Gespeichert unter: Gesundheit / Krankheit, Krisenbewältigung, Neurotische Konfliktverarbeitung, Psyche, Uncategorized | Schlagworte: Abwehr, Abwehrmechanismen, Affektisolierung, Affektualisierung, Bewältigung, Ebenen, Identifikation, Intellektualisierung, Introjektion, Mentzos, Pathologie, Projektion, psycho-soziale Abwehr, Rationalisierung, Reaktionsbildung, Schutz, Spaltung, Sublimierung, Ungeschehenmachen, Verlagerung, Verleugnung, Verschiebung, Wendung gegen das Selbst
Abwehr: Schutz und Bewältigungsmechanismus unserer Psyche.
Jeder – und zwar: jeder – Mensch besitzt eine „Abwehr“. Sie dient dazu, unlustvolle Gefühle, Affekte, Wahrnehmungen etc. vom Bewusstsein fernzuhalten bzw. diese in Schach zu halten. Es handelt sich dabei um eine Art Gewohnheit, die unbewusst abläuft und uns schützt bzw. uns bei der Bewältigung bestimmter Aufgaben unterstützt. Also ist die Abwehr eine gute Sache. Aber nicht immer.
Krankhafte Abwehr: Vermeidung der Bewusstwerdung um jeden Preis.
Die Abwehr wird dann zum Problem, wenn sie für einen Menschen zur Einschränkung – und damit schädlich – wird. Hier ein Beispiel: Unlustvolle Erregungszustände oder Anspannungen (sog. Affekte) und Gefühle wie Angst, seelischer Schmerz, Schuldgefühle usw. entstehen in uns aufgrund von unverarbeiteten seelischen Konflikten, welche unbewusst gemacht oder gehalten werden sollen. Durch diesen Vorgang kommt es jedoch zu keiner echten Lösung eines Konflikts – es bleibt bei einer Pseudolösung. Das wiederum führt dazu, dass immer intensivere und kompliziertere „Abwehrmaßnahmen“ benötigt werden, um den entsprechenden Konflikt unbewusst zu halten.
Merkmale einer krankhaften Abwehr: Ich-Einschränkung und Überbeanspruchung eines bestimmten Abwehrmechanismus
Eine Abwehr gilt dann als pathologisch, wenn es zu einer Einschränkung der Ich-Funktionen kommt, wobei man unter Ich-Funktionen die Fähigkeit wahrzunehmen, zu unterscheiden, sich zu erinnern, zu denken, sowie die Triebe zu steuern versteht. Zusätzlich ist die freie Selbstentfaltung und –verwirklichung eingeschränkt und es besteht keine Wahlmöglichkeit mehr. So kommt es zu einer Zwangsläufigkeit des Auftretens sowie einer Unfähigkeit, sich an wechselnde Bedingungen anzupassen. Es kommt zu einem unbewussten Abspulen des gleichen Mechanismus und zu einem erheblichen Widerstand gegen die Bewusstmachung des Konflikts.
In Stichworten notiert: Die vier Ebenen von Abwehr nach Mentzos
1. Ebene (unreif):
a) psychotische, wahnbildende Projektion, z.B. Verfolgungswahn:
- eigene, unerwünschte Impulse werden einer anderen Person „zugeschoben“
- das Böse wird nach außen verlegt
- Subjekt-Objekt-Trennung
b) psychotische Verleugnung, z.B. Größenwahn, Liebeswahn…
- Kleinkind schützt bedrohtes Selbstwertgefühl durch Verleugnung
c) Spaltungsvorgänge:
- vermeiden, dass inkompatible Inhalte zusammentreffen; diese bleiben prinzipiell bewusst oder vorbewusst; Verleugnung nach Bedarf. Borderline.
d) Introjektion:
- In-sich-Hineinnehmen, Internalisierung des Objekt;
- wichtig bei Selbstentstehung
- (später) regressiv eingesetzt, um schmerzliche Trennung vom Objekt und/oder Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt zu vermeiden bzw. rückgängig zu machen
2. Ebene (auch unreif, aber nicht mehr so grob und unrealistische Lösungen):
a) nichtpsychotische Projektion:
- häufig
- eigene Gefühle, Impulse, Tendenzen werden unbewusst einem anderen zugeschrieben (z.B. die Juden, die Ausländer…)
b) Identifikation als Abwehr:
- Identifikation mit dem Angreifer
- bei hysterischer (Konversions-)Symptombildung: Trennung oder seelischen Schmerz abwehren durch Übernahme der Symptome (z.B. Husten) des kürzlich verstorbenen Elternteils.
