Hermine Mandl Weblog


Gehört: Werner Fritschi über Sinn und den existenziellen Wert einer Krankheit

So kündigt Focus den Vortrag „Ich bin jetzt wie ein Acker…“ von Werner Fritschi an:

Mit 50 wollte der erfolgreiche und viel beschäftigte Sozialberater und Publizist Werner Fritschi sein Büro „Beratungsdienst Jugend und Gesellschaft“ in Luzern zusperren, aus dem Berufsstress aussteigen und sein Leben neu gestalten. Dazu kam es – doch ganz anders als erwartet, ganz anders als vorgestellt. Kurz vor seinem 50. Geburtstag erlitt Werner Fritschi einen Hirnschlag und musste erfahren, dass unsere Wünsche uns narren, dass die Zeit uns betrügt und der Tod unserer Sorgen spottet. Wie ein kleines Kind musste der 50jährige Mann anfangen, elementare Tätigkeiten wie Gehen, Sprechen, Essen wieder zu lernen.

In dieser preisgekrönten Sendung mit dem Titel „Ich bin jetzt wie ein Acker …“aus dem Jahr 1988 erzählt Werner Fritschi beeindruckend und berührend, wie der Hirnschlag sein Leben veränderte, welche Erfahrungen ihm durch die Krankheit zuteil wurden und welchen Sinn er für sich im Leid entdeckte. Wener Fritschi ist heute 65, er lebt und arbeitet in Luzern.

Hier meine Notizen zu diesem Vortrag:

„Was ist denn das Leben für mich noch wert?

Werner Fritschi erzählt von seinen Erfahrungen mit der Krankheit und davon, wie die Umstände waren, als er den Hirnschlag erlitt… Er weint.

Franz Josef Köb: „Was ist der Grund dieser Trauer, die Sie überkommt beim Erzählen und die auch ich spüre beim Zuhören?“

Werner Fritschi: „Es ist, wie wenn man in tiefere Schichten eintaucht und Eisschichten auftaut und etwas abträgt in sich, das mit dem ganzen Leben – mit allen Gefühlen zu tun hat. Mit allem, was man erlebt oder gelernt hat und neu ordnen muss. Ich bin erschrocken in den ersten Wochen, als ich Gesichter nicht mehr erkannt habe, Dinge nicht mehr gewusst habe. Mich nicht erinnern konnte, dass jemand mich besucht hat. So, als ob ich entdeckte: Was ist, wenn du nicht mehr funktionierst? Und wenn du nicht mehr reden kannst? Ich, für den die Sprache das Werkzeug war, wenn ich nicht mehr reden kann, nicht mehr denken kann… Wenn ich nicht einmal mehr als Straßenwischer brauchbar bin? Was ist denn das Leben für mich noch wert?“

„Es ist gar nichts mehr selbstverständlich, dass es funktioniert…“

Fritschi beschreibt auf berührende Weise, wie er wieder lernen musste zu essen, zu gehen etc. – wie er das Leben wieder zu bewältigen lernte. Er schafft es sogar, eine Chance in dieser Erfahrung zu sehen; erkennt, welches Glück er hatte, dass er nicht den Rest seines Lebens im Rollstuhl verbringen muss, dass er noch „alle Tassen im Schrank“ hat; sieht das Glück, dass fast alle Wörter noch bzw. wieder da sind.

Fritschi: „Es ist gar nichts mehr selbstverständlich, dass es funktioniert: Man wird dankbar für jede Geste und dankbar für all das Schöne… Ich dachte, ich bin jetzt wie ein Acker: Jetzt wird gepflügt und geeggt und gesät und ich kann nichts machen. Ich kann nur daliegen wie ein Acker, muss warten, bis es reift und wächst und eine Geburt möglich wird.“

„Warum ich?

Werner Fritschi setzte sich intensiv mit der Frage auseinander: Warum ich? Warum gerade ich? Er machte sich Gedanken über die Ursachen des Hirnschlages und notierte diese in seinem Tagebuch, wobei er für eine Seite etwa zwei Stunden brauchte. Fritschi: „Man schreibt nur mehr, was einem ganz wirklich wichtig ist. Mein Tagebuch ist eine wahre Kostbarkeit.“

Im Zuge dieser Auseinandersetzung mit dem Warum fand er zehn Sinndeutungen, was der Hirnschlag für ihn für einen Sinn gehabt haben könnte:

1. Symbol: Ich wurde aus dem Verkehr gezogen.

„Ich wollte es eigentlich so. Ich gab unbewusst den Termin: 50-jährig. Da wollte ich mein Leben umstellen, mich beruflich neu orientieren, zur Besinnung kommen. … Da wurde ein neuer Gang eingeschaltet, wie ich es sonst freiwillig nicht getan hätte. Zeit zu haben für mich, zum Nachdenken. Eine begnadete Zeit. Ohne Schmerzen, aber alles sehr schwerfällig… Ein Sabbatjahr wurde mir geschenkt. Ich empfand es wie eine Initiation zur zweiten Lebenshälfte. Dieses Jahr im Rollstuhl… hatte ich Zeit für eine Neuorientierung des Lebens. Welch ein Geschenk.“

2. Symbol: Ich bekam einen Kurzschluss im Hirn.

„Irgendwo war ich überlastet. Es hatte zu viel Strom. Zwei und mehr Ströme sind aneinander geprallt. Die Sicherung ist durchgebrannt. Irgendwo ist etwas zerrissen. … Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Und ich musste mir sagen: Du musst nicht soviel denken. Einseitig – rechts – heißt einseitig bewusst. Der Hirnschlag wollte mir sagen: Es gibt noch etwas Anderes als nur den Kopf, den Verstand, die Ratio. Etwas Anderes musste ich lernen. Eine neue Realität kennenlernen. Was Rückzug heißt oder Zuwendung zur Natur oder Intuition oder Instinkt oder Ahnungen. Das wurde mir bewusst, als nur noch das Eine blieb: Weinen. Ich hab viel geweint und Trauerarbeit geleistet. Der Hirnschlag hat mir irgendwie unbewusst gesagt: Du bist aus der Bahn gefallen, aus der Elipse deiner Umlaufbahn. Du hast die kosmische Mitte verloren. Dein Gleichgewicht ist gestört. Jetzt nimm dir Zeit, dich neu einzupendeln, deine Mitte zu finden.“

3. Symbol: Ich bekam die Rechnung für 25 Jahre Stress.

„Der Zeitdruck, permanente Überlastung, zuwenig Schlaf, Übermüdung, Tagungen, Tempo, Hetze… Das alles hat sich katastrophal auf die Blutgefäße ausgewirkt. Ich habe ein paar Monate vorher noch die Versicherung angepasst und da habe ich gelacht, als der Mann mir sagte: ‘Sie sind schlecht gedeckt bei Invalidität und Tod.’ Da habe ich gesagt: ‘Ich und einen Herzinfarkt! Das gibt es doch nicht! Ich lebe gesund. Ich habe die Mitte zwischen Spannung und Entspannung.’ Aber an eine andere Krankheit wie Hirnschlag habe ich nie gedacht. Meine Bewegungsarmut, zu wenig Sport, falsche Ernährung … 10 kg Übergewicht, an gewissen Tagen zu viele Pfeifen geraucht… Nun hat der kranke Organismus sich selber Ruhe und Geborgenheit verschrieben.“

4. Symbol: Blut und sein Verhältnis zu den Gefäßen.

„Aus einem Tropfen Blut kann ein guter Pendler alles sagen. Blut ist individueller Träger des Lebens. Es verrät alles über den Menschen. Blut ist Symbol für die Haltung dem Leben gegenüber. Wenn ich zu niedrigen Blutdruck habe – mir wird schlecht, mir wird schlecht vor Augen … – ich bin nicht fähig, mich den Konflikten des Lebens zu stellen … Bei mir ist das Gegenteil gewesen: Meine leidenschaftliche Natur, mein Überdruck: Ich wollte immer mit dem Kopf durch die Wand. Meine Empörung über die gesellschaftlichen Zustände, meine Engagiertheit vielen Themen gegenüber. … … Ich war nicht flüssig genug. Es konnte nicht fließen in mir. Ich blieb zu wenig durchlässig. Die Empörung und die Glut in mir machten mich stockend und das ist symbolisch ausgedrückt worden im verdickten Blut und im Blutgerinnsel.“

5. Symbol: Die Liebe zu einer Frau.

„Berthold Brecht formulierte: Schwäche: Du hattest keine. Ich hatte eine: Ich liebte. Der Druck, der das Blut staute und/oder verdickte, die emotionale Stauung in mir, der verhinderte Tau, die Frustration, das war die Liebe zu einer jungen Frau. Den Berg, den ich in vier Jahren nicht habe bewältigen können. Diese Frau hat an meiner Substanz gezehrt. Keine Frau hat mir bis jetzt so viel Kraft gekostet. Das nicht reden können, das Vertrösten auf später, die Aussichtslosigkeit dieser Beziehung, das gefühlsmäßige Verlangen und die ungestillte Sehnsucht – sprich: Eros oder Liebe, Libido, Sexualität – und letztlich das Gefühl, unverstanden zu sein und zu leiden. Das war ein hoher Preis für eine wunderschöne Liebe und für eine außergewöhnliche Liebesgeschichte.

