Hermine Mandl Weblog


Empowerment: aus der Sicht von Menschen mit Psychiatrieerfahrung

Grundsätzlich findet man in der Literatur zwei Lesarten von Empowerment: Einerseits ist es ein Konzept der Selbstermächtigung, andererseits wird darunter die professionelle Unterstützung bei der Erreichung von Autonomie und Selbstgestaltung verstanden.

Wenn es darum geht, Programme zur psychischen Gesundheit von Menschen anzubieten, so ist Empowerment ein oft genanntes Schlagwort. Judi Chamberlin – selbst psychiatrisch erfahren und langjährige Aktivistin für PatientInnenrechte – fragte sich, was eigentlich jene Menschen unter Empowerment verstehen, für die derartige Programme und Hilfsangebote entwickelt werden.  Am Center for psychiatric rehabilitation leitete sie eine Arbeitsgruppe zum Thema Empowerment, welche sich aus TeilnehmerInnen von Selbsthilfegruppen für psychiatrisch erfahrene Menschen zusammensetzte. Bestätigt wurde im Zuge dieser Arbeit, dass Empowerement ein komplexes und multidimensionales Konzept ist, welches eher einem Prozess als einem Zustand entspricht. Gemeinsam mit den TeilnehmerInnen fand Chamberlin 15 Merkmale von Empowerment, die jedoch nicht alle erfüllt werden müssen, um als empowered zu gelten:

  1. Über Entscheidungsbefugnis verfügen

  2. Zugang zu Informationen und Ressourcen haben

  3. Mehr Alternativen haben als nur zwischen Ja oder Nein zu entscheiden

  4. Selbstsicher sein

  5. Das Gefühl haben, etwas bewirken zu können (hoffnungsvoll zu sein).

  6. Kritisch denken lernen; die eigenen Muster erkennen; eine Perspektive ändern  können: z.B. eine Neudefinition des eigenen Selbst, von festgefahrenen Machtverhältnissen in Beziehungen, oder auch davon, was man selbst bewirken kann

  7. Den Umgang mit und Ausdruck von Wut und Aggression lernen

  8. Sich nicht einsam, sondern sich einer Gruppe zugehörig fühlen

  9. Verstehen, dass Menschen Rechte haben

  10. Veränderungen im eigenen Leben und in der Gemeinschaft bewirken

  11. Sich Fähigkeiten aneignen, die man selbst als wichtig erachtet, z.B. die Fähigkeit zu kommunizieren

  12. Die Perspektive der anderen verändern in Bezug auf die eigenen Fähigkeiten und Handlungsmöglichkeiten

  13. Sich hinauswagen: “sich selbst hinterm Ofen hervorholen”

  14. kontinuierliches Wachstum sowie Veränderungen selbst initiieren  

  15. Ein eigenes positives Selbstbild finden und bestärken sowie Stigmatisierungen bewältigen

Den gesamten Artikel finden Sie auf der Website des National Empowerment Centers. 

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Prägende Kindheitsentwicklungen: „Abhängigkeit“ versus „Autonomie“

Unverwechselbar: Ich und Du

Im Alter von 6 bis 9 Monaten beginnt die Individuationsentwicklung: Der Säugling lernt, dass er ein von seiner Umgebung getrenntes, „gesondertes“, „besonderes“ Wesen ist. Er anerkennt die körperliche und psychische Getrenntheit von der Mutter und erlebt diese als Person außerhalb des eigenen Selbst. Die Mutter ist zu diesem Zeitpunkt für das Kind bereits unverwechselbar geworden – aber erst mit zirka 18 Monaten hat der Säugling eine Vorstellung von sich und der Mutter, welche auch dann erhalten bleiben, wenn die Mutter nicht tatsächlich anwesend ist. Das Kind kann sich an sie erinnern – und diese Erinnerungen trösten es, wenn die Mutter nicht anwesend ist. Damit es diese Fähigkeit entwickeln kann, spielt die Sprachentwicklung eine wichtige Rolle. 