3. Ebene (psychoneurotische Abwehrmechanismen)
a) Intellektualisierung:
- Emotionales in formaler, affektloser Art zu behandeln
- sich v.a. mit kognitiven Aspekten des Lebens beschäftigen und Emotion vermeiden
b) Affektualisierung:
- Überemotionalität
- kognitive Einsicht beeinträchtigen
- Gegenemotionen einsetzen um gefürchtete Emotion abzudrängen
c) Rationalisierung:
- sekundäre Rechtfertigung von Verhaltensweisen durch Scheinmotive
d) Affektisolierung:
- Abtrennung des vorstellungsmäßigen Inhalts, der bewusst bleibt, von dem dazugehörigen Affekt, der verdrängt wird
e) Ungeschehenmachen:
- unerlaubter Impuls wird kurzfristig bewusst und dann durch einen entgegen gesetzten Gedanken oder eine magische Handlung ungeschehen gemacht
f) Reaktionsbildung:
- vgl. Ungeschehenmachen, jedoch dauerhaft und habituelle Abwehr. Daher kommt es zu einer Änderung des Ichs. Es entsteht ein Charakterzug. (z.B. Zwang)
g) Verschiebung:
- Loslösung emotioneller Reaktionen von ihren ursprünglichen Inhalten und die Verknüpfung mit anderen, weniger wichtigen Situationen oder Gegenständen (z.B. Phobie)
h) Verlagerung:
- unerwünschte, unerlaubte Impulse (meist Aggression) wird auf ein anderes als das eigentliche Objekt gerichtet (z.B. Arbeitskollege -> Frau)
i) Wendung gegen das Selbst:
- Variation der Verlagerung: Autoaggression
j) Verdrängung im engeren Sinne
- Amnesie (Erinnerungslücke)
- Skotomisierung („Übersehen“ bestimmter Inhalte)
4. Ebene:
Sublimierung
- Umsetzen verdrängter Triebimpulse in sozial gewertete Tätigkeiten, auf die das Triebziel verschoben wird.
Psycho-sozialen Abwehrmechanismen: außen statt innen.
Es handelt sich dabei nicht ausschließlich um intrapsychische Prozesse. Das Prinzip dahinter ist, unbewusst eine zwischenmenschliche Konstellation herzustellen, welche die intrapsychische Veränderung bestätigt, rechtfertigt und real erscheinen lässt. Dies kann durch die Partnerwahl, durch eine Rollenzuweisung bzw. durch Manipulation, Verführung oder Beeinflussung des Partners in eine bestimmte Richtung erfolgen.
Literatur:
Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 60-65.
Gespeichert unter: Beziehung, Kindheit, Neurotische Konfliktverarbeitung, Psyche | Schlagworte: chronisches Affektkorrelat, Dauerstress, Grundkonflikte, Körpersprache, Mentzos, Organmodus, Psychosomatik, psychosomatischer Modus, Regression, Wechselwirkung
Als psychosomatische Symptome werden körperliche Beschwerden (wie Schmerzen), Funktionsstörungen (wie Durchfälle) und Organschädigungen (wie Magengeschwüre) bezeichnet. Sie sind immer Ausdruck einer Anpassungsleistung des Ichs und verfolgen das Ziel, einen inneren Konflikt abzuwehren, indem dieser in eine körperliche Erscheinung umgewandelt wird. Das psychosomatische Symptom stellt somit eine Kompromiss- oder Ersatzlösung des Konflikts dar, welche jedoch meist nicht von Dauer ist. Im Versuch, den psychosomatischen Modus zu verstehen, wurden verschiedene Erklärungsmodelle gefunden:
Ausdruck von Dauerstress:
„Das chronische Affektkorrelat“
Beim chronischen Affektkorrelat werden bestimmte psychische Tendenzen und Bedürfnisse systematisch blockiert und enttäuscht bis sie auf der psychischen Ebene nicht mehr bewusst erlebt werden können. Sie bleiben jedoch in bestimmten Teilen des vegetativen Systems im Körper gespeichert. Es kommt also zu keiner Erregungsentladung, sodass der Mensch sich im Dauerstress befindet. Dadurch kann es langfristig zu Funktionsstörungen und Organschäden kommen: Eine dauerhafte Kampf- und Fluchtbereitschaft führt zu einer sympathischen Reizung und äußert sich z.B. in Form von Bluthochdruck, Migräne, Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose). Eine dauerhafte Rückzugseinstellung wiederum führt zu einer parasympathischen Reizung und bewirkt Beschwerden wie z.B. Ulcus (Geschwür), Durchfall oder Asthma.
