Gespeichert unter: Grundkonflikte, Kindheit, Psyche | Schlagworte: Üben, Familie, Latenz, Meistern, Schulphobie, Sekundärgruppe, Selbstbestimmung, Selbstwert
Die Latenzphase, die zirka vom 6. bis zum 10. Lebensjahr dauert, ist eine Periode relativer Ruhe, in der es vor allem um das Üben und sich Aneignen von Fertigkeiten geht und darum, sich im Umgang mit Aufgaben, Belastungen und Krisen zu bewähren. Das Kind lernt, Misserfolge zu kompensieren und seine Selbstbestimmung und freie individuelle Entwicklung auszubauen. Es ist eine Phase, in der es für das Kind um das sich Aneignen von Fertigkeiten, um Selbstbeherrschung und um das Meistern von Situationen außerhalb der Familie geht. Dahinter birgt sich sicherlich auch die große Aufgabe der Latenzzeit für das Kind: die ausschließliche Beziehung zur Familie aufzugeben und sich in andere Gruppen zu integrieren. In diesem Sinne findet eine Weichenstellung für später statt. Gelingt es dem Kind nämlich nicht, diese Phase gut zu meistern, so kann es zu einer Selbstwertstörung kommen, die sich z.B. in Form von einer Schulphobie ausdrückt.
Literatur:
Ermann, Michael (2004): Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ein Manual auf psychoanalytischer Grundlage. 4. Auflage, W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart, S. 52f.
Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 127f.
Gespeichert unter: Beziehung, Grundkonflikte, Kindheit, Psyche, Uncategorized | Schlagworte: Ödipuskonflikt, Begehren, Dreierbeziehungen, Identifikation, negativer Ödipuskonflikt, positiver Ödipuskonflikt, Rivalität, Verdrängung
Ab dem 4. bis 5. Lebensjahr tritt das Kind in eine Entwicklungsphase ein, in der es die relative Sicherheit der Zweierbeziehung verlassen muss und das Wagnis der Dreierbeziehung mit ihren Chancen und/aber auch Risiken und Komplikationen auf sich nehmen muss: Es geht in dieser Phase darum, Konflikte, Rivalität, Spannung, Aggression sowie sonstige unvermeidliche Konsequenzen von Dreierbeziehungen zu ertragen.
Das Kind steht an der Schwelle zur psychischen Reife, verfeinert seine Fähigkeit zum Leben in sozialen Gruppen und festigt seine eigene Geschlechtsidentität. Um diese Phase gut meistern zu können, braucht das Kind ausreichend Selbstvertrauen und seine Angst vor Bestrafung darf ein für das Kind erträgliches Ausmaß nicht überschreiten. Damit all dies gewährleistet ist, bedarf es einer tragfähigen Beziehung zu den Eltern, die von Vertrauen und Konstanz geprägt ist.
Begehren und Angst vor Bestrafung: Rivalität mit den Bezugspersonen.
Das Kind erfährt in dieser Phase, dass es nicht im Mittelpunkt aller Beziehungen steht und gerät so selbst in Rivalität mit seinen Bezugspersonen. Gleichzeitig werden seine Beziehungen mit kindlich-sexuellen Bedürfnissen und Phantasien besetzt, wodurch Konflikte im Kind entstehen: zwischen hetero- und homoerotischen Strebungen, zwischen sexuellem Begehren und Angst vor Strafen, zwischen aggressiver Rivalität und sexueller Zärtlichkeit. Empfindet es einerseits libidinöse Impulse einem Elternteil gegenüber, weiß es andererseits bereits um das Inzesttabu und fürchtet sich daher vor Bestrafung aufgrund seines Begehrens (Kastrationsangst). Diese Angst vor Strafe wird in der Folge in eine Gewissensangst umgewandelt.
Lösung des Ödipuskomplexes durch Verdrängen und Identifikation.
Der Ödipuskonflikt entfaltet sich gegen Ende des 5. Lebensjahres und wird in einen positiven und einen negativen Ödipuskomplex unterteilt – abhängig davon, ob das Begehren des Kindes sich auf den gegengeschlechtlichen (positiver ÖK) oder den gleichgeschlechtlichen (negativ ÖK) Elternteil richtet. Gelöst wird der positive Ödipuskonflikt dadurch, indem das Kind sein Begehren des gegengeschlechtlichen Elternteils verdrängt und ein Bild des gleichgeschlechtlichen Elternteils verinnerlicht. D.h. das Mädchen akzeptiert, dass es den Vater nicht heiraten kann, indem es jedoch so werden will wie seine Mutter, kann es später einen Mann haben wie den Vater (uvv.). Der negative Ödipuskomplex findet seine Auflösung dadurch, indem das Kind den gleichgeschlechtlichen Elternteil zu idealisieren beginnt und sich mit diesem Ideal (als Teil des Überichs) identifiziert.