Ich möchte hier etwas einschieben: Mich hat der Rahmen einer festen Liebesbeziehung zu meiner Ehefrau gehalten, meine Lebensgefährtin hat mich durchgetragen und zu meiner Gesundung viel beigetragen. Gerade in einer solchen festen Liebe ist die existenziellen Erfahrung von einer anderen Beziehung erst möglich.“

6. Symbol: Ich muss alles langsamer machen, um Wachstum zu begreifen und neu zu lernen.

“ Jetzt muss ich auf mich hören lernen: auf meine Gefühle, auf meinen Körper. Das kann ich jetzt lernen, wo statt im 5. Gang im 1. oder wenigstens jetzt im 2. gefahren wird. Das Körperbewusstsein neu entwickeln und die organische Erfahrung, wie alles verwoben ist miteinander. Und wenn einem nichts mehr selbstverständlich ist, wie ein Gleichgewicht funktioniert oder die Koordination spielt und wie der Haushalt der Flüssigkeit geregelt wird und ein Muskelspiel und der Bewegungssinn und das Raumempfinden und die Sprache. Wie das alles vom Hirn aus gesteuert wird und das führt zum Gedanken: Wie lernt der Mensch? Wie wachsen wir feinmotorisch? Ich habe Staunen gelernt, was Kinder in den ersten fünf Lebensjahren spielend lernen und ich musste eigentlich im Schnellzugstempo das alles wieder durchmachen.“

7. Symbol: Begegnung mit dem Leiden und mit dem Tod.

„Er sitzt mir noch in den Knochen. Ich habe in den Abgrund geschaut. Der Würgeengel ging vorbei. Es ist ein unheimliches Erlebnis, zu wissen: wäre das Gerinnsel einen Bruchteil von einem Millimeter dicker gewesen oder hätte es einige Sekunden länger das Zentrum verstopft, dann wäre ich abgetaucht. Hätte ich den Kopf auf den Tisch gelegt – und ich hatte es mir schon überlegt damals – ich hätte gesagt: ‘Ciao miteinander, es war schön. Das Leben war gut.’ Ich wäre mitten unter den Leuten gestorben, still davongegangen – nein: davongeschlichen. Ich habe mich versöhnt mit dem Tod. Ich hätte einen milden Tod gehabt und ich werde einmal ganz gut sterben.“

8. Symbol: Die kosmische Konstellation.

„Das mag jetzt ein wenig unverständlich sein… Die Zeit war reif. In meinem astrologischen Diagramm stehen Neptun, Jupiter und der Mondknoten in der unteren Hälfte, also im Unbewussten. Und jetzt als 50-Jähriger ist mein Lebensabschnitt aktualisiert durch den Saturn. Der Lebensplan wirkt sich dann als Schicksal aus, solange es unbewusst bleibt. Ich muss mein Schicksal und Karma ins Bewusstsein holen, um mich von seinen Zwängen zu befreien.“

9. Symbol: Zu mir selber kommen, ich selbst zu sein.

„Die elementare Erfahrung bleibt mir hoffentlich immer im Gedächtnis: Die Hilflosigkeit erleben. Hilfe lernen, anzunehmen. Kranke Körper, Behinderte verstehen, mit Sterbenden fühlen. Ich bin in dem Sinn vom hohen Steg etwas heruntergekommen. Horchen auf den eigenen Körper. Auf die Stille hören. Grenzen akzeptieren. Und die Schonzeit in der Sexualität, unsicher sein, fragend, suchend, allein sein. Mir ist nie langweilig gewesen in den langen Nächten im Spital. Wunderbare Begegnungen habe ich erlebt und Freundschaften konnten neu wachsen.“

10. Symbol: Der Hintergrund, die Konfrontation mit dem Absoluten, Einfließenlassen des Unendlichen, wesentlich werden, die Gnade Gottes erfahren und damit das Thema der Liebe.

„Die Lehre von diesem Hirnschlag heißt für mich: Ich will in den Schwingungen der Schöpfung leben lernen, ein geistiges Atom werden, ein brennender Dornbusch.“

Krankheit und ihr existenzieller Wert

Fritschi ist überzeugt, dass Krankheit immer einen Sinn und existenziellen Wert hat und nur wer ‘in diesem drin war’, der weiß es. „Vorher kann man gescheit etwas sagen darüber, aber es ist letztlich nicht mitteilbar“, so Fritschi.

So erzählt er an dieser Stelle von Erfahrungen und Beobachtungen im Krankenhaus, wie andere Menschen mit ihrer Krankheit umgegangen sind.

Sein Fazit: „Jeder macht diesen Weg allein durch und da zeigt sich irgendwo, bis an welchen Punkt wir reif geworden sind.“

Quelle:

Werner Fritschi: Ich bin jetzt wie ein Acker. Focus Sendung vom 11.6.2001, Radio Vorarlberg.
Gibt’s hier zum Nachhören. [Anm. HM: Sehr empfehlenswert!]



Gehört: Viktor Frankl: Auf der Suche nach dem Sinn.
Oktober 16, 2008, 8:48
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Die Sendung „Focus“ des Radios Vorarlberg ist eine wahre Fundgrube an inspirierenden Vorträgen. Hier eine kurze Zusammenfassung einer Focus-Sendung mit Auszügen aus dem Vortrag „Bewältigung der Vergänglichkeit“ (1984) von Viktor Frankl. Focus gestaltete diesen Beitrag aus Anlass des 10. Todestages des österreichischen Psychiaters: Univ.-Prof. Dr. Viktor E. Frankl starb am 2. September 1997 im Alter von 92 Jahren.

Die großen Fragen unseres Daseins

Laut Frankl ist der Mensch ein Wesen, das unentwegt nach Sinn strebt und nach Sinn sucht. Der Mensch ist demnach ein „sinnorientiert“ und „wird er fündig, wird er glücklich“, so der Psychiater. Wer einen Sinn gefunden hat, wird glücklich und leidensfähig, denn er wird „frustrationstolerant“: er kann Opfer bringen – sei es für andere Menschen oder für Gottes Willen – und er kann Verzicht leisten um einer Sache Willen.

Die einzige Möglichkeit, das Leben zu ertragen, ist immer, eine Aufgabe zu erfüllen und zu haben.

„Wenn der Mensch keinen Sinn sieht, keine Vision einer frei gewählten Aufgabe vor sich hat, wird er unglücklich und ‚lebensunfähig’“, so Frankl und bekräftigt dies mit einem Zitat von Albert Einstein: „Der Mensch, der keinen Sinn für sein Leben gefunden hat, ist nicht nur unglücklich, sondern auch lebensunfähig.“

Die Arbeitslosigkeitsneurose: Krank aufgrund eines sinnlosen Daseins.

Vor inzwischen über 60 Jahren prägte Frankl den Begriff „Arbeitslosigkeitsneurose“ und weist darauf hin, dass dieses Phänomen nach wie vor Gültigkeit hat: Der Arbeitslose, der in eine Depression fällt und suizidgefährdet wird, leidet nicht primär an der Arbeitslosigkeit, sondern an einer doppelten Identifizierung: „Arbeitslos sein heißt nutzlos sein und nutzlos sein heißt sinnlos leben.“ Nach den Erfahrungen Frankls ist eben dieser Umstand dafür auslösend, dass jemand deprimiert und selbstmordgefährdet wird.

Frankl erzählt von seinen eigenen Erfahrungen, als er Jugendlichen dabei half, freiwillige – sinnvolle – Funktionen zu übernehmen (z.B. unentgeltliche Mitarbeit in einer Bibliothek) und wie deren Depressionen dadurch verschwanden.

Der Psychiater merkte an dieser Stelle das Problem unserer Freizeitgesellschaft kritisch an, wonach gerade in der Freizeit die innere Leere und das Sinnlosigkeitsgefühl aufbrechen. Auch das Arbeitslosenproblem sei mit Arbeitszeitverkürzungen nicht in den Griff zu bekommen, wie auch die Pensionierungskrise eine Sinnkrise sei: „Die Leute wissen nicht, was sie mit ihrer Freizeit anfangen sollen. Die Frühpensionierung ist nicht nur sozialpolitisch lösbar – man muss auch die psychischen Probleme berücksichtigen.“

Kompensatorische Mechanismen im Menschen: Schwächen und Defekte ausgleichen

Frankl erzählt von einer Klettererfahrung, die er gemeinsam mit einem Bergführer machte: Letzterer hatte ihn darauf hingewiesen, dass man merke, dass Frankls Kräfte aufgrund seines Alters bereits nachlassen, jedoch könne man von ihm das Klettern lernen. Enthusiastisch beschrieb Frankl seine Freude über dieses Lob eines so erfahrenen Bergführers und will damit verdeutlichen, dass das Nachlassen der Kräfte und Zunehmen von Schwächen und Defekten kein Grund dafür sei, zu verzweifeln, denn es gäbe kompensatorische Mechanismen – so genannte Copingmechanismen: Die Kraft lässt nach, aber die Technik wird besser.