Eine frühe, persönliche Körpersprache:
„Der Organmodus“
Von Organmodus spricht man deshalb, weil mit den einzelnen Organsystemen des Oralen, Analen, Genitalen usw. von klein auf übergreifende leibliche Gebärden des sich Öffnens, sich Verschließens, Zupackens, Empfangens, Berührens, Berührtwerdens usw. verbunden werden. Erklärt man ein psychosomatisches Symptom mittels Organmodus, so kommt es zu einer Zurückübersetzung des Psychischen in eine Körpersprache, welche sehr weit in die Entwicklungsgeschichte des Menschen zurückgeht und mit dessen persönlichen Biografie und individuellen Erfahrung zu tun hat. Erlebt beispielsweise ein Kind den Kontakt mit seiner Mutter als traumatisch, so kann es sein, dass der Hautkontakt mit einem Mann später zu Juckreiz, Nesselausschlag oder Neurodermitis führt. Die Organreaktion dient in diesem Fall nicht nur der Abfuhr, sondern ist gleichzeitig Ausdruck des Konflikts.
Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche:
„Das somatopsychisch-psychosomatische Modell“
Während manche Patienten auch nach jahrelanger Dauerirritation keine Organstörung entwickeln, tun andere dies wiederum sehr bald (z.B. Geschwür). Um dies zu erklären, geht man von einer körperlichen Veranlagung sowie kreisförmigen Wechselwirkungsprozessen zwischen Körper und Psyche aus: Ein ursprünglich biologischer Faktor beeinflusst die psychische Entwicklung dahingehend ungünstig, dass durch ihn eine psychosomatische, krankhafte „Lösung“ gewählt wird. Beispiel: Eine konstitutionell vorgegebene hohe Magensäuresekretion kann die psychische Entwicklung zu einer Vorliebe für bestimmte Nahrungsmittel mit beeinflussen und auf diesem Weg die vorhandene Veranlagung zu einem Geschwür noch verstärken.
Rückkehr zur Körpersprache:
„Die regressive Resomatisierung“
Direkte und indirekte Beobachtungen zeigten, dass emotionelle Zustände (Stimmungen, Gefühle, Affekte) sich aus ursprünglich rein körperlichen Befindlichkeiten entwickeln: Zu Beginn unterscheidet der Säugling nur zwischen Lust und Unlust, wobei beide Zustände sehr stark an Körperempfindungen gekoppelt sind. Im Laufe seiner Entwicklung, und im Austausch mit seiner Bezugsperson, entkoppelt das Kind seine Empfindungen zunehmend von seinem Körper und entwickelt davon entfernte, bewusste und differenzierte emotionale Zustände. Die ursprünglich körpernahen und noch nicht bewussten diffusen Zustände, die sich in Form von Lust und Unlust zeigten, werden immer differenzierter: Lust wird unterschieden in Zufriedenheit, Freude, Vertrauen, Glaube, Liebe, Hoffnung und Zärtlichkeit… Unlust wird zu Angst, Depression, Furcht, Scham, Schuld, Ekel, Trauer, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit… Bei Überforderung kann es auch noch im Erwachsenenalter zu einer „regressiven Resomatisierung“ kommen: Es erfolgt ein Rückgängigmachen des oben beschriebenen Entwicklungsprozesses und eine Rückkehr zur „Körpersprache“. Dieser Mechanismus kann vorübergehend auch bei psychisch gesunden Menschen als „psychosomatische Reaktion“ auftreten und ist nicht als Krankheit zu verstehen. Dieser Mechanismus bringt dem Betroffenen den Vorteil, dass die Belastung, der Konflikt und die damit zusammenhängenden unlustvollen emotionalen Zustände auf der psychischen Ebene nicht mehr „existieren“.
Welche Grundkonflikte werden bevorzugt mit Hilfe des psychosomatischen Modus verarbeitet?
