Gespeichert unter: Beziehung, Empowerment, Forschung, Gesundheit / Krankheit, Psyche, Resilienz, Uncategorized | Schlagworte: Frauen, Gesundheit, Hilfe, Männer, Netz, soziale Netzwerke, Soziale Unterstützung, Verlässlichkeit
Netzwerke schrumpfen in Krisenzeiten
Forschungen haben gezeigt, dass die sozialen Netze rissig werden und sogar auseinander reißen, wenn ein Mensch erkrankt. Aber warum? Psychologen suchen nach Erklärungen für dieses Phänomen und vermuten, dass ein Grund dafür sein könnte, dass Personen eines Netzwerkes sich grundsätzlich ähneln. Daher könnte die Erkrankung eines Mitgliedes eine große Bedrohung für den Rest darstellen. – Dies führt dazu, dass die Lebensphilosophie der Gruppe durch die Krankheit infrage gestellt wird; das „unähnlich“ gewordene Mitglied wird also kurzerhand aus dem Netzwerk ausgeschlossen. Andere Erklärungsmodelle für dieses Phänomen sprechen von Berührungsängsten oder sich nicht zuständig fühlen. Beobachtet wurde auch der Rückzug aus Angst vor Ansteckung im Falle mancher Krankheiten.
Größe und Verlässlichkeit eines sozialen Netzwerks beeinflussen den Gesundheitszustand
Die Münchner Soziologin Martina Eller untersuchte die sozialen Beziehungen von rund 1000 Diabetikern und stellte fest: Die Sozialkontakte verringern sich, wenn jemand krank wird und je kleiner das soziale Netz wird, desto schlechter ist der Gesundheitszustand eines Diabetikers. Eller fand weiters heraus, dass man zwar aufgrund des Alters und des Geschlechts keine Vorhersage auf den Gesundheitszustand machen kann, sehr wohl jedoch aufgrund der Größe und Verlässlichkeit des sozialen Netzwerks: Wer ein großes soziales Netz hat, ist vier bzw. acht Jahre später in einem besseren Gesundheitszustand als jene Personen, die von Beginn an ein kleines soziales Netzwerk hatten.
Zahlreiche Studien untermauern die Erkenntnis, dass soziale Isolation das Gesundheitsrisiko steigert: Personen, die sich sozial unterstützt fühlen, leben gesünder, zufriedener und länger; im Gegensatz dazu sind einsame Menschen einem höheren Krankheits- und Sterberisiko ausgesetzt, so die Quintessenz der bisherigen Forschungen.
Die unauffällige Unterstützung als bessere Hilfe
Die Psychologin Beate Dietzen von der Universität Zürich gilt als Expertin für biopsychologische Netzwerkforschung. Sie betont, dass hilfsbedürftige Menschen sich nicht abhängig fühlen möchten und es für sie lediglich wichtig ist, dass jeman da ist und dass ihnen Hilfe nicht aufgedrängt wird. – Ein Zuviel an Unterstützung kann sogar in einer Lose-Lose-Situation münden: Der Helfer fühlt sich überfordert und der Hilfsbedürftige schuldig.
Der Glaube an ein soziales Netz setzt positive Kräfte frei
Entscheidend ist laut Psychologen nicht, wie viel einem Menschen tatsächlich geholfen wird, sondern die Überzeugung, im Notfall auf sein Netzwerk bauen zu können. Die Hilfsbereitschaft des Netzes wird jedoch von zwei Gruppen häufig überschätzt: von Menschen mit einem hohen Selbstbewusstsein sowie von Personen, die bisher noch keine Notsituation erleiden mussten.
Hinterfragen erwünscht: Sinngewinn durch Skepsis
Der Psychologe Neil Krause führte mehreren Längsschnittstudien durch und fand dabei heraus, dass ein kritisches Nachfragen von Netzwerkmitgliedern bzw. ein Widersprechen zumindest älteren Menschen dabei hilft, einen tiferen Sinn in ihrem Leben zu erkennen. Damit ein Netzwerk also tatsächlich praktische Lebenshilfe leisten kann, sollte es sich nicht nur aus Ja-Sagern zusammensetzen: Zwar ist gutes Zureden wichtig, ein skeptisches Nachfragen erwies sich jedoch als noch wichtiger.
Soziale Netze schützen vor Stress
Menschen, die sozial unterstützt werden, produzieren einerseits weniger Kortisol im Körper, als Menschen die nicht unterstützt werden, und schütten andererseits vermehrt das Hormon Oxytocin aus. Letzteres führt zu einem hohen Einfühlungsvermögen und einer niedrigen Aggressivität und wird zum Beispiel während einer Schwangerschaft verstärkt produziert. Psychologen fanden heraus: Wer viel Oxytocin im Körper hat und zugleich sozial unterstützt wird, reagiert besonders gelassen auf Stress.
Bei Aidskranken zeigte sich jedoch auch ein negativer Zusammenhang zwischen dem Grad der Unterstützung und dem Gesundheitszustand. Eine mögliche Erklärung dafür: Es kostet viel Kraft, ein Netzwerk zu unterhalten und zu pflegen – Kraft, die Aidskranke nicht haben. Daher kann die Beziehungspflege mitunter auch zur Last werden.
Männer unterstützen instrumentell, Frauen emotional
Forschungen zeigten auch, dass Männer von sozialen Netzwerken stärker profitieren als Frauen. Warum? Männer unterstützen, indem sie Ratschläge geben oder Informationen einholen, Frauen hören zu und bringen ihre Wertschätzung zum Ausdruck. Die Annahme lautet, dass Männer zwar unterstützen wollen, ihre Äußerungen von Frauen jedoch eher als Forderung oder Ermahung wahrgenommen werden. Die Ratschläge der Männer bewirken in der Folge eher, dass Frauen sich unter Druck gesetzt fühlen. Anders bei Frauen: Die Forschungen der Psychologen Larua M. Glynn und Nicholas Christenfeld der University of California ergaben, dass nur die weibliche Unterstützung die Stressreaktionen von Studienteilnehmern verringern konnte. Es ist demnach jeder gut beraten, Frauen in seinem Netzwerk zu haben!
Die Kardinalfrage: Unterstützen, aber wie?
Am meisten scheinen Menschen von einer kritisch-wohlwollenden Begleitung zu profitieren, es kann jedoch kein Rezept gegeben werden, welche Art von Unterstützung positiv wirkt und welche nicht. Alles hängt letztendlich davon ab, was der Hilfsbedürftige wünscht und will.
Oft muss der Helfer gar nichts tun – es reicht, da zu sein: Soziale Unterstützer sind dann besonders erfolgreich, wenn sie fast nichts tun, nur ab und zu unsere Hand berühren und unser Handeln nicht bewerten. Dementsprechend gehören auch Haustiere in unser soziales Netzwerk und können durchaus heilsam wirken.