Ambivalenztoleranz: Gegensätzliche Gefühle aushalten lernen

Das Kind muss in dieser Zeit lernen, nebeneinander stehende, gegensätzliche Gefühle, Gedanken und Wünsche auszuhalten: Gut und Schlecht werden zunehmend miteinander verbunden und aus dem „Entweder-Oder“ wird ein „Sowohl-als-Auch“. Es verspürt sowohl  Trennungswünsche als auch Trennungsängste und muss lernen, die Gleichzeitigkeit dieser Gefühle auszuhalten. Die Entwicklungsaufgabe dieser Phase ist die Überwindung dieser Trennungs- und Selbstbehauptungsambivalenz. Das Kleinkind kann dadurch ein stabiles Selbstgefühl entwickeln und die passiven Versorgungswünsche der frühen Entwicklung überwinden.  

Die Fähigkeit, allein sein zu können

Der Wille zu Abgrenzung und Selbstbehauptung zeigt sich als „Trotz“ und darin, dass das Kind räumlichen Abstand von der Mutter sucht. Die Aufgabe der Familie ist es, Toleranz für die Ambivalenz der Verselbstständigungsprozesse des Kindes aufzubringen. Wenn diese Phase gut bewältigt wird, so entwickelt das Kind die Fähigkeit, allein sein zu können: d.h. wenn es verlassen wurde, kann es trotzdem sein Selbstgefühl sowie die Beziehung zu den Bezugspersonen aufrechterhalten.  

Das „falsche Selbst“: Das Leben eines Anderen leben

Schafft das Kind den Schritt in die Autonomie nicht, so bleibt es im Abhängigkeitserleben fixiert: Es lernt, sich selbst zu verleugnen und sich an die Bedürfnisse des Anderen anzupassen. Das findet nicht heraus, was seine eigene Identität ist und entwickelt ein so genanntes „falsches Selbst“. Darunter versteht man das vorbewusste Gefühl, gar nicht das eigene Leben, sondern das eines Anderen zu leben. Anstatt einen eigenen Weg zu wagen, werden später Partner gewählt, die sie (wie die Mutter) für ihre Stabilität einsetzen können. Das Scheitern dieser Phase kann die Anlage zu Depression, narzisstische Störungen, schweren psychosomatischen Erkrankungen, Zwangsneurosen, Borderline-Zuständen oder Angstneurosen nach sich ziehen.  

Literatur:

Ermann, Michael (2004): Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ein Manual auf psychoanalytischer Grundlage. 4. Auflage, W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart, S. 48f.

Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 124f.



Puzzleteile medizinischer Begriffe
Oktober 30, 2007, 6:59 pm
Filed under: Uncategorized

Wer sich als Laie oder Laiin mit medizinischen Begriffen auseinandersetzen muss, rauft sich aufgrund der vielen fremden lateinischen oder griechischen Wörter bald einmal die Haare. Sollten Sie Lust haben, sich mit der Terminologie (= Lehre von den Termen; Terminus = Grenzstein) ein wenig zu beschäftigen, dann lesen Sie weiter:

Hier einige Basis-Puzzlesteine:

= nicht
ana = auf
dia = auseinander
dys = falsch
gnose = schauen
hypo = zu wenig
hyper = zu viel
logie = Lehre von
lyse = Lösung
mnese = Erinnerung
oligo = wenig
para = daneben
phrenie = Psyche betreffend
psycho = Psyche
pro = nach vorne
thymie = Stimmung, Befindlichkeit
ucus = Geschwür
itis = Entzündung

Ausgewählte Beispiele:

Amnesie
Mnemosyne = Göttin der Erinnerung
A = nicht
sprich: sich nicht erinnern können

Anamnese
ana = auf
mnese = Erinnerung
sprich: die Erinnerung sammeln

Analyse:
ana = auf
lyse = Lösung
sprich: Auflösung

Anatomie
ana = auf
themein = öffnen
sprich: den Körper aufmachen

Chirurgie
cheir = Hände
urgent = tun; etwas muss getan werden
sprich: die mit ihren Händen tun

