Hermine Mandl Weblog


Am Anfang war nicht Ich. Ein Streifzug durch die psychosexuelle Entwicklung.

Wenn wir Menschen auf die Welt kommen, erleben wir uns verschmolzen mit der Mutter – dabei wissen wir noch gar nicht, was eine Mutter ist. Ziemlich spacig…

Die Welt aufsaugen! (Orale Phase)

Mit 2-3 Monaten beginnen wir, die Welt zu erkunden. Und zwar über den Mund. Wir wissen nicht, woher wir es können, aber wir wissen, wie man es macht: Das Saugen. Es heißt, es sei ein Reflex. Wir saugen also, was das Zeug hält. Zwei Empfindungen können wir in der Zwischenzeit unterscheiden: Lust und Unlust. Noch nicht so ausdifferenziert, aber immerhin… Wir lieben es, bemuttert zu werden und treten auch langsam in Kontakt mit ihr – der Mutter. Vor allem beim Saugen bzw. Stillen.

Etwas später – mit 6-12 Monaten – können wir bereits mehr als nur zu saugen: Wir kauen und beißen. Am besten alles in den Mund stecken! Yesss! Die Zähne schießen ein… Autsch! Beißen hilft.

Einschränkungen und Frustrationen werden nicht mehr einfach hingenommen: Der Wut wird Ausdruck verliehen. Dafür werden die Hände als Werkzeug benutzt: Schlagen, kratzen und boxen sind angesagt… Dieses Verhalten ist jedoch nicht immer als Zeichen von Unmut zu werten, manchmal ist es gerade einfach so geil, dass die Spannung irgendwie raus muss – z.B. wenn man die Haare der Mama erwischt.

Ich bin mächtig! (Anale Phase)

Mit dem 2. Lebensjahr wächst unsere Lust am Berühren, Riechen und Schauen und wir setzen uns mit unseren analen und urethralen Fähigkeiten auseinander: Ich kann das Gaga und Lulu zurückhalten und ausstoßen, wann ich will! Ich habs unter Kontrolle! Ich bin mächtig! Die Mütter sehen das teilweise anders, d.h. es kommt zu ersten Machtkonflikten.

Wir lernen, dass wir der Mutter gegenüber feindselig und aggressiv UND positiv-liebevoll sein können. Beides. Nicht entweder oder. Aber einfach ist das nicht. Gut, dass es die Mama gibt, die uns in dieser Zeit schützt – und die weiß, dass das das anscheinend normal ist, sich hin- und hergerissen zu fühlen.

Ich will so werden wie du! (Infantil-genitale Phase)

Ab dem 3. Lebensjahr entdecken wir die genitale Masturabation und damit verbunden eine starke erotisch-sinnlihce Empfindsamkeit. Wir interssieren uns nicht für das eigene, sondern auch für das andere Geschlecht:

Das Mädchen beginnt, sich seiner Vagina zuzuwenden und beginnt, sie sexuell zu stimulieren. Es ist auch von den Brüsten der Mutter fasziniert. Sie ist so schön! So will es werden! Neben all der Bewunderung entdeckt es in sich auch Neid-, Angst- und Minderwertigkeitsgefühle.

Der Junge will sich zeigen: Er ist überwältigt von seinem eregierten Penis und muss die Spannung abbauen. Natürlich, noch beeindruckender ist der Penis des Vaters, der riiiiiiiiesig groß ist. So einen Penis will er auch einmal haben! Aber der Junge hat Angst, dass der Vater – wenn er von den Gedanken des Jungen erfährt – ihm seinen Penis wegnimmt. Immer wieder muss er sich versichern, dass er „eh noch ganz ist“ – indem er masturbiert.

In dieser Phase festigt sich das Bild von Mann und Frau in uns – wir wollen sein, wie die Mama bzw. wie der Papa.

Dann klopft Herr Ödipus an die Tür und die Rivalität kommt dazu. Wir mögen beide Elternteile, fühlen uns auch mit beiden verbunden – und wir beginnen mit beiden zu rivalisieren, weil wir die Zuneigung des jeweils anderen haben wollen. Das ist wohl der bis zu diesem Zeitpunkt massivste Konflikt, den wir erlebt haben – alles ist da: Liebe und Hass, Neid und feindselige Rivalität, weil wir uns mit beiden identifizieren und von beiden geliebt werden wollen! 2-3 Jahre lang dauert der ganze Prozess, bis wir den Ödipuskomplex überwunden haben. Aber dann haben wir es geschafft: Wir haben unsere sexuellen Bestrebungen unseren Eltern gegenüber überwunden. Rückblickend ist das auch gut so. Es hätte nicht mit uns geklappt. Wir beschließen, später selbst so zu werden wie die Mutter oder der Papa und uns dann einen Partner wie den Papa oder eine Partnerin wie die Mama wählen. So schauts aus. (Viele verwirklichen sich diesen Traum tatsächlich im Erwachsenenalter…)