Es gibt bisher wenige Kenntnisse über den psychosomatischen Modus; vor allem die Frage „Warum reagiert der eine mit psychischer Erkrankung, warum der andere nicht?“ gibt Rätsel auf. Man weiß bisher, dass Resomatisierungsvorgänge in allen möglichen Belastungs- und Konfliktsituationen auch bei psychisch relativ gesunden Menschen vorkommen können. Bei schweren psychosomatischen Erkrankungen wurde ein Zusammenhang mit folgenden Themen beobachtet:
-
Ablösungsproblematik bzw. orale Abhängigkeit (Ulcus/Geschwür),
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Nähe-Distanz-Problematik (Asthma),
-
Trennungsproblematik und Autonomie (Colitis/Entzündung des Dickdarms).
Literatur: Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, Kapitel XI, S. 242ff
Gespeichert unter: Beziehung, Kindheit, Neurotische Konfliktverarbeitung, Psyche | Schlagworte: Aggression, Aufmerksamkeit, Beziehung, Hypochondrie, Introjektion, Körpersprache, Konfliktvermeidung, Krisen / Konflikte, Mentzos, Projektion, Selbstbeobachtung, Selbstwert
Übermäßige Sorge um die eigene Gesundheit
Der hypochondrische Patient ist ständig und übermäßig um seine Gesundheit besorgt, beobachtet sich dauernd und neigt dazu, unbedeutende Beschwerden und Störungen zu lebensbedrohlichen Erkrankungen auszubauen, wobei er von der tödlichen Ernsthaftigkeit seiner Erkrankung überzeugt ist. Im extremen Fall kommt es zu wahnhaften Befürchtungen, die nicht durch Gegenargumente korrigiert werden können. Der Betroffene muss die anderen und vor allem sich selbst ständig von der Richtigkeit seiner Sehweise überzeugen.
Selbstbeobachtung als Ablenkungsmanöver vor zwischenmenschlichen Konflikten
Wie andere Konfliktverarbeitungsmodi ist auch die Hypochondrie eine Abwehrreaktion: Der Hypochonder benutzt die intensive und krankhafte Selbstbeobachtung dazu, um konfliktträchtige zwischenmenschliche Situationen zu vermeiden, womit er zugleich die möglichen dadurch entstehenden Angstgefühle verdrängen kann.
Hypochondrie als komplizierte Körpersprache
Bei der Hypochondrie geht es häufig um einen symbolischen Hinweis auf bestimmte Existenzprobleme, auf eine Selbstwert- oder Aggressionsproblematik: Dabei ist Hypochondrie oft eine komplizierte Körpersprache, die eine für den Sender ebenso wie für den Empfänger schwer zu enträtselnde Botschaft enthält.
Das Böse in sich entdecken und auf den Körper auslagern
Der „Feind“ – also das, was der Betroffene nicht sein will – wird im eigenen Körper entdeckt. Der Betroffene identifiziert sich nicht mit seinem Krankheitsbild, sondern überträgt darauf alles, was ihn ängstlich stimmt, was ihm schlimm, aggressiv oder gefährlich erscheint.
Krankheitsgewinn: Vorteile durch Hypochondrie
Mit der Hypochondrie gehen nicht nur Nachteile, sondern auch Vorteile einher: Durch die Krankheit darf der Betroffene Zuwendung einfordern und bekommen; gewisse aggressive Tendenzen können indirekt abführt werden; und die Unannehmlichkeiten direkter Auseinandersetzungen mit Bezugspersonen können vermieden werden.
Literatur: Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 190-195.
Gespeichert unter: Beziehung, Kindheit, Neurotische Konfliktverarbeitung, Psyche | Schlagworte: Aggression, Angst vor Liebesverlust, Depression, Leere, Lustlosigkeit, Mentzos, Selbstachtung, Selbstbestrafung, Selbstmord, Selbstvorwürfe, Selbstwert, Teufelskreis, Trauer, Wut
Sich leer und missmutig fühlen
Menschen, die auf psychische Konflikte mit Depression reagieren, sind von ihrer Stimmungslage her am ehesten als „leer“ und missmutig zu beschreiben. Sie neigen dazu, sich selbst Vorwürfe zu machen und fühlen sich häufig minderwertig. Dem Partner gegenüber entwickeln sie ein ängstliches Anklammerungsverhalten. Des Weiteren leiden Betroffene häufig unter Schlafstörungen, Appetitlosigkeit und anderen körperlichen Erscheinungen, die beispielsweise die Atmung oder Verdauung betreffen können. Depressive Menschen zeigen häufig unterschwellig oder offen Tendenzen zum Selbstmord.