Diagnose:
dia = auseinander
gnose = sehen
sprich: etwas wird auseinandergedröselt

Dyskinesie
dys = falsch
Kinethik = Bewegung
sprich: unkoordinierte Bewegungen

Dysthymie
dys = wütend, zornig, phorisch
thymie = Stimmung, Befindlichkeit
sprich: wütend sein

Gynäkologie
gynal = Frau
logie = die Lehre von
sprich: Die Lehre von den Frauen

Hebephrenie
Hebe = Tochter des Zeus, Göttin für ewige Jugend
Phrenie = Psyche
sprich: jugendliche Schizophrenie

Leukämie
leukos = weiß
ämie = im Blut
sprich: zuviel weiße Blutkörperchen im Blut

Oligophrenie
oligo = wenig
phrenie = Psyche
sprich: wenig Psyche/Hirn; geistige Minderbegabung

Onkologie
onkos = Druck, Geschwulst
logie = Lehre von
sprich: Die Lehre vom Druck bzw. von den Geschwulsten

Parathymie
para = daneben
thymie = Stimmung, Befindlichkeit
sprich: sich daneben „stimmen“

Pathologie
pathos = da Leid
logie = Lehre von
sprich: Die Lehre vom Leid

Praxis
praxie = tun können
sprich: wo man tun kann

Prognose
pro = nach vorne
gnose = schauen
sprich: nach vorne schauen

Psychopath
psycho = Seele
pathos = Leid
sprich: jemand, dessen Seele leidet

Psychotherapie
psycho = Seele
therapeon = begleiten
sprich: die Seele begleiten

Schizophrenie
schizein = gespalten
Phrein = Psyche (2. Wort für Seele; „Annahme, dass die Seele sitzt im Zwerchfell sitzt“)
sprich: gespaltene Psyche haben

… usw usf…

Das soll hier kein medizinisches Wörterbuch werden – aber es sollte eine Anregung sein, hinter medizinische Begriffe zu schauen…



Gesundheit als Fetisch, Krankheit als Tabu
Oktober 29, 2007, 5:57 pm
Filed under: Gesundheit / Krankheit, Uncategorized | Schlagwörter: , , , , ,

„In unserer Gesellschaft droht die Gesundheit zum Fetisch, die Krankheit dagegen zum Tabuthema zu werden. Gesundheit zählt und in ihrem Gefolge Leistungsfähigkeit, Jugend, Attraktivität. Wer gesund ist, ist arbeitsfähig. Wer krank ist, nicht, “ so Thomas Bock. „In falscher und unnötiger Weise sind Gesundheit und Krankheit zu Gegenpolen geworden, denen völlig unterschiedliche, ja gegensätzliche Rechte und Pflichten, Bedürfnisse und Wünsche zugeordnet werden. Gesundheit ist erstrebenswert, Krankheit zu vermeiden – um jeden Preis. Ein gelungenes Lebenskonzept und die körperliche und seelische Gesundheit werden gleichgesetzt. Für Krankheit bleibt Mitleid. Gesundheit als unbedingtes Ideal bringt chronisch Kranke, bringt Behinderte, bringt Menschen ins Abseits.“ 

Gesundheit als Verdienst, Krankheit als Schuld?

„Unbewusst und unreflektiert, “ so der Autor, „ scheint mir die individuelle Verantwortung des einzelnen mehr und mehr in den Vordergrund zu rücken: Krankheit ist zwar noch nicht unbedingt individuelle Schuld, doch Gesundheit individueller Verdienst.“ 

Gesundheit und Krankheit als Wechselspiel

Thomas Bock weiter: „Gesundheit und Krankheit sind (…) keine absoluten Werte, die unabhängig voneinander Bestand haben. Sie sind miteinander untrennbar verbunden. Ihr Wechselspiel im Leben eines jeden Menschen ist so wichtig wie das Wechselspiel von Spannung und Entspannung, Anstrengung und Ruhe, Schlafen und Wachen, Tag und Nacht. Krankheit gehört zur menschlichen Entwicklung unbedingt dazu.“ (110).  