Quelle:
Westerhoff, Nikolas: Geborgenheit oder Einengung: Wie wichtig sind soziale Netze?, Psychologie Heute, Juni 2008, S. 21-25
Gespeichert unter: Arbeit, Beziehung, Gesundheit / Krankheit, Krisenbewältigung, Psyche, Psychotherapie, Uncategorized | Schlagworte: Aggressor, Angst, Bossing, Die Masken der Niedertracht, Gewalt, Hirigoyen, Lähmung, Manipulation, Mobbing, Ohnmacht, Opfer, pervertierte narzisstische Persönlichkeit, Psychotherapie, seelische Perversion, Täter, Viktimologie
Marie-France Hirigoyen studierte Medizin und Viktimologie in Frankreich und den USA und praktiziert als Psychoanalytikerin und Familientherapeutin in Paris. In ihrem Buch Die Masken der Niedertracht (2002) fasst sie ihre Erfahrungen als Viktimologin zusammen und versucht, die Dynamik zwischen Täter und Opfer nicht nur verstehbar zu machen, sondern die Gewalt – welche sich sowohl auf privaten als auch beruflichen Schauplätzen abspielen kann - anhand zahlreicher Fallbeispiele auch spürbar zu machen.
Im Großen und Ganzen finde ich, dass Hirigoyen ein wichtiges Buch geschrieben hat, das zu lesen ich durchaus empfehlen kann – nicht zuletzt, weil es flüssig und verständlich geschrieben ist. Dennoch saß ich am Ende mit “gemischten Gefühlen“ da: Vielleicht, weil mich das letzte Kapitel, in welchem es um die Betreuung der Opfer als Patienten geht, nicht zur Gänze überzeugen konnte. Hirigoyen bezieht folgende Position, wenn es um die Auswahl eines „Psychotherapeuten“ geht:
Im Zweifelsfall ist es besser, jemanden zu wählen, der Psychiater oder Psychologe ist; denn es gibt heute alle möglichen Arten von neuen Therapien, die verführerisch sein können, weil sie schnellere Heilung versprechen, deren Wirkungsweise aber der der Sekten recht nahe kommt.
Vielleicht habe ich mich an dieser Stelle als Psychotherapeutin „auf den Schlips getreten“ gefühlt. Ich kenne die Situation in Frankreich und in den USA nicht, aber „Psychotherapie“ ist in Österreich ein Berufsstand, der sogar in einem eigenen Psychotherapiegesetz verankert ist und dessen Ausübung eine sehr umfassende und fundierte Ausbildung vorangeht. Von Kurpfuscherei, esoterischen Therapien etc. also keine Spur; natürlich spielt trotz aller Regeln, Gesetze etc. immer die ethische Haltung sowie die Persönlichkeit des Therapeuten eine große – wenn nicht die wichtigste – Rolle. Deshalb scheint mir das Auseinanderdröseln des Psychotherapieprozesses nach Richtungen nicht sinnvoll (vgl. Wirkprinzipien der Psychotherapie).
Persönlich gefiel mir, dass Hirigoyen die „perverse Gewalt im Alltag“ anhand zahlreicher Fallbeispiele aufzeigt – dadurch ist nicht nur ein abstraktes Verstehen der Dynamik möglich, sondern bis zu einem gewissen Grad auch ein Einfühlen.
Ich möchte in der Folge den Inhalt des Buches kurz zusammenfassen, allerdings empfehle ich jenen Personen, die sich für das Thema interessieren (oder die vielleicht sogar selbst von Gewalt betroffen sind) das Lesen des gesamten Buches!
Die private Gewalt: Die perverse Gewalt gegenüber dem Lebenspartner und in Familien
Die perverse Gewalt wird häufig bestritten oder banalisiert bzw. verkürzt auf ein einfaches Herrschaftsverhältnis. Sie basiert auf subtilen Aggressionen, die keine greifbaren Spuren hinterlässt. Und sogar Zeugen neigen dazu, die perverse Gewalt als schlichte konfliktbeladene oder leidenschaftliche Beziehung zwischen zwei Personen mit schwierigem Charakter zu deuten. Und auch die Opfer lernen erst im Laufe der Zeit, den Umgang zu erkennen, sich zu wehren und Beweise zusammenzutragen (23).
Zur perversen Gewalt kommt es, wenn das Gefühl in einer Beziehung abflaut, oder aber zu große Nähe besteht (23); es handelt sich um eine Angst, den anderen zu verlieren und gleichzeitig von ihm vereinnahmt zu werden. Das Opfer wird durch das Verhalten des Täters gelähmt; es wird in einen Zustand der Ungewissheit manövriert (24). Diese Entwicklung ist nur möglich durch zu große Nachsicht es Partners; Hirigoyen erklärt diese Nachsicht durch „Familientreue“, welche sich beispielsweise so zeigt, dass innerhalb der Familie das nachgeahmt wird, was ein Verwandter erlebt hat; oder in der Annahme der Rolle eines Heilers für den Narzissmus des anderen; es handle sich um eine Art „Sendung“, bei der sich die Person aufopfern muss (25).
Laut Hirigoyen steht die Weigerung, die Verantwortung für das Scheitern einer Ehe auf sich zu nehmen, oft am Anfang eines perversen Umkippens. Je höher das Idealbild vom Partner war, desto stärker ist die Verleugnung des eigenen Anteils am Scheitern – am Ende wird ausschließlich der Partner dafür verantwortlich gemacht; und das meist auf Basis von Fehlern, die nicht genau benannt werden können. Das Opfer verharrt in einem Angstzustand, weil der Partner das Gespräch verweigert. Zorn und Schmach sind die Reaktion auf dieses Verhalten: die Schmach, nicht geliebt worden zu sein, sowie die Demütigungen geduldet zu haben, sich gefügt zu haben. Es kommt zu vertauschten Rollen, indem der Aggressor zum Opfer wird und die Schuld beim eigentlichen Opfer bleibt (31f). Indess richtet der Täter seine Liebe auf einen neuen Partner, idealisiert diesen – und damit das wiederum möglich ist, muss der frühere Partner zum Sündenbock gemacht werden, indem alles Schlechte auf diesen projiziert wird (41).
Diese Dynamik kann nur aufgelöst werden, indem das Opfer seine Ohnmacht erkennt und damit auch akzeptiert, dass es nichts tun kann; Wenn es ein ausreichend gutes Selbstbild gewinnt, kann die Aggression des Täters seine Identität nicht mehr in Frage stellen (41).
Leider unterbricht selbst eine Trennung die Gewalt oft nicht: diese setzt sich meist auch noch nach dem Beziehungsende fort, wobei der Täter selbst davor nicht zurückscheut, die Kinder für seine Gewalt zu benutzen (42). Indem die Kinder in die gewalttätigen Verstrickungen einbezogen werden, wird Gewalt über Generationen hinweg in einer Familie weitergegeben. Nicht nur, dass Kinder für derartige Rachefeldzüge eines Elternteils gegen einen anderen missbraucht werden, als schwächstes Glied der Kette erfahren sie selbst Gewalt von ihren Eltern. Alice Miller spricht von „schwarzer Pädagogik“, wenn sie die schlimmen Folgen der traditionellen Erziehung aufzeigt, welche den Zweck verfolgt, den Willen des Kindes zu brechen, um aus ihm ein fügsames und gehorsames Wesen zu machen. Das Kind schafft es nicht, sich der „überwältigenden Kraft und Autorität des Erwachsenen“ zu widersetzen, wird stumm und seiner Sinne braubt (51).
