Hermine Mandl Weblog


Verarbeitung psychischer Konflikte: Der psychosomatische Modus

Als psychosomatische Symptome werden körperliche Beschwerden (wie Schmerzen), Funktionsstörungen (wie Durchfälle) und Organschädigungen (wie Magengeschwüre) bezeichnet. Sie sind immer Ausdruck einer Anpassungsleistung des Ichs und verfolgen das Ziel, einen inneren Konflikt abzuwehren, indem dieser in eine körperliche Erscheinung umgewandelt wird. Das psychosomatische Symptom stellt somit eine Kompromiss- oder Ersatzlösung des Konflikts dar, welche jedoch meist nicht von Dauer ist.  Im Versuch, den psychosomatischen Modus zu verstehen, wurden verschiedene Erklärungsmodelle gefunden:

Ausdruck von Dauerstress:
„Das chronische Affektkorrelat
 

Beim chronischen Affektkorrelat werden bestimmte psychische Tendenzen und Bedürfnisse systematisch blockiert und enttäuscht bis sie auf der psychischen Ebene nicht mehr bewusst erlebt werden können. Sie bleiben jedoch in bestimmten Teilen des vegetativen Systems im Körper gespeichert. Es kommt also zu keiner Erregungsentladung, sodass der Mensch sich im Dauerstress befindet. Dadurch kann es langfristig zu Funktionsstörungen und Organschäden kommen: Eine dauerhafte Kampf- und Fluchtbereitschaft führt zu einer sympathischen Reizung und äußert sich z.B. in Form von Bluthochdruck, Migräne, Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose). Eine dauerhafte Rückzugseinstellung wiederum führt zu einer parasympathischen Reizung und bewirkt Beschwerden wie z.B. Ulcus (Geschwür), Durchfall oder Asthma.   

Eine frühe, persönliche Körpersprache:
„Der Organmodus
“  

Von Organmodus spricht man deshalb, weil mit den einzelnen Organsystemen des Oralen, Analen, Genitalen usw. von klein auf übergreifende leibliche Gebärden des sich Öffnens, sich Verschließens, Zupackens, Empfangens, Berührens, Berührtwerdens usw. verbunden werden.  Erklärt man ein psychosomatisches Symptom mittels Organmodus, so kommt es zu einer Zurückübersetzung des Psychischen in eine Körpersprache, welche sehr weit in die Entwicklungsgeschichte des Menschen zurückgeht und mit dessen persönlichen Biografie und individuellen Erfahrung zu tun hat.  Erlebt beispielsweise ein Kind den Kontakt mit seiner Mutter als traumatisch, so kann es sein, dass der Hautkontakt mit einem Mann später zu Juckreiz, Nesselausschlag oder Neurodermitis führt. Die Organreaktion dient in diesem Fall nicht nur der Abfuhr, sondern ist gleichzeitig Ausdruck des Konflikts.  

Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche:
Das somatopsychisch-psychosomatische Modell“

Während manche Patienten auch nach jahrelanger Dauerirritation keine Organstörung entwickeln, tun andere dies wiederum sehr bald (z.B. Geschwür). Um dies zu erklären, geht man von einer körperlichen Veranlagung sowie kreisförmigen Wechselwirkungsprozessen zwischen Körper und Psyche aus:   Ein ursprünglich biologischer Faktor beeinflusst die psychische Entwicklung dahingehend ungünstig, dass durch ihn eine psychosomatische, krankhafte „Lösung“ gewählt wird. Beispiel: Eine konstitutionell vorgegebene hohe Magensäuresekretion kann die psychische Entwicklung zu einer Vorliebe für bestimmte Nahrungsmittel mit beeinflussen und auf diesem Weg die vorhandene Veranlagung zu einem Geschwür noch verstärken.  

Rückkehr zur Körpersprache:
„Die regressive Resomatisierung 

Direkte und indirekte Beobachtungen zeigten, dass emotionelle Zustände (Stimmungen, Gefühle, Affekte) sich aus ursprünglich rein körperlichen Befindlichkeiten entwickeln:   Zu Beginn unterscheidet der Säugling nur zwischen Lust und Unlust, wobei beide Zustände sehr stark an Körperempfindungen gekoppelt sind. Im Laufe seiner Entwicklung, und im Austausch mit seiner Bezugsperson, entkoppelt das Kind seine Empfindungen zunehmend von seinem Körper und entwickelt davon entfernte, bewusste und differenzierte emotionale Zustände. Die ursprünglich körpernahen und noch nicht bewussten diffusen Zustände, die sich in Form von Lust und Unlust zeigten, werden immer differenzierter:  Lust wird unterschieden in Zufriedenheit, Freude, Vertrauen, Glaube, Liebe, Hoffnung und Zärtlichkeit… Unlust wird zu Angst, Depression, Furcht, Scham, Schuld, Ekel, Trauer, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit… Bei Überforderung kann es auch noch im Erwachsenenalter zu einer „regressiven Resomatisierung“ kommen: Es erfolgt ein Rückgängigmachen des oben beschriebenen Entwicklungsprozesses und eine Rückkehr zur „Körpersprache“. Dieser Mechanismus kann vorübergehend auch bei psychisch gesunden Menschen als „psychosomatische Reaktion“ auftreten und ist nicht als Krankheit zu verstehen.   Dieser Mechanismus bringt dem Betroffenen den Vorteil, dass die Belastung, der Konflikt und die damit zusammenhängenden unlustvollen emotionalen Zustände auf der psychischen Ebene nicht mehr „existieren“.  

Welche Grundkonflikte werden bevorzugt mit Hilfe des psychosomatischen Modus verarbeitet?

Es gibt bisher wenige Kenntnisse über den psychosomatischen Modus; vor allem die Frage „Warum reagiert der eine mit psychischer Erkrankung, warum der andere nicht?“ gibt Rätsel auf. Man weiß bisher, dass Resomatisierungsvorgänge in allen möglichen Belastungs- und Konfliktsituationen auch bei psychisch relativ gesunden Menschen vorkommen können.  Bei schweren psychosomatischen Erkrankungen wurde ein Zusammenhang mit folgenden Themen beobachtet:

  • Ablösungsproblematik bzw. orale Abhängigkeit (Ulcus/Geschwür),

  • Nähe-Distanz-Problematik (Asthma),

  • Trennungsproblematik und Autonomie (Colitis/Entzündung des Dickdarms).

Literatur: Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, Kapitel XI, S. 242ff

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3 Kommentare so far
Hinterlasse einen Kommentar

hallo,
ist das ein aus der literatur zusammen gebastelter text, oder spiegelt der ihre eigenen erfahrungen wider?

Kommentar von ballinrockstar86

Hallo ballinrockstar86!

Dieser Text ist eine Zusammenfassung der angegebenen Literatur und bestätigt meine eigenen Erfahrungen.

Kommentar von minam

Wichtige Ideen,

mit Mentzos sollte ich mich einmal befassen.

Danke, Cees
http://eifelginster.wordpress.com/

Kommentar von Cees




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