Gespeichert unter: Forschung, Gesundheit / Krankheit, Kindheit, Psyche, Uncategorized | Schlagworte: inkorporativ, Körper, leibliches Gedächtnis, prozedual, Psychologie heute, situativ, traumatisch, zwischenleiblich
„Das Leibgedächtnis ist der Träger unserer Lebensgeschichte, unserer persönlichen Identität“, schreibt der Psychiater Thomas Fuchs in seinem Artikel Das Gedächtnis unseres Körpers in der Zeitschrift Psychologie Heute im Juni 2006 und erklärt weiter, dass unter „Gedächtnis“ jene Fähigkeit zusammengefasst wird, die es uns ermöglicht, uns an bestimmte Erlebnisse in der Vergangenheit zu erinnern – bewusst, oder häufig eben auch „leiblich“.
Über die Entwicklung eines leiblichen Gedächtnisses: „Übung macht den Meister“
Aber was versteckt sich hinter einem “leiblichen Gedächtnis“? Darunter versteht man die Gewohnheiten, die sich durch Wiederholung und Übung gebildet haben – beispielsweise der aufrechte Gang, das Sprechen und Schreiben, Fahrradfahren, Schwimmen und vieles andere mehr. Im Laufe der Zeit verinnerlichen wir diese Fähigkeiten so stark, dass wir uns gar nicht mehr bewusst daran erinnern müssen, wie wir etwas tun – wir tun es einfach: Wir sprechen, schreiben, tippen, fahren mit dem Fahrrad oder dem Auto etc.
Die verschiedenen Formen des leiblichen Gedächtnisses
Das prozeduale Gedächtnis: Dieses Gedächtnis ist ständig im Hintergrund wirksam und entlastet unsere Aufmerksamkeit vor einer Überfülle an Details. Zum prozedualen Gedächtnis zählen alle automatischen Bewegungsabläufe: eingespielte Gewohnheiten, das Spielen eines Instruments, das Autofahren, am Computer zu schreiben etc.
Das situative Gedächtnis: Das Leibgedächtnis ist gleichzeitig ein Raumgedächtnis und orientiert sich an Situationen, in denen wir uns befinden: So finden wir uns „wie blind“ in unserer Wohnung oder unserer Umgebung zurecht. „Situationen“ sind jedoch mehr als räumliche Gebilde – sie sind ganzheitliche, unzerlegbare Einheiten leiblicher, sinnlicher und atmosphärischer Wahrnehmung. Durch unsere Erfahrungen entwickeln wir einen Blick für das Wesentliche oder Charakteristische einer Situation - man könnte sagen, einen „siebten Sinn“, ein Gespür oder eine Intuition für etwas.
Das zwischenleibliche Gedächtnis: Der Philosoph Maurice Merleau-Ponty bezeichnete die Sphäre des unwillkürlichen Kontakts zwischen zwei Menschen als „Zwischenleiblichkeit“ und meinte damit, dass die Körper von Menschen, die miteinander in Kontakt treten, interagieren und sich laufend abtasten. Zum zwischenleiblichen Gedächtnis zählt auch der erste Eindruck, den wir von einem Menschen erhalten – dieser setzt sich zusammen aus der äußeren Gestalt des Menschen, seiner Wesensart, aber auch seinem persönlichen Stil. Ein Mensch „stellt etwas dar“ und drückt seine Persönlichkeit auch über seinen Körper aus, in seinem Auftreten, seinen Gesten und Gebärden, in seiner Haltung, seinem Gang oder seiner Stimme.
Der Säuglingsforscher Daniel Stern spricht auch von implizitem Beziehungswissen, welches man bereits in der frühen Kindheit im Austausch mit seinen Eltern erlernt: Es handelt sich dabei um ein leibliches Wissen, wie man mit anderen umgeht – wie man mit ihnen Vergnügen hat, Freude ausdrückt, Aufmerksamkeit erregt, aber auch Ablehnung vermeidet.
Das inkorporative Gedächtnis: „Inkorporation“ besagt, dass wir Menschen im Austausch mit anderen auch fremde Haltungen und Rollen übernehmen, wobei dies häufig durch unwillkürliche leibliche Nachahmung oder Identifizierung geschieht. Auch Erziehung oder kulturelle Überformungen prägen sich in unser Körpergedächtnis ein; dies geschieht, indem uns ein bestimmtes Verhaltensmuster bzw. „Manieren“ und „Benehmen“ vermittelt werden.