Gewalt am Arbeitsplatz
Unter Mobbing am Arbeitsplatz ist jede Verhaltensweise zu verstehen, die durch das bewusste Überschreiten von Grenzen – in Benehmen, Handlungen, Gesten, mündlichen oder schriftlichen Äußerungen – die Persönlichkeit, die Würde oder die physische bzw. psychische Unversehrtheit einer Person beeinträchtigen, deren Anstellung gefährden oder das Arbeitsklima verschlechtern kann. (69)
In ihren Ausführungen trifft Hirigoyen keine begriffliche Unterscheidung zwischen Mobbing und Bossing, wenngleich sie dennoch Beispiele aus beiden Bereichen bringt.
Sie schreibt, dass der „psychologische Krieg am Arbeitsplatz“ zwei Erscheinungsformen kennt: den Machtmissbrauch, der sehr rasch entlarvt und von den Arbeitnehmern nicht unbedingt hingenommen wird und die perverse Manipulation, die viel hinterhältiger ist und deshalb mehr Schaden anrichtet (70).
Nicht nur die Angst vor der Arbeitslosigkeit lähmt die Opfer, sondern es wird durch verschiedene psychologische Methoden „psychologisch gefesselt“ bis es sein kritisches Urteilsvermögen verliert und nicht mehr weiß, wer recht hat und wer unrecht: Es wird ihm vom Täter die unmittelbare Kommunikation verweigert, es wird herabgewürdigt, diskreditiert, isoliert, schikaniert, zu Fehlern verleitet und/oder sexuell belästigt (80ff).
Problematisch ist, wenn ein Unternehmen Mobbing gewähren lässt (99) oder in manchen Fällen sogar fördert (105). Nicht nur, dass Menschen an Mobbing richtiggehend zerbrechen können, die Billigung einer derartigen Unternehmenskultur ist auch für das Unternehmen mit wirtschaftlichen Folgen verbunden: Die Verschlechterung des Arbeitsklimas hat eine erhebliche Leistungs- oder Ertragsminderung in einer Abteilung oder Belegschaft zur Folge, denn das Austragen des Konflikts wird zum Hauptinteresse aller Beteiligten: des Aggressors, des Angegriffenen und teilweise sogar der Zeugen, die sich nicht mehr auf ihre Arbeit konzentrieren können. Es ist die Aufgabe der Entscheidungsträger in einem Unternehmen, Quälereien zurückzuweisen, den Dingen nicht freien Lauf zu lassen und darüber zu wachen, dass der Mensch auf jeder Rangstufe eines Unternehmens geachtet wird (110).
Die perverse Beziehung und die Protagonisten
Hirigoyen beschreibt in einem weiteren Teil des Buches, wie es zu einer derartigen Täter-Opfer-Beziehung kommt und ergründet jeweils die Persönlichkeit von Täter und Opfer.
Laut der Autorin stellt sich eine perverse Beziehung in zwei Phasen ein: In der perversen Verführung und der darauffolgenden Gewalt (115). In der Verführungsphase ist es das Ziel, das Opfer zu destabilisieren und sein Selbstvertrauen zu sabotieren. Die Beeinflussung besteht darin, jemanden, ohne zu argumentieren, dahin zu bringen, dass er anders denkt, entscheidet oder sich benimmt, als er dies aus eigenem Antrieb getan hätte; der Täter stimmt dabei seine Verführung und Manipulation auf die Empfindlichkeit und Verletzlichkeit des anderen ab (116). Hirigoyen unterscheidet drei Stufen der „geistigen oder seelischen Beherrschung des anderen“: Aneignung durch Enteignung; Beherrschung (der andere wird in einem Status der Unterwerfung gehalten); Prägung (ein „Brandzeichen“ soll ihm aufgenötigt werden) (117).
Auch auf die Formen der Kommunikation geht die Autorin ein, wobei sie von der „Illusion der Kommunikation“ spricht; sie nennt sie „eine eigenartige Kommunikation, nicht geschaffen, um zu verbinden, sondern fernzuhalten und jeglichen Austausch zu verhindern“ (121). Dafür bedient sich der Aggressor folgender Methoden: z.B. die unmittelbare Kommunikation verweigern (121), die Sprache entstellen (123), lügen (126), Sarkasmus, Spott und Verachtung (128), Herabsetzen (136), Trennung, um besser herrschen zu können (137), seine Herrschaft aufzwingen (139), vom Paradox Gebrauch machen (132; z.B. mit Worten etwas ausdrücken, was mittels Gesichtsausdruck gleich wieder negiert wird; dadurch werden Zweifel über mehr oder minder unbedeutende Vorkommnisse des Alltags ausgestreut).
Wenn der andere sich dem beherrschenden Einfluss zu widersetzen beginnt, wird er vom bisher nützlichen Objekt zum gefährlichen Objekt, welches – egal mit welchen Mitteln – beseitigt werden muss: Der Aggressor beginnt, seinen Hass zu zeigen, es kommt zur Ausübung von Gewalt – mit dem Ziel, den anderen in die Enge zu treiben (143ff).
Der Aggressor
Der Täter hat in der Regel eine pervertierte narzisstische Persönlichkeit, welche laut Hirigoyen meist fünf oder mehr der folgenden Merkmale aufweist (154):
- die Person hat eine großartige Meinung von ihrer eigenen Bedeutung;
- verzehrt sich in Phantasien von grenzenlosem Erfolg, von Macht;
- glaubt, etwas „Besonderes“ und einzigartig zu sein;
- hat ein übermäßiges Bedürfnis, bewundert zu werden;
- meint, ihr stehe alles zu, man schulde ihr alles;
- beutet in zwischenmenschlichen Beziehungen den anderen aus;
- es fehlt ihr an Empathie;
- beneidet häufig die anderen;
- legt überhebliche Haltung und Verhaltensweisen an den Tag.
Das Opfer
Ausgewählt wird ein Opfer laut Hirigoyen von seinem Aggressor „einfach, weil es da war und weil es irgendwie unbequem wurde. Es hat nichts Eigentümliches für den Aggressor. Es ist ein austauschbares Objekt, das im falschen/richtigen Augenblick da war und den Fehler begangen hat, sich verführen zu lassen – und manchmal den, einen zu hellen Kopf zu haben.“ (167)
Allein die Hinnahme des Schicksals seitens des Opfers erstaunt vielleicht auf den ersten Blick; dennoch unterscheiden sie sich von den Masochisten durch das unendliche Befreiungsgefühl, welches sie empfinden, wenn es ihnen durch ungeheure Anstrengung gelingt, sich zu lösen. Sie sind erleichtert, weil Leiden als solches sie – im Gegensatz zu echten Masochisten – eben nicht interessiert (171).
Wenn sie sich manchmal über längere Zeit hin auf das perverse Spiel eingelassen haben, dann eher, weil sie wirklich lebendig sind und weil sie Leben geben wollen, und sich sogar an die unmögliche Aufgabe heranwagen, einem Perversen zu Leben zu verhelfen: „Mit mir wird er sich ändern!“
Ihre Tatkraft ist allerdings mit einer gewissen „Schwäche“ gekoppelt. Indem sie sich in das unmögliche Unterfangen stürzen, Tote aufzuerwecken, beweisen sie eine gewisse Überschätzung ihrer eigenen Kräfte.