Das Problem des Aufhörens ist eines des Anfangens

Irgendwann stellt sich jeder Mensch die Frage: Soll ich aufhören? Aber geht es nach Frankl, dann gibt es unzählige Leute, die eher darunter leiden, dass sie gar nicht angefangen haben – sie haben ihr Leben noch nicht gelebt. Was folgt, ist oft die so genannte „Midlife-Crisis“, die dann eintritt, wenn man mit dem bisherigen Lebenskonzept an eine Grenze kommt und sich entscheiden muss, wie man weitermachen will.

Verzweiflung aufgrund der Vergötzung eines bestimmten Wertes

Viktor Frankl zitiert an dieser Stelle eine amerikanische Studie, in welcher 100 ehemalige Harvard-Studenten untersucht wurden: Es waren lauter Personen, die in Harvard dissertiert hatten und 20 Jahre später berühmte Rechtsanwälte, Ärzte, Psychiater, Chirurgen etc. geworden waren. Dennoch waren viele unter ihnen verzweifelt. Warum? Frankl sieht das Problem in der Verabsolutierung eines Wertes und fügt ein weiteres Beispiel zur Illustration an: Eine Frau, die den Wert hat, sie müsse heiraten und Kinder bekommen und diesen Wert als einzig gültigen annimmt, programmiert sich selbst für die Verzweiflung. Es sei notwendig, diesen Vergötzungsprozess rückgängig zu machen und den Sinn im Augenblick zu finden.

Der Sinn im Augenblick

Die Sinnmöglichkeiten seien in jeder Minute andere: „Hier und jetzt offeriert mir das Leben einen Sinn!“ so Viktor Frankl. Sei es, dass man aktiv gestalte oder rezeptiv wahrnimmt, dass die Wesenheit eines Menschen aufnimmt, dass man liebt…

Wichtig sind die Sinnmöglichkeiten! Aber ich muss offen bleiben, um zu bemerken, was sich tut: Was bietet mir das Leben an? „Wichtig ist, flexibel und elastisch zu bleiben und dankbar dafür, was das Leben bietet“, so der Psychiater und zitiert seinen Freund Paul Boller: „Du kannst dem Leben keine Bedingungen stellen.“

Das Leiden am sinnlosen Leben: Wie kann man Sinn finden, Sinn entdecken?

Wie ein Bildhauer sein Werk aus dem Stein herausschlägt, so gilt es auch den Sinn aus dem eigenen Leben herauszuschlagen. Aber wie es beim Schachspiel keinen besten Zug gibt, so gibt es auch keinen „besten“ Weg auf der Sinnsuche. Es hängt von vielen Faktoren – wie etwa die Umstände, dem Umfeld, der eigenen Person – ab: Aber je umfassender der Lebenssinn ist, umso weniger fasslich ist er. Er entzieht sich dem rationalen Zugriff unseres beschränkten Verstandes.

Frankl illustriert dies am Beispiel eines Kinofilms: Dieser besteht aus vielen Einzelbildern und Einzelszenen, die für sich genommen bereits einen Sinn haben, den man erfassen kann; aber den Endsinn, den Sinn des Ganzen und Großen, kann man erst verstehen, wenn man den ganzen Film anschaut. So ist es auch im Leben: Den Sinn des eigenen Lebens erfassen wir, wenn wir auf dem Sterbebett liegen. „Wir könnten ihn jedoch niemals verwirklicht haben, wenn wir nicht jede einzelne Lebenssituation nach bestem Wissen und Unwissen erfüllt hätten“, so Viktor Frankl und betont weiters, dass Sinn weder gegeben noch verordnet werden kann – jeder muss ihn für sich finden.

Aber der Sinn muss nicht großartig sein: Frankl bringt das Beispiel eines Müllmannes, der das deutsche Bundesverdienstkreuz erhielt, weil er aus Sperrmüll Spielzeug heraussuchte, dieses in den Abendstunden wieder instand setzte und in der Folge an Bedürftige verteilte. Es gelang diesem Mann damit, seiner Tätigkeit einen zusätzlichen Sinn abzuringen.

Bedroht Krankheit den Sinn des Lebens?

Durch Taten, Erleben und Lieben kann man Sinn aus dem Leben ziehen. Selbst in unausweichlichem Schicksal ist es noch immer möglich, einen Sinn aus dem Leben ziehen zu können und dadurch eine persönliche Tragödie in einen Triumph zu verwandeln. Aber niemand kann Heroismus von jemandem anderen verlangen – das könne man nur von sich selbst. Jedoch können die Helfer auf Vorbilder verweisen. „Die ‚Sinnlehre’ kann nicht gelehrt werden“, so Frankl und erklärt, dass es jedoch Lehrer gibt, die sie uns lernen – es seien die Patienten – die eine Sinnleere durchlebt und durchlitten haben. Es sind jene Menschen, die nach Unfällen querschnittsgelähmt waren, jene, die an Krebs erkrankten etc. Oder auch Jerry Long, einen jungen Amerikaner, mit dem Frankl im Briefkontakt stand: Mit 17 Jahren hatte sich Jerry Long bei einem Tauchversuch das Genick gebrochen und war fortan vom Kopf abwärts gelähmt. Er konnte noch mittels Zucken seiner linker Achsel ein Telekommunikationssystem in Aktion setzen oder Tippen, indem er ein Stäbchen zwischen seinen Zähnen hielt. Jerry studierte Psychologie und vertrat die Ansicht, dass ihm das Leiden dazu dient, aus ihm einen besseren psychologischen Berater zu machen.

Aber Frankl verweist auch darauf, dass man die Ursachen des Leidens beseitigen muss, wenn man es kann, betont jedoch, dass eine Sinnerfüllung auch dann möglich ist, wenn wir mit einem Leidenszustand konfrontiert werden, wo ein Leiden nicht behoben werden kann. Man solle nach Möglichkeit aktiv eingreifen, aber sonst auch trotz des Leidens im Leben Sinnmöglichkeit sehen und fühlen. Das Leben ist auch sinnvoll in äußersten und extremen Leidenszuständen und bis zum Tod.

Die Fähigkeit, einen Sinn zu erfassen und Sinnmöglichkeiten wahrzunehmen ist kurz vor dem Tod und in chronischen Leidenszuständen höher als beim durchschnittlichen Menschen. Die „Alertness“ bzw. Sensibilität nimmt im Alter, im Leiden, vor Tod zu. Und so ist das Ende des Lebens immer eine Zeit unvergleichlicher Möglichkeiten persönlicher und zwischenmenschlichen Wachsens für den Betroffenen und die Familie. Man könne innerlich wachsen.

Wir haben die Wahl: Eine mögliche Zukunft oder eine gelebte Wirklichkeit?

Der eine Mensch reißt täglich ein Blatt vom Wandkalender herunter und schaut, wie das Leben verrinnt und der Kalender immer dünner wird. Aber der andere Mensch nimmt das Blatt und macht sich täglich Notizen, was er getan hat an diesem Tag, was er durchlitten hat etc.

Wer alt ist, aber sein Leben gelebt hat, hat nichts zu bedauern und muss die Jugend nicht um deren mögliche Zukunft beneiden.

Quelle:

Nachzuhören gibts die Focus-Sendung „Viktor Frankl: Auf der Suche nach dem Sinn“ des Radio Vorarlberg vom 1.9.2007 hier.



Abwehrmechanismen: Um sich nicht zu erinnern…

Abwehr: Schutz und Bewältigungsmechanismus unserer Psyche.

Jeder – und zwar: jeder – Mensch besitzt eine „Abwehr“. Sie dient dazu, unlustvolle Gefühle, Affekte, Wahrnehmungen etc. vom Bewusstsein fernzuhalten bzw. diese in Schach zu halten. Es handelt sich dabei um eine Art Gewohnheit, die unbewusst abläuft und uns schützt bzw. uns bei der Bewältigung bestimmter Aufgaben unterstützt. Also ist die Abwehr eine gute Sache. Aber nicht immer.

Krankhafte Abwehr: Vermeidung der Bewusstwerdung um jeden Preis.