Das traumatische Gedächtnis: Unser Körper erinnert sich auch an Schmerzerfahrungen und instinktiv spannen wir uns an, ziehen uns zurück oder weichen aus, wenn Schmerzen drohen. So schreiben sich einschränkende und schmerzhafte oder gar traumatische Erlebnisse in dem Leibgedächtnis ein und können sogar zu einem späteren psychosomatischen Leiden führen.
Unser Körper als autobiografisches Gedächtnis
„Das Leibgedächtnis ist der eigentliche Träger unserer Lebensgeschichte, unserer persönlichen Identität.“ so der Psychiater Thomas Fuchs,“Verleiblichte Gewohnheiten machen uns zu Personen mit einer gewissen Konstanz und Verlässlichkeit, sie sorgen dafür, dass wir bei allem äußeren Wechsel dieselben bleiben. Alles, was wir wahrnehmen oder tun, hinterlässt eine Spur in uns.“
Literatur:
Thomas Fuchs (2006): Das Gedächtnis unseres Körpers. Psychologie Heute, 33. Jahrgang, Heft 6, Julius BELTZ GmbH & Co.KG Weinheim: Juni 2006.
Gespeichert unter: Kindheit, Krisenbewältigung, Uncategorized | Schlagworte: Aufgaben, Eltern, Fähigkeit, Förderung, Kontaktfähigkeit, Neugier, Partnerschaftlichkeit, Regelmäßigkeit, Schuleintritt, Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, Unterstützung, Vorbereitung
Ob ein Mensch auch im späteren Leben noch gerne lernt und sich etwas zutraut, wird sehr früh entschieden – meist sogar bereits vor seinem Eintritt in die Schule. Eine große Verantwortung liegt in diesem Zusammenhang bei den Eltern bzw. den Bezugspersonen eines Kindes, denn ihr Umgang mit dem Kind (von Geburt an!) prägt dessen Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung und Neugier.
Der Schuleintritt ist sicherlich für jedes Kind eine aufregende Erfahrung: es muss die Sicherheit der Familie verlassen, sich in eine neue Gruppen einfügen, ist gefordert, Verantwortung zu übernehmen, muss Leistungen erbringen, für die es benotet wird etc. etc. Vergleichbare Herausforderungen zu meistern fällt auch den meisten Erwachsenen schwer – verständlicherweise ist das also erst recht keine leichte Aufgabe für ein Kind…
Die Psychologin Dr. Eva Wiedermann setzte sich damit auseinander, wie Kindern ein möglichst guter Start in deren Schullaufbahn ermöglicht werden kann; in einer Elterninformation der MAG Elf (Amt für Jugend und Familie der Stadt Wien) hält sie wertvolle Tipps zur Frage „Wie können Eltern die Schulfähigkeit ihres Kindes fördern?“ fest:
Regelmäßigkeit: Bereits vor dem Schuleintritt sollte das Kind lernen, sich an einen regelmäßigen Tagesablauf zu gewöhnen, damit es später weiß, dass es zu seinen Aufgaben zählt, rechtzeitig zur Schule zu kommen: In diesem Zusammenhang muss es auch lernen, gelegentliche Unlustgefühle oder Müdigkeit zu überwinden und trotzdem an seiner Alltagsroutine festzuhalten.
Das Selbstvertrauen des Kindes in seine Fähigkeiten stärken: Indem Eltern ihr Kind beim Malen, Basteln oder anderen Tätigkeiten ermuntern, lernt das Kind, ein eigenes Selbstbewusstsein zu entwickeln – dieses ist notwendig, um mit Freude zu lernen. Es ist wichtig, dass das Kind sich von seinen Eltern anerkannt und ernst genommen fühlt und kann in der Folge bereits die Verantwortung für kleinere Aufgaben übernehmen.
Partnerschaftliches Verhalten dem Kind gegenüber: Ein partnerschaftliches Verhalten der Eltern dem Kind gegenüber in Gesprächen, bei kleineren Entscheidungen usw. steigert das Selbstbewusstsein des Kindes und seine sozialen Fähigkeiten; zusätzlich wird es angeregt, nachzudenken und Verantwortung zu übernehmen.
