Hermine Mandl Weblog


Verarbeitung psychischer Konflikte: Der zwangsneurotische Modus.

Zwang: Keine andere Wahl haben.

Ein Zwang zeigt sich beim Betroffenen in Form von Zwangsideen (oder Vorstellungen), Zwangsimpulsen und Zwangshandlungen. Auch wenn der Betroffene weiß, dass es eine unsinnige Handlung ist, kann er nicht anders, als eben so zu handeln oder zu denken, wie er es in diesem Moment tut. Keine Freiwilligkeit inbegriffen.

Wehrt er sich jedoch und versucht, die sich aufdrängenden Impulse zu bestimmten Handlungen abzuwehren, so führt dies zu einer zunehmenden, ängstlich gefärbten Spannung, die sich so lange steigert, bis sie für den Betroffenen so unerträglich wird, dass er dem Zwang letzten Endes doch nachgeben muss.

Kennzeichen einer Zwangshandlung: Ritualisierung als Symptom oder Charakterzug.

Eine Zwangsneurose kann sich auf zwei Arten zeigen:

Als Symptom: Im Vordergrund stehen dann ständig wiederkehrende, ritualisierte Wiederholungen des gleichen Vorganges. Mit ihrer „Hilfe“ soll die Vermeidung oder Aufhebung von Verschmutzung, Ansteckung, Gefährdung, Unordnung, Bösartigkeit usw. erreicht werden.

Als Charakterzug: Im Vordergrund stehen Charakterzüge wie übertriebene Ordentlichkeit, Sauberkeit, Sparsamkeit, Rigidität, Überkorrektheit u.ä.

Dahinter stehende Konflikte: Weglaufen oder Dableiben; Entsprechen oder Versagen.

Konflikte, die mittels zwangsneurotischem Modus verarbeitet werden, gehen in jene Phase der Kindheit zurück, als das Kind laufen lernte: Einerseits ist es in dieser Phase sehr abhängig von der Mutter und will in ihrer Nähe sein, andererseits will es seine durch das Laufen lernen gewonnene Freiheit auskosten und sich ein Stück weit von der Mutter entfernen. Dennoch sucht es immer wieder die Rückversicherung bei der Mutter: „Wie reagiert meine Mama, wenn ich mich von ihr weg bewege? Darf ich das? Ist sie besorgt? Hat sie Angst um mich? Findet sie es gut?“ Wird die Mutter vom Kind als eine versagende, strenge oder sehr ängstliche Bezugsperson wahrgenommen, so kann sich dies später im Erwachsenenalter in Form einer zwangsneurotischen Konfliktverarbeitung auswirken.

Eine zwangsneurotische Konfliktverarbeitung kann auch auf strenge verinnerlichte Vorstellungen von sich selbst zurück gehen: „Was glaube ich, dass meine Eltern von mir erwarten, wie ich sein soll oder was ich tun soll? Wie will ich selbst sein? Bin ich gut genug? Enttäusche ich meine Eltern?“ Ein Kind erwartet eine Strafe für sein Tun, im Erwachsenen entstehen stattdessen Schuldgefühle: Mit der Zwangshandlung wird letztendlich versucht, diese Schuld zu tilgen.

Literatur: Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 159-165

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