Depression als krankhafte Ausprägung der Trauer
Bei Trauer und Depression kommt es zu ähnlichen Vorgängen: Es kommt zu einer Ich-Hemmung, einer Ich-Einschränkung, zum Absinken der Aktivität sowie der Leistung, und zum Rückzug von der Welt. Trauer und Depression unterscheiden sich jedoch in einer Hinsicht sehr wesentlich: Während die Trauer ein gesunder Mechanismus ist, um Verluste verarbeiten zu können, stellt die Depression eine krankhafte Abart der Trauerreaktion dar und wird zu einer verfehlten oder sogar schädlichen Reaktion, indem sie eben dort auftaucht, wo sie eigentlich nicht mehr notwendig ist. Sie nimmt überdimensionale Ausmaße an und trägt zur Bildung sinnloser, leidvoller Teufelskreise bei.
1. Teufelskreis: Verlust der Selbstachtung bedingt Verlust der Selbstachtung bedingt…
Der Kern des depressiven Syndroms bildet das Herabsetzen der Selbstachtung: Je mehr die Selbstachtung sinkt, umso mehr verstärken sich die für ein depressives Syndrom typischen Reaktionen und Mechanismen: extreme Teilnahmslosigkeit, Gefühllosigkeit, ausgeprägter Mattigkeit, Konzentrationsschwierigkeit, Antriebsarmut. Umso stärker diese Reaktionen und Mechanismen werden, umso weiter sinkt das Selbstwertgefühl…
2. Teufelskreis: Wut bedingt Selbstbestrafung bedingt Wut bedingt…
Dieser Teufelskreis geht von massiven aggressiven Phantasien aus, die jedoch nicht in die Tat umgesetzt werden, sondern autoaggressiv abgewehrt werden müssen: Dadurch kann es beim Betroffenen zu Selbstvorwürfen, Anschuldigungen, Selbstanklage, Nahrungsverweigerung, Selbstverstümmelung, Selbstmordgedanken, schließlich Selbstmord kommen. Je größer die Selbstbestrafung ist, desto intensiver wird die daraufhin entstehende Wut und desto massiver werden die Aggressionsphantasien. Diese müssen wieder durch Selbstbestrafung abgewehrt werden…
3. Teufelskreis: Der Verlust einer wichtigen Bezugsperson bewirkt Wut auf sich selbst und auf die verlorene Bezugsperson…
Wenn jemand eine wichtige Bezugsperson verliert, so kann auch dies der Anlass zur Entwicklung einer Depression sein: Verinnerlicht der Betroffene die verlorene Person daraufhin sehr stark, muss dies nicht immer zu einer Erleichterung und Lösung führen, sondern dieser Vorgang kann auch das Gegenteil bewirken: Die Schwierigkeiten entstehen dadurch, dass die verlorene Person mit geliebten und gehassten Teilen besetzt war. Es beginnt ein Teufelskreis, bei dem der Betroffene nicht nur sich selbst Selbstvorwürfe macht, sondern die Wut auch dem verinnerlichten bösen Anteil der verlorenen Person gilt. Dies führt wieder zu Selbstvorwürfen und zu Wut auf die verlorene Bezugsperson…
Depression durch Verlust von Liebe, Anerkennung und Aufwertung über den Anderen
Viele depressive Zustände beginnen nach einem tatsächlichen oder symbolischen Verlust einer wichtigen Bezugsperson und/oder einer Traumatisierung oder Kränkung. Andere Personen übernehmen für Depressive häufig die Funktion, Liebe, Anerkennung und Aufwertung zu bieten bzw. finden Betroffenen die entsprechenden Aspekte in einer Beziehung. Aus diesem Grund sind Depressive von äußeren Bezugspersonen extrem abhängig und reagieren auf Kränkungen extrem intensiv.
Hohe Maßstäbe an sich selbst haben
Depressive sind sich selbst gegenüber sehr streng und unnachgiebig; sie überfordern sich häufig mit überhöhten Ansprüchen und Maßstäben.