Mit dem Kind die Welt entdecken: Eltern können die Wissbegier ihres Kindes unterstützen, wenn sie auf dessen Fragen kindgerecht antworten. Durch gemeinsame Unternehmungen bekommt das Kind die Möglichkeit, viele Beobachtungen zu machen und Fragen zu stellen. So lernt es auf der einen Seite neue Begriffe kennen und auf der anderen Seite, zu differenzieren, Sinnzusammenhänge zu erkennen und aktuelle Erfahrungen auf andere Situationen zu übertragen.
Dem Kind helfen, Kontakt zu anderen zu knüpfen: Im Spiel mit anderen Kindern lernt das Kind, sich einerseits zu behaupten und andererseits auch Rücksicht zu nehmen und zu teilen.
Entwicklungsentsprechende Förderung: Kinder müssen lernen, sich realistisch einzuschätzen um weder einer Über- noch Unterschätzung zu unterliegen. Das bedeutet aber, dass auch die Eltern die Möglichkeiten ihres Kindes realistisch einschätzen und ihre Erwartungen diesen Möglichkeiten anpassen.
Unterstützung bei der Entwicklung der Arbeitshaltung: Die Entwicklung von Konzentration, Ausdauer und Aufmerksamkeit ist zwar einerseits organisch bedingt (das Gehirn muss einen bestimmten Ausreifungsgrad erreichen), kann aber durch die Umwelt zusätzlich gefördert werden: durch die Bereitstellung des richtigen Spielmaterials und durch emotionale Zuwendung.
Einstellen auf die Schule: Es kann sinnvoll sein, rechtzeitig die Schule auszuwählen, die Ihr Kind später besuchen soll: Dadurch können Sie langsam mit dem Kind den zukünftigen Schulweg auszuprobieren, die Umgebung der Schule anschauen und Schulkinder beobachten. Wecken Sie die Neugier auf die Schule und die Lehrkräfte und vermeiden Sie es, Ihr Kind mit Bemerkungen wie über den ,,Ernst des Lebens, der in der Schule beginne“ unnötig zu ängstigen.
Ausführlichere Informationen zu den einzelnen Punkten finden Sie unter: Elterninformation der MAG Elf
Gespeichert unter: Grundkonflikte, Kindheit, Psyche | Schlagworte: Üben, Familie, Latenz, Meistern, Schulphobie, Sekundärgruppe, Selbstbestimmung, Selbstwert
Die Latenzphase, die zirka vom 6. bis zum 10. Lebensjahr dauert, ist eine Periode relativer Ruhe, in der es vor allem um das Üben und sich Aneignen von Fertigkeiten geht und darum, sich im Umgang mit Aufgaben, Belastungen und Krisen zu bewähren. Das Kind lernt, Misserfolge zu kompensieren und seine Selbstbestimmung und freie individuelle Entwicklung auszubauen. Es ist eine Phase, in der es für das Kind um das sich Aneignen von Fertigkeiten, um Selbstbeherrschung und um das Meistern von Situationen außerhalb der Familie geht. Dahinter birgt sich sicherlich auch die große Aufgabe der Latenzzeit für das Kind: die ausschließliche Beziehung zur Familie aufzugeben und sich in andere Gruppen zu integrieren. In diesem Sinne findet eine Weichenstellung für später statt. Gelingt es dem Kind nämlich nicht, diese Phase gut zu meistern, so kann es zu einer Selbstwertstörung kommen, die sich z.B. in Form von einer Schulphobie ausdrückt.
Literatur:
Ermann, Michael (2004): Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ein Manual auf psychoanalytischer Grundlage. 4. Auflage, W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart, S. 52f.
Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 127f.
Gespeichert unter: Beziehung, Grundkonflikte, Kindheit, Psyche, Uncategorized | Schlagworte: Ödipuskonflikt, Begehren, Dreierbeziehungen, Identifikation, negativer Ödipuskonflikt, positiver Ödipuskonflikt, Rivalität, Verdrängung
Ab dem 4. bis 5. Lebensjahr tritt das Kind in eine Entwicklungsphase ein, in der es die relative Sicherheit der Zweierbeziehung verlassen muss und das Wagnis der Dreierbeziehung mit ihren Chancen und/aber auch Risiken und Komplikationen auf sich nehmen muss: Es geht in dieser Phase darum, Konflikte, Rivalität, Spannung, Aggression sowie sonstige unvermeidliche Konsequenzen von Dreierbeziehungen zu ertragen.