Das ideale Opfer beschreibt Hirigoyen als „eine gewissenhafte Person mit einem natürlichen Hang, sich schuldig zu fühlen“ (172).
Die potentiellen Opfer sind Träger einer partiellen Melancholie. Einerseits gibt es in ihnen einen schmerzlichen Punkt, der eventuell mit einem kindlichen Trauma zusammenhängt, andererseits besitzen sie sehr große Vitalität. Die Perversen, so Hirigoyen, attackieren nicht die melancholische Seite, sondern die lebendige, die Vitalität, die sie wahrnehmen und sich anzueignen suchen (175).
Zusätzlich erscheint das Opfer als naiv und leichtgläubig. Es kann sich nicht vorstellen, dass der andere von Grund auf ein Zerstörer ist, und versucht, logische Erklärungen zu finden; es versucht, Missverständnisse zu vermeiden und will „transparent“ erscheinen. Die Opfer versuchen sich dem anzupassen, was der andere will und sind zunächst verständnisvoll. Sie verstehen oder verzeihen, weil sie lieben oder bewundern. Sie glauben, alles verstehen, alles vergeben, alles rechtfertigen zu können. Sie sind überzeugt, sie würden im Gespräch eine Lösung finden und nähren die Hoffnung, der andere würde sich ändern (176f).
Die Opfer verstehen, aber gleichzeitig „sehen“ sie. Sie besitzen eine Hyperhellsichtigkeit, die sie dazu führt, die Anfälligkeit, die Schwächen ihrer Aggressoren zu benennen. … Wenn sie anfangen, zu benennen, was sie verstanden haben, werden sie gefährlich.
Folgen für das Opfer und Übernahme der Verantwortung
Verzicht: Während der Phase der Beherrschung nehmen noch beide Protagonisten eine Haltung des Verzichts ein, mit dem Ziel, den Konflikt zu vermeiden: Der Aggressor greift durch kleine indirekte Sticheleien an, provoziert jedoch nicht offen; und das Opfer unterwirft sich aus Furcht vor einem Konflikt, welcher zu einem Bruch führen könnte. In gewisser Weise gehen beide ein Bündnis ein (182).
Verwirrung: Das Sichentfalten des beherrschenden Einflusses verwirrt das Opfer, sodass sich bei diesem ein Gefühl einstellt, einen leeren Kopf zu haben; das Denken fällt ihm schwer. Dieser Zustand wiederum erzeugt Stress im Opfer (183).
Zweifel: Durch den Zustand der Betäubung trifft die offene Gewalt das Opfer unvorbereitet; es fühlt sich „wie vom Blitz getroffen“ und bestreitet die Wirklichkeit dessen, was es nicht begreifen kann. Es versucht, zu verstehen und sucht nach logischen Erklärungen. Das Opfer sucht nach seinem Anteil am Zustandekommen der Gewalt und übernimmt häufig die Verantwortung für den zerstörerischen Prozess; am Ende bleibt der Aggressor schuldfrei und das Opfer tritt in die Position des Schuldigen. Dieses Schuldgefühl wird leider immer wieder von der Umgebung noch zusätzlich verstärkt, da diese – ihrerseits verwirrt – selten imstande ist, Hilfe zu leisten. So kommt es zu Urteilen, gefühllosen Kommentaren oder Erklärungen der Situation, die dem Opfer im Endeffekt nicht helfen: Ratschläge, „wie jemand eher sein soll“ oder „was er tun oder lassen soll“, „womit die Gewalt provoziert worden sein könnte“ etc. (183f).
Stress: Der Organismus reagiert auf den Stresszustand auf verschieden Art und Weise: durch die Produktion von Hormonstoffen, durch eine Schwächung des Immunsystems, durch die Veränderung der Neurotransmitter im Gehirn. Der chronische Stresszustand führt zu einem allgemeinen inneren Angstzustand – mit anhaltender Furcht und Furchtvorwegnahme sowie ängstlichen Grübeleien, die das Opfer nur schwer beherrschen kann. Es ist ein Zustand ständiger Spannung und übermäßiger Wachsamkeit (186f).
Angst: Das Opfer ist permanent auf der Hut, belauert den Blick des anderen oder die Schroffheit seiner Gebärden, den eisigen Ton, der eine unausgesprochene Aggressivität verdecken könnte. Es fürchtet die Reaktion des anderen und zeigt sich aus diesem Grund immer liebenswürdiger und versöhnlicher. Noch immer wiegt es sich in der Illusion, der Hass könne sich in Liebe und Wohlwollen auflösen (187f).
Vereinsamung: Immer wieder fühlen sich Opfer alleingelassen, denn selbst Freunde distanzieren sich, indem sie „da nicht hineingezogen werden wollen“. In der Folge zweifeln die Betroffenen an den eigenen Wahrnehmungen und fragen sich, ob sie nicht übertrieben haben könnten (188f).
Zu den längerfristigen Folgen von perverser Gewalt zählt Hirigoyen folgende Merkmale:
Schock: Durch das Bewusstwerden der Aggression finden sich die Opfer in einem Schockzustand wieder: sie fühlen sich getäuscht, missbraucht, missachtet. Erst spät entdecken sie, dass sie Opfer sind. Sie verlieren die Achtung vor sich selbst sowie ihre Würde, sie schämen sich der Reaktionen die diese Manipulation in ihnen wachgerufen hat. Die Scham entsteht laut Hirigoyen dadurch, dass ihnen bewusst wird, dass sie die Gewalt des anderen zugelassen haben. Auch wenn sich manche an ihrem Täter rächen wollen, suchen die meisten lediglich nach einer Rehabilitierung und wollen die eigene Identität wieder anerkennen (190f).
Dekompensation: Wenn der Mensch keine Ressourcen mehr hat, den vorhandenen Stress abzubauen, kommt es zur Dekompensation: darunter ist ein generalisierter Zustand der Beklommenheit zu verstehen, der häufig in Kombination mit psychosomatischen Störungen oder Depression einhergeht. Nicht alle Menschen reagieren auf psychischer Ebene, zu den körperlichen Reaktionen zählen Essstörungen, Schwächeanfälle etc. (191ff).
Trennung: Neben dem sich Fügen in die Situation ist der Kampf um eine Trennung die zweite Möglichkeit des Umgangs mit perverser Gewalt. Laut Hirigoyen ist eine Trennung immer das Werk des Opfers, nie das des Aggressors. Zurück bleibt jedoch meist ein Täter, der sich beklagt, geschädigt worden zu sein, während das Opfer tatsächlich jene Person ist, die alles verliert (194ff).