Die Abwehr wird dann zum Problem, wenn sie für einen Menschen zur Einschränkung – und damit schädlich – wird. Hier ein Beispiel: Unlustvolle Erregungszustände oder Anspannungen (sog. Affekte) und Gefühle wie Angst, seelischer Schmerz, Schuldgefühle usw. entstehen in uns aufgrund von unverarbeiteten seelischen Konflikten, welche unbewusst gemacht oder gehalten werden sollen. Durch diesen Vorgang kommt es jedoch zu keiner echten Lösung eines Konflikts – es bleibt bei einer Pseudolösung. Das wiederum führt dazu, dass immer intensivere und kompliziertere „Abwehrmaßnahmen“ benötigt werden, um den entsprechenden Konflikt unbewusst zu halten.

Merkmale einer krankhaften Abwehr: Ich-Einschränkung und Überbeanspruchung eines bestimmten Abwehrmechanismus

Eine Abwehr gilt dann als pathologisch, wenn es zu einer Einschränkung der Ich-Funktionen kommt, wobei man unter Ich-Funktionen die Fähigkeit wahrzunehmen, zu unterscheiden, sich zu erinnern, zu denken, sowie die Triebe zu steuern versteht. Zusätzlich ist die freie Selbstentfaltung und –verwirklichung eingeschränkt und es besteht keine Wahlmöglichkeit mehr. So kommt es zu einer Zwangsläufigkeit des Auftretens sowie einer Unfähigkeit, sich an wechselnde Bedingungen anzupassen. Es kommt zu einem unbewussten Abspulen des gleichen Mechanismus und zu einem erheblichen Widerstand gegen die Bewusstmachung des Konflikts.

In Stichworten notiert: Die vier Ebenen von Abwehr nach Mentzos

1. Ebene (unreif):

a) psychotische, wahnbildende Projektion, z.B. Verfolgungswahn:
- eigene, unerwünschte Impulse werden einer anderen Person „zugeschoben“
- das Böse wird nach außen verlegt
- Subjekt-Objekt-Trennung

b) psychotische Verleugnung, z.B. Größenwahn, Liebeswahn…
- Kleinkind schützt bedrohtes Selbstwertgefühl durch Verleugnung

c) Spaltungsvorgänge:
- vermeiden, dass inkompatible Inhalte zusammentreffen; diese bleiben prinzipiell bewusst oder vorbewusst; Verleugnung nach Bedarf. Borderline.

d) Introjektion:
- In-sich-Hineinnehmen, Internalisierung des Objekt;
- wichtig bei Selbstentstehung
- (später) regressiv eingesetzt, um schmerzliche Trennung vom Objekt und/oder Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt zu vermeiden bzw. rückgängig zu machen

2. Ebene (auch unreif, aber nicht mehr so grob und unrealistische Lösungen):

a) nichtpsychotische Projektion:
- häufig
- eigene Gefühle, Impulse, Tendenzen werden unbewusst einem anderen zugeschrieben (z.B. die Juden, die Ausländer…)

b) Identifikation als Abwehr:
- Identifikation mit dem Angreifer
- bei hysterischer (Konversions-)Symptombildung: Trennung oder seelischen Schmerz abwehren durch Übernahme der Symptome (z.B. Husten) des kürzlich verstorbenen Elternteils.

3. Ebene (psychoneurotische Abwehrmechanismen)

a) Intellektualisierung:
- Emotionales in formaler, affektloser Art zu behandeln
- sich v.a. mit kognitiven Aspekten des Lebens beschäftigen und Emotion vermeiden

b) Affektualisierung:
- Überemotionalität
- kognitive Einsicht beeinträchtigen
- Gegenemotionen einsetzen um gefürchtete Emotion abzudrängen

c) Rationalisierung:
- sekundäre Rechtfertigung von Verhaltensweisen durch Scheinmotive

d) Affektisolierung:
- Abtrennung des vorstellungsmäßigen Inhalts, der bewusst bleibt, von dem dazugehörigen Affekt, der verdrängt wird

e) Ungeschehenmachen:
- unerlaubter Impuls wird kurzfristig bewusst und dann durch einen entgegen gesetzten Gedanken oder eine magische Handlung ungeschehen gemacht

f) Reaktionsbildung:
- vgl. Ungeschehenmachen, jedoch dauerhaft und habituelle Abwehr. Daher kommt es zu einer Änderung des Ichs. Es entsteht ein Charakterzug. (z.B. Zwang)

g) Verschiebung:
- Loslösung emotioneller Reaktionen von ihren ursprünglichen Inhalten und die Verknüpfung mit anderen, weniger wichtigen Situationen oder Gegenständen (z.B. Phobie)

h) Verlagerung:
- unerwünschte, unerlaubte Impulse (meist Aggression) wird auf ein anderes als das eigentliche Objekt gerichtet (z.B. Arbeitskollege -> Frau)

i) Wendung gegen das Selbst:
- Variation der Verlagerung: Autoaggression

j) Verdrängung im engeren Sinne
- Amnesie (Erinnerungslücke)
- Skotomisierung („Übersehen“ bestimmter Inhalte)

4. Ebene:

Sublimierung
- Umsetzen verdrängter Triebimpulse in sozial gewertete Tätigkeiten, auf die das Triebziel verschoben wird.

Psycho-sozialen Abwehrmechanismen: außen statt innen.

Es handelt sich dabei nicht ausschließlich um intrapsychische Prozesse. Das Prinzip dahinter ist, unbewusst eine zwischenmenschliche Konstellation herzustellen, welche die intrapsychische Veränderung bestätigt, rechtfertigt und real erscheinen lässt. Dies kann durch die Partnerwahl, durch eine Rollenzuweisung bzw. durch Manipulation, Verführung oder Beeinflussung des Partners in eine bestimmte Richtung erfolgen.

Literatur:

Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 60-65.



Studie: mit vier Regeln zu einem längeren Leben

Für die Studie „Combined Impact of Health Behaviours and Mortality in Men and Women: The EPIC-Norfolk Prospective Population Study“ verfolgten britische Forscher um die Medizinerin Kay-Tee Khaw von der Universität Cambridge seit 1993 das Schicksal von mehr als 20.000 Probanden im Alter zwischen 45 und 79 Jahren und stellten dabei fest, dass vier einfache (sowie seit langem bekannte und empfohlene) Verhaltensregeln das Leben um durchschnittlich 14 Jahre verlängern können:

  • nicht rauchen,
  • etwas Sport betreiben*,
  • nur mäßig Alkohol trinken**,
  • täglich fünf Portionen Obst und Gemüse essen***.

Die Studie „Combined Impact of Health Behaviours and Mortality in Men and Women: The EPIC-Norfolk Prospective Population Study“ ist im Fachjournal „PLoS Medicine“ erschienen (DOI: 10.1371/journal.pmed.0050012) und laut Autor/innen Teil der größten Untersuchung zu Ernährung und Gesundheit, die jemals unternommen worden sei. Die Untersuchung EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition) erstreckt sich insgesamt über zehn europäische Länder.

Quelle:

Studie: Mit vier Regeln 14 Jahre länger leben„, ORF ON Science vom 8.1.2008.

*    zB. Bürojob, aber in der Freizeit Sport
**   maximal zwei Gläser Wein oder ein halber Liter Bier pro Tag
*** als Portion gilt ein Stück Obst bzw. die Menge, die in eine Hand passt.



Lachen ist gesund

Ein Kind der 70er: die Gelotologie.

Seit den 70er Jahren beschäftigt sich ein Forschungsgebiet mit dem Zusammenhang zwischen Heiterkeit und Gesundheit, die Gelotologie (von griechisch: „gelos“ = Gelächter). Inzwischen befassen sich weltweit über 200 Psychologen, Immunologen, Neurologen und Stressforscher mit den positiven Auswirkungen des Lachens auf Körper, Geist und Seele.

Ein Vorreiter dieser Richtung war jedoch bereits der Stanford-Professor William F. Fry, der 1964 ein Institut zur Humorforschung gründete, um die Erfahrungen des Wissenschaftsjournalisten Norman Cousins zu beforschen: Dieser litt an einer schmerzhaften Wirbelsäulenerkrankung und unterzog sich systematisch einer Lachkur, indem er sich über Monate Filme mit berühmten Komikern vorführen und witzige Bücher vorlesen ließ. In seinem Buch „Der Arzt in uns selbst“ beschreibt Cousins, wie nach zehn Minuten Lachen seine Schmerzen nachließen.

Lachen – was bringts?

Durch Lachen wird also sogar das Schmerzempfinden deutlich reduziert. Aber es bewirkt noch zahlreiche weitere positive Effekte in uns: Durch Lachen wird das körpereigene Immunsystem aktiviert, der Stoffwechsel angeregt, die Durchblutung von Herz und Lunge verbessert, die Stresshormone Adrenalin und Kortisol werden abgebaut, der Blutdruck sowie der Blutzuckerspiegel gesenkt, die Muskulatur entspannt und die Durchblutung intensiviert. Und schließlich fördert Lachen die Konzentration, befreit von Ängsten und macht gute Laune!