Der Ursprung: Die Angst, die Liebe der Eltern zu verlieren
Der Depressive hat als kleines Kind große Angst gehabt, die Liebe der Eltern zu verlieren und musste sich deshalb streng nach deren Verboten und Geboten richten, um geliebt zu werden: Er musste sich selbst große Leistungen abverlangen, um den eventuellen oder tatsächlichen Liebesverlust auszugleichen. Beides ist erforderlich für die Aufrechterhaltung des Selbstwertgefühls.
Literatur: Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 182ff.
Gespeichert unter: Beziehung, Neurotische Konfliktverarbeitung, Psyche, Psychotherapie, Uncategorized | Schlagworte: Abhängigkeit, Angst, Angstneurotisch, Konflikt, Mentzos, Neurotische Konfliktverarbeitung, Panikattacken, Selbstverlustangst, Selbstwert, Sicherheit, verdrängte Aggression
Angst als gesundes Signal der Psyche.
Wer sich fürchtet, dem will die eigene Psyche etwas sagen. Angst ist somit ein Warnsignal für den Betroffenen und in diesem Sinne eine durchaus gesunde Leistung des Ich. Sie hat die Aufgabe, uns vor etwas zu schützen. Es gibt jedoch Ausprägungen von Angst, die über diese Signalfunktion hinausgehen: Das ist dann der Fall, wenn die Angst übermäßig groß wird und in einem „angstneurotischen Anfall“ mündet – besser bekannt als „Panikattacke“.
Panikattacken: plötzlich, intensiv, nicht fassbar.
Darunter versteht man einen plötzlichen Zustand intensiver Angst, wobei diese nicht fassbar ist. Die Angst zeigt sich häufig „körperlich“: in Form einer ausgeprägten Beschleunigung der Pulsfrequenz, einem Ansteigen des Blutdrucks, Schweißausbrüchen, Gesichtsröte, einer tiefen und forcierten Atmung und anderen körperlichen Erscheinungen. Der Betroffene befürchtet durch die Panikattacke einen Herzstillstand, ein Schwindelgefühl, eine Hirnblutung oder ähnliches zu erleiden. Dieser Zustand erstreckt sich meist über einen Zeitraum zwischen fünf Minuten und einer Stunde.
Die Angst, sich selbst zu verlieren
Hinter einer Panikattacke steht die Angst, „sich selbst zu verlieren“ – und zwar psychisch nicht mehr zu existieren. Aus dieser ursprünglichen Selbstverlustangst wird eine Angst vor dem angeblichen Versagen körperlicher Funktionen oder vor dem Angstanfall selbst.
Angst, mit der Bezugsperson auch die Sicherheit zu verlieren.
Trennungssituationen stellen die häufigsten Auslöser von Panikattacken dar: Der angstneurotische Patient beantwortet eine Trennung oder einen Verlust nicht (wie normalerweise) mit seelischem Schmerz, sondern mit existentieller Angst. Das kann dann passieren, wenn es zur Trennung von einer wichtigen Bezugsperson kommt, die für den Betroffenen die Funktion hatte, ihm das Gefühl der Sicherheit zu geben.
Alles hat seinen Preis: „Sicherheit“ gegen „Verdrängte Wut“
Unabhängigkeitsbestrebungen und die damit zusammenhängenden Aggressionen gegen wichtige, Sicherheit bietende Personen sind für angstneurotische Menschen gefährlich, denn sie könnten letzten Endes zu einer Trennung führen. Da eine Trennung gleichzeitig einen Verlust der Sicherheit bedeuten würde, müssen Aggressionen gegen diese Personen weitestgehend verdrängt werden.
Literatur: Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 171-181.
Gespeichert unter: Beziehung, Neurotische Konfliktverarbeitung, Psyche, Psychotherapie, Uncategorized | Schlagworte: Angst, Furcht, Liebesverlust, Mentzos, Neurotische Konfliktverarbeitung, Phobie, Vermeidung, Verschiebung
Das Wort „Pobie“ wird vom griechischen Wort „Phobos“ abgeleitet, was so viel bedeutet wie „Furcht“. Aus diesem Grund geht es bei Phobien auch um Furcht, und zwar um unbegründete oder jedenfalls – rein sachlich gesehen – eine nicht gerechtfertigte Furcht vor bestimmten Situationen oder Dingen: Klaustrophobie (=Angst vor geschlossenen Räumen), Tierphobie, Brückenphobie, Höhenphobie etc.
Verschiebung und Vermeidung: Eine Angst benutzen, um einer anderen aus dem Weg zu gehen.
