Hermine Mandl Weblog


Prägende Kindheitsentwicklungen: „Abhängigkeit“ versus „Autonomie“

Unverwechselbar: Ich und Du

Im Alter von 6 bis 9 Monaten beginnt die Individuationsentwicklung: Der Säugling lernt, dass er ein von seiner Umgebung getrenntes, „gesondertes“, „besonderes“ Wesen ist. Er anerkennt die körperliche und psychische Getrenntheit von der Mutter und erlebt diese als Person außerhalb des eigenen Selbst. Die Mutter ist zu diesem Zeitpunkt für das Kind bereits unverwechselbar geworden – aber erst mit zirka 18 Monaten hat der Säugling eine Vorstellung von sich und der Mutter, welche auch dann erhalten bleiben, wenn die Mutter nicht tatsächlich anwesend ist. Das Kind kann sich an sie erinnern – und diese Erinnerungen trösten es, wenn die Mutter nicht anwesend ist. Damit es diese Fähigkeit entwickeln kann, spielt die Sprachentwicklung eine wichtige Rolle. 

Ambivalenztoleranz: Gegensätzliche Gefühle aushalten lernen

Das Kind muss in dieser Zeit lernen, nebeneinander stehende, gegensätzliche Gefühle, Gedanken und Wünsche auszuhalten: Gut und Schlecht werden zunehmend miteinander verbunden und aus dem „Entweder-Oder“ wird ein „Sowohl-als-Auch“. Es verspürt sowohl  Trennungswünsche als auch Trennungsängste und muss lernen, die Gleichzeitigkeit dieser Gefühle auszuhalten. Die Entwicklungsaufgabe dieser Phase ist die Überwindung dieser Trennungs- und Selbstbehauptungsambivalenz. Das Kleinkind kann dadurch ein stabiles Selbstgefühl entwickeln und die passiven Versorgungswünsche der frühen Entwicklung überwinden.  

Die Fähigkeit, allein sein zu können

Der Wille zu Abgrenzung und Selbstbehauptung zeigt sich als „Trotz“ und darin, dass das Kind räumlichen Abstand von der Mutter sucht. Die Aufgabe der Familie ist es, Toleranz für die Ambivalenz der Verselbstständigungsprozesse des Kindes aufzubringen. Wenn diese Phase gut bewältigt wird, so entwickelt das Kind die Fähigkeit, allein sein zu können: d.h. wenn es verlassen wurde, kann es trotzdem sein Selbstgefühl sowie die Beziehung zu den Bezugspersonen aufrechterhalten.  

Das „falsche Selbst“: Das Leben eines Anderen leben

Schafft das Kind den Schritt in die Autonomie nicht, so bleibt es im Abhängigkeitserleben fixiert: Es lernt, sich selbst zu verleugnen und sich an die Bedürfnisse des Anderen anzupassen. Das findet nicht heraus, was seine eigene Identität ist und entwickelt ein so genanntes „falsches Selbst“. Darunter versteht man das vorbewusste Gefühl, gar nicht das eigene Leben, sondern das eines Anderen zu leben. Anstatt einen eigenen Weg zu wagen, werden später Partner gewählt, die sie (wie die Mutter) für ihre Stabilität einsetzen können. Das Scheitern dieser Phase kann die Anlage zu Depression, narzisstische Störungen, schweren psychosomatischen Erkrankungen, Zwangsneurosen, Borderline-Zuständen oder Angstneurosen nach sich ziehen.  

Literatur:

Ermann, Michael (2004): Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ein Manual auf psychoanalytischer Grundlage. 4. Auflage, W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart, S. 48f.

Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 124f.

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