Wie funktioniert Lachen?

Das Zwerchfell hüpft, der Puls rast, zirka 300 Muskeln sind aktiv, die Pupillen vergrößern sich, die Fingerkuppen werden feucht und die Beinmuskulatur erschlafft. Wir atmen mit gut 100 km/h aus und ganz tief wieder ein. Lachen erfordert demnach von unserem Körper im wahrsten Sinne des Wortes eine kurzfristige Höchstleistung.

Warum vergeht uns mit dem Erwachsenwerden das Lachen?

Statistisch gesehen lacht jeder Erwachsene durchschnittlich 15 mal pro Tag, während Kinder sogar bis zu 400 mal lachen. Erstaunlich, nicht? Erklärt wird dies dadurch, dass Kindern ein slapstickartiger Humor zugeschrieben wird: Ein Baby lacht noch, weil man eine Grimasse schneidet, Erwachsene finden daran jedoch nichts Witziges. Im Laufe des Lebens verändert sich also, worüber Menschen lachen: Mit dem Heranwachsen empfindet man immer weniger das Gesehene oder Gesagte selbst komisch, sondern lacht vielmehr über die dadurch ausgelösten Vorstellungen. Je stärker dabei der persönliche Bezug zum Inhalt des Witzes ist, desto lustiger erscheint der Gag.

Eine Möglichkeit, Ihren heutigen TLD (Tages-Lach-Durchschnitt) vielleicht ein wenig zu heben:

Was zum Lachen“ heißt es unter anderem auf der Seite der Europäischen Lach-Gesellschaft - zu finden gibt es dort schriftliche Äusserungen von Versicherungsnehmern aus der Sammlung einer Versicherungsgesellschaft.

Quellen:



Soziale Netze: Tau oder doch nur seidener Faden?

Netzwerke schrumpfen in Krisenzeiten

Forschungen haben gezeigt, dass die sozialen Netze rissig werden und sogar auseinander reißen, wenn ein Mensch erkrankt. Aber warum? Psychologen suchen nach Erklärungen für dieses Phänomen und vermuten, dass ein Grund dafür sein könnte, dass Personen eines Netzwerkes sich grundsätzlich ähneln. Daher könnte die Erkrankung eines Mitgliedes eine große Bedrohung für den Rest darstellen. – Dies führt dazu, dass die Lebensphilosophie der Gruppe durch die Krankheit infrage gestellt wird; das „unähnlich“ gewordene Mitglied wird also kurzerhand aus dem Netzwerk ausgeschlossen. Andere Erklärungsmodelle für dieses Phänomen sprechen von Berührungsängsten oder sich nicht zuständig fühlen. Beobachtet wurde auch der Rückzug aus Angst vor Ansteckung im Falle mancher Krankheiten.

Größe und Verlässlichkeit eines sozialen Netzwerks beeinflussen den Gesundheitszustand

Die Münchner Soziologin Martina Eller untersuchte die sozialen Beziehungen von rund 1000 Diabetikern und stellte fest: Die Sozialkontakte verringern sich, wenn jemand krank wird und je kleiner das soziale Netz wird, desto schlechter ist der Gesundheitszustand eines Diabetikers. Eller fand weiters heraus, dass man zwar aufgrund des Alters und des Geschlechts keine Vorhersage auf den Gesundheitszustand machen kann, sehr wohl jedoch aufgrund der Größe und Verlässlichkeit des sozialen Netzwerks: Wer ein großes soziales Netz hat, ist vier bzw. acht Jahre später in einem besseren Gesundheitszustand als jene Personen, die von Beginn an ein kleines soziales Netzwerk hatten.

Zahlreiche Studien untermauern die Erkenntnis, dass soziale Isolation das Gesundheitsrisiko steigert: Personen, die sich sozial unterstützt fühlen, leben gesünder, zufriedener und länger; im Gegensatz dazu sind einsame Menschen einem höheren Krankheits- und Sterberisiko ausgesetzt, so die Quintessenz der bisherigen Forschungen.

Die unauffällige Unterstützung als bessere Hilfe

Die Psychologin Beate Dietzen von der Universität Zürich gilt als Expertin für biopsychologische Netzwerkforschung. Sie betont, dass hilfsbedürftige Menschen sich nicht abhängig fühlen möchten und es für sie lediglich wichtig ist, dass jeman da ist und dass ihnen Hilfe nicht aufgedrängt wird. – Ein Zuviel an Unterstützung kann sogar in einer Lose-Lose-Situation münden: Der Helfer fühlt sich überfordert und der Hilfsbedürftige schuldig.

Der Glaube an ein soziales Netz setzt positive Kräfte frei

Entscheidend ist laut Psychologen nicht, wie viel einem Menschen tatsächlich geholfen wird, sondern die Überzeugung, im Notfall auf sein Netzwerk bauen zu können. Die Hilfsbereitschaft des Netzes wird jedoch von zwei Gruppen häufig überschätzt: von Menschen mit einem hohen Selbstbewusstsein sowie von Personen, die bisher noch keine Notsituation erleiden mussten.

Hinterfragen erwünscht: Sinngewinn durch Skepsis

Der Psychologe Neil Krause führte mehreren Längsschnittstudien durch und fand dabei heraus, dass ein kritisches Nachfragen von Netzwerkmitgliedern bzw. ein Widersprechen zumindest älteren Menschen dabei hilft, einen tiferen Sinn in ihrem Leben zu erkennen. Damit ein Netzwerk also tatsächlich praktische Lebenshilfe leisten kann, sollte es sich nicht nur aus Ja-Sagern zusammensetzen: Zwar ist gutes Zureden wichtig, ein skeptisches Nachfragen erwies sich jedoch als noch wichtiger.

Soziale Netze schützen vor Stress

Menschen, die sozial unterstützt werden, produzieren einerseits weniger Kortisol im Körper, als Menschen die nicht unterstützt werden, und schütten andererseits vermehrt das Hormon Oxytocin aus. Letzteres führt zu einem hohen Einfühlungsvermögen und einer niedrigen Aggressivität und wird zum Beispiel während einer Schwangerschaft verstärkt produziert. Psychologen fanden heraus: Wer viel Oxytocin im Körper hat und zugleich sozial unterstützt wird, reagiert besonders gelassen auf Stress.

Bei Aidskranken zeigte sich jedoch auch ein negativer Zusammenhang zwischen dem Grad der Unterstützung und dem Gesundheitszustand. Eine mögliche Erklärung dafür: Es kostet viel Kraft, ein Netzwerk zu unterhalten und zu pflegen – Kraft, die Aidskranke nicht haben. Daher kann die Beziehungspflege mitunter auch zur Last werden.

Männer unterstützen instrumentell, Frauen emotional

Forschungen zeigten auch, dass Männer von sozialen Netzwerken stärker profitieren als Frauen. Warum? Männer unterstützen, indem sie Ratschläge geben oder Informationen einholen, Frauen hören zu und bringen ihre Wertschätzung zum Ausdruck. Die Annahme lautet, dass Männer zwar unterstützen wollen, ihre Äußerungen von Frauen jedoch eher als Forderung oder Ermahung wahrgenommen werden. Die Ratschläge der Männer bewirken in der Folge eher, dass Frauen sich unter Druck gesetzt fühlen. Anders bei Frauen: Die Forschungen der Psychologen Larua M. Glynn und Nicholas Christenfeld der University of California ergaben, dass nur die weibliche Unterstützung die Stressreaktionen von Studienteilnehmern verringern konnte. Es ist demnach jeder gut beraten, Frauen in seinem Netzwerk zu haben!

Die Kardinalfrage: Unterstützen, aber wie?

Am meisten scheinen Menschen von einer kritisch-wohlwollenden Begleitung zu profitieren, es kann jedoch kein Rezept gegeben werden, welche Art von Unterstützung positiv wirkt und welche nicht. Alles hängt letztendlich davon ab, was der Hilfsbedürftige wünscht und will.

Oft muss der Helfer gar nichts tun – es reicht, da zu sein: Soziale Unterstützer sind dann besonders erfolgreich, wenn sie fast nichts tun, nur ab und zu unsere Hand berühren und unser Handeln nicht bewerten. Dementsprechend gehören auch Haustiere in unser soziales Netzwerk und können durchaus heilsam wirken.