Literatur:
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Ermann, Michael (2004): Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ein Manual auf psychoanalytischer Grundlage. 4. Auflage, W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart, S. 51f.
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Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 126f.
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Phyllis Tyson und Robert L. Tyson (2001): Lehrbuch der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie. 2. Auflage, Stuttgart, Berlin, Köln: Kohlhammer GmbH, S. 68ff.
Gespeichert unter: Grundkonflikte, Kindheit, Psyche, Uncategorized | Schlagworte: Beziehung, präödipal, Triade, Triangluierung, Vatersehnsucht, Verlustangst
Ab dem dritten Lebensjahr kommt es zu einer Weiterentwicklung des Autonomie-Konflikts und das Kind kann erstmals verschiedene, alternative Zweierbeziehungen zur gleichen Zeit erleben. Dies wird als triadische Beziehungsstruktur bezeichnet.
Loyalitätskonflikt: Vatersehnsucht und die dadurch ausgelöste Angst, die Mutter zu verlieren.
In dieser Phase braucht das Kind die Anwesenheit, Zuwendung und das Interesse einer dritten Person neben der Mutter. In ihm entsteht eine präödipalen Vatersehnsucht, welche sich dadurch ausdrückt, dass das Kind sich von der Mutter ab- und dem Vater als alternativer Bezugsperson zuwendet. In diesem Spannungsfeld zwischen Abwendung und Festhalten entsteht im Kind ein Loyalitätskonflikt, der sich mit der Angst vor Liebesverlust verbindet und der Neigung, Bedürfnisse nach Selbstständigkeit mit Schuldgefühlen zu beantworten. Dieser Konflikt ist der Vorläufer des späteren ödipalen Konflikts.
Die Erkenntnis, dass auch die Eltern eine Beziehung zueinander haben.
Gelöst wird dieser Konflikt durch das Erleben, dass die Beziehung zwischen den Eltern durch die Hinwendung zu einem Elternteil nicht zerstört wird und dass der verlassene Elternteil durch die Liebe zwischen den Eltern geschützt wird. Das Kind lernt die Beziehung zwischen den Bezugspersonen anzuerkennen und entwickelt eine Vorstellung davon, dass eine Beziehung durch eine andere ersetzen werden kann. Es beginnt, trianguläre Beziehungsstrukturen zu leben.
Loyalitätskonflikte bis ins Erwachsenenalter.
Ein Scheitern dieser Phase kann dazu führen, dass ein Mensch auch im Erwachsenenleben immer wieder in Loyalitätskonflikte verwickelt wird, große Angst vor Liebesverlust hat und einen Hass gegenüber den gelebten Beziehungen entwickelt. Er sehnt sich nach alternativen Beziehungen, kann diese jedoch aus Loyalität nicht verwirklichen.
Literatur:
Ermann, Michael (2004): Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ein Manual auf psychoanalytischer Grundlage. 4. Auflage, W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart, S. 50f.
Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 126f.
Gespeichert unter: Grundkonflikte, Kindheit, Uncategorized | Schlagworte: Abhängigkeit, Ambivalenztoleranz, Autonomie, Ermann, falsches Selbst, Individuationsentwicklung, Mentzos
Unverwechselbar: Ich und Du
Im Alter von 6 bis 9 Monaten beginnt die Individuationsentwicklung: Der Säugling lernt, dass er ein von seiner Umgebung getrenntes, „gesondertes“, „besonderes“ Wesen ist. Er anerkennt die körperliche und psychische Getrenntheit von der Mutter und erlebt diese als Person außerhalb des eigenen Selbst. Die Mutter ist zu diesem Zeitpunkt für das Kind bereits unverwechselbar geworden – aber erst mit zirka 18 Monaten hat der Säugling eine Vorstellung von sich und der Mutter, welche auch dann erhalten bleiben, wenn die Mutter nicht tatsächlich anwesend ist. Das Kind kann sich an sie erinnern – und diese Erinnerungen trösten es, wenn die Mutter nicht anwesend ist. Damit es diese Fähigkeit entwickeln kann, spielt die Sprachentwicklung eine wichtige Rolle.
Ambivalenztoleranz: Gegensätzliche Gefühle aushalten lernen
Das Kind muss in dieser Zeit lernen, nebeneinander stehende, gegensätzliche Gefühle, Gedanken und Wünsche auszuhalten: Gut und Schlecht werden zunehmend miteinander verbunden und aus dem „Entweder-Oder“ wird ein „Sowohl-als-Auch“. Es verspürt sowohl Trennungswünsche als auch Trennungsängste und muss lernen, die Gleichzeitigkeit dieser Gefühle auszuhalten. Die Entwicklungsaufgabe dieser Phase ist die Überwindung dieser Trennungs- und Selbstbehauptungsambivalenz. Das Kleinkind kann dadurch ein stabiles Selbstgefühl entwickeln und die passiven Versorgungswünsche der frühen Entwicklung überwinden.