Das Kind steht an der Schwelle zur psychischen Reife, verfeinert seine Fähigkeit zum Leben in sozialen Gruppen und festigt seine eigene Geschlechtsidentität. Um diese Phase gut meistern zu können, braucht das Kind ausreichend Selbstvertrauen und seine Angst vor Bestrafung darf ein für das Kind erträgliches Ausmaß nicht überschreiten. Damit all dies gewährleistet ist, bedarf es einer tragfähigen Beziehung zu den Eltern, die von Vertrauen und Konstanz geprägt ist.
Begehren und Angst vor Bestrafung: Rivalität mit den Bezugspersonen.
Das Kind erfährt in dieser Phase, dass es nicht im Mittelpunkt aller Beziehungen steht und gerät so selbst in Rivalität mit seinen Bezugspersonen. Gleichzeitig werden seine Beziehungen mit kindlich-sexuellen Bedürfnissen und Phantasien besetzt, wodurch Konflikte im Kind entstehen: zwischen hetero- und homoerotischen Strebungen, zwischen sexuellem Begehren und Angst vor Strafen, zwischen aggressiver Rivalität und sexueller Zärtlichkeit. Empfindet es einerseits libidinöse Impulse einem Elternteil gegenüber, weiß es andererseits bereits um das Inzesttabu und fürchtet sich daher vor Bestrafung aufgrund seines Begehrens (Kastrationsangst). Diese Angst vor Strafe wird in der Folge in eine Gewissensangst umgewandelt.
Lösung des Ödipuskomplexes durch Verdrängen und Identifikation.
Der Ödipuskonflikt entfaltet sich gegen Ende des 5. Lebensjahres und wird in einen positiven und einen negativen Ödipuskomplex unterteilt – abhängig davon, ob das Begehren des Kindes sich auf den gegengeschlechtlichen (positiver ÖK) oder den gleichgeschlechtlichen (negativ ÖK) Elternteil richtet. Gelöst wird der positive Ödipuskonflikt dadurch, indem das Kind sein Begehren des gegengeschlechtlichen Elternteils verdrängt und ein Bild des gleichgeschlechtlichen Elternteils verinnerlicht. D.h. das Mädchen akzeptiert, dass es den Vater nicht heiraten kann, indem es jedoch so werden will wie seine Mutter, kann es später einen Mann haben wie den Vater (uvv.). Der negative Ödipuskomplex findet seine Auflösung dadurch, indem das Kind den gleichgeschlechtlichen Elternteil zu idealisieren beginnt und sich mit diesem Ideal (als Teil des Überichs) identifiziert.
Literatur:
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Ermann, Michael (2004): Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ein Manual auf psychoanalytischer Grundlage. 4. Auflage, W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart, S. 51f.
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Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 126f.
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Phyllis Tyson und Robert L. Tyson (2001): Lehrbuch der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie. 2. Auflage, Stuttgart, Berlin, Köln: Kohlhammer GmbH, S. 68ff.
Gespeichert unter: Grundkonflikte, Kindheit, Psyche, Uncategorized | Schlagworte: Beziehung, präödipal, Triade, Triangluierung, Vatersehnsucht, Verlustangst
Ab dem dritten Lebensjahr kommt es zu einer Weiterentwicklung des Autonomie-Konflikts und das Kind kann erstmals verschiedene, alternative Zweierbeziehungen zur gleichen Zeit erleben. Dies wird als triadische Beziehungsstruktur bezeichnet.
Loyalitätskonflikt: Vatersehnsucht und die dadurch ausgelöste Angst, die Mutter zu verlieren.
In dieser Phase braucht das Kind die Anwesenheit, Zuwendung und das Interesse einer dritten Person neben der Mutter. In ihm entsteht eine präödipalen Vatersehnsucht, welche sich dadurch ausdrückt, dass das Kind sich von der Mutter ab- und dem Vater als alternativer Bezugsperson zuwendet. In diesem Spannungsfeld zwischen Abwendung und Festhalten entsteht im Kind ein Loyalitätskonflikt, der sich mit der Angst vor Liebesverlust verbindet und der Neigung, Bedürfnisse nach Selbstständigkeit mit Schuldgefühlen zu beantworten. Dieser Konflikt ist der Vorläufer des späteren ödipalen Konflikts.
