Hermine Mandl Weblog


Vorteile vom Dicksein: Warum essen Übergewichtige überhaupt zu viel?
Oktober 5, 2007, 2:22 pm
Filed under: Essstörungen, Psyche, Uncategorized | Schlagwörter: , , , , ,

Gute Gründe fürs Zuviel

Übergewicht entsteht, weil Menschen zu viel essen; sie nehmen täglich mehr Energie zu sich als sie tatsächlich verbrauchen. No-na…

Aber die interessante Frage ist doch: Warum essen sie überhaupt zu viel? Dahinter steckt oft ein „guter Grund“ – gewissermaßen ein Vorteil, der durch das Dicksein bzw. durch den Vorgang des Essens erlangt wird. Hinter dem Dicksein können viele – meist unbewusste – Gründe stehen: z.B.

  • Übergewicht als Ausdruck der Verbundenheit mit wichtigen – ebenfalls übergewichtigen – Personen, z.B. den Eltern.
  • Übergewicht als Schutz – z.B. für Frauen vor Männern.
  • Essen als Selbstbehauptung, d.h. an sich gestellten Erwartungen nicht entsprechen zu wollen.
  • Essen als Ausdruck von Freiheit: Essen als Freiraum, der nicht gänzlich kontrolliert werden muss.
  • Essen aus Langeweile.
  • Essen als oraler Genuss.
  • Essen als Trost.
  • Ein Erfahrungsbericht: Den inneren Widerstand gegen das Thema „Vorteile des Dickseins“ austricksen.

    Wenn ein Thema nicht bewusstseinsfähig ist, gibt es dafür meist einen guten Grund: Wir schützen uns. Oft steht dahinter ein Konflikt, den wir versuchen zu vermeiden, indem wir ihn verdrängen. Auf der einen Seite ist das eine gesunde Reaktion, denn dadurch können wir mit dem Thema leben, auf der anderen Seite entstehen jedoch – wie bei Medikamenten – Nebenwirkungen. Wenn diese Nebenwirkungen (z.B. Übergewicht) so groß werden, dass sie selbst zum Problem werden, ist es notwendig, sich die verdrängte Dynamik bewusst zu machen und sich genauer mit dem ursprünglichen Thema auseinanderzusetzen.  

    In meiner langjährigen Arbeit mit Gruppen von Übergewichtigen stoße ich beim Thema „Vorteile des Dickseins“ regelmäßig auf Widerstand – sowohl bei den Eltern, als auch bei den Kindern. Die erste Reaktion ist meist „Es gibt keinen Vorteil!“, gefolgt von einem ungläubigen „Was soll es denn da schon für einen Vorteil geben?!“ Lasse ich sie weiter suchen, kommen Sager wie „Fett schwimmt oben“, „Dicke sind gemütlicher“, „Dicke haut nichts so schnell um“, „Dicke müssen beim Sport nicht überall mitmachen“, „Dicke erkennen eher, wer ihre wahren Freunde sind“… Das Bewusstmachen der unbewussten Dynamik, die hinter dem Dicksein steht, gestaltet sich häufig als ein hartes Stück Arbeit. Aber es ist die Mühe wert!

    Die Geschichte vom dicken Kaninchen 

    Die Autorin Alexa Mohl verpackt in ihrer Metapher „Das dicke Kaninchen“ unterschiedliche Motive für Übergewicht – und zwar in das Gespräch zwischen einem dicken Kaninchen un einer weisen Eule: 

    Die Geschwister des dicken Kaninchens und dessen Eltern tollen auf der Wiese herum, sie schlagen Haken, spielen miteinander etc. Sie können schneller laufen als das dicke Kaninchen und dürfen sich daher auch weiter weg vom Familienbau bewegen. Sie könnten sich nämlich vor Jagdhünden, Füchsen, Adlern rechtzeitig in Sicherheit bringen und das könnte das dicke Kaninchen nicht. Deshalb muss es sich ständig in der Nähe des Baus aufhalten. Aber das macht das Kaninchen traurig. Es will auch dünn sein, damit es mit den anderen herumrennen kann! Aus diesem Grund hat es schon einige Diäten gemacht. Erfolglos. Als eine weise Eule das Kaninchen vor seinem Bau bemerkt, fragt es dieses: „Warum bist du traurig?“ Erst will das Kaninchen die Eule abwimmeln, aber dann gewinnt die Eule doch noch die Aufmerksamkeit des Kaninchens – als die Eule ihm davon erzählt, dass es ja nicht wisse, wie es bei Kaninchen so laufe, aber es habe schon einige Menschen beobachtet…

    Diese Geschichte ist ein gutes Werkzeug, sich dem Thema mit einem gewissen Sicherheitsabstand anzunähern: Immerhin geht es um „die Anderen“ bzw. um ein „dickes Kaninchen“! Mit Hilfe einer Metapher kann man den inneren Widerstand bis zu einem gewissen Grad austricksen und unbewusste Motive eher ins Bewusstsein locken…

    Literatur:

    Die Geschichte vom dicken Kaninchen – und andere Metaphern zu verschiedenen Themen – sind in folgendem Buch zu finden:

    Alexa Mohl (1998): Metaphern-Lernbuch. Geschichten und Anleitungen aus der Zauberwerkstatt. Paderborn: Junfermann, 1998

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