Die Fähigkeit, allein sein zu können
Der Wille zu Abgrenzung und Selbstbehauptung zeigt sich als „Trotz“ und darin, dass das Kind räumlichen Abstand von der Mutter sucht. Die Aufgabe der Familie ist es, Toleranz für die Ambivalenz der Verselbstständigungsprozesse des Kindes aufzubringen. Wenn diese Phase gut bewältigt wird, so entwickelt das Kind die Fähigkeit, allein sein zu können: d.h. wenn es verlassen wurde, kann es trotzdem sein Selbstgefühl sowie die Beziehung zu den Bezugspersonen aufrechterhalten.
Das „falsche Selbst“: Das Leben eines Anderen leben
Schafft das Kind den Schritt in die Autonomie nicht, so bleibt es im Abhängigkeitserleben fixiert: Es lernt, sich selbst zu verleugnen und sich an die Bedürfnisse des Anderen anzupassen. Das findet nicht heraus, was seine eigene Identität ist und entwickelt ein so genanntes „falsches Selbst“. Darunter versteht man das vorbewusste Gefühl, gar nicht das eigene Leben, sondern das eines Anderen zu leben. Anstatt einen eigenen Weg zu wagen, werden später Partner gewählt, die sie (wie die Mutter) für ihre Stabilität einsetzen können. Das Scheitern dieser Phase kann die Anlage zu Depression, narzisstische Störungen, schweren psychosomatischen Erkrankungen, Zwangsneurosen, Borderline-Zuständen oder Angstneurosen nach sich ziehen.
Literatur:
Ermann, Michael (2004): Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ein Manual auf psychoanalytischer Grundlage. 4. Auflage, W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart, S. 48f.
Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 124f.
Gespeichert unter: Beziehung, Grundkonflikte, Kindheit, Psyche | Schlagworte: Bemutterung, Ich und Du, Identifikation, Individuation, Mutter, Polarisierung, Säugling, Selbstwertgefühl, Symbiose, Urvertrauen, Verfolgungsangst, Verlassenheitsangst, Verschmelzung, Zuwendung
Wenig Kontur und Beständigkeit im Erleben: Es ist „alles eins“
Ganz zu Beginn glaubt das Kind, es sei „alles eins“ – es ist sozusagen verschmolzen mit seiner Mutter: Es ist seine Mutter und seine Mutter ist es. Sein Innenleben hat in dieser Phase noch wenig Kontur und zeichnet sich durch wenig Beständigkeit aus: Es geht dem Baby im Moment „nur gut“ oder „nur schlecht“. Es kann sich weder erinnern, wie es vorher war, noch wie es später sein wird. Es weiß noch nicht um das „Sowohl – als auch“ und kann in dieser Zeit nur schwer zwischen innen und außen unterscheiden.
Urvertrauen durch eine ausreichende Bemutterung
Das Kind hat noch keine Erinnerung an die Mutter oder Pflegeperson und ist darauf angewiesen, dass sie als Person da ist. Damit diese Phase gut gelingen kann, ist eine ausreichende Bemutterung für das Kind sehr wichtig, d.h. dass die Mutter richtig auf die Bedürfnisse des Kindes reagiert und ihm eine beständige positive Zuwendung zukommen lässt. Passiert dies nicht, entwickelt das Kind eine große Verlassenheitsangst. Fühlt es sich jedoch in dieser Phase sicher, so kann es ein Urvertrauen entwickeln, welches wiederum die Basis für das spätere Kontaktverhalten und das Selbstwertgefühl eines Menschen bildet.
Erkennen, dass es Ich und Du gibt
Ab dem 6. Lebensmonat lernt der Säugling, dass er ein von seiner Umgebung getrenntes, „gesondertes“, „besonderes“ Wesen ist. Parallel dazu erkennt er, dass es die Mutter oder eine Pflegeperson gibt, auf die er angewiesen ist, und welche eine von ihm getrennte Person mit eigener Existenz und eigenem Willen ist: Der Säugling sammelt die Erfahrung, dass die Mutter diejenige ist, die den Busen zur Verfügung stellt, wenn er Hunger hat. Aber auch, dass das nicht selbstverständlich ist und er daher lernen muss, die eigenen Bedürfnisse zu regulieren. Wird der Busen verwehrt, vergrößert dies die Angst des Babys, verlassen zu werden. Es reagiert mit Wut und versucht diese Gefühle zu bewältigen, indem es sie auf die Mutter überträgt: Statt die eigene Wut zu erleben, erlebt das Kind die Mutter als feindselig. Es wandelt die Verlassenheitsangst in eine Verfolgungsangst um.
Literatur:
Ermann, Michael (2004): Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ein Manual auf psychoanalytischer Grundlage. 4. Auflage, W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart, S. 45-48.
Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 123f.