Die spätere Entwicklung: Die körperliche Entfernung vom Aggressor bedeutet anfangs eine Befreiung für das Opfer; nach der ersten Phase der Erschütterung erwacht wieder ein Interesse an der Arbeit und an Hobbys bzw. auch eine Neugier auf die Welt und auf Menschen. Dennoch klingt bei vielen die traumatische Erfahrung noch lange Zeit nach und zeigt sich in verzögerten psychischen oder somatischen Störungen: Eine allgemeine Beklemmung, chronische Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Kopfweh, verschiedene Schmerzen oder psychosomatische Störungen (Bulimie, Alkoholismus, Drogenabhängigkeit). Einige Opfer klagen nachträglich auch über unkontrollierbare Aggressivität und viele entwickeln ein „Ausweichverhalten“, indem sie sich Strategien zurecht legen, nicht an das ’stressige’ Ereignis denken zu müssen. Sie meiden alles, was sie an die schmerzlichen Erfahrungen erinnern könnte. Dennoch sind letzten Endes die Aggressionen und Demütigungen ins Gedächtnis eingeschrieben und leben wieder auf in intensiven und sich wiederholenden Bildern, Gedanken, Erschütterungen.
Ein Opfer, das jedoch Bedauern von seinem Täter erhofft, wartet meist vergeblich; Reue kommt laut der Autorin maximal von der Umgebung – von den stummen Zeugen oder Mittätern – die zumindest nachträglich ihrem Bedauern Ausdruck verleihen (196ff).
Praktische Ratschläge für Betroffene
Hirigoyen beginnt dieses Kapitel wie folgt:
Gegenüber einem Perversen gewinnt man niemals. Bestenfalls kann man etwas über sich selbst lernen. (201)
Dementsprechend sind die notwendigen Schritte der Befreiung: Erkennen – Handeln – innerlich widerstehen (sich dafür gegebenenfalls Unterstützung holen) – die Justiz einschalten. Dieses Prozedere gilt im Prinzip sowohl für den Umgang mit familiärer als auch beruflicher Gewalt.
Wie heilen?
Laut Hirigoyen ist meist psychotherapeutische Hilfe für den Heilungsprozess unerlässlich. Gemeinsam mit dem Psychotherapeuten kann das Opfer lernen, die Perversion beim Namen zu nennen. Dafür ist es unerlässlich, dass der Therapeut das Trauma des Hilfesuchenden als etwas Geschehenes anerkennt. Das Ziel der Therapie ist es, dass der Patient wieder Zugang zu seiner Freiheit findet – dafür ist es jedoch notwendig, die Zweideutigkeit zu beseitigen und Unausgesprochenes besprechbar zu machen. Nur so kann sich das Opfer von seinen Schuldgefühlen befreien kann (219ff).
Literatur:
Marie-France HIRIGOYEN: Die Masken der Niedertracht. Seelische Gewalt im Alltag und wie man sich dagegen wehren kann. dtv-Verlag, 7. Auflage, München: 2007.
Gespeichert unter: Beziehung, Grundkonflikte, Kindheit, Psyche, Uncategorized | Schlagworte: Ödipuskonflikt, Begehren, Dreierbeziehungen, Identifikation, negativer Ödipuskonflikt, positiver Ödipuskonflikt, Rivalität, Verdrängung
Ab dem 4. bis 5. Lebensjahr tritt das Kind in eine Entwicklungsphase ein, in der es die relative Sicherheit der Zweierbeziehung verlassen muss und das Wagnis der Dreierbeziehung mit ihren Chancen und/aber auch Risiken und Komplikationen auf sich nehmen muss: Es geht in dieser Phase darum, Konflikte, Rivalität, Spannung, Aggression sowie sonstige unvermeidliche Konsequenzen von Dreierbeziehungen zu ertragen.
Das Kind steht an der Schwelle zur psychischen Reife, verfeinert seine Fähigkeit zum Leben in sozialen Gruppen und festigt seine eigene Geschlechtsidentität. Um diese Phase gut meistern zu können, braucht das Kind ausreichend Selbstvertrauen und seine Angst vor Bestrafung darf ein für das Kind erträgliches Ausmaß nicht überschreiten. Damit all dies gewährleistet ist, bedarf es einer tragfähigen Beziehung zu den Eltern, die von Vertrauen und Konstanz geprägt ist.
Begehren und Angst vor Bestrafung: Rivalität mit den Bezugspersonen.
Das Kind erfährt in dieser Phase, dass es nicht im Mittelpunkt aller Beziehungen steht und gerät so selbst in Rivalität mit seinen Bezugspersonen. Gleichzeitig werden seine Beziehungen mit kindlich-sexuellen Bedürfnissen und Phantasien besetzt, wodurch Konflikte im Kind entstehen: zwischen hetero- und homoerotischen Strebungen, zwischen sexuellem Begehren und Angst vor Strafen, zwischen aggressiver Rivalität und sexueller Zärtlichkeit. Empfindet es einerseits libidinöse Impulse einem Elternteil gegenüber, weiß es andererseits bereits um das Inzesttabu und fürchtet sich daher vor Bestrafung aufgrund seines Begehrens (Kastrationsangst). Diese Angst vor Strafe wird in der Folge in eine Gewissensangst umgewandelt.
Lösung des Ödipuskomplexes durch Verdrängen und Identifikation.
Der Ödipuskonflikt entfaltet sich gegen Ende des 5. Lebensjahres und wird in einen positiven und einen negativen Ödipuskomplex unterteilt – abhängig davon, ob das Begehren des Kindes sich auf den gegengeschlechtlichen (positiver ÖK) oder den gleichgeschlechtlichen (negativ ÖK) Elternteil richtet. Gelöst wird der positive Ödipuskonflikt dadurch, indem das Kind sein Begehren des gegengeschlechtlichen Elternteils verdrängt und ein Bild des gleichgeschlechtlichen Elternteils verinnerlicht. D.h. das Mädchen akzeptiert, dass es den Vater nicht heiraten kann, indem es jedoch so werden will wie seine Mutter, kann es später einen Mann haben wie den Vater (uvv.). Der negative Ödipuskomplex findet seine Auflösung dadurch, indem das Kind den gleichgeschlechtlichen Elternteil zu idealisieren beginnt und sich mit diesem Ideal (als Teil des Überichs) identifiziert.
Literatur:
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Ermann, Michael (2004): Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ein Manual auf psychoanalytischer Grundlage. 4. Auflage, W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart, S. 51f.
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Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 126f.
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Phyllis Tyson und Robert L. Tyson (2001): Lehrbuch der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie. 2. Auflage, Stuttgart, Berlin, Köln: Kohlhammer GmbH, S. 68ff.
Gespeichert unter: Beziehung, Grundkonflikte, Kindheit, Psyche | Schlagworte: Bemutterung, Ich und Du, Identifikation, Individuation, Mutter, Polarisierung, Säugling, Selbstwertgefühl, Symbiose, Urvertrauen, Verfolgungsangst, Verlassenheitsangst, Verschmelzung, Zuwendung
Wenig Kontur und Beständigkeit im Erleben: Es ist „alles eins“
Ganz zu Beginn glaubt das Kind, es sei „alles eins“ – es ist sozusagen verschmolzen mit seiner Mutter: Es ist seine Mutter und seine Mutter ist es. Sein Innenleben hat in dieser Phase noch wenig Kontur und zeichnet sich durch wenig Beständigkeit aus: Es geht dem Baby im Moment „nur gut“ oder „nur schlecht“. Es kann sich weder erinnern, wie es vorher war, noch wie es später sein wird. Es weiß noch nicht um das „Sowohl – als auch“ und kann in dieser Zeit nur schwer zwischen innen und außen unterscheiden.