Die Erkenntnis, dass auch die Eltern eine Beziehung zueinander haben.
Gelöst wird dieser Konflikt durch das Erleben, dass die Beziehung zwischen den Eltern durch die Hinwendung zu einem Elternteil nicht zerstört wird und dass der verlassene Elternteil durch die Liebe zwischen den Eltern geschützt wird. Das Kind lernt die Beziehung zwischen den Bezugspersonen anzuerkennen und entwickelt eine Vorstellung davon, dass eine Beziehung durch eine andere ersetzen werden kann. Es beginnt, trianguläre Beziehungsstrukturen zu leben.
Loyalitätskonflikte bis ins Erwachsenenalter.
Ein Scheitern dieser Phase kann dazu führen, dass ein Mensch auch im Erwachsenenleben immer wieder in Loyalitätskonflikte verwickelt wird, große Angst vor Liebesverlust hat und einen Hass gegenüber den gelebten Beziehungen entwickelt. Er sehnt sich nach alternativen Beziehungen, kann diese jedoch aus Loyalität nicht verwirklichen.
Literatur:
Ermann, Michael (2004): Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ein Manual auf psychoanalytischer Grundlage. 4. Auflage, W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart, S. 50f.
Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 126f.
Gespeichert unter: Grundkonflikte, Kindheit, Uncategorized | Schlagworte: Abhängigkeit, Ambivalenztoleranz, Autonomie, Ermann, falsches Selbst, Individuationsentwicklung, Mentzos
Unverwechselbar: Ich und Du
Im Alter von 6 bis 9 Monaten beginnt die Individuationsentwicklung: Der Säugling lernt, dass er ein von seiner Umgebung getrenntes, „gesondertes“, „besonderes“ Wesen ist. Er anerkennt die körperliche und psychische Getrenntheit von der Mutter und erlebt diese als Person außerhalb des eigenen Selbst. Die Mutter ist zu diesem Zeitpunkt für das Kind bereits unverwechselbar geworden – aber erst mit zirka 18 Monaten hat der Säugling eine Vorstellung von sich und der Mutter, welche auch dann erhalten bleiben, wenn die Mutter nicht tatsächlich anwesend ist. Das Kind kann sich an sie erinnern – und diese Erinnerungen trösten es, wenn die Mutter nicht anwesend ist. Damit es diese Fähigkeit entwickeln kann, spielt die Sprachentwicklung eine wichtige Rolle.
Ambivalenztoleranz: Gegensätzliche Gefühle aushalten lernen
Das Kind muss in dieser Zeit lernen, nebeneinander stehende, gegensätzliche Gefühle, Gedanken und Wünsche auszuhalten: Gut und Schlecht werden zunehmend miteinander verbunden und aus dem „Entweder-Oder“ wird ein „Sowohl-als-Auch“. Es verspürt sowohl Trennungswünsche als auch Trennungsängste und muss lernen, die Gleichzeitigkeit dieser Gefühle auszuhalten. Die Entwicklungsaufgabe dieser Phase ist die Überwindung dieser Trennungs- und Selbstbehauptungsambivalenz. Das Kleinkind kann dadurch ein stabiles Selbstgefühl entwickeln und die passiven Versorgungswünsche der frühen Entwicklung überwinden.
Die Fähigkeit, allein sein zu können
Der Wille zu Abgrenzung und Selbstbehauptung zeigt sich als „Trotz“ und darin, dass das Kind räumlichen Abstand von der Mutter sucht. Die Aufgabe der Familie ist es, Toleranz für die Ambivalenz der Verselbstständigungsprozesse des Kindes aufzubringen. Wenn diese Phase gut bewältigt wird, so entwickelt das Kind die Fähigkeit, allein sein zu können: d.h. wenn es verlassen wurde, kann es trotzdem sein Selbstgefühl sowie die Beziehung zu den Bezugspersonen aufrechterhalten.
Das „falsche Selbst“: Das Leben eines Anderen leben
Schafft das Kind den Schritt in die Autonomie nicht, so bleibt es im Abhängigkeitserleben fixiert: Es lernt, sich selbst zu verleugnen und sich an die Bedürfnisse des Anderen anzupassen. Das findet nicht heraus, was seine eigene Identität ist und entwickelt ein so genanntes „falsches Selbst“. Darunter versteht man das vorbewusste Gefühl, gar nicht das eigene Leben, sondern das eines Anderen zu leben. Anstatt einen eigenen Weg zu wagen, werden später Partner gewählt, die sie (wie die Mutter) für ihre Stabilität einsetzen können. Das Scheitern dieser Phase kann die Anlage zu Depression, narzisstische Störungen, schweren psychosomatischen Erkrankungen, Zwangsneurosen, Borderline-Zuständen oder Angstneurosen nach sich ziehen.