 

Quelle:

Westerhoff, Nikolas: Geborgenheit oder Einengung: Wie wichtig sind soziale Netze?, Psychologie Heute, Juni 2008, S. 21-25



Boglarka Hadinger: Wie man eine charakterstarke Persönlichkeit wird

Das Focus-Magazin des ORF Voralberg brachte am 20. Jänner 2007 einen interessanten Vortrag von Dr. Boglarka Hadinger, in welchem die Diplompsychologin und Psychotherapeutin darüber sprach, wie man eine charakterstarke Persönlichkeit wird. Meiner Meinung nach ist dieser Vortrag durchaus „anhörenswert“…

Unten findet ihr meine Notizen, die ich während des Zuhörens gemacht habe – ich finde, es sind durchaus einige inspirierende Fragen für jeden dabei… 

Dr. Boglarka Hadinger: Wie man eine charakterstarke Persönlichkeit wird

Unter „Charakter“ versteht man eine „starke Eigenart“, welche ein Mensch hat. Diese ist ihm angeboren – es bedeutet eine eigene Prägung bzw. ein eigenes Gesicht zu haben. Diese Menschen haben eigene Ziele, eine eigene Sprache, sie können Konflikte unüblich lösen, sind oft nicht konform mit der Meinung anderer – und zwar nicht um zu protestieren, sondern weil sie eine andere Idee, eine andere Lösung, einen anderen Wert verkörpern. Es ist interessant, mit charakterstarken Menschen über das Leben zu sprechen – sie wirken ansteckend. In ihrer Gegenwart fragt man sich: Wie ist mein eigenes Gesicht, mein eigener Ausdruck, meine eigene Sprache?

„Jeder hat die Fähigkeit in sich, eine Eigenart zu haben“, so Dr. Hadinger und fügt an: „Aber sind Sie so mutig, Ihr Eigenes zu leben?“ Viktor Frankl sagte einmal: „Charakter hat man. Eine Persönlichkeit wird man im Laufe des Lebens.“

Charakterblockaden: Blockaden, die uns daran hindern, unsere Eigenart zu leben

  1. Eine Blockade ist, Angst zu haben, dem anderen – so wie man ist – nicht zu entsprechen: So, wie man denkt, so wie man etwas tun möchte, nicht vom anderen gemocht, nicht akzeptiert zu werden. Es können jedoch auch traumatische Erfahrungen sein oder eine Angst, die in der Umgebung geschürt wird, welche ansteckend auf uns wirkt. Wir leben in einer angstmachenden Zeit. Aber unter Angst können wir das ganz Eigene nicht zum Ausdruck bringen. Wir wagen es nicht. Wenn ich mich zeige wie ich bin, werde ich nicht geliebt. So wie ich bin, bin ich nicht in Ordnung. Diese Angst wird durch Erziehung, Kirche, Schule etc. geprägt.
  2. Zeitgeisttendenzen oder Zeitgeistwerte. Wir wollen Werten entsprechen, die „in“ sind. Als Beispiel kann der Erziehungsstil genannt werden, der sich von Generation zu Generation veränderte. Man verlässt dann die eigenen Werte bzw. lässt sie verformen.
  3. Verwöhnung und Überfluss: Die besten Zeiten des Lebens sind oft die, wenn man sich etwas einfallen lassen muss, wenn man für etwas kämpfen muss. Dieses Müssen - Widerstände überwinden zu müssen, um leben zu können und überleben zu ermöglichen – prägt den Charakter. Verwöhnung und Überfluss machen langfristig träge.

Es ist einfacher, mit dem Strom zu springen, konform zu sein. Es braucht Mut, die eigene Meinung zu vertreten.

Was können wir tun, damit ein Mensch sich zu einem charakterstarken Menschen wird?

  • Eine Möglichkeit: Darum zu wissen. Wenn Sie wissen, dass Sie alle Charakteranlagen in sich tragen, dann ist das bereits wichtig. Man sieht die unterschiedlichen Charakteranlagen bereits bei kleinen Kindern.
    Aber manche Charakteranlagen entwickeln sich erst im Laufe des Lebens – mit 20, 30 oder auch später. Wenn wir merken: Ja, das bin ich auch. Jetzt bin ich ich. Sie können sich von Zeit zu Zeit fragen: Welche Menschen, welche Ideen, welche Ziele, welche Problemlösungen, welche Werte, welche Wege faszinieren mich? Beeindrucken mich? Nur Dinge, die uns ähnlich sind, faszinieren uns, beeindrucken uns.
  • Dr. Hadinger schlägt vor, mit sich selbst zu experimentieren, indem wir Aufgaben übernehmen, die anders sind, in fremde Länder reisen, andere Rituale mitmachen etc…. Dort, wo wir eine “Stimmigkeit“ verspüren, dort sind wir zu Hause. „Aber“, so die Psychologin, „man sollte es jedoch zumindest dreimal probieren, denn neue Situationen sind anfangs ungewohnt: Sei es die Kommunikation, eine neue Rolle, eine neue Aufgabe…“
  • Andere Menschen fragen: Wohlwollende Menschen, die mich kennen, die uns rückmelden, wo wir uns noch etwas zutrauen könnten, die uns darauf hinweisen, welche Aufgaben wir noch übernehmen könnten. Gemeint sind jene Menschen, die wohlwollend auf etwas verweisen und uns auf etwas hinweisen, das in uns steckt, das wir selber noch nicht kennen.
  • Selbst auf eine Vergangenheitsreise gehen: Dr. Hadinger schlägt vor, Fotos von früher (aus der Kinder- oder Jugendzeit, jedoch nicht aus Pubertät) und aus Zeiten wo „ich ich war“ herzunehmen und sich das Kind von damals anzu schauen: Welche Begabungen hatte dieses Kind? Welche Fähigkeiten? Was war für dieses Kind damals wichtig?
    Menschen, die ihr Leben leben sind lebensvital, lebensbejahend; sie sind sich sicher „das ist mein Leben“, verkörpern Glück pur… Dr. Hadinger erzählt, dass sie diesen Menschen immer wieder die gleiche Frage stellt: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass Sie das gemacht haben, was sie machen? Und immer wieder leuchteten die Augen des Gegenüber und die Antwort lautet: Schon immer war für mich das und das wichtig…
    Es geht darum, den roten Faden des eigenen Lebens zu entdecken und zumindest einen Teil davon leben: Was war das, was für mich schon immer wichtig? „Man kann den eigenen Charakter leben, indem man das realisiert“, sagt Boglarka Hadinger, „werde der oder die du bist.“

Persönlichkeit: Forme dich.

Charakter bedeutet auch, ein „Brandzeichen“ zu haben. Teilweise haben Personen einen ganz starken Charakter – was sie tun, vergisst man nie – sie sind originell, aber nicht immer sind sie Persönlichkeiten. Als Beispiel nennt Hadinger z.B. Onassis, Picasso, Marlene Dietrich oder Coco Chanel und fügt an, dass diese teilweise schwere Wunden in die Menschen in ihrem Umfeld brandten. Man lebte nicht gerne in ihrer Nähe, denn die Menschen wurden kleiner neben ihnen.

Eine Persönlichkeit WIRD man erst – einen Charakter HAT man.

Man beginnt, sich selbst zu formen. Man antwortet aufrecht auf die Aufgaben des Lebens. „Persönlichkeiten leben in wunderbar vitaler Weise Werte wie Gelassenheit, Solidarität, Aufrichtigkeit, Besonnenheit und Mut. Persönlichkeiten lassen sich nicht vom Beifall anderer blenden. Sie tun mehr als sie tun müssen, aber sind unabhängig von Erfolg und Ruhm. Sie können ihre Meinung sagen, ohne andere zu verletzen“, so Hadinger. „In ihrer Nähe können andere wachsen – man muss sich nicht klein, fehlerhaft und schuldig fühlen. Sie setzen sich vehement für eine Idee, ein Ziel, eine Sache ein - wie der SOS-Kinderdorf-Gründer Gmeiner, der einmal sagte: Etwas Großes passiert nur, weil jemand mehr tut, als er muss.“

Persönlichkeiten sind unabhängig vom Erfolg, von Status, von Karrieresprüngen. Es ist nicht der Wert, dass ihr Einsatz etwas bringt, sondern dass sie sich einsetzen können. Sie ruhen in sich. Sie stützen ihren Selbstwert nicht durch Lob von außen, sondern sie sind in tieferen Schichten verankert. Persönlichkeiten ermöglichen wahre Winwin-Situationen, denn andere gewinnen oft mit. Sie sind authentische, echte Menschen und ihre Worte entsprechen ihren Überzeugungen, und ihre Überzeugungen sind wiederum ihre Taten. Sie können verzichten, ohne sich als Opfer ihrer Lebensumstände zu sehen.

Wenn wir blockiert werden, dann können wir uns nicht entfalten: Wir wissen dann nicht, dass wir uns selbst erziehen und formen können.