Urvertrauen durch eine ausreichende Bemutterung
Das Kind hat noch keine Erinnerung an die Mutter oder Pflegeperson und ist darauf angewiesen, dass sie als Person da ist. Damit diese Phase gut gelingen kann, ist eine ausreichende Bemutterung für das Kind sehr wichtig, d.h. dass die Mutter richtig auf die Bedürfnisse des Kindes reagiert und ihm eine beständige positive Zuwendung zukommen lässt. Passiert dies nicht, entwickelt das Kind eine große Verlassenheitsangst. Fühlt es sich jedoch in dieser Phase sicher, so kann es ein Urvertrauen entwickeln, welches wiederum die Basis für das spätere Kontaktverhalten und das Selbstwertgefühl eines Menschen bildet.
Erkennen, dass es Ich und Du gibt
Ab dem 6. Lebensmonat lernt der Säugling, dass er ein von seiner Umgebung getrenntes, „gesondertes“, „besonderes“ Wesen ist. Parallel dazu erkennt er, dass es die Mutter oder eine Pflegeperson gibt, auf die er angewiesen ist, und welche eine von ihm getrennte Person mit eigener Existenz und eigenem Willen ist: Der Säugling sammelt die Erfahrung, dass die Mutter diejenige ist, die den Busen zur Verfügung stellt, wenn er Hunger hat. Aber auch, dass das nicht selbstverständlich ist und er daher lernen muss, die eigenen Bedürfnisse zu regulieren. Wird der Busen verwehrt, vergrößert dies die Angst des Babys, verlassen zu werden. Es reagiert mit Wut und versucht diese Gefühle zu bewältigen, indem es sie auf die Mutter überträgt: Statt die eigene Wut zu erleben, erlebt das Kind die Mutter als feindselig. Es wandelt die Verlassenheitsangst in eine Verfolgungsangst um.
Literatur:
Ermann, Michael (2004): Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ein Manual auf psychoanalytischer Grundlage. 4. Auflage, W. Kohlhammer GmbH: Stuttgart, S. 45-48.
Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 123f.
Gespeichert unter: Beziehung, Kindheit, Neurotische Konfliktverarbeitung, Psyche | Schlagworte: chronisches Affektkorrelat, Dauerstress, Grundkonflikte, Körpersprache, Mentzos, Organmodus, Psychosomatik, psychosomatischer Modus, Regression, Wechselwirkung
Als psychosomatische Symptome werden körperliche Beschwerden (wie Schmerzen), Funktionsstörungen (wie Durchfälle) und Organschädigungen (wie Magengeschwüre) bezeichnet. Sie sind immer Ausdruck einer Anpassungsleistung des Ichs und verfolgen das Ziel, einen inneren Konflikt abzuwehren, indem dieser in eine körperliche Erscheinung umgewandelt wird. Das psychosomatische Symptom stellt somit eine Kompromiss- oder Ersatzlösung des Konflikts dar, welche jedoch meist nicht von Dauer ist. Im Versuch, den psychosomatischen Modus zu verstehen, wurden verschiedene Erklärungsmodelle gefunden:
Ausdruck von Dauerstress:
„Das chronische Affektkorrelat“
Beim chronischen Affektkorrelat werden bestimmte psychische Tendenzen und Bedürfnisse systematisch blockiert und enttäuscht bis sie auf der psychischen Ebene nicht mehr bewusst erlebt werden können. Sie bleiben jedoch in bestimmten Teilen des vegetativen Systems im Körper gespeichert. Es kommt also zu keiner Erregungsentladung, sodass der Mensch sich im Dauerstress befindet. Dadurch kann es langfristig zu Funktionsstörungen und Organschäden kommen: Eine dauerhafte Kampf- und Fluchtbereitschaft führt zu einer sympathischen Reizung und äußert sich z.B. in Form von Bluthochdruck, Migräne, Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose). Eine dauerhafte Rückzugseinstellung wiederum führt zu einer parasympathischen Reizung und bewirkt Beschwerden wie z.B. Ulcus (Geschwür), Durchfall oder Asthma.
Eine frühe, persönliche Körpersprache:
„Der Organmodus“
Von Organmodus spricht man deshalb, weil mit den einzelnen Organsystemen des Oralen, Analen, Genitalen usw. von klein auf übergreifende leibliche Gebärden des sich Öffnens, sich Verschließens, Zupackens, Empfangens, Berührens, Berührtwerdens usw. verbunden werden. Erklärt man ein psychosomatisches Symptom mittels Organmodus, so kommt es zu einer Zurückübersetzung des Psychischen in eine Körpersprache, welche sehr weit in die Entwicklungsgeschichte des Menschen zurückgeht und mit dessen persönlichen Biografie und individuellen Erfahrung zu tun hat. Erlebt beispielsweise ein Kind den Kontakt mit seiner Mutter als traumatisch, so kann es sein, dass der Hautkontakt mit einem Mann später zu Juckreiz, Nesselausschlag oder Neurodermitis führt. Die Organreaktion dient in diesem Fall nicht nur der Abfuhr, sondern ist gleichzeitig Ausdruck des Konflikts.
Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche:
„Das somatopsychisch-psychosomatische Modell“
Während manche Patienten auch nach jahrelanger Dauerirritation keine Organstörung entwickeln, tun andere dies wiederum sehr bald (z.B. Geschwür). Um dies zu erklären, geht man von einer körperlichen Veranlagung sowie kreisförmigen Wechselwirkungsprozessen zwischen Körper und Psyche aus: Ein ursprünglich biologischer Faktor beeinflusst die psychische Entwicklung dahingehend ungünstig, dass durch ihn eine psychosomatische, krankhafte „Lösung“ gewählt wird. Beispiel: Eine konstitutionell vorgegebene hohe Magensäuresekretion kann die psychische Entwicklung zu einer Vorliebe für bestimmte Nahrungsmittel mit beeinflussen und auf diesem Weg die vorhandene Veranlagung zu einem Geschwür noch verstärken.
Rückkehr zur Körpersprache:
„Die regressive Resomatisierung“
Direkte und indirekte Beobachtungen zeigten, dass emotionelle Zustände (Stimmungen, Gefühle, Affekte) sich aus ursprünglich rein körperlichen Befindlichkeiten entwickeln: Zu Beginn unterscheidet der Säugling nur zwischen Lust und Unlust, wobei beide Zustände sehr stark an Körperempfindungen gekoppelt sind. Im Laufe seiner Entwicklung, und im Austausch mit seiner Bezugsperson, entkoppelt das Kind seine Empfindungen zunehmend von seinem Körper und entwickelt davon entfernte, bewusste und differenzierte emotionale Zustände. Die ursprünglich körpernahen und noch nicht bewussten diffusen Zustände, die sich in Form von Lust und Unlust zeigten, werden immer differenzierter: Lust wird unterschieden in Zufriedenheit, Freude, Vertrauen, Glaube, Liebe, Hoffnung und Zärtlichkeit… Unlust wird zu Angst, Depression, Furcht, Scham, Schuld, Ekel, Trauer, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit… Bei Überforderung kann es auch noch im Erwachsenenalter zu einer „regressiven Resomatisierung“ kommen: Es erfolgt ein Rückgängigmachen des oben beschriebenen Entwicklungsprozesses und eine Rückkehr zur „Körpersprache“. Dieser Mechanismus kann vorübergehend auch bei psychisch gesunden Menschen als „psychosomatische Reaktion“ auftreten und ist nicht als Krankheit zu verstehen. Dieser Mechanismus bringt dem Betroffenen den Vorteil, dass die Belastung, der Konflikt und die damit zusammenhängenden unlustvollen emotionalen Zustände auf der psychischen Ebene nicht mehr „existieren“.