Literatur:
Ermann, Michael (2004): Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ein Manual auf psychoanalytischer Grundlage. 4. Auflage, W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart, S. 48f.
Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 124f.
Gespeichert unter: Beziehung, Grundkonflikte, Kindheit, Psyche | Schlagworte: Bemutterung, Ich und Du, Identifikation, Individuation, Mutter, Polarisierung, Säugling, Selbstwertgefühl, Symbiose, Urvertrauen, Verfolgungsangst, Verlassenheitsangst, Verschmelzung, Zuwendung
Wenig Kontur und Beständigkeit im Erleben: Es ist „alles eins“
Ganz zu Beginn glaubt das Kind, es sei „alles eins“ – es ist sozusagen verschmolzen mit seiner Mutter: Es ist seine Mutter und seine Mutter ist es. Sein Innenleben hat in dieser Phase noch wenig Kontur und zeichnet sich durch wenig Beständigkeit aus: Es geht dem Baby im Moment „nur gut“ oder „nur schlecht“. Es kann sich weder erinnern, wie es vorher war, noch wie es später sein wird. Es weiß noch nicht um das „Sowohl – als auch“ und kann in dieser Zeit nur schwer zwischen innen und außen unterscheiden.
Urvertrauen durch eine ausreichende Bemutterung
Das Kind hat noch keine Erinnerung an die Mutter oder Pflegeperson und ist darauf angewiesen, dass sie als Person da ist. Damit diese Phase gut gelingen kann, ist eine ausreichende Bemutterung für das Kind sehr wichtig, d.h. dass die Mutter richtig auf die Bedürfnisse des Kindes reagiert und ihm eine beständige positive Zuwendung zukommen lässt. Passiert dies nicht, entwickelt das Kind eine große Verlassenheitsangst. Fühlt es sich jedoch in dieser Phase sicher, so kann es ein Urvertrauen entwickeln, welches wiederum die Basis für das spätere Kontaktverhalten und das Selbstwertgefühl eines Menschen bildet.
Erkennen, dass es Ich und Du gibt
Ab dem 6. Lebensmonat lernt der Säugling, dass er ein von seiner Umgebung getrenntes, „gesondertes“, „besonderes“ Wesen ist. Parallel dazu erkennt er, dass es die Mutter oder eine Pflegeperson gibt, auf die er angewiesen ist, und welche eine von ihm getrennte Person mit eigener Existenz und eigenem Willen ist: Der Säugling sammelt die Erfahrung, dass die Mutter diejenige ist, die den Busen zur Verfügung stellt, wenn er Hunger hat. Aber auch, dass das nicht selbstverständlich ist und er daher lernen muss, die eigenen Bedürfnisse zu regulieren. Wird der Busen verwehrt, vergrößert dies die Angst des Babys, verlassen zu werden. Es reagiert mit Wut und versucht diese Gefühle zu bewältigen, indem es sie auf die Mutter überträgt: Statt die eigene Wut zu erleben, erlebt das Kind die Mutter als feindselig. Es wandelt die Verlassenheitsangst in eine Verfolgungsangst um.
Literatur:
Ermann, Michael (2004): Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ein Manual auf psychoanalytischer Grundlage. 4. Auflage, W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart, S. 45-48.
Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 123f.