  • Persönlichkeiten stecken in ihrer Humanität an. Es müssen aber nicht immer große bekannte Persönlichkeiten sein, sondern es können auch Menschen in unserer Umgebung sein.
    Hadinger weist auch darauf hin, dass wir in unserer Zeit zu selten hören „Das ist ein wirklicher Mensch“ – sondern zu häufig werden wir mit anderen Typen konfrontiert wie „Das ist ein sportlicher Typ“, „Das ist ein erfolgreicher Typ“ etc. “Unsere Seele hat zu wenig Orientierungsmöglichkeit.“ so Dr. Hadinger.
  • Das Hässliche und die Reizüberflutung: Das Hässliche, Morbide, Verdorbene kostet der Seele sehr viel Kraft bzw. brauchen wir viel Kraft, um damit umgehen zu können. „Das Schöne fördert das Wachstum der Humanität.“ (Friedrich Schiller).
  • Die Gier: Noch mehr zu haben, noch schneller zu sein, noch effektiver zu sein, mehr zu wachsen, noch erfolgreicher zu sein, noch ruhmreicher… Auf Wachstumszeiten müssen Zeiten der Ruhe folgen. Nach außen hin passiert dann gar nichts. Innen stabilisiert sich die Seele, es kann etwas reifen, es kann etwas wachsen, und dann kann ein nächster Reifeschritt folgen.
  • Die Unversöhntheit: Man kann mit vielem unversöhnt sein: einem anderen Menschen, mit Lebensbedingungen, mich sich selbst. Es gibt viele Gründe dafür, aber es gibt auch einige Wege, da herauszukommen. Langfristig das Unversöhnte in sich zu haben, ist wie Gift für die Seele. Wie Zyankalie für die Seele. In den mittleren Lebensjahren müsste man fragen: Bin ich noch mit jemandem unversöhnt? Trage ich noch extreme Gifte in meiner Seele? Hadere ich noch gegen mich oder jemandem? Hasse ich? Spätestens mit 60 müsste man das loslassen, denn der Zorn und Hass macht die menschlichen Züge und die menschliche Seele bitter.
  • Sich selbst formen: Ohne Selbstformung gibt es keine Persönlichkeit. Sich nicht mit den erstbesten Reaktionen zufrieden geben. Ist es sinnvoll und lebensfreundlich wie ich mit mir und anderen spreche?

Typisch Mann, Typisch Frau:

Typische Fehler als Frauen und Männer: Frauen haben die Fähigkeit, immer wieder Problemgespräche führen zu können, Multitasking zu beherrschen, sich dabei jedoch auch verzetteln zu können. Frauen merken sich Kränkungen sehr lange und erinnern den Betroffenen auch immer wieder daran. Nachts denken sich noch über belastende Gedanken nach und sie haben die Gabe, immer wieder das gleiche Thema aufzuwärmen: Darüber haben wir noch nicht genug gesprochen. Auf ein Lob können sie sehr lange warten – schweigend zusehen und ärgern, wie der Kollege befördert wird.

Männer haben andere Gaben: Sie sagen offen und ehrlich den Kollegen, der Familie etc., dass sie sie für dumm halten. Sie können sich lange und sehr auf eine Sache konzentrieren, aber vergessen dabei Familienfeste und Kindergeburtstage etc. Über die eigenen Erfolge können sie gut reden und die Misserfolge noch in derselben Nacht vergessen.

Zu einer Persönlichkeit wird eine Frau dann, wenn sie neben der Problemorientiertheit auch lösungsorientiert zu denken lernt, wenn sie ihr bildhaftes Denken trainiert und beginnt, ihre Wissens- und Lebensziele, aber auch ihre Persönlichkeitsziele zu visualisieren. Sie kann mit anderen nicht nur über Beziehungen, sondern eben auch über andere Sachfragen reden. Neben der Sorge um andere entwickelt sie Lebenszuversicht und ein Grundvertrauen in ihrem Inneren.

Ein Mann wird zur Persönlichkeit, wenn er lernt, Rückmeldung so zu geben, dass der andere diese auch als wichtige Information annehmen kann. Er lernt rückzufragen: Wie wirkt das auf dich? Was ist deine Meinung?

Persönlichkeiten sind Menschen dann, wenn sie nicht nur typisch denken sondern auch andere Möglichkeiten in Betracht ziehen. 

Es geht darum, die Begabungen anderer wahrzunehmen und diese auch anzusprechen. Persönlichkeiten definieren sich nicht aus einer Rangordnung oder einem Amt. Sie sind nicht einseitig konkurrenzorientiert, sondern sie suchen auch die Kooperation. Sie denken nicht nur daran, wie sie ein Ziel erreichen können, sondern sie bedenken auch den Preis, der für das Ziel zu bezahlen ist. Sie können Gesagtes als Information nehmen und nicht primär als Kritik und sie achten auf die Wirkung ihrer Worte.

Eine Persönlichkeit ist ein in sich ruhender Mensch.

Diese Menschen haben eine tiefe Verankerung: Sie ruhen in sich. Das ist eine wunderbare Möglichkeit und Gabe und jeder sollte kritisch hinterfragen, inwiefern sein Leben in von Menschen gegebenen Dingen verankert ist (wie in bezahlter Arbeit, Ruhm, Statussymbolen, in der Zuwendung von anderen).
Wichtig sind Fragen wie: Worin ist meine Existenz verankert? Wann bin ich extrem verunsichert? Wann ist mein Selbstwert extrem verunsichert?

Hadinger betont, dass Menschen, die in sich ruhen, auch manchmal unsicher, aber nicht so lang in diesem Zustand bleiben. Prinzipiell unterscheidet sie drei Ankermöglichkeiten für die Persönlichkeit:

  • ein lebensfreundlicher Glaube
  • der Glaube an einen tiefen humanen Auftrag (tw. religiös, tw. nicht religiös)
  • Glaube an einen großen letzten Sinn (alles macht zumindest im Nachhinein Sinn)

„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“ (V. Frankl)

Diese Menschen setzen sich für eine bessere Welt ein. Es gilt, sich darauf zu besinnen, was das Leben trägt und ein klares, lebensfreundliches Wertesystem für sich zu entdecken.

Hadinger schlägt vor, eine Liste für sich zu erstellen: Was sind für mich die wichtigsten Werte?
Wenn die Top 3-Wert solche sind wie „die Liebe anderer“, „Ruhm“, „Status“, „ein gutes Benehmen“ etc., dann hat man laut Hadinger ein Problem, denn für die Liebe anderer muss man teilweise die Aufrichtigkeit opfern, für einen Top-Job muss man manchmal die Fairness oder Solidarität opfern. Man sollte sich selbst fragen: Ist das lebensfreundlich oder ist das vielleicht lebensfeindlich?

Victor Frankl: „Nicht wir sind es, die dem Leben Fragen zu stellen haben. Sondern das Leben stellt uns Fragen.“

Fragen, die das Leben uns stellen könnte:

  • Ablösung: Mit 20-25 Jahren geht es um die Frage: Löst du dich von zu Hause ab und wie löst du dich ab? Im Zorn, im Einvernehmen, gar nicht?
  • Streit: Lässt du dich zerbrechen oder bleibst du trotzdem aufrecht?
  • Krankheit: Ist das alles, was du warst? Deine körperliche Gesundheit? Oder kannst du trotz alle dem eine eigene Gesundheit entwickeln?
  • Lässt du dich von einem anderen Menschen vollkommen aus deinem Gleichgewicht werfen? Agierst du auch giftig zurück? Machst du eine klare Grenzziehung? „Wer mich beleidigen darf, entscheide immer ich.“ (E. Roosevelt)

Humor und Milde: Unpersönlichkeitstage gibt es immer – auch bei Persönlichkeiten – und das ist gut und in Ordnung. Es geht darum, mild mit sich zu sein und mit anderen, denn das löst Wohlwollen aus und lässt wachsen. Dadurch wird die Welt leichter und die Seele heller.

Charakter und Persönlichkeiten: Beide Seiten stehen uns offen. Jeder hat Charakteranlagen in sich, aber wir müssen den Mut und die Kreativität entwickeln, um die Grundanlagen leben zu können. Persönlichkeit zu haben bedeutet, eine tiefe, reife Humanität zu leben, die andere stärkt. In beiden Bereichen haben wir Möglichkeiten – auch als Erwachsene. Jeder entscheidet für sich, ob er eine charakterstarke Persönlichkeit wird – es sind nicht die Eltern.

Den Vortrag gibts hier anzuhören.



Anorexie in den späteren Jahren: Über den Druck, schön zu altern
Februar 29, 2008, 1:05
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Lange Zeit galt die Magersucht als Krankheit, die fast ausschließlich mit jungen Mädchen in Verbindung gebracht wurde. Nun scheint sich dieses Bild dahingehend zu verändern, dass neben jungen Männern immer häufiger ältere Frauen unter den Patienten zu finden sind. ExpertInnen schätzen, dass der Anteil an älteren Anorektikerinnen inzwischen bei 10 Prozent liegt; dementsprechend gilt es in der Zwischenzeit als durchaus üblich, eine Essstörung auch im mittleren Alter zu entwickeln.