Ich soll meine Mama heiraten wollen?! Igitt! (Latenzzeit)

Mit 6-7 Jahren tun wir so, als hätte es unsere sexuellen Wünsche an die Eltern gar nie gegeben – wir reagieren mit Ekel- und Schamgefühlen auf jeden Hinweis in diese Richtung, frönen der Moral sowie der Ästhetik. Unsere Befriedigung suchen wir uns nun anderswo und wir passen uns den Wünschen der Eltern an. Die Stimme der Eltern, die deren Werte und Moralvorstellungen in uns vertritt, festigt sich in uns.

Ich. (Adoleszenz)

Später dann, so ab 11 Jahren, da beginnen wir uns mit der eigenen sexuellen Reife auseinanderzusetzen, wobei in dieser Zeit durchaus noch der eine oder andere ungelöste Konflikt aus jener Zeit hochkommen kann, als wir den Vater oder die Mutter begehrten. Verdrängt bedeutet eben nicht immer gelöst. Dennoch: Jetzt geht es darum, andere Menschen zu finden, mit denen wir unsere Abhängigkeitswünsche und unsere Wünsche nach sexueller Befriedigung leben können. Wir lösen uns von den „inneren“ Eltern und suchen nach dem, was und wer wir selbst sind. Es entsteht die eigene (sexuelle) Identität. Ich.

„Ich“ ist all das:

  • was ich mir wünsche und was ich begehre,
  • wie ich mich selbst sehe,
  • was ich von meinen Eltern gelernt habe,
  • meine Erfahrungen mit Menschen aus der Vergangenheit,
  • meine Erfahrungen mit Menschen aus der Gegenwart.
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4 Kommentare so far
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Ich beschäftige mich gerade auch etwas mit Freud und bin durch Zufall und Google auf Deinen Blog gestoßen. Finde ihn ziemlich interessant zu lesen.

Mein Partner (19) befindet sich scheinbar noch in der oralen Phase – er nimmt permanent wahllos Dinge in den Mund – was kann das bedeuten?

Gruß,
Miguel

PS: Im Eifer des Gefechts sind beim Tippen wohl ein paar Buchstaben an die falsche Kampfposition geraten oder im Schützengraben verschwunden…

Kommentar von chaosironie

Hallo Miguel,

„sich als Erwachsene/r noch in einer Phase befinden“ ist wohl ein wenig streng ausgedrückt, aber wir funktionieren in manchen Momenten tatsächlich so wie als kleine Kinder.

Ich könnte mir vorstellen, dass das Saugen an Dingen und sie in den Mund stecken, deinen Freund beruhigen… so wie das Baby, wenn es Hunger hat, durch das Saugen am Busen der Mutter beruhigt wird. Es kann also etwas mit Nähe, Fürsorge und Geborgenheit zu tun haben – Gefühle, die sich dein Freund unbewusst so holen möchte.

Oder es geht darum, sich etwas Einzuverleiben – vgl. z.B. bei der Fettsucht – das hätte dann mehr mit einer Aggression zu tun, die nicht abgeführt werden kann…

Du merkst schon, dass „ein diagnostischer Schuss aus der Hüfte“ nicht sinnvoll wäre, weil die menschliche Psyche einfach so vielschichtig ist. Betrachte das Verstehenwollen als Spurensuche: Hinweis für Hinweis tasten wir uns an das Erleben und Erlebte eines Menschen heran und versuchen, es zu verstehen … Wenngleich es nie ganz möglich ist 🙂

Lg, Hermine

Kommentar von minam

Hallo, ich kenne ein Kind die ist 4 und befindet sich gerade in der Oralen Phase sie holt dies nach, sie nimmt wirklich allles in den Mund was nicht schlim ist jedoch im Kindergarten ist es für die anderen Kinder nicht gut wenn alles von ihr in den Mund gesteckt wird und voll Spucke ist. würde es eine, ja irgendwie alternative geben die ich anbieten kann um ihr trotzdem die Phase ausleben zu lassen ohne das sie die Spielzeuge in den Mund steckt?

Kommentar von Micele

Hallo Micele, für die Bewältigung der oralen Phase ist eine konstante positive Zuwendung bzw. genügend „Bemutterung“ wichtig. So kann das Kind „Urvertrauen“ entwickeln und das Getrenntsein von der Mutter bzw. seiner Bezugsperson ertragen; es kann seinen Wunsch nach Verschmelzung („alles in den Mund stecken“)aufgeben und einen weiteren Schritt in die Unabhängigkeit wagen.

Kommentar von minam




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