Gespeichert unter: Beziehung, Kindheit, Neurotische Konfliktverarbeitung, Psyche | Schlagworte: Mentzos, Körpersprache, Psychosomatik, Grundkonflikte, Regression, Organmodus, chronisches Affektkorrelat, Dauerstress, Wechselwirkung, psychosomatischer Modus
Als psychosomatische Symptome werden körperliche Beschwerden (wie Schmerzen), Funktionsstörungen (wie Durchfälle) und Organschädigungen (wie Magengeschwüre) bezeichnet. Sie sind immer Ausdruck einer Anpassungsleistung des Ichs und verfolgen das Ziel, einen inneren Konflikt abzuwehren, indem dieser in eine körperliche Erscheinung umgewandelt wird. Das psychosomatische Symptom stellt somit eine Kompromiss- oder Ersatzlösung des Konflikts dar, welche jedoch meist nicht von Dauer ist. Im Versuch, den psychosomatischen Modus zu verstehen, wurden verschiedene Erklärungsmodelle gefunden:
Ausdruck von Dauerstress:
„Das chronische Affektkorrelat“
Beim chronischen Affektkorrelat werden bestimmte psychische Tendenzen und Bedürfnisse systematisch blockiert und enttäuscht bis sie auf der psychischen Ebene nicht mehr bewusst erlebt werden können. Sie bleiben jedoch in bestimmten Teilen des vegetativen Systems im Körper gespeichert. Es kommt also zu keiner Erregungsentladung, sodass der Mensch sich im Dauerstress befindet. Dadurch kann es langfristig zu Funktionsstörungen und Organschäden kommen: Eine dauerhafte Kampf- und Fluchtbereitschaft führt zu einer sympathischen Reizung und äußert sich z.B. in Form von Bluthochdruck, Migräne, Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose). Eine dauerhafte Rückzugseinstellung wiederum führt zu einer parasympathischen Reizung und bewirkt Beschwerden wie z.B. Ulcus (Geschwür), Durchfall oder Asthma.
Eine frühe, persönliche Körpersprache:
„Der Organmodus“
Von Organmodus spricht man deshalb, weil mit den einzelnen Organsystemen des Oralen, Analen, Genitalen usw. von klein auf übergreifende leibliche Gebärden des sich Öffnens, sich Verschließens, Zupackens, Empfangens, Berührens, Berührtwerdens usw. verbunden werden. Erklärt man ein psychosomatisches Symptom mittels Organmodus, so kommt es zu einer Zurückübersetzung des Psychischen in eine Körpersprache, welche sehr weit in die Entwicklungsgeschichte des Menschen zurückgeht und mit dessen persönlichen Biografie und individuellen Erfahrung zu tun hat. Erlebt beispielsweise ein Kind den Kontakt mit seiner Mutter als traumatisch, so kann es sein, dass der Hautkontakt mit einem Mann später zu Juckreiz, Nesselausschlag oder Neurodermitis führt. Die Organreaktion dient in diesem Fall nicht nur der Abfuhr, sondern ist gleichzeitig Ausdruck des Konflikts.
Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche:
„Das somatopsychisch-psychosomatische Modell“
Während manche Patienten auch nach jahrelanger Dauerirritation keine Organstörung entwickeln, tun andere dies wiederum sehr bald (z.B. Geschwür). Um dies zu erklären, geht man von einer körperlichen Veranlagung sowie kreisförmigen Wechselwirkungsprozessen zwischen Körper und Psyche aus: Ein ursprünglich biologischer Faktor beeinflusst die psychische Entwicklung dahingehend ungünstig, dass durch ihn eine psychosomatische, krankhafte „Lösung“ gewählt wird. Beispiel: Eine konstitutionell vorgegebene hohe Magensäuresekretion kann die psychische Entwicklung zu einer Vorliebe für bestimmte Nahrungsmittel mit beeinflussen und auf diesem Weg die vorhandene Veranlagung zu einem Geschwür noch verstärken.
Rückkehr zur Körpersprache:
„Die regressive Resomatisierung“
Direkte und indirekte Beobachtungen zeigten, dass emotionelle Zustände (Stimmungen, Gefühle, Affekte) sich aus ursprünglich rein körperlichen Befindlichkeiten entwickeln: Zu Beginn unterscheidet der Säugling nur zwischen Lust und Unlust, wobei beide Zustände sehr stark an Körperempfindungen gekoppelt sind. Im Laufe seiner Entwicklung, und im Austausch mit seiner Bezugsperson, entkoppelt das Kind seine Empfindungen zunehmend von seinem Körper und entwickelt davon entfernte, bewusste und differenzierte emotionale Zustände. Die ursprünglich körpernahen und noch nicht bewussten diffusen Zustände, die sich in Form von Lust und Unlust zeigten, werden immer differenzierter: Lust wird unterschieden in Zufriedenheit, Freude, Vertrauen, Glaube, Liebe, Hoffnung und Zärtlichkeit… Unlust wird zu Angst, Depression, Furcht, Scham, Schuld, Ekel, Trauer, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit… Bei Überforderung kann es auch noch im Erwachsenenalter zu einer „regressiven Resomatisierung“ kommen: Es erfolgt ein Rückgängigmachen des oben beschriebenen Entwicklungsprozesses und eine Rückkehr zur „Körpersprache“. Dieser Mechanismus kann vorübergehend auch bei psychisch gesunden Menschen als „psychosomatische Reaktion“ auftreten und ist nicht als Krankheit zu verstehen. Dieser Mechanismus bringt dem Betroffenen den Vorteil, dass die Belastung, der Konflikt und die damit zusammenhängenden unlustvollen emotionalen Zustände auf der psychischen Ebene nicht mehr „existieren“.
