Hermine Mandl Weblog


Gesundheit als Fetisch, Krankheit als Tabu
Oktober 29, 2007, 5:57 pm
Filed under: Gesundheit / Krankheit, Uncategorized | Schlagwörter: , , , , ,

„In unserer Gesellschaft droht die Gesundheit zum Fetisch, die Krankheit dagegen zum Tabuthema zu werden. Gesundheit zählt und in ihrem Gefolge Leistungsfähigkeit, Jugend, Attraktivität. Wer gesund ist, ist arbeitsfähig. Wer krank ist, nicht, “ so Thomas Bock. „In falscher und unnötiger Weise sind Gesundheit und Krankheit zu Gegenpolen geworden, denen völlig unterschiedliche, ja gegensätzliche Rechte und Pflichten, Bedürfnisse und Wünsche zugeordnet werden. Gesundheit ist erstrebenswert, Krankheit zu vermeiden – um jeden Preis. Ein gelungenes Lebenskonzept und die körperliche und seelische Gesundheit werden gleichgesetzt. Für Krankheit bleibt Mitleid. Gesundheit als unbedingtes Ideal bringt chronisch Kranke, bringt Behinderte, bringt Menschen ins Abseits.“ 

Gesundheit als Verdienst, Krankheit als Schuld?

„Unbewusst und unreflektiert, “ so der Autor, „ scheint mir die individuelle Verantwortung des einzelnen mehr und mehr in den Vordergrund zu rücken: Krankheit ist zwar noch nicht unbedingt individuelle Schuld, doch Gesundheit individueller Verdienst.“ 

Gesundheit und Krankheit als Wechselspiel

Thomas Bock weiter: „Gesundheit und Krankheit sind (…) keine absoluten Werte, die unabhängig voneinander Bestand haben. Sie sind miteinander untrennbar verbunden. Ihr Wechselspiel im Leben eines jeden Menschen ist so wichtig wie das Wechselspiel von Spannung und Entspannung, Anstrengung und Ruhe, Schlafen und Wachen, Tag und Nacht. Krankheit gehört zur menschlichen Entwicklung unbedingt dazu.“ (110).  

Literatur:

Bock, Thomas, Wieviel Krankheit braucht der Mensch? – Risiken der Prävention aus der Sicht der Psychiatrie. In: Paulus, Peter (Hg.), Prävention und Gesundheitsförderung. Perspektiven für die psychosoziale Praxis. Köln 1992 : GwG-Verlag, S. 109-118 

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2 Kommentare so far
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Ich habe vor einiger Zeit ein Buch gelesen, über Isabelle Zachert („Wir sehen uns wieder in meinem Paradies“). Sie war 16, als sie an Lungenkrebs starb. Das was mich an diesem Buch beeindruckt hat, war, dass sie kurz vor ihrem Tod, gesagt hat, dass sie ihr Leben als Erfüllung sieht. Ich denke auch, dass sie mir mit ihrem Buch mehr geholfen hat, als viele Bücher von was weiß ich wie berühmten Leuten.

Mir fällt da auch der Spruch ein: „Wir brauchen nicht mehr Tage im Leben sondern mehr Leben in den Tagen“. Etwas ähnliches habe ich auch in den Büchern von Viktor Frankl gefunden. Er schreibt, dass es nicht so wichtig ist, wie lange unser Leben ist, sondern ob wir einen Sinn darin finden.

Ich habe eine Geschichte gelesen, von einem Kind das sehr bald nach der Geburt gestorben ist, das aber in der Familie sehr viel bewirkt hat.

Kommentar von Barbara

Ich stimme voll und ganz zu. Was ich dazu noch als schlimm erachte ist, wenn Kranken – in diesem Falle Krebskranken – suggeriert wird, dass ein gesundes Leben sie von ihrem Leiden heilt. Diese Massenhysterie führt mittlerweile dazu, dass Erkrankte selbst von anderen Erkrankten angefeindet werden, wenn sie nach der Diagnose nicht gesund im Sinne dieser neuesten Lehre leben.
Wir verhalten uns wie die Lemminge.. egal, wohin.. wir folgen nach.

Kommentar von 1leben




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