Literatur:

Bock, Thomas, Wieviel Krankheit braucht der Mensch? – Risiken der Prävention aus der Sicht der Psychiatrie. In: Paulus, Peter (Hg.), Prävention und Gesundheitsförderung. Perspektiven für die psychosoziale Praxis. Köln 1992 : GwG-Verlag, S. 109-118 



Prägende Kindheitsentwicklungen: „Symbiotische Verschmelzung“ versus „Ich und Du“

Wenig Kontur und Beständigkeit im Erleben: Es ist „alles eins“

Ganz zu Beginn glaubt das Kind, es sei „alles eins“ – es ist sozusagen verschmolzen mit seiner Mutter: Es ist seine Mutter und seine Mutter ist es. Sein Innenleben hat in dieser Phase noch wenig Kontur und zeichnet sich durch wenig Beständigkeit aus: Es geht dem Baby im Moment „nur gut“ oder „nur schlecht“. Es kann sich weder erinnern, wie es vorher war, noch wie es später sein wird. Es weiß noch nicht um das „Sowohl – als auch“ und kann in dieser Zeit nur schwer zwischen innen und außen unterscheiden.  

Urvertrauen durch eine ausreichende Bemutterung

Das Kind hat noch keine Erinnerung an die Mutter oder Pflegeperson und ist darauf angewiesen, dass sie als Person da ist. Damit diese Phase gut gelingen kann, ist eine ausreichende Bemutterung für das Kind sehr wichtig, d.h. dass die Mutter richtig auf die Bedürfnisse des Kindes reagiert und ihm eine beständige positive Zuwendung zukommen lässt. Passiert dies nicht, entwickelt das Kind eine große Verlassenheitsangst. Fühlt es sich jedoch in dieser Phase sicher, so kann es ein Urvertrauen entwickeln, welches wiederum die Basis für das spätere Kontaktverhalten und das Selbstwertgefühl eines Menschen bildet.  

Erkennen, dass es Ich und Du gibt

Ab dem 6. Lebensmonat lernt der Säugling, dass er ein von seiner Umgebung getrenntes, „gesondertes“, „besonderes“ Wesen ist. Parallel dazu erkennt er, dass es die Mutter oder eine Pflegeperson gibt, auf die er angewiesen ist, und welche eine von ihm getrennte Person mit eigener Existenz und eigenem Willen ist: Der Säugling sammelt die Erfahrung, dass die Mutter diejenige ist, die den Busen zur Verfügung stellt, wenn er Hunger hat. Aber auch, dass das nicht selbstverständlich ist und er daher lernen muss, die eigenen Bedürfnisse zu regulieren. Wird der Busen verwehrt, vergrößert dies die Angst des Babys, verlassen zu werden. Es reagiert mit Wut und versucht diese Gefühle zu bewältigen, indem es sie auf die Mutter überträgt: Statt die eigene Wut zu erleben, erlebt das Kind die Mutter als feindselig. Es wandelt die Verlassenheitsangst in eine Verfolgungsangst um.

Literatur:

Ermann, Michael (2004): Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ein Manual auf psychoanalytischer Grundlage. 4. Auflage, W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart, S. 45-48.

Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 123f.



Verarbeitung psychischer Konflikte: Der psychosomatische Modus

Als psychosomatische Symptome werden körperliche Beschwerden (wie Schmerzen), Funktionsstörungen (wie Durchfälle) und Organschädigungen (wie Magengeschwüre) bezeichnet. Sie sind immer Ausdruck einer Anpassungsleistung des Ichs und verfolgen das Ziel, einen inneren Konflikt abzuwehren, indem dieser in eine körperliche Erscheinung umgewandelt wird. Das psychosomatische Symptom stellt somit eine Kompromiss- oder Ersatzlösung des Konflikts dar, welche jedoch meist nicht von Dauer ist.  Im Versuch, den psychosomatischen Modus zu verstehen, wurden verschiedene Erklärungsmodelle gefunden:

Ausdruck von Dauerstress:
„Das chronische Affektkorrelat
 

Beim chronischen Affektkorrelat werden bestimmte psychische Tendenzen und Bedürfnisse systematisch blockiert und enttäuscht bis sie auf der psychischen Ebene nicht mehr bewusst erlebt werden können. Sie bleiben jedoch in bestimmten Teilen des vegetativen Systems im Körper gespeichert. Es kommt also zu keiner Erregungsentladung, sodass der Mensch sich im Dauerstress befindet. Dadurch kann es langfristig zu Funktionsstörungen und Organschäden kommen: Eine dauerhafte Kampf- und Fluchtbereitschaft führt zu einer sympathischen Reizung und äußert sich z.B. in Form von Bluthochdruck, Migräne, Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose). Eine dauerhafte Rückzugseinstellung wiederum führt zu einer parasympathischen Reizung und bewirkt Beschwerden wie z.B. Ulcus (Geschwür), Durchfall oder Asthma.   

Eine frühe, persönliche Körpersprache:
„Der Organmodus
“  

Von Organmodus spricht man deshalb, weil mit den einzelnen Organsystemen des Oralen, Analen, Genitalen usw. von klein auf übergreifende leibliche Gebärden des sich Öffnens, sich Verschließens, Zupackens, Empfangens, Berührens, Berührtwerdens usw. verbunden werden.  Erklärt man ein psychosomatisches Symptom mittels Organmodus, so kommt es zu einer Zurückübersetzung des Psychischen in eine Körpersprache, welche sehr weit in die Entwicklungsgeschichte des Menschen zurückgeht und mit dessen persönlichen Biografie und individuellen Erfahrung zu tun hat.  Erlebt beispielsweise ein Kind den Kontakt mit seiner Mutter als traumatisch, so kann es sein, dass der Hautkontakt mit einem Mann später zu Juckreiz, Nesselausschlag oder Neurodermitis führt. Die Organreaktion dient in diesem Fall nicht nur der Abfuhr, sondern ist gleichzeitig Ausdruck des Konflikts.  

Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche:
Das somatopsychisch-psychosomatische Modell“

Während manche Patienten auch nach jahrelanger Dauerirritation keine Organstörung entwickeln, tun andere dies wiederum sehr bald (z.B. Geschwür). Um dies zu erklären, geht man von einer körperlichen Veranlagung sowie kreisförmigen Wechselwirkungsprozessen zwischen Körper und Psyche aus:   Ein ursprünglich biologischer Faktor beeinflusst die psychische Entwicklung dahingehend ungünstig, dass durch ihn eine psychosomatische, krankhafte „Lösung“ gewählt wird. Beispiel: Eine konstitutionell vorgegebene hohe Magensäuresekretion kann die psychische Entwicklung zu einer Vorliebe für bestimmte Nahrungsmittel mit beeinflussen und auf diesem Weg die vorhandene Veranlagung zu einem Geschwür noch verstärken.  

Rückkehr zur Körpersprache:
„Die regressive Resomatisierung 

Direkte und indirekte Beobachtungen zeigten, dass emotionelle Zustände (Stimmungen, Gefühle, Affekte) sich aus ursprünglich rein körperlichen Befindlichkeiten entwickeln:   Zu Beginn unterscheidet der Säugling nur zwischen Lust und Unlust, wobei beide Zustände sehr stark an Körperempfindungen gekoppelt sind. Im Laufe seiner Entwicklung, und im Austausch mit seiner Bezugsperson, entkoppelt das Kind seine Empfindungen zunehmend von seinem Körper und entwickelt davon entfernte, bewusste und differenzierte emotionale Zustände. Die ursprünglich körpernahen und noch nicht bewussten diffusen Zustände, die sich in Form von Lust und Unlust zeigten, werden immer differenzierter:  Lust wird unterschieden in Zufriedenheit, Freude, Vertrauen, Glaube, Liebe, Hoffnung und Zärtlichkeit… Unlust wird zu Angst, Depression, Furcht, Scham, Schuld, Ekel, Trauer, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit… Bei Überforderung kann es auch noch im Erwachsenenalter zu einer „regressiven Resomatisierung“ kommen: Es erfolgt ein Rückgängigmachen des oben beschriebenen Entwicklungsprozesses und eine Rückkehr zur „Körpersprache“. Dieser Mechanismus kann vorübergehend auch bei psychisch gesunden Menschen als „psychosomatische Reaktion“ auftreten und ist nicht als Krankheit zu verstehen.   Dieser Mechanismus bringt dem Betroffenen den Vorteil, dass die Belastung, der Konflikt und die damit zusammenhängenden unlustvollen emotionalen Zustände auf der psychischen Ebene nicht mehr „existieren“.  