Welche Grundkonflikte werden bevorzugt mit Hilfe des psychosomatischen Modus verarbeitet?
Es gibt bisher wenige Kenntnisse über den psychosomatischen Modus; vor allem die Frage „Warum reagiert der eine mit psychischer Erkrankung, warum der andere nicht?“ gibt Rätsel auf. Man weiß bisher, dass Resomatisierungsvorgänge in allen möglichen Belastungs- und Konfliktsituationen auch bei psychisch relativ gesunden Menschen vorkommen können. Bei schweren psychosomatischen Erkrankungen wurde ein Zusammenhang mit folgenden Themen beobachtet:
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Ablösungsproblematik bzw. orale Abhängigkeit (Ulcus/Geschwür),
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Nähe-Distanz-Problematik (Asthma),
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Trennungsproblematik und Autonomie (Colitis/Entzündung des Dickdarms).
Literatur: Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, Kapitel XI, S. 242ff
Gespeichert unter: Beziehung, Kindheit, Neurotische Konfliktverarbeitung, Psyche | Schlagworte: Aggression, Aufmerksamkeit, Beziehung, Hypochondrie, Introjektion, Körpersprache, Konfliktvermeidung, Krisen / Konflikte, Mentzos, Projektion, Selbstbeobachtung, Selbstwert
Übermäßige Sorge um die eigene Gesundheit
Der hypochondrische Patient ist ständig und übermäßig um seine Gesundheit besorgt, beobachtet sich dauernd und neigt dazu, unbedeutende Beschwerden und Störungen zu lebensbedrohlichen Erkrankungen auszubauen, wobei er von der tödlichen Ernsthaftigkeit seiner Erkrankung überzeugt ist. Im extremen Fall kommt es zu wahnhaften Befürchtungen, die nicht durch Gegenargumente korrigiert werden können. Der Betroffene muss die anderen und vor allem sich selbst ständig von der Richtigkeit seiner Sehweise überzeugen.
Selbstbeobachtung als Ablenkungsmanöver vor zwischenmenschlichen Konflikten
Wie andere Konfliktverarbeitungsmodi ist auch die Hypochondrie eine Abwehrreaktion: Der Hypochonder benutzt die intensive und krankhafte Selbstbeobachtung dazu, um konfliktträchtige zwischenmenschliche Situationen zu vermeiden, womit er zugleich die möglichen dadurch entstehenden Angstgefühle verdrängen kann.
Hypochondrie als komplizierte Körpersprache
Bei der Hypochondrie geht es häufig um einen symbolischen Hinweis auf bestimmte Existenzprobleme, auf eine Selbstwert- oder Aggressionsproblematik: Dabei ist Hypochondrie oft eine komplizierte Körpersprache, die eine für den Sender ebenso wie für den Empfänger schwer zu enträtselnde Botschaft enthält.
Das Böse in sich entdecken und auf den Körper auslagern
Der „Feind“ – also das, was der Betroffene nicht sein will – wird im eigenen Körper entdeckt. Der Betroffene identifiziert sich nicht mit seinem Krankheitsbild, sondern überträgt darauf alles, was ihn ängstlich stimmt, was ihm schlimm, aggressiv oder gefährlich erscheint.
Krankheitsgewinn: Vorteile durch Hypochondrie
Mit der Hypochondrie gehen nicht nur Nachteile, sondern auch Vorteile einher: Durch die Krankheit darf der Betroffene Zuwendung einfordern und bekommen; gewisse aggressive Tendenzen können indirekt abführt werden; und die Unannehmlichkeiten direkter Auseinandersetzungen mit Bezugspersonen können vermieden werden.
Literatur: Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 190-195.