Letzteren Umstand wird unter anderem auf die Vorbildwirkung von Stars wie Madonna, Sharon Stone, Jane Fonda und deren Kolleginnen zurückgeführt. Durch die glamourösen Autritte der Celebrities, welche in ihren 40ern, 50ern und sogar 60ern noch gleich schlank sind, wie sie es in ihren 20ern waren – kombiniert mit einer zeitlos jugendlichen Ausstrahlung – führen dazu, dass Frauen eine unrealistische Vorstellungen davon entwickeln, wie sie in ihrer späteren Lebensphase auszusehen hätten. ExpertInnen sind sich einig: In der heutigen Zeit geht es nicht mehr darum, würdevoll zu altern, sondern ein Leben lang jung zu bleiben.

Genauer nachzulesen bei:

Sarah Cassidy: Pressure to grow old beautifully drives over-50s to anorexia. The Independant Health & Wellbeing, 28.2.2008.



Das Gedächtnis unseres Körpers

„Das Leibgedächtnis ist der Träger unserer Lebensgeschichte, unserer persönlichen Identität“, schreibt der Psychiater Thomas Fuchs in seinem Artikel Das Gedächtnis unseres Körpers in der Zeitschrift Psychologie Heute im Juni 2006 und erklärt weiter, dass unter „Gedächtnis“ jene Fähigkeit zusammengefasst wird, die es uns ermöglicht, uns an bestimmte Erlebnisse in der Vergangenheit zu erinnern – bewusst, oder häufig eben auch „leiblich“.

Über die Entwicklung eines leiblichen Gedächtnisses: „Übung macht den Meister“

Aber was versteckt sich hinter einem “leiblichen Gedächtnis“? Darunter versteht man die Gewohnheiten, die sich durch Wiederholung und Übung gebildet haben – beispielsweise der aufrechte Gang, das Sprechen und Schreiben, Fahrradfahren, Schwimmen und vieles andere mehr. Im Laufe der Zeit verinnerlichen wir diese Fähigkeiten so stark, dass wir uns gar nicht mehr bewusst daran erinnern müssen, wie wir etwas tun – wir tun es einfach: Wir sprechen, schreiben, tippen, fahren mit dem Fahrrad oder dem Auto etc.

Die verschiedenen Formen des leiblichen Gedächtnisses

Das prozeduale Gedächtnis: Dieses Gedächtnis ist ständig im Hintergrund wirksam und entlastet unsere Aufmerksamkeit vor einer Überfülle an Details. Zum prozedualen Gedächtnis zählen alle automatischen Bewegungsabläufe: eingespielte Gewohnheiten, das Spielen eines Instruments, das Autofahren, am Computer zu schreiben etc. 

Das situative Gedächtnis: Das Leibgedächtnis ist gleichzeitig ein Raumgedächtnis und orientiert sich an Situationen, in denen wir uns befinden: So finden wir uns „wie blind“ in unserer Wohnung oder unserer Umgebung zurecht. „Situationen“ sind jedoch mehr als räumliche Gebilde – sie sind ganzheitliche, unzerlegbare Einheiten leiblicher, sinnlicher und atmosphärischer Wahrnehmung. Durch unsere Erfahrungen entwickeln wir einen Blick für das Wesentliche oder Charakteristische einer Situation -  man könnte sagen, einen „siebten Sinn“, ein Gespür oder eine Intuition für etwas.

Das zwischenleibliche Gedächtnis: Der Philosoph Maurice Merleau-Ponty bezeichnete die Sphäre des unwillkürlichen Kontakts zwischen zwei Menschen als „Zwischenleiblichkeit“ und meinte damit, dass die Körper von Menschen, die miteinander in Kontakt treten, interagieren und sich laufend abtasten. Zum zwischenleiblichen Gedächtnis zählt auch der erste Eindruck, den wir von einem Menschen erhalten – dieser setzt sich zusammen aus der äußeren Gestalt des Menschen, seiner Wesensart, aber auch seinem persönlichen Stil. Ein Mensch „stellt etwas dar“ und drückt seine Persönlichkeit auch über seinen Körper aus, in seinem Auftreten, seinen Gesten und Gebärden, in seiner Haltung, seinem Gang oder seiner Stimme.
Der Säuglingsforscher Daniel Stern spricht auch von implizitem Beziehungswissen, welches man bereits in der frühen Kindheit im Austausch mit seinen Eltern erlernt: Es handelt sich dabei um ein leibliches Wissen, wie man mit anderen umgeht – wie man mit ihnen Vergnügen hat, Freude ausdrückt, Aufmerksamkeit erregt, aber auch Ablehnung vermeidet.

Das inkorporative Gedächtnis: „Inkorporation“ besagt, dass wir Menschen im Austausch mit anderen auch fremde Haltungen und Rollen übernehmen, wobei dies häufig durch unwillkürliche leibliche Nachahmung oder Identifizierung geschieht. Auch Erziehung oder kulturelle Überformungen prägen sich in unser Körpergedächtnis ein; dies geschieht, indem uns ein bestimmtes Verhaltensmuster bzw. „Manieren“ und „Benehmen“ vermittelt werden.

Das traumatische Gedächtnis: Unser Körper erinnert sich auch an Schmerzerfahrungen und instinktiv spannen wir uns an, ziehen uns zurück oder weichen aus, wenn Schmerzen drohen. So schreiben sich einschränkende und schmerzhafte oder gar traumatische Erlebnisse in dem Leibgedächtnis ein und können sogar zu einem späteren psychosomatischen Leiden führen.

Unser Körper als autobiografisches Gedächtnis

„Das Leibgedächtnis ist der eigentliche Träger unserer Lebensgeschichte, unserer persönlichen Identität.“ so der Psychiater Thomas Fuchs,“Verleiblichte Gewohnheiten machen uns zu Personen mit einer gewissen Konstanz und Verlässlichkeit, sie sorgen dafür, dass wir bei allem äußeren Wechsel dieselben bleiben. Alles, was wir wahrnehmen oder tun, hinterlässt eine Spur in uns.“

Literatur:
Thomas Fuchs (2006): Das Gedächtnis unseres Körpers. Psychologie Heute, 33. Jahrgang, Heft 6, Julius BELTZ GmbH & Co.KG Weinheim: Juni 2006.



Ein zündender Funke im Gehirn: durch Sport.

Der an der Harvard Universität tätige Psychiater John Ratey befasst sich in seinem Buch „Spark: The Revolutionary New Science of Exercise and the Brain“ mit den Auswirkungen, die eine regelmäßige sportliche Betätigung auf das Gehirn hat. An dieser Stelle einige seiner Erkenntnisse:

Sport macht schlau. 

Ratey behauptet, dass ein regelmäßiges Trainieren des Körpers auch zu einem Mehr an Intelligenz führt und bezieht sich dabei auf Erkenntnisse aus den 90er Jahren, die an einer Schule in im Bezirk Naperville, Illinois, gewonnen wurden: Der Turnlehrer Phil Lawler ließ die Schüler wöchentlich eine Meile laufen; für die Benotung war für ihn wichtig, wie sehr sich die Kinder im Turnunterricht angestrengt hatten und nicht, was sie tatsächlich konnten. Es stellte sich heraus, dass sich die Kinder nicht nur konditionell verbesserten, sondern dass sich auch deren Leistungen in den Fächern Mathematik und Naturkunde steigerten.

Sport entspannt.

Studien zeigten, dass Menschen, die regelmäßig Sport betreiben, stressresistenter sind als jene, die nicht trainieren: sie bleiben auch in solchen Situationen entspannt, in denen normalerweise Stresshormone freigesetzt werden. „Nach einem intensiven Workout entspannen sich nicht nur die Muskeln, häufig beruhigen sich auch die Sorgen oder die innere Unruhe“, so der Psychiater.

Sport kann Angst und Depression lindern. 

Ratey berichtet, er habe einige depressive Patienten in Behandlung, die einen Marathon gelaufen seien und den Beginn der depressiven Gefühle mit dem Ende ihres Trainings in Verbindung gebracht hatten. Für den Psychiater klingt dies plausibel, denn durch das Training würden im Gehirn chemische Prozesse gestartet, die in manchen Fällen sogar zu einem Durchbrechen des Teufelskreises von Grübeln, Angst und Traurigkeit führen können.

Wunderdroge “Sport“.

Außerdem unterstütze ein regelmäßiges Workout dabei, Süchte zu kontrollieren, es erhöht die Konzentrationsfähigkeit und bringt den Geist wieder in Schwung.

Bleibt nur noch eines zu sagen: „In die Laufschuhe, fertig, los!“

QUELLE: Ein Interview mit John Ratey  gibts zu lesen bei USA Today – Health & Behavior.