Bei einer Phobie kommt es zu einer so genannten „Verschiebung“: aus der inneren Gefahr wird eine äußere geschaffen – und zwar eine Gefahr, die den „Vorteil“ hat, dass sie eben leicht vermieden werden kann. Man benutzt damit eine Angst, um sich nicht mit einer anderen auseinandersetzen zu müssen. Bei der Unterscheidung, wovor man eine Phobie entwickelt, kann von folgende Unterscheidung getroffen werden:
- Die Phobie kann auf Symbole übertragen werden: z.B. ein spitzes Messer oder eine Schere können mit Aggression in Zusammenhang gebracht werden.
-
Die Phobie entsteht als Reaktionsbildung auf eine Erfahrung: z.B. aufgrund einer Explosion in einem chemischen Labor entwickelt jemand eine Phobie vor chemischen Gerüchen.
Fallbeispiel: Von der Brücke zur Schwiegermutter zur Mutter.
Beispiel: Eine Frau hat ein angespanntes Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter und fährt mit ihr gemeinsam über eine Autobahnbrücke als sie plötzlich den Impuls hat, das Steuer nach rechts zu reißen und sich samt ihrer Schwiegermutter von der Brücke zu stürzen. Sie tut es nicht und verdrängt diesen aggressiven Impuls gegen sich und die Schwiegermutter sogleich. Die Frau entwickelt jedoch eine Angst vor Brücken, die selbst dann auftritt, wenn sie alleine im Auto sitzt. In der Psychotherapie kann sie herausfinden, wann die Brückenphobie erstmals aufgetreten ist und erkennt in weiterer Folge, dass der Konflikt mit der Schwiegermutter im Grunde eine Erfahrung mit ihrer eigenen Mutter wieder belebt hat.
Angst vor Liebesverlust: zwei, drei… eins?
Konflikte, die v.a. mittels phobischen Modus verarbeitet werden, gehen häufig in die Zeit zurück, wo der Vater als dritter Faktor in die Beziehung zwischen Mutter und Kind kommt und die Zweierbeziehung aufbricht. Das Kind entwickelt eine Angst, die Liebe der Mutter zu verlieren – z.B. eben an den Vater.
Literatur:
Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 165-171
Gespeichert unter: Beziehung, Neurotische Konfliktverarbeitung, Psyche, Psychotherapie, Uncategorized | Schlagworte: Affektisolierung, Charakterzwangneurose, Intellektualisierung, Isolierung, Mentzos, Neurotisch, Neurotische Konfliktverarbeitung, Rationalisierung, Reaktionsbildung, Symptomzwangneurose, Ungeschehenmachen, Zwang, Zwangsneurotischer Modus
Zwang: Keine andere Wahl haben.
Ein Zwang zeigt sich beim Betroffenen in Form von Zwangsideen (oder Vorstellungen), Zwangsimpulsen und Zwangshandlungen. Auch wenn der Betroffene weiß, dass es eine unsinnige Handlung ist, kann er nicht anders, als eben so zu handeln oder zu denken, wie er es in diesem Moment tut. Keine Freiwilligkeit inbegriffen.
Wehrt er sich jedoch und versucht, die sich aufdrängenden Impulse zu bestimmten Handlungen abzuwehren, so führt dies zu einer zunehmenden, ängstlich gefärbten Spannung, die sich so lange steigert, bis sie für den Betroffenen so unerträglich wird, dass er dem Zwang letzten Endes doch nachgeben muss.
Kennzeichen einer Zwangshandlung: Ritualisierung als Symptom oder Charakterzug.
Eine Zwangsneurose kann sich auf zwei Arten zeigen:
Als Symptom: Im Vordergrund stehen dann ständig wiederkehrende, ritualisierte Wiederholungen des gleichen Vorganges. Mit ihrer „Hilfe“ soll die Vermeidung oder Aufhebung von Verschmutzung, Ansteckung, Gefährdung, Unordnung, Bösartigkeit usw. erreicht werden.
Als Charakterzug: Im Vordergrund stehen Charakterzüge wie übertriebene Ordentlichkeit, Sauberkeit, Sparsamkeit, Rigidität, Überkorrektheit u.ä.
Dahinter stehende Konflikte: Weglaufen oder Dableiben; Entsprechen oder Versagen.