Welche Grundkonflikte werden bevorzugt mit Hilfe des psychosomatischen Modus verarbeitet?

Es gibt bisher wenige Kenntnisse über den psychosomatischen Modus; vor allem die Frage „Warum reagiert der eine mit psychischer Erkrankung, warum der andere nicht?“ gibt Rätsel auf. Man weiß bisher, dass Resomatisierungsvorgänge in allen möglichen Belastungs- und Konfliktsituationen auch bei psychisch relativ gesunden Menschen vorkommen können.  Bei schweren psychosomatischen Erkrankungen wurde ein Zusammenhang mit folgenden Themen beobachtet:

  • Ablösungsproblematik bzw. orale Abhängigkeit (Ulcus/Geschwür),

  • Nähe-Distanz-Problematik (Asthma),

  • Trennungsproblematik und Autonomie (Colitis/Entzündung des Dickdarms).

Literatur: Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, Kapitel XI, S. 242ff



Verarbeitung psychischer Konflikte: Der hypochondrische Modus.

Übermäßige Sorge um die eigene Gesundheit

Der hypochondrische Patient ist ständig und übermäßig um seine Gesundheit besorgt, beobachtet sich dauernd und neigt dazu, unbedeutende Beschwerden und Störungen zu lebensbedrohlichen Erkrankungen auszubauen, wobei er von der tödlichen Ernsthaftigkeit seiner Erkrankung überzeugt ist. Im extremen Fall kommt es zu wahnhaften Befürchtungen, die nicht durch Gegenargumente korrigiert werden können. Der Betroffene muss die anderen und vor allem sich selbst ständig von der Richtigkeit seiner Sehweise überzeugen.

Selbstbeobachtung als Ablenkungsmanöver vor zwischenmenschlichen Konflikten

Wie andere Konfliktverarbeitungsmodi ist auch die Hypochondrie eine Abwehrreaktion: Der Hypochonder benutzt die intensive und krankhafte Selbstbeobachtung dazu, um konfliktträchtige zwischenmenschliche Situationen zu vermeiden, womit er zugleich die möglichen dadurch entstehenden Angstgefühle verdrängen kann.

Hypochondrie als komplizierte Körpersprache

Bei der Hypochondrie geht es häufig um einen symbolischen Hinweis auf bestimmte Existenzprobleme, auf eine Selbstwert- oder Aggressionsproblematik: Dabei ist Hypochondrie oft eine komplizierte Körpersprache, die eine für den Sender ebenso wie für den Empfänger schwer zu enträtselnde Botschaft enthält.

Das Böse in sich entdecken und auf den Körper auslagern

Der „Feind“ – also das, was der Betroffene nicht sein will – wird im eigenen Körper entdeckt. Der Betroffene identifiziert sich nicht mit seinem Krankheitsbild, sondern überträgt darauf alles, was ihn ängstlich stimmt, was ihm schlimm, aggressiv oder gefährlich erscheint.

Krankheitsgewinn: Vorteile durch Hypochondrie

Mit der Hypochondrie gehen nicht nur Nachteile, sondern auch Vorteile einher: Durch die Krankheit darf der Betroffene Zuwendung einfordern und bekommen; gewisse aggressive Tendenzen können indirekt abführt werden; und die Unannehmlichkeiten direkter Auseinandersetzungen mit Bezugspersonen können vermieden werden.

Literatur: Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 190-195.