Welche Grundkonflikte werden bevorzugt mit Hilfe des psychosomatischen Modus verarbeitet?
Es gibt bisher wenige Kenntnisse über den psychosomatischen Modus; vor allem die Frage „Warum reagiert der eine mit psychischer Erkrankung, warum der andere nicht?“ gibt Rätsel auf. Man weiß bisher, dass Resomatisierungsvorgänge in allen möglichen Belastungs- und Konfliktsituationen auch bei psychisch relativ gesunden Menschen vorkommen können. Bei schweren psychosomatischen Erkrankungen wurde ein Zusammenhang mit folgenden Themen beobachtet:
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Ablösungsproblematik bzw. orale Abhängigkeit (Ulcus/Geschwür),
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Nähe-Distanz-Problematik (Asthma),
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Trennungsproblematik und Autonomie (Colitis/Entzündung des Dickdarms).
Literatur: Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, Kapitel XI, S. 242ff
Gespeichert unter: Beziehung, Kindheit, Neurotische Konfliktverarbeitung, Psyche | Schlagworte: Aggression, Aufmerksamkeit, Beziehung, Hypochondrie, Introjektion, Körpersprache, Konfliktvermeidung, Krisen / Konflikte, Mentzos, Projektion, Selbstbeobachtung, Selbstwert
Übermäßige Sorge um die eigene Gesundheit
Der hypochondrische Patient ist ständig und übermäßig um seine Gesundheit besorgt, beobachtet sich dauernd und neigt dazu, unbedeutende Beschwerden und Störungen zu lebensbedrohlichen Erkrankungen auszubauen, wobei er von der tödlichen Ernsthaftigkeit seiner Erkrankung überzeugt ist. Im extremen Fall kommt es zu wahnhaften Befürchtungen, die nicht durch Gegenargumente korrigiert werden können. Der Betroffene muss die anderen und vor allem sich selbst ständig von der Richtigkeit seiner Sehweise überzeugen.
Selbstbeobachtung als Ablenkungsmanöver vor zwischenmenschlichen Konflikten
Wie andere Konfliktverarbeitungsmodi ist auch die Hypochondrie eine Abwehrreaktion: Der Hypochonder benutzt die intensive und krankhafte Selbstbeobachtung dazu, um konfliktträchtige zwischenmenschliche Situationen zu vermeiden, womit er zugleich die möglichen dadurch entstehenden Angstgefühle verdrängen kann.
Hypochondrie als komplizierte Körpersprache
Bei der Hypochondrie geht es häufig um einen symbolischen Hinweis auf bestimmte Existenzprobleme, auf eine Selbstwert- oder Aggressionsproblematik: Dabei ist Hypochondrie oft eine komplizierte Körpersprache, die eine für den Sender ebenso wie für den Empfänger schwer zu enträtselnde Botschaft enthält.
Das Böse in sich entdecken und auf den Körper auslagern
Der „Feind“ – also das, was der Betroffene nicht sein will – wird im eigenen Körper entdeckt. Der Betroffene identifiziert sich nicht mit seinem Krankheitsbild, sondern überträgt darauf alles, was ihn ängstlich stimmt, was ihm schlimm, aggressiv oder gefährlich erscheint.
Krankheitsgewinn: Vorteile durch Hypochondrie
Mit der Hypochondrie gehen nicht nur Nachteile, sondern auch Vorteile einher: Durch die Krankheit darf der Betroffene Zuwendung einfordern und bekommen; gewisse aggressive Tendenzen können indirekt abführt werden; und die Unannehmlichkeiten direkter Auseinandersetzungen mit Bezugspersonen können vermieden werden.
Literatur: Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 190-195.
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Sich leer und missmutig fühlen
Menschen, die auf psychische Konflikte mit Depression reagieren, sind von ihrer Stimmungslage her am ehesten als „leer“ und missmutig zu beschreiben. Sie neigen dazu, sich selbst Vorwürfe zu machen und fühlen sich häufig minderwertig. Dem Partner gegenüber entwickeln sie ein ängstliches Anklammerungsverhalten. Des Weiteren leiden Betroffene häufig unter Schlafstörungen, Appetitlosigkeit und anderen körperlichen Erscheinungen, die beispielsweise die Atmung oder Verdauung betreffen können. Depressive Menschen zeigen häufig unterschwellig oder offen Tendenzen zum Selbstmord.
Depression als krankhafte Ausprägung der Trauer
Bei Trauer und Depression kommt es zu ähnlichen Vorgängen: Es kommt zu einer Ich-Hemmung, einer Ich-Einschränkung, zum Absinken der Aktivität sowie der Leistung, und zum Rückzug von der Welt. Trauer und Depression unterscheiden sich jedoch in einer Hinsicht sehr wesentlich: Während die Trauer ein gesunder Mechanismus ist, um Verluste verarbeiten zu können, stellt die Depression eine krankhafte Abart der Trauerreaktion dar und wird zu einer verfehlten oder sogar schädlichen Reaktion, indem sie eben dort auftaucht, wo sie eigentlich nicht mehr notwendig ist. Sie nimmt überdimensionale Ausmaße an und trägt zur Bildung sinnloser, leidvoller Teufelskreise bei.