Konflikte, die mittels zwangsneurotischem Modus verarbeitet werden, gehen in jene Phase der Kindheit zurück, als das Kind laufen lernte: Einerseits ist es in dieser Phase sehr abhängig von der Mutter und will in ihrer Nähe sein, andererseits will es seine durch das Laufen lernen gewonnene Freiheit auskosten und sich ein Stück weit von der Mutter entfernen. Dennoch sucht es immer wieder die Rückversicherung bei der Mutter: „Wie reagiert meine Mama, wenn ich mich von ihr weg bewege? Darf ich das? Ist sie besorgt? Hat sie Angst um mich? Findet sie es gut?“ Wird die Mutter vom Kind als eine versagende, strenge oder sehr ängstliche Bezugsperson wahrgenommen, so kann sich dies später im Erwachsenenalter in Form einer zwangsneurotischen Konfliktverarbeitung auswirken.
Eine zwangsneurotische Konfliktverarbeitung kann auch auf strenge verinnerlichte Vorstellungen von sich selbst zurück gehen: „Was glaube ich, dass meine Eltern von mir erwarten, wie ich sein soll oder was ich tun soll? Wie will ich selbst sein? Bin ich gut genug? Enttäusche ich meine Eltern?“ Ein Kind erwartet eine Strafe für sein Tun, im Erwachsenen entstehen stattdessen Schuldgefühle: Mit der Zwangshandlung wird letztendlich versucht, diese Schuld zu tilgen.
Literatur: Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 159-165
Gespeichert unter: Beziehung, Neurotische Konfliktverarbeitung, Psyche, Psychotherapie, Uncategorized | Schlagworte: Dissoziation, Funktionsstörung, Hysterischer Modus, Konversion, Mentzos, Neurotisch, Neurotische Konfliktverarbeitung, pseudoprogressiv, pseudoregressiv
Konfliktpotenzial in uns: verbotene Vorstellungen und Gefühle.
In uns gibt es verschiedene Konflikte, die wir unbewusst halten müssen, weil wir Angst davor haben, uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Wir wehren sie ab. Um uns selbst – und andere – davor zu schützen. Meist geht es bei diesen Konflikten um bestimmte Vorstellungen oder Gefühlen, die wir uns nicht zugestehen können oder wollen. Wir verdrängen sie.
„Konversion“: Auf den Körper verschieben, um sich nicht zu erinnern.
Eine Art, wie ein Konflikt verdrängt werden kann, ist, ihn in körperliche Symptome umzusetzen („Konversion“). Dies kann auf drei verschiedene Möglichkeiten passieren:
- Der Körper funktioniert nicht mehr richtig: Es kommt zu Lähmungen, Seh-, Hör-, Gleichgewichts-, Sprechstörungen usw. Auf den ersten Blick lassen die Merkmale auf eine körperliche Erkrankung schließen, medizinische Untersuchungen ergeben jedoch keine Bestätigung dafür. Der Körper imitiert sozusagen (unbewusst) eine Krankheit.
- Sich getrennt von sich selbst erleben: In diesem Fall funktioniert die Wahrnehmung nicht mehr einwandfrei. Die Betroffenen haben Gedächtnislücken und können sich an bestimmte Zeitabschnitte nicht mehr erinnern; sie befinden sich in einem Dämmerzustand, unterliegen Sinnestäuschungen etc.
- Hysterische Charakterzüge: Davon spricht man beispielsweise, wenn ein Mensch die Dinge etwas lebhafter und aufregender darstellt, als sie der Wirklichkeit entsprechen; wenn er keine genaue Unterscheidung zwischen Phantasie und Wirklichkeit tätigt, leicht beeinflussbar sowie übertrieben bestrebt ist, die Aufmerksamkeit anderer zu erregen und diesen zu gefallen.
Sich inszenieren: Für sich und andere.
Das Besondere an dieser Art der Konfliktverarbeitung ist, dass der Betroffene sowohl den äußeren Beobachtern als auch seinem eigenen inneren Beobachtern etwas vorspielt – mit dem Ziel, selbst schwächer oder stärker zu erscheinen, als dies der Wirklichkeit entspricht.
Das Remake der eigenen Geschichte: Gegeneinander, Miteinander, Allein.
Mit Hilfe dieses Modus’ werden Rivalitätskonflikte aus der Kindheit, unzureichend verarbeitete Trennungen oder Minderwertigkeitsgefühle abgewehrt.
Literatur: Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 153-159.