 200 kcal, 320 kcal Ende der 70er, 450 kcal Mitte der 90er, 540 kcal in den späten 90ern, bis hin zu derzeit 610 kcal. Das gleiche gilt für das McDonald’s Menü, welches von 590 kcal auf derzeit 1550 kcal hochschnellte (ebd, 28).

Beobachtet wurde im Zusammenhang mit Essverhalten auch, dass Eltern übergewichtiger oder adipöser Kinder Nahrung häufig als Belohnung oder Bestrafung eingesetzt haben. In diesem Fall kann Essen auch stellvertretend als Ersatz für emotionale Zuwendung benutzt werden.

Hinsichtlich des Bewegungsverhaltens kann festgestellt werden, dass die Kinder durch Modelllernen das von anderen Familienmitgliedern vorgelebte Bewegungs­verhalten übernehmen und oft ein inaktiver Lebensstil einem aktiven vorgezogen wird. So werden ruhige, sitzende Tätigkeiten bevorzugt. Fernsehen als Freizeit­aktivität, auch kurze Wege mit dem Auto zurücklegen, Aufzüge und Roll­treppen verwenden, sind in derartigen Familien häufiger zu finden als eine Sportart als Hobby zu haben, kurze Wege mit dem Fahrrad zu fahren oder zu Fuß zurückzulegen. Durch Bewegungsarmut wird die Adipositas aufrechterhalten. Auch gilt das gemeinsame Fernsehen beispielsweise als sozialer Verstärker, und Zeiten, die für sportliche Aktivitäten abgezweigt werden, fallen in diesem Kontext als Zeiten für soziale Verstärkung weg (Petermann/Häring, 2003:263ff).

Petermann und Häring (2003:263ff) stellen weiters fest, dass die Interaktionen in Familien mit adipösen Kindern häufig dysfunktionale Kommunikations- und Konfliktbewältigungs­muster aufweisen. Wie sehr familiäre Strukturen die Entwicklung von Adipositas im Kindesalter beeinflussen können, wird in zahlreichen Studien belegt:

  • Es liegt ein neunfach erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Adipositas im Kindesalter vor, wenn Kinder sozial und/oder emotional vernachlässigt werden. Vernachlässigung stellt einen unkontrollierbaren aversiven Reiz dar. Unabhängig davon, wie stark sich das Kind um Zuwendung bemüht, werden seine Eltern nicht mehr Zeit für es aufwenden.
  • Das Risiko erhöht sich auf ein siebenfaches für Kinder, die nicht in intakten Familienverhältnissen aufwachsen.
  • Es liegt ein viereinhalbfach erhöhtes Risiko bei Kindern vor, deren Eltern keine Kenntnis über den kindlichen Süßigkeitskonsum haben.
  • Wenn die genetische Prädisposition vorliegt, nehmen Kinder, die unter psychosozialen Problemen leiden, häufig rapide an Gewicht zu.

Literatur:

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