1. Teufelskreis: Verlust der Selbstachtung bedingt Verlust der Selbstachtung bedingt…
Der Kern des depressiven Syndroms bildet das Herabsetzen der Selbstachtung: Je mehr die Selbstachtung sinkt, umso mehr verstärken sich die für ein depressives Syndrom typischen Reaktionen und Mechanismen: extreme Teilnahmslosigkeit, Gefühllosigkeit, ausgeprägter Mattigkeit, Konzentrationsschwierigkeit, Antriebsarmut. Umso stärker diese Reaktionen und Mechanismen werden, umso weiter sinkt das Selbstwertgefühl…
2. Teufelskreis: Wut bedingt Selbstbestrafung bedingt Wut bedingt…
Dieser Teufelskreis geht von massiven aggressiven Phantasien aus, die jedoch nicht in die Tat umgesetzt werden, sondern autoaggressiv abgewehrt werden müssen: Dadurch kann es beim Betroffenen zu Selbstvorwürfen, Anschuldigungen, Selbstanklage, Nahrungsverweigerung, Selbstverstümmelung, Selbstmordgedanken, schließlich Selbstmord kommen. Je größer die Selbstbestrafung ist, desto intensiver wird die daraufhin entstehende Wut und desto massiver werden die Aggressionsphantasien. Diese müssen wieder durch Selbstbestrafung abgewehrt werden…
3. Teufelskreis: Der Verlust einer wichtigen Bezugsperson bewirkt Wut auf sich selbst und auf die verlorene Bezugsperson…
Wenn jemand eine wichtige Bezugsperson verliert, so kann auch dies der Anlass zur Entwicklung einer Depression sein: Verinnerlicht der Betroffene die verlorene Person daraufhin sehr stark, muss dies nicht immer zu einer Erleichterung und Lösung führen, sondern dieser Vorgang kann auch das Gegenteil bewirken: Die Schwierigkeiten entstehen dadurch, dass die verlorene Person mit geliebten und gehassten Teilen besetzt war. Es beginnt ein Teufelskreis, bei dem der Betroffene nicht nur sich selbst Selbstvorwürfe macht, sondern die Wut auch dem verinnerlichten bösen Anteil der verlorenen Person gilt. Dies führt wieder zu Selbstvorwürfen und zu Wut auf die verlorene Bezugsperson…
Depression durch Verlust von Liebe, Anerkennung und Aufwertung über den Anderen
Viele depressive Zustände beginnen nach einem tatsächlichen oder symbolischen Verlust einer wichtigen Bezugsperson und/oder einer Traumatisierung oder Kränkung. Andere Personen übernehmen für Depressive häufig die Funktion, Liebe, Anerkennung und Aufwertung zu bieten bzw. finden Betroffenen die entsprechenden Aspekte in einer Beziehung. Aus diesem Grund sind Depressive von äußeren Bezugspersonen extrem abhängig und reagieren auf Kränkungen extrem intensiv.
Hohe Maßstäbe an sich selbst haben
Depressive sind sich selbst gegenüber sehr streng und unnachgiebig; sie überfordern sich häufig mit überhöhten Ansprüchen und Maßstäben.
Der Ursprung: Die Angst, die Liebe der Eltern zu verlieren
Der Depressive hat als kleines Kind große Angst gehabt, die Liebe der Eltern zu verlieren und musste sich deshalb streng nach deren Verboten und Geboten richten, um geliebt zu werden: Er musste sich selbst große Leistungen abverlangen, um den eventuellen oder tatsächlichen Liebesverlust auszugleichen. Beides ist erforderlich für die Aufrechterhaltung des Selbstwertgefühls.
Literatur: Mentzos, Stavros (2005): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer: Frankfurt am Main, S. 182ff.
Gespeichert unter: Beziehung, Forschung, Krisenbewältigung, Psyche, Uncategorized | Schlagworte: Bewältigung, Bewältigungsverhalten, Gesundheit / Krankheit, Lebenskrise, Margit Dross, Neukonsolidierung, Phasen der Krisenbewältigung, Reaktion, Realisierung, Selbstwert, Trennung
Interviews mit 20 Frauen: Wie bleibt man trotz einer Lebenskrise gesund?
In einem Psychotherapeutischen Zentrum wurden Interviews mit 20 Frauen im Alter von 35 bis 50 Jahren durchgeführt, welche eine Lebenskrise oder Trennung überstanden haben. Ausgehend von Antonovsky standen folgende Forschungsfragen im Vordergrund:
- Welche Begründungszusammenhänge entwickeln Personen, die ein Lebensereignis für sich als kritisch und bedrohlich empfunden haben, dafür, dass sie trotz erfahrener Gefährdung gesund geblieben sind?
- Woran machen sie die sich selbst zugesprochene seelische Gesundheit fest?
- Lassen sich aus alltäglichem Wissen um seelische Gesundheit Sichtweisen ableiten, die mit vorliegenden Definitionen seelischer Gesundheit verglichen werden können?
4 Phasen der Krisenbewältigung: Emotionale Reaktion – allmähliche Realisierung – Bewältigung und Wiederherstellung des Selbstwerts – Neukonsolidierung.
Die Interviews ergaben, dass bei einer Krisenbewältigung vier Phasen unterschieden werden können (121-123): Die erste Phase ist gekennzeichnet durch eine emotionale Reaktion und endet häufig in einem Erschöpfungszustand. Darauf folgt die zweite Phase, in welcher eine allmähliche Realisierung erfolgt: In dieser Zeit werden alltägliche Gewohnheiten, Automatismen, Routinen als hilfreich erlebt. Die Betroffene sucht die Ablenkung und Zuwendung zu anderen Inhalten. In der dritten Phase erfolgen die instrumentelle Bewältigung der Krise sowie die Wiederherstellung des Selbstwertgefühls: Man erkennt diese Phase daran, dass Betroffene es in Angriff nehmen, umzuziehen oder die Wohnung neu einzurichten; sie klären finanzielle Fragen, entwickeln einen neuen Tagesablauf, regeln die Kinderversorgung, setzen sich aber auch mit der Vorgeschichte auseinandersetzen und leisten Trauerarbeit. Das Ziel dieser Phase ist die Wiederherstellung des Selbstwertgefühls. Betroffene setzten sich dafür mit den Ursachen des Scheiterns auseinander, ziehen Schlüsse für die Zukunft, wachsen an der Erfahrung, auch allein zu Recht zu kommen und meldeten zurück, dass es ihnen half, von den Kindern gebraucht zu werden.Als letzte Phase der Krisenbewältigung erfolgt der Schritt, sich etwas Neues vorzunehmen; dies ist eine Zeit der „Neukonsolidierung“.
Finanzielle Sicherheit erleichtert die Krisenbewältigung
Nachvollziehbarer Weise erleichtert es die Krisenbewältigung, wenn Betroffene über ein gesichertes Einkommen und eine befriedigende Wohnsituation verfügen und nicht ökonomische Unsicherheiten noch erschwerend hinzukommen (123).
Akzeptieren motiviert ein Bewältigungsverhalten
Unterscheidungen konnten auch im Umgang mit psychischer Gefährdung getroffen werden, wobei das Akzeptieren einer Grenzsituation und die Furcht, sie könnte chronisch werden und nicht mehr aufhören, dazu aktivieren und motivieren, ein Bewältigungsverhalten zu entwickeln (124).
Techniken im Umgang mit psychischen Belastungen
Folgende Techniken des Umgangs mit psychischen Belastungssituationen und negativen Emotionen wurden unterschieden (124):
- Abschalten, Ablenken, Verdrängen, sich beruhigen
- sich zeitweilig (allein und mit anderen) dem Problem und schlechten Gefühl bewusst aussetzen,
- sich daran erinnern, wie es einem besser ging; wie man früher Probleme gemeistert hat; andere Probleme gemeistert haben; es sein wird, wenn das Problem gemeistert sein wird,
- sich keine Selbstvorwürfe machen,
- sich verwöhnen bzw. sich etwas Gutes tun.
Literatur:
Dross, Margret, Warum bin ich trotz allem gesundgeblieben? Subjektive Theorien von Gesundheit am Beispiel von psychisch gesunden Frauen, in: Flick, Uwe (Hrsg.), Wann fühlen wir uns gesund? Subjektive Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit, Weinheim, München 1998 : Juventa Verlag, S. 119-128
und
in: Flick, Uwe (Hrsg.), Alltagswissen über Gesundheit und Krankheit. Subjektive Theorien und soziale Repräsentation, Heidelberg 1991 : Roland Asanger Verlag, S. 59-69